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23.02.2003 | Euro am Sonntag Archivbericht | Ausgabe 08/03

Rauballs Talk-Show

Eurogas. Öl und Gas wollte er fördern, geblieben sind Blut, Schweiß, Tränen – und eine Talk-Mine in der Slowakei. Mit dem Gestein will Eurogas-Chef Wolfgang
Jens Castner

Nein, Eurogas ist nicht am Neuen Markt, auch wenn der Kursverlauf dem des Nemax ähnelt: Start im Frühjahr 1997, kometenhafter Aufstieg, Kursexplosion und dann das lange Abrutschen in die Bedeutungslosigkeit. Auch an Skandalen ist kein Mangel. Aber während der Neue Markt mit dem 24. März 2003 bereits sein Todesdatum kennt, soll Eurogas zu neuem Leben erwachen. Zumindest, wenn es nach Vorstands-Chef Wolfgang Rauball geht. Selten hatte die Handelseinführung eines Mini-Unternehmens so viel Medienrummel verursacht wie die von Eurogas. In weniger als drei Monaten schoss das Papier von vier auf über elf Euro. Investoren, die sich schon vor der Handelseinführung in Deutschland im US-Telefonhandel eingedeckt hatten, verdienten noch mehr. Doch die Freude währte nicht lange: Nachdem ein Vertrag mit Texaco über Methangas-Förderung in Polen geplatzt war, kochten erste Gerüchte hoch. Auch bei einem Ölgebiet in Kanada kam es zu Problemen: Wassereinbrüche und der damals niedrige Ölpreis verhinderten eine profitable Ausbeutung des Areals in British Columbia. Das Vertrauen der Börsianer war überstrapaziert. Die bereits begonnene Talfahrt beschleunigte sich 1999: Ein TV-Magazin wollte aufgedeckt haben, dass die Konzessionen zur Gasförderung in Polen, in denen seinerzeit die Hauptphantasie steckte, gar nicht existierten. Wolfgang Rauball, damals noch als Berater für die Firma tätig, brachten diese Vorwürfe ein Verfahren wegen Anlagebetrugs ein. Sein Bruder Reinhard, der sich als Präsident von Borussia Dortmund und in Prozessen um Prominente wie Katrin Krabbe oder Graciano Rocchigiani den Titel Star-Anwalt erworben hatte, musste wegen seiner Tätigkeit im Aufsichtsrat von Eurogas nach nur sieben Tagen als Justizminister von Nordrhein-Westfalen zurücktreten – noch bevor er den Amtseid abgelegt hatte. Auch er geriet ins Visier der Justiz. „In der Öffentlichkeit waren wir schnell abgeurteilt“, so Wolfgang Rauball. „Wir standen als Betrüger und Verbrecher da.“ Mit den Skandalen am Neuen Markt geriet die Affäre langsam in Vergessenheit. Die Öffentlichkeit nahm kaum Notiz davon, dass das Verfahren gegen die Rauballs nach drei Jahren mangels Tatverdacht eingestellt wurde. „Alles ein Recherchefehler des Fernsehens“, sagt Rauball. „Natürlich existierte die Schürfkonzession in Polen. Sie war nur nicht auf Eurogas, sondern auf unsere Tochter Pol-Tec Methane ausgestellt.“ Die Konzessionen zur Föderung von Methangas im südschlesischen Kohlebecken und in den polnischen Karpaten sind heute noch im Besitz der Firma, die kurz vor der Pleite stand, als Wolfgang Rauball im Juli 2001 den Vorstandsvorsitz übernahm. Vor allem auf die Karpaten setzt er große Hoffnungen: In unmittelbarer Nachbarschaft investiert RWE zwölf Millionen Dollar, um ein viel versprechendes Gas-Reservoir zu erschließen. Sein Comeback will Rauball aber zunächst nicht mit Gas starten, sondern mit Talk. Gemeint ist nicht der englische Ausdruck für Gerede, sondern der gleichnamige Rohstoff: „Eine der wichtigsten Industrie-Mineralien überhaupt“, schwärmt der 57-Jährige. „Das brauchen Sie in der Farben-, in der Druck- und in der Papierindustrie, aber auch zur Herstellung von Pudern und Lippenstiften.“ Im Februar 2001 hatte Eurogas die slowakische Firma Rozmin komplett übernommen, der das Talk-Vorkommen gehört. Laut Rauball „eines der größten und reinsten der Welt“. Bisher allerdings fehlte Eurogas das Geld, um den Rohstoff zu fördern. Inzwischen habe er jedoch einen Investor gefunden, eine namhafte Papierfabrik, die für einen 15-Prozent-Anteil an der Talk-Mine 15 Millionen Euro bezahlen will. „Das würde locker reichen, um mit dem Abbau beginnen zu können“, so Rauball. Sollte der Deal klappen, könnte der Pennystock tatsächlich wieder anspringen. Die Überlegung dahinter: Wenn 15 Prozent der Mine 15 Millionen kosten, müsste das komplette Talk-Reservoir 100 Millionen Euro wert sein. Umgerechnet auf die Eurogas-Aktie wären das 66 Cent – fünfmal so viel wie das Papier derzeit an der Börse kostet. Etwa 150 Millionen Tonnen Talk-Gestein sollen in der Mine lagern, aus denen rund 30 Millionen Tonnen Industrie-Talk gewonnen werden können. Die Preise bewegen sich je nach Reinheit zwischen 100 und 1000 Euro je Tonne. Vorsicht: Nennenswerte Umsätze werden erst 2005 zu erzielen sein, selbst wenn Rauball sofort das Geld aufbringen sollte, um mit dem Talk-Abbau zu beginnen. Zwar verhandelt er schon fleißig mit potenziellen Abnehmern, doch die Risiken sind nicht zu unterschätzen: „Um den Absatz muss er sich keine Gedanken machen“, sagt Wulf-Dietrich Keller, Geschäftsführer von Mondo Minerals, einem der größten Talk-Produzenten weltweit. „An einem solchen Vorkommen hat grundsätzlich jeder Interesse.“ Das Problem sei vielmehr der Abbau. Es handle sich „um ein sehr komplexes Vorkommen“, das über einen 1400 Meter langen Stollen unter Tage abgebaut werden müsse. Andere Talk-Minen in Europa seien leichter auszubeuten. Immerhin: Das Material, das bei Bohrungen zu Tage gefördert wurde, sehe viel versprechend aus, meint Keller. Mit den Einnahmen aus dem Talk-Geschäft will Rauball dann die Öl- und Gasvorkommen erschließen. „Mit geht es auch um die Wiederherstellung meines Rufs“, so der Geologe. „Ich will beweisen, dass ich wirklich Gas und Öl fördern kann und kein Betrüger bin.“ Gut möglich, dass der Kurs anspringt, wenn Rauball es schafft, mit dem Talk-Abbau zu beginnen. Immerhin war das bereits für 2002 versprochen. Da noch rund 23000 Einzelaktionäre auf den derzeit wertlosen Anteilscheinen sitzen, könnte es in Internet-Boards und Zocker-Postillen vor Kaufempfehlungen nur so wimmeln, sobald Rauball den ersten Deal vermeldet. Um nicht wieder als Kurstreiber dazustehen, verspricht Rauball diesmal Mäßigung bei Erfolgsmeldungen: „Mir glaubt doch sowieso keiner mehr.“ Wolfgang Rauball (57) will mit dem Talk-Projekt zeigen, dass er kein Betrüger ist. „Mir geht es um unsere 23000 Aktionäre und um die Wiederherstellung meines Rufs“, beteuert der Geologe, der Mitte 2001 den Chefsessel bei Eurogas übernommen hat. Die letzte Chance, das Vertrauen der Börsianer zurückzugewinnen ?

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