14.10.2007 | Euro am Sonntag Archivbericht | Ausgabe 41/07

Russlands Rockefeller und die Österreicher

Am 19. Oktober kommt der Baukonzern Strabag an die Wiener Börse. Die Fäden im Hintergrund zieht der russische Oligarch Oleg Deripaska.
Marko T. Hinz

Irgendwie muss auch ein russischer Multimilliardär mal erklären, woher er so viel Geld hat. Zum Beispiel für seinen 30-Prozent-Anteil am österreichischen Baukonzern Strabag, eines der kleineren Investments: "Als Broker an der Moskauer Börse zu Zeiten mit 1000 Prozent Inflation und guten Beziehungen zu Banken, die mir Kredite in Rubel gaben, habe ich viel Geld verdient." So erzählt es Oleg Wladimirowitsch Deripaska.

Die Gegner des russischen Oligarchen haben eine andere Version. Das Cleverle aus der Region Nischni Nowgorod habe beim Kampf um die Vorherrschaft im Aluminiumgeschäft eine Blutspur hinterlassen. Bei Auseinandersetzungen rivalisierender Mafia-Clans wären 100 Mafiosi, Manager und Banker ermordet worden, heißt es in Medienberichten. Deripaska soll bei Themen dieser Art schnell ausrasten, brülle dann plötzlich los, wird ein ehemaliger Mitarbeiter zitiert.

Eine Beteiligung am Aluminiumkrieg wurde dem Russen bislang nicht nachgewiesen. Allerdings beginnt in Stuttgart in Kürze ein Mafia-Prozess, zu dessen Angeklagten Deripaska Verbindungen unterhalten haben soll. Strabag-Vorstandsvorsitzender Hans Peter Haselsteiner hält ihn jedenfalls für "einen angenehmen Gesprächspartner".

Wenn das so ist, wäre das ein echter Vorteil, nicht zuletzt angesichts des bevorstehenden Listings an der Wiener Börse. Seit dem Frühjahr ist Deripaska Großaktionär bei der Strabag SE (eine europäische Aktiengesellschaft). Zum Baukonzern, einem der größten in Europa, gehören die deutsche Strabag AG, die Dywidag, Züblin sowie Heilit+Woerner. Mit 60000 Mitarbeitern wurde im laufenden Geschäftsjahr ein Umsatz von elf Milliarden Euro erwirtschaftet, im Vorjahr waren es 9,4 Milliarden gewesen. Die Strabag baut grundsätzlich alles, gilt als Spezialist für Tunnel, Industrie- und Straßenbau.

Über den Einstieg des Russen sagte Haselsteiner im Frühjahr: "Deripaska ist ein strategischer Partner, dem die Strabag nicht egal ist, der mit ihr bestimmte Ziele verfolgt." Die Ziele sind klar: Strabag ist ein gut gehendes Unternehmen mit ausgeprägten Aktivitäten in Mittel- und Osteuropa. Der erste Versuch, Anleger auf dem Parkett zu gewinnen, wurde aber - wohl auf Deripaskas Druck hin - Ende April abgeblasen.

Der zweite Versuch startet nun kommende Woche in Wien. Er scheint erfolgreich zu werden. Wegen der großen Nachfrage wurde die Zeichnungsfrist vorzeitig beendet. "Die Strabag ist durch ihr Russland-Geschäft gut aufgestellt. Bauunternehmen mit Aufträgen in Mittel- und Osteuropa haben derzeit einen echten strategischen Vorteil, da die Branche dort wächst", sagt Jochen Intelmann, Chefvolkswirt und Wertpapieranalyst bei der Hamburger Sparkasse. "Einen besonderen Schub wird die Strabag durch ihren Aktionär Oleg Deripaska bekommen, der ja bereits in der zukünftigen Olympiastadt Sotschi engagiert ist."

Bei Sotschi wird es nicht bleiben: Kürzlich hatte der russische Handels- und Entwicklungsminister German Gref angekündigt, dass der Staat in den Ausbau der Infrastruktur bis zum Jahr 2020 eine Billion US-Dollar investieren will.

Wer ist dieser Deripaska, der bald mehr Aktien besitzt als die Gründerfamilie um den Vorstandsvorsitzenden Haselsteiner? In einem seiner wenigen Interviews sagte der Russe einmal über sich: "Wir sind Kosaken. Wir sind immer bereit, in den Krieg zu ziehen." Manche halten ihn für den John D. Rockefeller Russlands, den legendären US-Ölbaron und reichsten Amerikaner, der je gelebt hat. Beide stammen aus armen Verhältnissen, für beide war Armut die große Triebfeder, Reichtum anzuhäufen. Beide kaufen Konkurrenzunternehmen auf und legen sie zusammen. Und beide vereint die notwendige Kaltschnäuzigkeit.

Das Vermögen des 39 Jahre alten Russen schätzt die Zeitschrift "Finans" auf 21,2 Milliarden Dollar (16 Milliarden Euro). Damit läge er erstmals vor seinem früheren Geschäftspartner Roman Abramowitsch. Dieser führt allerdings noch die Rangliste der russischen Ausgabe von "Forbes" an. Zu Deripaskas Portfolio gehören der Flugzeughersteller Aviacor, der Autozulieferer Magna, die Gorkier Automobilfabrik GAZ (Wolga-Pkw, Kamas-Lkw), diverse Energieversorger, ein Anteil am führenden Versicherungsunternehmen Ingosstrach, der landesweit wichtigste Pressevertrieb Rospetschat sowie große Bauxitvorkommen.

Seine Beteiligungen bündelt Derispaska in der Holding Basowy Element (BasEl), deren Aufsichtsratsvorsitz er 2001 übernahm. Seit Mai 2007 hält das Konglomerat 9,99 Prozent am deutschen Bauriesen Hochtief. Der Aluminiumkönig will weitere 25 Prozent an dem Konzern haben - auf gerichtlichem Weg. Er klagt gegen die Custodia Holding des Bankiers August von Finck jr. Sie hatte im März dem spanischen Bauunternehmen ACS den Zuschlag erteilt. Entgegen mündlicher Absprachen mit ihm, sagt Deripaska.

Unterdessen ist die BasEl-Holding des Milliardärs in der Schwarzmeerstadt Sotschi aktiv, die 2014 die Olympischen Winterspiele ausrichtet. Die Holding plant und errichtet Hotels, ein Einkaufszentrum, Luxusapartments, einen Yachthafen, ein Messezentrum. Insgesamt will man bis zu fünf Milliarden Euro investieren. Da helfen die guten Beziehungen zu Russlands Präsident Wladimir Putin, mit dem Deripaska angeblich regelmäßig Ski fährt.

Der Oligarch baut in Sotschi auch einen Flughafen, der im Frühjahr 2008 eröffnet werden soll. Besondere Gäste dürfen schon jetzt landen. Dazu gehört natürlich der Learjet von Geschäftspartner Hans Peter Haselsteiner. Dessen Strabag hofft - dank der neuen Sotschi-Connection - auf Bauvorhaben im Wert von bis zu 1,4 Milliarden Dollar, zum Beispiel eine Autobahn rund um die Olympiastadt, eine Bergstraße und eine Bahnverbindung zwischen Sotschi und dem 45 Kilometer entfernten Skiort Krasnaja Poljana.

Die Rohstoffe für den Olympia-Bauboom haben sich Haselsteiner und Deripaska schon gesichert. Sie legen der Tageszeitung "Die Presse" zufolge ihre Zementfabriken zusammen und bauen für 200 Millionen US-Dollar eine neue, knapp 100 Kilometer von Sotschi entfernt. Im 1500 Kilometer entfernten Moskau kostet Zement übrigens jetzt schon doppelt so viel wie in Österreich.

Bilfinger Berger - Die bessere Wahl


Bis zu 28,2 Millionen Aktien bietet die österreichische Strabag-Gruppe an. Das Papier wurde trotz einer als teuer erachteten Preisspanne von 42 bis 48 Euro so rege nachgefragt, dass die eigentlich bis 16. Oktober geplante Zeichnungsfrist schon am Freitag beendet wurde. Österreichische Privatanleger konnten sich maximal 250 Aktien pro Person zuteilen lassen. Das Unternehmen rechnet mit einem Erlös von 1,35 Milliarden Euro. Dies ist in diesem Jahr der größte Börsengang (IPO) in Wien und der fünftgrößte in Europa. Das Wertpapier wird bereits mit dem zweiten Handelstag (voraussichtlich der 19. Oktober) im Leitindex ATX notieren.
Nach dem IPO an der Wiener Börse sieht die Aktionärsstruktur wahrscheinlich so aus: Die Familie Haselsteiner hält 25 Prozent minus drei Aktien, die Raiffeisengruppe Niederösterreich 12,5 Prozent plus eine Aktie, Uniqa Versicherungsgruppe 12,5 Prozent, Rasperia-Holding (von Oleg Deripaska) 25 Prozent plus eine Aktie. 25 Prozent und eine Aktie sollen in Streubesitz gelangen. Der Preis der Aktie wird im Rahmen des Bookbuilding-Verfahrens ermittelt und am Donnerstag veröffentlicht.
Neben Deutschland mit 38 Prozent Bauleistung und Österreich mit 20 Prozent gehört Osteuropa mit zusammen 29 Prozent zu den wichtigsten Strabag-Märkten. Die Zahl der Mitarbeiter in Russland (1700) will die Firma in den nächsten Jahren verzehnfachen.
Hochtief zählt zu den fünf größten Bauunternehmen der Welt. 2006 wurden 80 Prozent des Umsatzes außerhalb Deutschlands erwirtschaftet. Die Aktie ist gemessen am Gewinnwachstum schon extrem hoch bewertet. Investierte Anleger ziehen einen engen Stopp-Kurs, um Gewinne abzusichern. Für Neueinsteiger ist die Aktie nichts.
Tendenz: gleichbleibend
@ www.finanzen.net/go/hochtief
Die Mannheimer zählen zu den führenden Tunnelbauspezialisten im In- und Ausland, 25 Prozent der Bauleistung wird in Deutschland erstellt. Das erwartete Gewinnwachstum ist zwar nicht ganz so stark wie bei Hochtief, dafür ist die Aktie deutlich günstiger bewertet. Zudem hat sie charttechnisch Nachholpotenzial. Die bessere
Tendenz: steigend
@ www.finanzen.net/go/bilfinger
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Oskar

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