18.02.2007 | Euro am Sonntag Archivbericht | Ausgabe 07/07

"Wo bleibt der Spaß?"

Edward Castronova, Experte für virtuelle Welten, über den wirtschaftlichen Reiz von Second Life und die Unterschiede zur großen Welt der Online-Spiele.
Interview: Klaus Schachinger

Euro am Sonntag: Herr Castranova, in Ihrem Buch "Synthetic Worlds" beschreiben Sie die Ökonomie und die Einflüsse des schnell wachsenden Markts für Online-Spiele auf die Gesellschaft. Was ist der Unterschied zwischen dem Markt für Online-Spiele und Second-Life-Welten?

Edward Castronova: Second Life ist kein Spiel, sondern bisher nur ein Sandkasten. Dreidimensionale Online-Spiele sind die Umsetzung neuer und verschiedener Spielideen in Welten, die bis ins Detail optimiert sind. Second Life ist der Beginn einer Entwicklung verschiedener künstlicher Welten.

Euro am Sonntag: Welcher Markt wächst schneller: der für Online-Spiele wie zum Beispiel "World of Warcraft" oder Welten, die Second Life ähnlich sind?

Castronova: Der Markt für Online-Spiele wird mindestens so schnell wachsen wie die Geburtenrate der nach 1985 geborenen Menschen. Online-Spiele scheinen etwas zu sein, zu dem junge Menschen leicht Zugang finden und das sie danach nicht mehr aufgeben. Plattformen wie Second Life wachsen nur so schnell wie die Anzahl der Menschen, die aktiv diese virtuellen Welten gestalten und ausbauen. Ich glaube, dass jeder gern spielt, aber ich bin mir nicht sicher, wie viele sich die Zeit nehmen, digitale Inhalte zu entwickeln.

Euro am Sonntag: Wie stark legt der Strom realen Geldes aus Second Life zu?

Castronova: Wenn Second Life nicht gegen eine technologische Wand läuft, werden wir exponenzielles Wachstum sehen.

Euro am Sonntag: Erwarten Sie, dass Second Life in Bezug auf den Handel mit realem Geld die Weiterentwicklung von Ebay und Amazon im 3D-Internet wird?

Castranova: Nein. Das Second-Life-Modell ist das Gleiche wie bei Amazon und Ebay. Die Menschen tauschen oder besser gesagt handeln untereinander mit Linden-Dollar, das ist ähnlich wie auf Ebay, oder sie kaufen direkt vom Second-Life-Inhaber Linden Labs. Das ist die Parallele zu Amazon.

Euro am Sonntag: Was ist das Missverständis bei der Euphorie um Second Life?

Castronova: Viele glauben, dass Second Life eine virtuelle Welt ist, in der sie leicht Millionen verdienen können. Es herrscht Goldgräberstimmung. Tatsächlich ist es eine wachsende und interessante Gemeinschaft, allerdings nur mit 20000 bis 40000 festen Bewohnern. Ich glaube, dass viele in ihrer Freizeit am Computer eher Abenteuerspiele spielen, statt Second Life zu erkunden. Ich frage mich, was ist der Unterhaltungswert bei Second Life? Freunde digitaler Computertechnik sind sicher begeistert, aber ich habe erhebliche Zweifel, dass auch viele normale Computernutzer Spaß haben.

Euro am Sonntag: Was passiert 2007?

Castronova: Second Life wird seine Marktführerschaft als Entwickler des dreidimensionalen Internets behaupten und dabei versuchen, die technischen Probleme, die sich aus dem schnellen Wachstum des Unternehmens ergeben, zu lösen.

Euro am Sonntag: Wird es durch offene Standards eine Vernetzung der verschiedenen virtuellen Welten geben?

Castronova: Es ist noch zu früh, um über eine universale 3D-Welt zu sprechen. Die Zukunft sind mehrere Welten und nicht eine große, in der die anderen integriert sind. Software-Firmen wie Multiverse erlauben es jedem, seine eigene Welt zu bauen.

Euro am Sonntag: Sie sagen, dass die wirtschaftlichen Mechanismen in der Welt von Online-Spielen denen in der Realität entsprechen. Gilt das auch für Second Life?

Castronova: Ja. Es ist eine Wirtschaft in Goldgräberstimmung mit viel Immobilienspekulation und großen Preisschwankungen. Beeinflusst wird das wirtschaftliche System jedoch nicht von der Tatsache, dass es eine künstliche Welt ist, sondern davon, dass es in Second Life Millionen Touristen, aber deutlich weniger Sesshafte gibt.

Euro am Sonntag: Wann nähert sich die Wirtschaft in Second Life der Realität?

Castronova: Ehrlich gesagt, ich glaube nie. Sonst würde jeder mit einem Textverarbeitungsprogramm und Internetanschluss ein berühmter Schriftsteller werden. In der Realität werden aber immer noch nur verhältnismäßig wenige Bücher von Millionen Menschen gelesen. Ich glaube, dass Modelle, die auf die Schaffung digitaler Inhalte ausgerichtet sind, nicht die Zukunft sind. Die meisten Menschen werden von künstlichen Welten angezogen, deren Sinn über Fantasie, das Gefühl für eine Mission und für Zugehörigkeit vermittelt wird.

Euro am Sonntag: Wann werden Konzerne wie Google oder Microsoft Second-Life-ähnliche Unternehmen kaufen oder eigene Plattformen entwickeln?

Castronova: Ich glaube nie. Ich bewundere Second Life und habe größten Respekt vor den Gründern, aber ich würde mein Geld lieber in Sony-Online oder Live-Technologien der Spielekonsole Xbox investieren.

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Oskar

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