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ESSAY | Anlegerschutz/Börsengehandelte Indexfonds
28.12.2007

Mehr Kostentransparenz, mehr Anlegerschutz – das sind die wesentlichen Ziele der MiFID-Richtlinie der EU-Kommission. Gastautor Götz Kirchhoff zeigt, dass die bei Privatanlegern noch wenig bekannten ETFs, also börsengehandelte Indexfonds, schon lange zentrale Forderungen der EU-Richtlinie erfüllen.

MiFID – Finger in offene Wunden

Exklusiv für €uro am Sonntag: Gastautor Götz Kirchhoff

Viele Anleger haben sich bei der Wahl ihrer Finanzprodukte bislang wie beim Kauf eines Sport- oder Gelände­wagens verhalten. Sie haben mit der Aussicht auf ein leistungsstarkes Fahrzeug die hohen Kosten für Benzin und Versicherungen aus­geblendet. Mag der Fahrspaß bei einem neuen Auto über die hohen Kosten hinwegtrösten, gilt dies für die Geldanlage nicht. Denn die Kosten entscheiden hier maßgeblich über die langfristige Performance. Ein Beispiel: Zwei Aktienfonds erzielen beide die übliche Rendite von sieben Prozent jährlich, einer hat jedoch um einen Prozentpunkt ­geringere Kosten. Nach 15 Jahren hat sich der Wert des preiswerte­ren Fonds verdoppelt, der teurere braucht dagegen fünf Jahre länger.

Trotz ihrer zentralen Bedeutung stand die Kostenanalyse bislang nicht im Zentrum der meisten Anlageentscheidungen. Manage­mentgebühren, Ausgabeaufschläge und Handelskosten wurden vielmehr häufig unter den Tisch fallen gelassen und stattdessen vor allem mit historischen Performancedaten argumentiert. Der Grund: Anlageberater und Finanzgesellschaften haben über Provisionen, die sich hinter den Ausgabeaufschlägen verbergen, und Verwaltungskosten kräftig an den Anlageentscheidungen ihrer Kunden mitverdient. Dabei wurde häufig versäumt, den Kunden Klarheit über die Kosten der Anlage zu vermitteln oder gar kostengünstigere Alternativen aufzuzeigen.
Die Europäische Kommission hat hier angesetzt und ordnet mit der MiFID europaweit den Tätigkeitsrahmen für Kreditinstitute, ­Finanz- und Wertpapierdienstleister neu. Seit Anfang November ist die MiFID auch in Deutschland in Kraft. Ihr Hauptziel ist die Verbesserung des Anlegerschutzes.

Mehr Transparenz bei Kosten und Provisionen

Für Finanzunternehmen ergeben sich daraus neue Anforderungen bezüglich der Ausführung von Wertpapierdienstleistungen. Erstmals müssen sie die gesamten Kosten offenlegen, die einem Anleger durch ein Investment entstehen. Die Anlageberatung erhält dadurch eine völlig neue Qualität. Anleger sehen nun, in welcher Form und Höhe ihr Berater an ihrer Anlageentscheidung mitverdient. Es ist ein offenes Geheimnis: Je mehr der Vertrieb an einem Produkt verdienen kann, umso eher wird er dieses auch verkaufen. Bestes Beispiel hierfür sind Lebensversicherungen. Rund vier Millionen Verbraucher schließen in Deutschland pro Jahr eine Lebensversicherung ab. Doch nur jeder Fünfte hält tatsächlich bis zum Vertragsende durch. Zugespitzt bedeutet dies: Für vier Fünftel der Anleger war die Lebensversicherung das falsche Produkt. Denn die Verträge sind vor allem dann attraktiv, wenn sie bis zum Ende gehalten werden. Verständlicher wird die Überversorgung der Deutschen, blickt man auf die attraktive Provisionierung. Etwa vier Prozent der gesamten Vertragssumme, in der Regel sind das ein paar Tausend Euro, fließen via Zillmerung sofort nach Vertragsabschluss an den Vermittler. Auch bei Aktienfonds wird über Ausgabeaufschläge von rund fünf Prozent kräftig mitverdient.
Bei den kostengünstigen ETFs verdient der Vertrieb dagegen nicht mit. Die Indextracker werden ohne Ausgabeaufschlag verkauft. Die Folge: ETFs spielen bislang allein in der Anlageberatung von Hono­rarberatern eine wichtige Rolle. Die­se können sich aufgrund der gezahlten Honorare unabhängig von möglichen Provisionen auf die besten Lösungen für die jeweilige Kundensituation konzentrieren. Hier punkten die ETFs. Statt eines Ausgabeaufschlags wird beim Kauf der Indexfonds ein Spread, also ein geringer Aufschlag zum Verkaufspreis fällig. Dieser liegt in der Regel bei weniger als 0,5 Prozent und damit deutlich unter den gängigen Ausgabeaufschlägen. Dabei überzeugen die Indexfonds auch durch geringe Verwaltungsgebühren, die über alle Asset-Klassen nur 0,09 bis 0,74 Prozent beträgt. Im Vergleich: Bei aktiven Fondsmanagern werden durchschnittlich 1,5 Prozent fällig.

Best Execution ist nicht mehr nur Kür

Ein zweiter wichtiger Gesichtspunkt der MiFID ist die Forderung nach der für den Kunden besten Ausführung eines Wertpapiergeschäfts, der sogenannten Best Execution. Diese wird unter anderem an den Kriterien Wahrscheinlichkeit und Schnelligkeit der Ausführung gemessen. Auch hier bieten ETFs im Vergleich zu aktiv gemanagten Produkten klare Vorteile. Aufgrund ihres Handels über die Börse lassen sich die Index­tracker jederzeit börsenaktuell handeln. Dabei werden die meisten Orders von iShares Fonds etwa über die elektronische Handelsplatt­form Xetra der Deutschen Börse innerhalb von 30 Sekunden ausgeführt. Für den Kunden bedeutet dies: Er hat volle Transparenz über den eigentlichen Kaufpreis der Fondsanteile und muss lediglich die Kursschwankungen von weniger als 30 Sekunden als Unbekannte mit einkalkulieren.
Dazu kann er sich beim Kauf der Fondsanteile am mindestens alle 60 Sekunden von der Deutschen Börse berechneten indikativen Nettoinventarwert (iNAV) des ETF orientieren. Zum Vergleich: Bei einem herkömmlichen Investmentfonds erfolgt die Berechnung des iNAV und die Ausgabe der Fonds­anteile dagegen nur einmal täglich.
Der Handel mit Investmentfonds ist von den Regelungen der MiFID ausgeschlossen. Der An­leger muss also die – im schlechten Fall – steigenden Kurse eines vollen Tages in seiner Anlageentscheidung mittragen, ohne dies beeinflussen zu können. Die Kosten, die aus der Zeitverzögerung zwischen Anlageentscheidung und Orderausführung entstehen, finden bei institutionellen Anlegern schon länger Beachtung. Denn unbestritten ist: Wer flexibel Orders aus­führt und entsprechend schnell auf Marktentwicklungen reagiert, kann ein Renditeplus heraus­holen.

Die ETF-Order wird in jedem Fall ausgeführt

Wie schneiden ETFs nun bei der Wahrscheinlichkeit der Ausführung einer Order ab? Auch hier ­können die Indexfonds den Vorteil ihrer Börsennotierung ausspielen. Market Maker – in der Regel sind dies Großbanken – stellen sicher, dass unabhängig von den Börsenumsätzen in den Fonds beständig enge Spreads gestellt und auch größere Ordervolumen gehandelt werden können. Für Privatanleger bedeutet dies: Ihre Order wird zu den Handelszeiten der Börse in jedem Fall ausgeführt. Welche Bedeutung es hat, seine Order in jedem Fall ausführen zu können, zeigt sich vor allem bei Krisen an den Finanzmärkten. Mit ETFs können Anleger selbst dann auf die Marktbewegungen reagieren.
Innovative Produkte wie ETFs erfüllen die Kernforderung der ­MiFID nach transparenten Kosten und einer bestmöglichen Ausführung der Kundenorder schon lange. Bislang scheiterten ETFs häufig an mangelnden Anreizen für den Vertrieb. Dies sollte im Sinne der ­MiFID jedoch keine Rolle mehr spielen, sondern das Kundeninte­resse etwa an den günstigen Produkten im Vordergrund stehen. An den Anlegern ist es nun, die sich aus MiFID ergebenden Chancen zu nutzen und in der Beratung auf die Einhaltung der Richtlinie zu achten, etwa Transparenz bei den Kosten einzufordern. ETFs werden damit auch vermehrt eine Chance bei Privatkunden erhalten und diese ähnlich überzeugen wie institutionelle Investoren.

Vita Götz Kirchhoff

Götz Kirchhoff ist Vorstandssprecher und CIO der Barclays Global Investors (Deutschland) AG.


Betriebswirt Götz Kirchhoff begann seine Karriere bei der Stadtsparkasse Hannover. Es folgten Stationen bei der HypoVereinsbank und als Geschäftsführer der Allfonds Bayerische Kapitalanlagegesellschaft, München (Pio­neer Investments Kapital­anlagegesellschaft mbH).

Barclays Global Investors (BGI) ist einer der größten Asset-Manager der Welt. BGI betreut über 2900 institutionelle Kunden und verwaltet rund 1,5 Billionen Euro Anlagegelder. Das Unternehmen ist mit seiner ­iShares-Produktfamilie weltweiter Marktführer bei börsengehandelten Indexfonds (Exchange Traded Funds, ETFs). In iShares ETFs verwaltet BGI rund 260 Milliarden Euro.

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