04.05.2008 | Euro am Sonntag Archivbericht | Ausgabe 18/08

Die Solar-Lüge

Sie ist kein Jobwunder, kein Exportschlager und nicht mal ökologisch wertvoll: Die deutsche Solarindustrie ist einfach nur ein schwarzes Loch für den Steuerzahler.

von G. Heismann und J. Spiering

Schneestürme im Winter? Nebel im Frühling? Regenwolken im Sommer? Alles Einbildung – in Wahrheit ist Deutschland das reinste Sonnenparadies. Nirgends auf der Welt wird so viel Strom aus Sonnenenergie erzeugt wie hierzulande. Allein 2007 schraubten die Deutschen Solaranlagen mit einer Spitzenleistung von 1300 Megawatt auf ihre Dächer – das entspricht der Kapazität eines großen Atommeilers. „In den letzten Jahren ist bei uns jeweils knapp die Hälfte der Weltproduktion gelandet“, sagt Anne Kreutzmann, Chefredakteurin des Fachmagazins „Photon“. Es war der Bundestag, der Deutschland in die Tropen verlegt hat.

Im Jahr 2000 trat das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) in Kraft, das für die Solarenergie beispiellose Subventionen vorsieht: Hauseigentümer können den Strom vom Dach unbegrenzt ins Netz einspeisen – und bekommen dafür knapp 47 Cent pro Kilowattstunde. Das ist rund zehnmal so viel wie Strom aus Kohle-, Öl- oder Gaskraftwerken kostet. So großzügig wird die Photovoltaik weltweit nur in einem anderen Land gefördert – in Spanien, wo tatsächlich die meiste Zeit die Sonne scheint.

Am Montag berät der Bundestagsausschuss für Umwelt über eine Novellierung des EEG, wonach die Subventionen in den kommenden Jahren stärker sinken sollen als bisher vorgesehen. Kritikern gehen die geplanten Kürzungen längst nicht weit genug. Den Stromkunden droht in den kommenden Jahrzehnten eine zusätzliche Belastung von 100 Milliarden Euro und mehr – wenn die Förderung nicht eingeschränkt wird und die Installation neuer Solaranlagen im gleichen Tempo wie bisher zunimmt. Bis 2010 könnte die Leistung der installierten Solaranlagen in Deutschland von 4000 auf 17.000 Megawatt steigen, prognostiziert die Beratungsfirma Photon International aus Boston.

Das Fatale: Die massive Förderung hat praktisch keines der angepeilten Ziele erreicht. Deutschland ist nicht Weltmarktführer in der Solartechnologie geworden, sondern fällt immer weiter hinter die Konkurrenten zurück. Statt eine neue Export­industrie aufzubauen, sind die Deutschen Nettoimporteure. Die Subventionen nutzen vor allem den Herstellern aus Asien, die ihre Produktion größtenteils in der Bundesrepublik absetzen.

Trotz der massiven Förderung hat die Photovoltaik erst einen winzig kleinen Anteil an der gesamten Stromerzeugung. Schon in wenigen Jahren werden die Kosten des Solarstroms allerdings so weit sinken, dass die Industrie nicht mehr auf Subventionen angewiesen ist. „Die Einspeisevergütungen müssen daher um 30 Prozent gekürzt werden, und zwar noch dieses Jahr“, fordert Manuel Frondel, Energieexperte beim Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung RWI in Essen.

Der Geldregen, der sich heute über die Solarwirtschaft ergießt, nutzt vor allem den Herstellern. Die deutschen Solarunternehmen fahren mittlerweile enorme Profite ein: Ersol erzielte 2007 eine Rendite vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von 20 Prozent. Bei Q-Cells betrug sie knapp 26 Prozent. Solarworld kam sogar auf 36 Prozent – mehr als ein Drittel des Umsatzes blieb als Gewinn in der Kasse.

Bei solch enormen Gewinnmargen müssten die Unternehmen die Investitionen am Standort Deutschland eigentlich kräftig hochfahren. Doch das trifft nur zum Teil zu. Die Solarhersteller bauen zwar ihre Kapazitäten kräftig aus – doch nicht allein in Deutschland, sondern vor allem in Asien. Länder wie Malaysia und Singapur bieten Solarfirmen, die sich dort ansiedeln, großzügige Steuervergünstigungen. Obendrein sind die Arbeitskosten meist deutlich niedriger als hierzulande.

So errichtet Q-Cells seine nächste Produktionslinie in Malaysia anstatt im heimischen Sachsen-Anhalt. Der norwegische Solarkonzern REC, an dem Q-Cells eine wesentliche Beteiligung hält, baut gegenwärtig in Singapur die größte Solarfabrik der Welt – mit einer jährlichen Produktionskapazität von 1500 Megawatt. In dem Komplex sind alle Stufen der Wertschöpfung vereinigt, von der Silizium- über die Waferherstellung bis zur Fertigung von Modulen.

Verkauft wird die Produktion aus der neuen Riesenfabrik voraussichtlich vor allem auf dem deutschen Markt, wo ausländische Solarmodule ebenso freigiebig gefördert werden wie einheimische. Die wahnwitzigen Solarsubventionen haben im Fernen Osten eine blühende Industrie geschaffen, die vor allem für den Export produziert. Längst haben die asiatischen Hersteller ihre deutschen Konkurrenten überholt.

Das belegt ein Ranking der weltweit zehn größten Hersteller von Solarmodulen, das die Beratungsfirma Photon Consulting zusammengestellt hat. Angeführt wird die Liste von dem chinesischen Unternehmen Suntech und der japanischen Sharp – mit deutlichem Abstand vor den Mitbewerbern. Fünf weitere Solarfirmen aus Asien haben es unter die Top Ten geschafft. Die Deutschen landen hingegen abgeschlagen: Solarworld liegt auf Rang sieben. Solon bildet das Schlusslicht – hinter der indischen BP Solar.

Noch ärgerlicher ist der Rückstand der Deutschen in einer besonders zukunftsträchtigen Solartechnologie – dem Dünnschichtverfahren. Dabei wird das Silizium hauchdünn auf Stahl, Glas oder Keramik aufgetragen; dies erlaubt, das teure Material sparsam zu verwenden und die Kosten kräftig zu senken. Bei dieser innovativen Technologie punkten vor allem Amerikaner und Asiaten – wie ein weiteres Ranking von Photon Consulting deutlich zeigt.

Der weitaus größte Hersteller von Solarmodulen in Dünnschichttechnologie ist das amerikanische Unternehmen First Solar, gefolgt von einem weiteren US-Hersteller. Einziger deutscher Vertreter unter den Top Ten ist Würth Solar auf Platz 6. Das Unternehmen erreichte 2007 bei Dünnschichtmodulen gerade mal zehn Prozent des Umsatzes, den Weltmarktführer First Solar erzielte. Selbst Taiwan und Thailand, die bislang nicht zu den Solarpionieren gerechnet wurden, sind in der innovativen Technologie annähernd genauso weit wie die Deutschen.

Besonders unangenehm fällt auf, dass sich vor allem führende deutsche Firmen wie Ersol, Solon oder Solarworld nur zögerlich mit diesem Thema befassen. Dafür machen Kritiker ausgerechnet die großzügige Förderung verantwortlich, die keine Anreize schafft, in das Dünnschichtverfahren zu investieren. „Warum sollen die Unternehmen neue Technologien einführen, wenn sie mit den alten bestens verdienen können?“, fragt RWI-Forscher Frondel. Nationalökonom Holger Bonus nannte ein solches Verhalten einmal „Schweigekartell der Oberingenieure“.

Verhältnismäßig gut vertreten sind die Deutschen noch bei Solarzellen, den Vorprodukten für einbaufertige Module. Gern lässt sich Q-Cells als globaler Marktführer feiern. Tatsächlich aber kamen die deutschen Hersteller 2007 weltweit nur auf einen Marktanteil von 20,5 Prozent. Damit lag die Bundesrepublik hinter Japan und dem klaren Weltmarktführer China (28,1 Prozent Marktanteil). Indien, Taiwan und andere Länder aus Fernost eingerechnet, kommen heute zwei Drittel der weltweit hergestellten Solarzellen aus Asien.

Die Asiaten setzen jedoch nur einen Bruchteil ihrer Produktion im eigenen Land ab. China hat 2007 Solarzellen mit 1200 Megawatt Leistung produziert. Nur 36 Megawatt davon wurden im Inland verbaut – gerade einmal drei Prozent der produzierten Menge. „Es gibt kaum einen chinesischen Markt. Wir hängen von euch ab“, gibt Suntech-Chef Zhengrong Shi freimütig zu. Auch Japan und Taiwan verkaufen ihre Solarprodukte mangels einheimischer Förderung vor allem hierzulande. In Deutschland aber ist es genau umgekehrt wie in Ostasien – die Importe sind erheblich höher als die Exporte. Voriges Jahr wurden Solaranlagen mit einer Kapazität von rund 1300 Megawatt montiert. Produziert haben die deutschen Hersteller aber nur Module mit 684 Megawatt. Eines der wichtigsten Ziele der Solarförderung wurde mithin komplett verfehlt: der Aufbau einer international wettbewerbsfähigen Industrie, die die deutsche Exportbilanz verschönert. „Die Solarförderung hat im Ausland ähnlich viele Arbeitsplätze geschaffen wie in Deutschland“, stellt RWI-Forscher Frondel fest.

Ein nüchterner Blick zeigt: Die Photovoltaik ist keineswegs die Jobmaschine, wie Solarlobbyisten gern behaupten. Laut dem Bundesverband Solarwirtschaft (BSW) haben Ende 2007 in Deutschland nur 42.600 Menschen in der Solarwirtschaft gearbeitet. Allein 20.000 Mitarbeiter melden die Handwerksbetriebe, die Solaranlagen installieren. Weitere knapp 20.000 beschäftigte die Industrie, 2800 der Handel.

Selbst diese magere Bilanz wird von Insidern angezweifelt. So entfallen im Elektrohandwerk vermutlich nur 7000 bis 8000 Vollzeitstellen auf die Montage von Solaranlagen – also nur gut ein Drittel dessen, was der BSW angibt. Stolz berichtet der Verband, dass die deutsche Solarwirtschaft voriges Jahr 12.000 neue Jobs geschaffen habe. Zum Vergleich: Im deutschen Maschinen- und Anlagenbau waren es rund 50.000.

Obendrein kommen die Jobs in der Solarwirtschaft die Gesellschaft teuer zu stehen. Das Forschungsinstitut RWI macht eine erschreckende Rechnung auf: Jeder Arbeitsplatz hat schätzungsweise 205.000 Euro an Subventionen ver­schlungen. Das ist nahezu dreimal so viel wie im Steinkohlebergbau.

Anders aber als im Bergbau werden die Subventionen in der Photovoltaik nicht vom Staat getragen. Aufkommen müssen dafür die Verbraucher, die die Zuschüsse mit der Strom­rechnung bezahlen. Für jede Kilowattstunde Sonnenstrom entrichten die Konsumenten 35 bis 40 Cent – etwa fünf- bis sechsmal so viel, wie konventioneller Strom kostet. Obendrein werden die Einspeisevergütungen über 20 Jahre gewährt. Allein für die Solaranlagen, die bis Ende 2007 installiert waren, müssen die Stromverbraucher in den kommenden Jahren brutto 29 Milliarden Euro zahlen, hat das RWI errechnet. Läuft die Förderung bis 2010 wie vorgesehen weiter, klettern die Solarschulden, die bis 2030 abzustottern sind, auf 41 Milliarden Euro, warnen Experten des RWI.

Mit den enormen Zuschüssen wurde obendrein sehr wenig für den Klimaschutz erreicht: Die Photovoltaik kommt derzeit auf einen Anteil an der gesamten deutschen Stromerzeugung von mageren 0,6 Prozent. Entsprechend gering ist der Beitrag zur Reduktion von Kohlendioxid. Andere erneuerbare Energien wie die Windkraft, die weit weniger Fördermittel erhalten, liefern bereits rund 14 Prozent des Stroms, der in Deutschland verbraucht wird.

Es ist wie so oft im Leben: Zu viel Geld schadet mehr, als es nützt. „Die Branche läuft aufgrund einer Überförderung Gefahr, zu überhitzen“, warnt Analyst Stephan Droxner von der Landesbank Baden-Württemberg. „Es gibt aufgrund zu vieler Neueinsteiger eine Tendenz zur Fragmentierung der Solarindustrie. Diese verlangsamt existenziell wichtige Kosteneinsparungen.“ Genau besehen, brauchen die Solarfirmen schon bald keine Förderung mehr, um gewinnträchtig arbeiten zu können. Eine Faustregel der Branche lautet: Bei jeder Verdoppelung des Produktionsvolumens sinken die Stückkosten um zwölf bis 15 Prozent. Bei dem heftigen Wachstum ist denn auch bald der Punkt erreicht, wo Sonnenstrom so billig wird wie konventioneller.

Eine Untersuchung von Photon Consulting besagt: Solarstrom kann 2010 in Spanien für zehn Cent pro Kilowattstunde produziert werden, in Kalifornien für elf Cent und in Süddeutschland für 15 Cent. „Die Preise für Solarstrom haben sich im Jahr 2004 von den Kosten abgekoppelt“, stellt Photon-Chef Michael Rogol fest. „Weil die Nachfrage weitaus größer ist als das Angebot, werden Kostensenkungen nicht mehr automatisch an die Kunden weitergegeben. Diese Situation dürfte noch mehrere Jahre so bleiben.“

Schuld an den Verzerrungen des Markts hat vor allem der Gesetzgeber. Zwar geht auch das EEG davon aus, dass die Herstellungskosten für Solarmodule stetig sinken. Bereits in der geltenden Fassung des Gesetzes ist daher vorgesehen, die Einspeisevergütung um fünf Prozent pro Jahr zu senken. Doch die Kosteneinsparungen, die die Industrie erzielt, sind mindestens doppelt so hoch. Daher soll die Degression ab 2009 auf etwa acht Prozent erhöht werden. Das aber ist längst nicht genug, um die überhöhten Profite einzudämmen, die die Hersteller seit geraumer Zeit erzielen. Im Einklang mit anderen Experten fordert RWI-Forscher Frondel daher, die Einspeisevergütung zusätzlich um 30 Prozent zu senken. Das würde die Hersteller zwingen, ihre Preise ebenfalls herabzusetzen, wenn sie im Geschäft bleiben wollen. Frondel hat errechnet, damit die Nachfrage unverändert hoch bleibt, müssten die Preissenkungen im Schnitt 26 Prozent betragen.

Die deutschen Energiepolitiker müssen sich entscheiden: die Förderung radikal kappen oder einen Deckel für die Zahl der subventionierten Solaranlagen einführen, etwa auf dem Niveau von 2007. „Hoher Zubau und hohe Vergütung – das funktioniert nicht, jedenfalls nicht mehr lange“, resümiert „Photon“-Chefredakteurin Kreutzmann. „Die Industrie muss die Preise senken, wenn sie einen Deckel auf dem deutschen Förderprogramm verhindern will. Mehr noch: Sie sollte klugerweise von sich aus eine deutlich schnellere Absenkung der Vergütung anbieten.“

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Oskar

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