14.01.2007 | Euro am Sonntag Archivbericht | Ausgabe 02/07

Weckruf aus Cupertino

Apple will sein iPhone in den USA ab Sommer exklusiv über Cingular vermarkten. In Europa ist dagegen noch alles offen. Welche Telekomfirmen die besten Karten haben, welche Handy-Hersteller sich warm anziehen müssen
Thomas Schmidtutz, Klaus Schachinger

Wenn Apple-Chef Steve Jobs die Fangemeinde zur Hausmesse MacWorld bittet, fühlen sich Beobachter schon mal an religiöse Erweckungsveranstaltungen erinnert. Um den Meister nur ja nicht zu verpassen, übernachten Anhänger regelmäßig vor den Eingängen. Und die Ankündigung neuer Produkte quittiert die ergebene Gemeinde gern mit Jubel auf offener Szene. Doch was sich am Dienstag auf der MacWorld in San Francisco abspielte, haben auch langjährige Apple-Jünger selten erlebt: Als Jobs um 9.44 Uhr Ortszeit endlich das erlösende Wort „iPhone“ spricht und damit den Startschuss für das seit Jahren heftig herbeigesehnte Handy der Kalifornier gibt, kennt die Menge kein Halten mehr. Kirmesstimmung im Saal, enthemmte Bewunderer schreien sich die Lunge aus dem Leib und verabschieden den Messias aus schließlich mit minutenlangen, stehenden Ovationen. Auch jenseits der Hallen des Moscone Centers im Herzen der Pazifik-Metropole erlebte die Begeisterung für das Handy im Apple-Chic ungeahnte Höhen: Rund um den Globus kündeten aufgeregte Medien von Jobs’ neuestem Coup. Selbst hargesottene Analysten verloren die branchenübliche Contenance: „Das iPhone ist eine Revolution“, jubelte etwa UBS-Analyst Benjamin Reitzes. Das ist wohl kaum übertrieben. Denn anders als bei herkömmlichen Handies wird das iPhone erstmals komplett über ein berühungsempfindliches Display gesteuert, mit den Fingern, nicht mit einem Stift. Neben der Telefon-Funktion vereint es einen MP3- und Videoplayer im iPod-Stil, dazu mobilen E-Mail-Empfang, Internet-Zugang und eine Kamera. Ab Juni soll Apples Wunderhandy auf den US-Markt kommen, zunächst exklusiv beim größten US-Mobilfunker Cingular, zum Preis von 499 (4 GB Speicher) bzw. 599 Dollar (8 GB) einschließlich Vertrag. Im vierten Quartal soll Europa folgen. Hierzulande dürfte der Schönling einschließlich Vertrag 350 bis 450 Euro kosten, schätzt Gartner-Analystin Carolina Milanesi. Aufgeregt spekuliert die Branche nun, mit welchen Mobilfunk-Partnern die Kalifornier den europäischen Markt erobern wollen. Die Bewerber laufen sich jedenfalls chon mal warm: „Das ist ein hochinteressantes Gerät“, sagt etwa Heiko Witzke, Pressesprecher bei Vodafone Deutschland. Das finden O2 und T-Mobile auch und kündigen auch gleich noch Gespräche an. Allzu viel Zeit bleibt für die Brautschau freilich nicht. Um das wichtige Weihnachtsgeschäft nicht zu verpassen, dürfte Apple einen Marktstart im Oktober oder November anpeilen. Doch die Netzbetreiber testen die neuen Geräte vor dem Verkaufsstart in der Regel ausgiebig. Bei etablierten Anbietern brauchen sie dafür drei bis vier Monate. Bei neuen Herstellern müsse dagegen eher „ein halbes Jahr Vorlauf eingeplant werden“, heißt es bei einem deutschen Mobilfunk-Betreiber. Das würde auf eine Entscheidung über den iPhone-Partner im April, spätestens im Mai hindeuten. Wer den Zuschlag hält, ist allerdings noch völlig offen. Beobachter erwarten, daß Apple sich ähnlich wie in den USA auch in Europa zunächst auf einen exklusiven Carrier-Partner pro Land festlegen könnte. „Die Mobilfunk-Unternehmen sind in den europäischen Länder unterschiedlich gut aufgestellt. Da kann Apple die jeweils besten Provider auswählen“, heißt es aus der Branche. Üblicherweise laufen exklusive Vertriebspartnerschaften vier bis zwölf Wochen. Beim prestigeträchtigen iPod könnten es auch ein paar Wochen mehr sein. Ein Kooperationsvertrag brächte beiden Partnern klare Vorteile: Der Carrier hätte die Aufmerksamkeit und schöne neue Mobilfunk-Verträge. Und Apple müsste die Markt-Einführung nicht alleine finanzieren und bekäme über Nacht Zugang zum nötigen Vertriebskanal. Beim Rennen um das iPhone sagen Branchenkenner den beiden Platzhirschen Vodafone und T-Mobile die besten Chancen voraus. „Apple wird bei der Markteinführung wohl auf Nummer sicher gehen und auf Größe setzen“, heißt es. Vor allem T-Mobile dürfte sich für die Design-Ikone kräftig ins Zeug legen. Der neue Telekom-Chef René Obermann könnte einen Erfolg gut gebrauchen, um das angestaubte Image des Konzerns aufzupolieren. Für Vodafone spricht dagegen die deutlich bessere internationale Präsenz. O2 dürfte nach Einschätzung von Branchenkennern im Rennen um das iPhone hingegen nicht ganz so gute Karten haben. Zwar gilt der Deutschland-Ableger des spanischen Telefonica-Konzerns als einer der innovativsten Mobilfunk-Betreiber Europas. Aber wenn es hierzulande um Finanzkraft, Marktanteile und Reichweite geht, sei 02 gegenüber den beiden Branchenriesen im Nachteil. Die schlechsten Aussichten hat E-Plus. „Die haben nur KPN im Rücken und fahren stärker auf der Billigschiene. Das passt imagemäßig einfach nicht“, sagt ein Branchen-Analyst, der lieber ungenannt bleiben will. Während Apples Markteintritt von vielen potenziellen Kunden bejubelt wurde, dürfte die Freude bei einigen Handyherstellern überschaubar sein. Vor allem Palm könnte durch Apples Angriff unter Druck geraten, glaubt Andrew Neff, Analyst bei Bear Stearns. Schließlich sei Palm ein reiner Gerätehersteller mit einer kleinen Produktpalette, Apple verfüge dagegen über ein breites Portfolio und bewege sich in Richtung Unterhaltungselektronik. Zudem dürfte SonyEricsson unter Apples Handy-Attacke leiden. Das JointVenture hatte zuletzt die traditionsreiche Walkman-Marke erfolgreich reanimiert und mit Musik-Handies Marktanteile gewonnen. Mit Apples iPhone erwächst dem Unternehmen allerdings bald starke Konkurrenz. Ein Selbstläufer wird das iPhone dennoch nicht. Zwar dürfte das Gerät „in Sachen Bedienerführung die Messlatte setzen, so CCS-Analyst Ben Wood. Aber die Ausstattung der neuen Geräte werde ständig verbessert. „Da ist die Frage, ob das iPhone zum Start noch immer so attraktiv ist“, so Wood. Außerdem könne man beim iPhone den Akku wohl nicht austauschen. Dazu müsse man Fragezeichen hinter die Steuerung setzen. „Das könnte viele wegen ständiger Flecken auf dem Display rasch nerven.“ Von der Zerbrechlichkeit gar nicht zu reden. Und dann ist da noch die Preisfrage: Apple, schreibt Cingular in den Unterlagen zur iPod-Präsentation, „verbietet Preisnachlässe auf das Gerät“. Ob ein änliches Preisdiktat unter Androhung drakonischer Strafen in Europa durchzuhalten sei, „ist völlig offen“, mahnt CCS-Experte Wood, „ganz zu schweigen von der rechtlichen Zulässigkeit“. Steve Jobs wird sich davon nicht beirren lassen. Beim Namen iPhone lässt es der eigensinnige Apple-Gründer gerade auf einen millionenschweren Streit mit Cisco ankommen. Aber es geht um viel. Bis Ende 2008 will er 10 Millionen iPhones unters Volk bringen. Wenn der schnieke Alleskönner nur annähernd hält, was Apple verspricht, dürfte Jobs seinem Image als Heilsbringer im Apple-Land ein neues Kapitel hinzufügen. Seine Anhänger würden es ihm danken - schreiend und den Tränen nahe.
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Oskar

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