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30.04.2000 | Euro am Sonntag Archivbericht | Ausgabe 18/00

Baby, Du kannst es

Sie wühlte im Müll und schlug sich mit Billig-Jobs durch. Heute gehört ihr ein Millionen-Dollar-Betrieb in Kalifornien. Ella Williams und ihr Weg zum Erfolg. In the eye of the tiger“ – die Hymne aus dem Rocky-Film dröhnt aus den Boxen. Die Seminar-Teilnehmerinnen sind aufgesprungen und klatschen begeistert in die Hände. Auf der Bühne erscheint jedoch nicht Sylvester Stallone, sondern eine imposante „Big Mama“ im taubenblauen Kleid mit Blumenmuster. Sie reißt die Arme hoch und wackelt mit den Hüften im Takt. Als sie schließlich das Rednerpult erreicht, haucht sie atemlos: „Mann, bin ich aus der Puste. Bis zum Herbst bin ich dünner, das schwör ich Euch.“ Sie lacht ihr lautes, kehliges Lachen. Dabei hebt und senkt sich der gewaltige Brustkorb. Die Menge tobt. Ella D. Williams ist 60 Jahre alt und Vorstandschefin von Aegir Systems, einer Dientsleistungsfirma für Logistik-, Technik- und Computersysteme. Und sie ist Unternehmerin des Jahres 1999 in den USA. Heute spricht sie beim zweiten Geldforum für Frauen in der Essener Grugahalle über ihre Erfolgsstory. Sie wirkt unkompliziert und geradeheraus. Sie kann aber auch schauspielern. Zum Beispiel bei den ersten Sätzen ihres Vortrags: „Ella“, gibt sie flüsternd das Telefongespräch mit einer Kundin wieder, „Ella, ich habe Deine Karte zum Valentinstag bekommen. Und weißt Du was? Es war die einzige.“ Es seien diese kleinen Aufmerksamkeiten gewesen, die Ella Williams Weg zum Erfolg ebneten. Die Vollblut-Unternehmerin kommt aus einfachen Verhältnissen. Ihr Vater, von dem sie kaum spricht – „weil ich nichts von ihm weiß, da er fast nie zu Hause war“ –, hatte eine kleine Autowerkstatt. Mit Geld konnte er nicht umgehen. Was er einnahm, gab er sofort wieder aus. Ihre Mutter verdiente sich den Respekt der Nachbarn, indem sie zwölf Kinder zur Welt brachte. Auf der Strecke blieben dabei freilich die eigenen Wünsche, „die sie dann auf mich übertrug“, sagt Ella Williams nachdenklich. Zuerst sei ihr das nicht bewusst gewesen, doch später wurde ihr klar: „Meine Kraft habe ich von meiner Mutter, sie sagte immer: Baby, Du kannst es.“ „Baby“ kam 1940 als Ella D. Anderson in Jacksonville, Texas, zur Welt. Kurze Zeit später zog die Familie nach Kalifornien. Dort machte Ella ihren College-Abschluss, studierte Politik und Jura. „Mama und ich dachten, das sei wichtig für mich.“ Mit 20 Jahren heiratete sie, wurde schwanger, ließ das Studium sausen und nahm einen Job als Finanzkoordinatorin bei Hughes Aircraft an, einem Technik- und Logistikunternehmen, das heute zu General Motors gehört. Tochter Wendy wurde geboren. Doch Ella war unglücklich in ihrer Ehe, ließ sich scheiden und heiratete 1965 zum zweiten Mal. 1970 kam Tochter Theresa zur Welt, doch auch die zweite Ehe misslang. 1981 trennte sich Ella Williams von ihrem Mann. „Ich war wie befreit“, lacht sie und scheint die Erinnerung an dieses Gefühl noch heute zu genießen. Nach der zweiten Scheidung verzichtete sie auf Unterhaltszahlungen – nur Haus und Kinder wollte sie haben. „Ich wusste, dass ich zur Not aus dem Haus Kapital schlagen und damit etwas machen könnte“, sagt sie in kämpferischem Ton. Mit ihrem Chef bei Hughes Aircraft, Chips Sawyer, verband Ella schnell eine Freundschaft bis zu dessen Tod im Jahr 1981. „Er war lange Zeit mein Sicherheitspolster. Immer wenn ich glaubte, in einer Sackgasse zu sein, kannte er garantiert einen Ausweg.“ Die Worte klingen liebevoll und dankbar. Und das Gefühl, nicht weiter zu wissen, war nicht selten. Nach ihrer zweiten Scheidung entschied sie, in Sachen Technik und Logistik selbstständig zu werden: „Das Geschäft bei Hughes Aircraft brummte. Unser Hauptauftraggeber war damals die US-Luftwaffe. Ich sagte zu Chips: Das kann ich auch. Und er sagte: klar! Wende Dich an die Förderung von Kleinunternehmen, die Small Business Administration. Die unterstützen Frauen und Minderheiten, die sich selbstständig machen wollen, mit Geld und Know-how.“ Wenn Ella Williams diese kleine Episode erzählt, ist sie immer noch erstaunt über die Reaktion ihres Mentors: „Er hat einfach nur ,klar‘ gesagt. Er hatte keinen Zweifel, kein Wenn, kein Aber. Das war toll.“ Also schmiss sie ihren Job bei Hughes, nahm eine Hypothek auf ihr Haus auf und richtete sich mit 65000 Dollar Startkapital ein Büro in Oxnard, Kalifornien, ein. „Das Unternehmenskonzept sah vor, dass ich nach spätestens sechs Monaten mindestens einen Auftraggeber an der Angel haben musste.“ Die sonst so lebendige Texanerin wirkt auf einmal nachdenklich, als sie sich in ihren Sessel zurückfallen lässt. „Tatsache ist, dass ich erst nach drei Jahren meinen ersten Vertrag unter Dach und Fach hatte. Und das, obwohl mich Chips immer auf die Militär-Basis mitnahm und ich dort eigentlich gute Kontakte hatte.“ Das Problem war, dass keiner der Männer mit einer schwarzen Frau Geschäfte machen wollte. Also änderte Ella ihre Strategie: „Ich erinnerte mich an einen Ausspruch meiner Mutter: Liebe geht durch den Magen. Sie sollten mich zwar nicht lieben, aber mir wurde klar, was ich tun musste“, sagt die Selfmade-Lady. Jetzt erzählt Ella Williams fröhlich, leicht amüsiert. Wie sie fortan mit selbstgebackenen Keksen und Kuchen bei den Männern von der Luftwaffe auftauchte: „Sie haben immer gerätselt, was ich ihnen wohl das nächste Mal mitbringen würde“, lacht sie schallend, klopft sich dabei auf die Schenkel – und schüttelt den Kopf, staunend, mit welch einfachen Mitteln sie die Herzen der Männer erobert hat. Ernst wird sie erst wieder, als das Gespräch auf ihre Kritiker kommt. Diese warfen ihr vor, statt technisches Wissen zu bieten, lediglich mit Herz-Schmerz hausieren zu gehen. „Quatsch“, entrüstet sich die jugendlich wirkende 60-Jährige. „Das technische Know-how kann man kaufen. Aber die menschlichen Qualitäten – nämlich an Geburtstage zu denken, wenn sich sonst keiner kümmert, oder am Valentinstag Karten zu schreiben –, die heben uns Frauen doch eindeutig positiv von der Männerwelt ab. Und damit kann man weiß Gott gut Geld verdienen!“ Dass Ella Williams aber auch fachlich mitreden kann, war wichtig für den Erfolg: „Die Worte meiner Mutter halfen immer: Baby, Du kannst es. Du kannst alles, wenn du nur willst. Ich musste bei Vertragsverhandlungen fachlich fit sein, damit keine Zweifel an meiner Kompetenz aufkamen“, sagt sie, lehnt sich im Sessel vor und sieht ihrem Gegenüber in die Augen – diesmal ohne Lächeln. „Meine Mutter und der Glaube an Gott haben mir geholfen, schwere Zeiten durchzustehen“, sagt sie rückblickend. In diesen schlechten Zeiten verdiente sie ihr Geld mit mies bezahlten Hilfsjobs. „Um mein Gehalt aufzubessern, fischte ich auch Alu-Dosen aus Mülleimern, um sie gegen ein paar Pennies einzutauschen.“ Ella ist in Erinnerungen versunken: „Nicht selten weinte ich mich nachts in den Schlaf. Meine Existenz und die meiner Kinder stand auf dem Spiel, das war mir klar.“ Doch dem Zauber von Backwaren à la Ella und ihrer Hartnäckigkeit – „ich stand immer wieder auf der Matte, auch nachdem sie mir zum fünften Mal die Tür vor der Nase zugeschlagen haben“ – hielten die harten Männer vom Militär letztlich nicht stand: 1984 hatte sie endlich ihren ersten Auftrag im Wert von acht Millionen Dollar in der Tasche. „Danach kam der Erfolg von alleine. Inzwischen lebe ich von Mund-zu-Mund-Propaganda.“ Sie lacht wieder. Freundlich, aber bestimmt geht sie auch mit Fragen zu ihrer derzeitigen finanziellen Lage um: „Ich habe mir bis heute ein Multi-Millionen-Dollar-Unternehmen aufgebaut“, erklärt sie kurz – mehr sagt sie nicht. Das Lachen verschwindet dabei nicht von ihrem Gesicht, aber die Augen werden etwas schmaler. Dass es ihr gut geht, beweist ihr neues Haus in Tucson in Arizona: 800 Quadratmeter Wohnfläche auf einem 16000 Quadratmeter großen Grundstück. Es hat mit Neid und Neidern zu tun, dass sie über das, was sie hat, nicht reden mag. Ella Williams erklärt das so: „Wenn ich ein Mann wie Basketball-Star Michael Jordan wäre, würden alle sagen: Wow, tolles Haus, gut gemacht. Frauen gegenüber fällt die Reaktion anders aus: Was? Wozu brauchst Du ein so großes Haus?“ Sowas mag sie sich nicht anhören: „Den Menschen, die mich schlecht machen, die meine Arbeit und meinen Erfolg nicht respektieren, gehe ich aus dem Weg.“

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