12.05.2010 | Euro am Sonntag Archivbericht | Ausgabe 19/10

"Wir suchen Aktien, die andere Leute hassen"

Mit düsteren Spielfilmen hat James Glickenhaus in den 80er-Jahren für Furore gesorgt. Jetzt ist der US-Regisseur als Value-Investor unterwegs.
Tim Schäfer, New York

Actionabhängige. Sein 95-jähriger Vater steht noch jeden Tag im Handelsraum seiner Firma, er selbst gab eine Hollywood-Karriere als Regisseur und Produzent auf. Der 59-jährige James Glickenhaus ist heute Partner in der von seinem Vater Seth Glickenhaus nach dem Zweiten Weltkrieg in New York aufgebauten Vermögensverwaltung. Der Alte ist Legende, schließlich ist er der einzige noch aktive Wall-Street-Experte, der die Große Depression in den 1930er-Jahren miterlebt hat. Der Junge führte in den 80er- und 90er-Jahren in Hollywood bei Filmen wie "The Exterminator" Regie und war Produzent. Bekannt ist er auch für seine teure Ferrari-Sammlung. Euro am Sonntag traf die beiden in deren Geschäftsräumen an der Fifth Avenue in New York und sprach mit dem Exregisseur über Gold und Gier.

Euro am Sonntag: Wie werden sich der Dow Jones und die US-Wirtschaft weiter entwickeln? Seit dem Tiefpunkt vor gut einem Jahr stiegen die Indizes schon um über 70 Prozent.

James Glickenhaus: Ich glaube, die Leute machen einen großen Fehler, wenn sie annehmen, nur weil es mit dem Markt bergauf ging, geht es der Wirtschaft gut. Da besteht oft kein direkter Zusammenhang. Der Markt ging rauf, weil Aktien zu billig waren, sie wurden in den Müll geworfen. Citigroup wurde einst zu 60 Dollar gehandelt. Jetzt steht sie bei fünf Dollar. Wer vor zehn Jahren in den S&P 500 investierte, hat noch immer kein Geld verdient. Der Aktienmarkt hat sich lediglich von der Ausverkaufswelle erholt. Es gibt aber noch immer Probleme in der Wirtschaft. Das größte ist die Arbeitslosigkeit.

Euro am Sonntag: Bei den positiven Unternehmensmeldungen bestehen Zweifel an der Nachhaltigkeit. Sind die Gewinnsteigerungen nicht lediglich auf Kostensenkungen zurückzuführen und gar nicht so sehr auf Umsatzwachstum?

Glickenhaus: Es ist so, als ob man seine Möbel verbrennt, um das Haus zu heizen. Das geht nicht lange gut. Sie können nicht ständig Mitarbeiter feuern. Es gibt eine Grenze, ab der es Ihrer Firma schadet, wenn Sie Mitarbeiter feuern. Wenn Sie all Ihre Vertriebsmitarbeiter kündigen, wird nichts mehr verkauft.

Euro am Sonntag: Können Sie uns Ihre Aktienfavoriten beschreiben? Sie erwähnten bereits Enterprise Products und Fortescue Metals.

Glickenhaus: Enterprise Products ist eine solide Firma, die ihre Dividende kontinuierlich über viele Jahre hinweg erhöht hat. Der Cashflow ist hoch. Das Unternehmen befördert Ölprodukte in seinen Pipelines und wird für das transportierte Volumen bezahlt. Egal was passiert, die Leute müssen ihre Wohnungen heizen. Fortescue Metals ist eine Eisenerzfirma. 17 Prozent des Grundkapitals gehören einer chinesischen Stahlfirma. Die Aktie haben wir für 24 Cent gekauft. Jetzt steht sie bei fünf Dollar. Ich glaube, dass sich die Aktie noch einmal verdoppeln kann. 19 Millionen Tonnen haben sie im vergangenen Jahr verkauft. Dieses Jahr werden es 45 Millionen Tonnen sein. Ziel ist es, auf 80 und dann 160 Millionen Tonnen zu kommen.

Euro am Sonntag: Ihr dritter Aktienfavorit ist Navios Maritime Partners.

Glickenhaus: Es handelt sich um ein Schifffahrtsunternehmen. Es transportiert Eisenerz oder Zement. Sie haben ein gutes Management, gute Schiffe und langfristige Verträ-ge. Das ist eine Wette gegen die USA und eine Wette auf Indien. Die große Angst war, dass zu viele Schiffe gebaut werden. Aber als die Banken Probleme bekamen, wurden viele Finanzierungen gekündigt, und Schif-fe wurden nicht mehr gebaut. Navios zahlt eine schöne Dividende. Wir halten die Aktie seit einigen Jahren.

Euro am Sonntag: Was haben Sie aus der Krise gelernt, und wie hat Sie Ihr Vater beeinflusst?

Glickenhaus: Ich habe von meinem Vater gelernt: Wenn eine Sache wirklich schlecht aussieht, dann wendet sich das Blatt bald zum Besseren. Wenn alles extrem gut aussieht, dann ist es Zeit, vorsichtig zu werden. Gelernt habe ich auch, dass sich die Geschichte wiederholt. Jeder war in der Dotcom-Ära überzeugt, dass eine neue Zeitrechnung beginnt. Alles werde sich ändern, glaubten die Menschen. Das war natürlich nicht der Fall. Es war eine Blase. Alles löste sich in Luft auf.

Euro am Sonntag: Wie wichtig ist für Sie Diversifikation? Manche Fonds treiben das ja auf die Spitze. Warren Buffett ist dagegen auf wenige große Positionen fokussiert.

Glickenhaus: Wir glauben nicht an die Diversifikation. Es handelt sich unserer Meinung nach bei zu hoher Diversifikation lediglich um eine versteckte Indexnachbildung. Wenn also der S&P-Index um 15 Prozent fällt, können Sie dann behaupten: Mensch, war ich gut, ich fiel nur um 14 Prozent. Wenn Sie diversifiziert sind, haben Sie wirklich keine Chance, den Markt zu schlagen. Sie sind dann lediglich Teil des Markts. Wenn Sie über alle Sektoren hinweg diversifiziert sind, dann besitzen Sie jede Menge Schrott. Wenn Sie aber eine wirklich gute Firma finden, wollen Sie eine Position von fünf Prozent aufkaufen. Und wenn die Aktie steigt, warum würden Sie dann verkaufen, wenn Sie glauben, dass die Aktie weiter steigt, nur um diversifiziert zu sein? Wir handeln wie Warren Buffett: Wenn wir an eine Firma glauben, gehen wir eine sehr große Wette ein.

Euro am Sonntag: Wie wichtig ist es für Sie, mit dem Management zu sprechen?

Glickenhaus: Es ist sehr wichtig. Wir kennen normalerweise das Management, manchmal besuchen wir auch die Firmen. Das Internet erleichtert unsere Arbeit. Wir müssen nicht immer reisen. Eines unserer Investments ist Fortescue Metals. Sie können deren Tätigkeit auf Google Earth sehen. Sie produzieren Eisenerz in Australien. Sie laden das Material auf Züge und transportieren es durchs Land. Schließlich wird das Eisenerz auf Schiffe verladen und nach China verschifft. Im Internet sind die Züge und die Minen zu sehen.

Euro am Sonntag: Warum verliehen die Banken wie im Rausch Geld, und wie konnten sie die Subprime-Hypotheken weiterverkaufen?

Glickenhaus: Sie waren bescheuert. Es ging um Geld, Gier, und sie waren dumm. Sie haben nicht genau geschaut, was sie eigentlich taten. Es ging darum, Milliarden von Dollar und Versicherungsprämien zu kassieren. Warum sollte man das nicht tun? Die Leute gaben dir Geld für Schulden mit einem AAA-Rating. Sie haben nicht realisiert, dass die AAA-Schulden, die Goldman Sachs in Pakete zusammenschnürte, mit einem guten Rating reingewaschen wurden. Diese Pakete waren niemals ein gutes Investment. Es handelte sich lediglich um Scheiben eines Müllbergs.

Euro am Sonntag: Wie wichtig ist für Sie der Chartverlauf, also das Momentum einer Aktie, neben einem günstigen Kurs-Gewinn-Verhältnis?

Glickenhaus: Es gibt viele Investoren, die auf das Momentum achten. Uns interessiert es nicht, was andere Investoren tun. Wir suchen Aktien, die andere Leute regelrecht hassen. Wir nehmen diese Aktien dann unter die Lupe, um zu sehen, was der Grund für diesen Hass ist. Wir prüfen, ob die Leute dabei etwas übersehen. Anhänger des Momentums folgen dagegen der Charttechnik. Sie glauben, die reine Mathematik benutzen zu können, um zu berechnen, was passieren wird. Wir glauben nicht an solche Berechnungsmethoden. Man kann damit zwar vielleicht feststellen, was bislang geschah, aber es gibt meiner Meinung nach keine Garantie dafür, nur weil ein bestimmter Preispunkt unterschritten oder überschritten wurde, dass sich ein neuer Preis daraus ableiten lässt.

Euro am Sonntag: Wenn aber die Anleger eine Aktie hassen, kann es doch sehr lange dauern, bis die negative Stimmung dreht.

Glickenhaus: Das stimmt. Aber das ist genau der Zeitpunkt, zu dem Sie echten Value finden: Dann nämlich, wenn Menschen Aktien aus ihren Depots werfen. Sie brauchen in diesem Fall Geduld und Kapital. Warum Kapital? Es kann passieren, dass Sie eine Aktie auswählen und sie dann weiter fällt. Wenn Sie genug Kapital haben und an die Aktie glauben, können Sie weitere Stücke zukaufen. Wenn Sie aber verschuldet sind, können Sie gezwungen werden, zu verkaufen. Wenn Ihre Aktie mit dem Markt einbricht und Sie dann verschuldet sind, können Sie es sich nicht leisten dabeizubleiben.

Euro am Sonntag: Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Glickenhaus: Das passierte im November 2008 bei Enterprise Products Partners, einer großartigen Firma mit einer Gaspipeline, die vom Osten der USA in die Landesmitte reicht. Sie zahlen eine sehr schöne Dividende. Es gab Hedgefonds, die sich Geld geliehen hatten, für vier Prozent, und dann damit Enterprise Products kauften, die sieben Prozent Dividende zahlen. Und diese Fonds dachten, dass sie diesen Carry Trade für immer fortsetzen könnten. Als sie in Schwierigkeiten gerieten, wurden sie gezwungen, ihre Positionen zu verkaufen. Das kostete sie ein Vermögen. Sie verkauften Enterprise Products an einem Tag. Die Aktie fiel von 22 auf 16 Dollar. Nichts passierte mit der Firma. In den düstersten Tagen an der Börse, es war im November und März, da fiel Citigroup zum Beispiel an einem Tag um zehn Prozent. Auf solche Gelegenheiten muss man warten, um dann einzusteigen. Enterprise Products steht nun bei 36 Dollar. Nur 16 Monate später.

Wir kauften die Aktie, als sie unter Druck geriet.

James M. Glickenhaus


Topinvestor
1950 in New York geboren, arbeitete Glickenhaus zunächst als Regisseur. 1997 wurde er Partner in der Vermögensverwaltung seines Vaters. Im Zehnjahresvergleich erzielte er eine Performance von rund 112 Prozent (S&P 500: minus neun Prozent).
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Oskar

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