10.06.2001 | Euro am Sonntag Archivbericht | Ausgabe 23/01

Ganz oder gar nicht

"Seine Kollegen von der Wall Street gaben ihm einmal den Spitznamen ""Psycho Heiko"". Ist Heiko Thieme verrückt, weil er bis zu 80 Prozent seines Fondsvermögens auf eine einzelne Aktie setzt? Oder ist er nur ein grenzenloser Optimist? Das gelbe VIP-Eintrittsband am Handgelenk der Blondine kostet 2000 Mark. Mit dieser Summe hat sich die Vertriebs-Mitarbeiterin aus Dresden das Recht erkauft, dem Wall-Street-Manager Heiko Thieme nach dessen Vortrag die Frage zu stellen, die ihr am meisten unter den pinkfarbenen Nägeln brennt. Doch erst einmal ist Heiko Thieme an der Reihe: ""Wie war ich?"", will er von seinen Zuhörern wissen. ""Ich bin begeistert"", antwortet die Blondine artig. Der seit über 20 Jahren in den USA lebende Fondsmanager und FAZ-Kolumnist sitzt im VIP-Raum der Frankfurter Jahrhunderthalle vor einem Humpen Henninger Bier. Vor wenigen Minuten verabschiedeten ihn die 800 VIP- und Normalanleger des ""Inline-Geldkongresses"" mit stehenden Ovationen. ""Anlage-Strategien aus Sicht der Wall Street"" versprach des Seminarprogramm. Thieme plauderte über die Aktienmärkte, warb für seinen Börsenbrief und seine Hotline und versprühte jede Menge Wall-Street-Duft ins triste Frankfurter Industrieviertel Höchst. ""Was muss ich tun, um wie Frau Ferstel von n-tv zu werden?"", will die VIP-Blondine wissen. Thieme nutzt die Antwort geschickt als Eigenwerbung. ""Die Carola sieht gut aus"", lobt er zunächst, um sodann das Meister-Schüler-Verhältnis zu betonen. Neulich beim n-tv-Fest habe ihm die Moderatorin gestanden: ""Ich hab mir viel von dir abgeguckt."" Heiko Thieme sieht auch gut aus: leichte Segler-Bräune, marineblauer Zweireiher. Das Silberhaar ist akkurat gekämmt, der Korsaren-Bart sorgfältig gestutzt. Thieme ist der Traumschiff-Kapitän unter den Börsianern. Viele Kursstürme hat er überlebt: 1995 soff sein Heritage-Aktienfonds ab. Das US-Magazin ""Mutual Funds"" verlieh ihm als schlechtestem Fondsmanager des Jahres den Steadman-Award - so etwas wie die goldene Zitrone der Branche. Die meisten verweigern die Annahme des Flop-Pokals. Thieme hat sich das Ding auf den Schreibtisch gestellt, denn Misserfolg stachelt ihn an: 1997 war Käpt’n Heiko wieder obenauf. Mit 75 Prozent Plus stieg er zwei Jahre nach dem Flop zum erfolgreichsten Fondsmanager des Jahres auf und gewann den so genannten Phönix-Pokal. Beide Glasvasen zieren heute Thiemes Büro im 31. Stock an der Avenue of the Americas mit Blick über den New Yorker Central Park. Dieses Jahr wiederholt sich das Top/Flop-Muster: Während sein nur in den USA zugelassener American Heritage Fonds ganz oben in den Fonds-Charts zu finden ist, haben Anleger des in Deutschland zugelassenen Thieme Fonds International kaum Grund zur Freude. Seit einem Jahr schneidet der Fonds schlechter ab als der Index für Internationale Aktien der Ratingagentur Standard&Poor’s. Er sei zu früh in Technik-Titel wie Hewlett-Packard, Cisco und Nortel eingestiegen, begründet Thieme die schlechte Performance. Außerdem habe er einem Assistenten vertraut. Der ist mittlerweile gefeuert. Ansonsten aber hat Thieme ein Herz für Nachwuchs-Börsianer. Und er erkennt früh deren Talent: n-tv-Starmoderator Markus Koch verdiente bei ihm sein erstes Geld in New York. Praktikanten schildern, wie sie an Wochenenden bis zwei Uhr morgens in seiner Privatwohnung im Villen-Vorort Stanford zusammensaßen. Thieme erzählte die Geschichte des Dow-Jones-Index oder erklärte ihnen, warum die Durchschnitts-Dauer von Bären-Märkten 17 Monate beträgt. ""Geld an sich interessiert mich nicht"", sagt Thieme. Es sei die intellektuelle Herausforderung, die er suche. Doch manchmal gingen einfach die Pferde mit ihm durch: Seinen eigenen Ratschlägen - ""Kaufen Sie Substanz"" und ""Investieren Sie nicht mehr als zehn Prozent Ihres Vermögens in hochspekulative Aktien"" - folgt er nicht immer. Sein Fondsmanager-Comeback verdankt Thieme einer einzigen Aktie: Senetek. Zeitweise machte das Papier des amerikanischen Potenzmittel- und Faltencreme-Produzenten 80 Prozent seines Heritage-Fonds aus. Vor etwa acht Jahren explodierte der Senetek-Kurs von 43 Cent auf sieben Dollar. ""Die brachte mir 1500 Prozent Gewinn! Und ich Idiot hab kein Stück verkauft"", ärgert sich Thieme. Inzwischen notiert Senetek bei 1,08 Dollar. Doch der Fondsmanager ist überzeugt, dass der Titel wieder Phantasie besitzt. Schließlich habe das Unternehmen jetzt eine Tochterfirma in China gegründet. Zudem sitzt seit 1998 Thiemes Bruder Uwe, Röntgenarzt in Goslar, im Aufsichtsrat von Senetek. Für Thieme Grund genug, erneut rund 70 Prozent des Heritage-Fondskapitals in den Titel zu stecken. Seneteks Potenzmittel hat allerdings gegenüber Viagra einen entscheidenden Haken: Es müsse in den Penis gespritzt werden. Dafür wirke es aber sofort. ""Funktioniert phantastisch"", schwärmt Thieme. ""Ein Pieks wie ein Mückenstich, das spüren Sie kaum."" Senetek fehlt bisher aber noch die Arzneimittel-Zulassung in den USA und Europa. Nur in Neuseeland ist die Potenzspritze schon zugelassen, berichtet Thieme. ""Aber dort gibt’s leider mehr Schafe als Menschen."" Seinem Ruf als Dauer-Optimist wurde der Fondsmanager auch auf der Bühne der Frankfurter Jahrhunderthalle gerecht. Thieme prognostiziert langfristig eine Schönwetterfront für die Börsen. In den USA lagerten 2000 Milliarden Dollar in Geldmarktfonds. ""Wir haben Geld, Geld, Geld"", jubelt er. In diesem Jahrzehnt steige der DAX auf 15000 Punkte, der Nemax auf 7000. Die amerikanische Hightech-Börse Nasdaq sieht er bis Ende 2002 um 35 Prozent höher. ""Das wollen die Leute hören"", sagt Roland Leuschel, Ex-Chefstratege der Belgischen Großbank Banque Bruxelles Lambert. Leuschel gilt in der Finanz-Szene als Crash-Prophet und damit als Thiemes natürlicher Widersacher in Sachen Optimismus. Trotzdem schätze er Thieme sehr, sagt Leuschel. ""Ein brillanter Redner."" Im VIP-Bereich der Jahrhunderthalle hat der Jetlag Heiko Thieme eingeholt. Vor rund 24 Stunden landete er Frankfurt. Er versucht, sich das Gähnen zu verkneifen. Seine Müdigkeit nutzt eine Kleinanlegerin im quietschroten Hosenanzug zu einem Überraschungsangriff: ""Ihre Bio-Balance stimmt nicht."" Mütterlich legt sie ihre Hand auf Käpt’n Heikos blaue Börsianer-Uniform. ""Woher wissen Sie das denn?"", fragt Thieme. ""Das rufe ich über Ihre Biofaktoren ab."" - ""Donnerwetter!"", staunt Thieme. Er ist zu müde zur Gegenwehr. Wie ein Konfirmant beim Abendmahl steht Thieme vor der kleinen Frau. Sie zuckelt an Thiemes Schulter. ""Spüren Sie was?"" - ""Nö"", nuschelt Thieme mit geschlossenen Augen. Vielleicht geht er in Gedanken die Überschrift für seine FAZ-Kolumne am Montag durch. Thiemes Pressesprecherin sitzt auf heißen Kohlen. Der Hessische Rundfunk wartet auf das versprochene Live-Interview. Er hasse an seinem Beruf, dass er nie fertig werde, sagt Thieme. Der Mann tanzt auf vielen Hochzeiten: Er managt drei Fonds, schreibt jeden Monat einen 16-seitigen Börsenbrief, seit 14 Jahren eine Montags-Kolumne in der FAZ, bespricht zwei bis drei Mal täglich seine Börsen-Hotline und gibt jede Menge Interviews. Geduldig lässt Thieme die Bioenergie-Auffrischung über sich ergehen. Danach bedankt er sich artig bei seinem Fan. Er hastet zum Telefon, schüttelt den Kopf und murmelt: ""War die jetzt verrückt oder was?"" "
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Oskar

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Oskar ist der einfache und intelligente ETF-Sparplan. Er übernimmt die ETF-Auswahl, ist steuersmart, transparent und kostengünstig.
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