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Fidelity-Kolumne
Behavioural Finance - Der Anker-Effekt
05.06.2012 15:19:47

Stellen Sie sich vor, Sie möchten auf einem Markt einen handgewebten Teppich erwerben und der Standbesitzer beginnt die Verhandlungen mit einem lächerlich hohen Preis.

von Andreas Feiden, Geschäftsführer Fidelity für das Privatkundengeschäft in Deutschland

Sie wissen, dass der Preis zu hoch ist und Sie ihn nach unten drücken müssen, aber Ihr Gehirn muss erst noch den genannten Startpreis verarbeiten, egal, wie abstrus er ist.

Natürlich hofft der Standbesitzer, dass Sie den Startpreis nicht zu sehr drücken, so dass Sie immer noch mehr bezahlen, als der Artikel wert ist. Das ist ein alltägliches Beispiel für eine unserer häufigsten Schwächen bei der Entscheidungsfindung: unsere Tendenz, uns angesichts der Ungewissheit an oft irrelevanten Zahlen zu verankern.

Bei der Geldanlage sind Zahlen – und somit potenzielle Ankerpunkte – allgegenwärtig. Aktienkurse, Wachstumsraten oder Indexstände bieten viel Gelegenheit zum Ankern. Deshalb ist dieses Phänomen eine der häufigsten kognitiven Fallen, in die Anleger regelmäßig tappen. Obwohl bekannt ist, dass der Mensch die Zukunft nur ziemlich schlecht vorhersagen kann, demonstriert die Fülle an Finanzprognosen, die täglich veröffentlicht wird, dass eine falsche Prognose uns kaum davon abhält, die Hellseherei weiter zu versuchen.

Prognosen im Hinblick auf die Aktienkurse, das Wirtschaftswachstum oder die Verbrauchernachfrage sind ausnahmslos in der gegenwärtigen Situation verankert – kombiniert mit einer Analyse der vorherrschenden Trends. Während diese Prognosen ein intuitiver, gut gemeinter und oft fundierter Versuch sind, Zukunftstrends vorherzusagen, basieren sie unweigerlich auf Vermutungen. Die negativen Auswirkungen des Ankerns werden durch andere Verhaltensmuster noch verstärkt, wie beispielsweise späte Einsicht, übermäßiges Selbstvertrauen und ein schädliches Festhalten an „narrativen Trugschlüssen“. Letzteres ist in der Verhaltensökonomie ein immer wiederkehrendes Thema – in diesem Fall hat derjenige, der die Prognose stellt, im Wesentlichen einer Geschichte Glauben geschenkt, die die Prognosen zu rechtfertigen scheint.

Das Problem ist nur: Es ist nicht sicher, ob die erwartete Entwicklung wirklich eintrifft – und die Geschichte selbst vereinfacht üblicherweise die Tatsachen stark. Überall werden unserem Weltverständnis Erzählungen auferlegt, sei es die Vergangenheit, die Gegenwart oder die Zukunft betreffend. Sie lassen uns die Welt in einer vereinfachten Weise wahrnehmen – eine Welt, die viel chaotischer ist, als wir uns vorstellen können. Bestseller-Autor Nassim Nicholas Taleb erklärt dieses Konzept in seinen Büchern „Narren des Zufalls: Die verborgene Rolle des Glücks an den Finanzmärkten und im Rest des Lebens“ und „Der schwarze Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse“.

Bei Prognosen ist das Ankern eine bewusste „annähernde Schätzung“, und Investmentexperten sind sich der Fallstricke durchaus bewusst. Gefährlicher ist das unterbewusste Ankern in irrelevanten Zahlen, das viele Anleger aus der Spur wirft. Warum also fungiert das Kursniveau, zu dem eine Aktie gekauft wurde, als Anker für künftige Entscheidungen – auch dann, wenn sich das Anlageumfeld erheblich geändert hat?


Andreas Feiden

Am besorgniserregendsten ist die Tatsache, dass der Anker-Effekt selbst dann eintritt, wenn sich Anleger der Irrelevanz der ihnen vorgelegten Informationen bewusst sind. Ein klassisches Beispiel: Ein Allgemeinwissenstest unter Studenten mit der Frage „Wie viel Prozent der Vereinten Nationen machen afrikanische Länder aus?“. Vor Beantwortung der Frage wurde im Beisein der Teilnehmer ein Glücksrad gedreht, das aber nur zwei mögliche Ergebnisse präsentierte: 10 oder 65. Der Mittelwert der Antworten der Gruppe, bei der das Rad bei 10 stoppte, war 25. Der Mittelwert der Antworten der Gruppe, bei der das Rad bei 65 stoppte, lag bei 45. Das ist der sichere Beweis dafür, dass unser Gehirn uns ausspielt und sich nicht nur in Zahlen mit fragwürdiger Relevanz verankert, sondern sogar an Zahlen festhält, die eindeutig irrelevant sind.

Bei der Geldanlage ist das Phänomen des Ankerns allgegenwärtig. Viele Anleger klammern sich an die aktuellen Börsenkurse als Bewertungsindikator für künftige Aktienpreise. Das ist äußerst gefährlich, da sich die Kurse im Nachhinein als über- oder unterbewertet herausstellen können. Sie stellen lediglich die aktuelle Marktbewertung dar, die den echten oder inneren Wert eines Unternehmens widerspiegelt – oder auch nicht.

Wie sollten Anleger also mit dem Anker-Effekt umgehen, wenn alles darauf hindeutet, dass er eintritt? James Montier, einer der führenden Autoren zum Thema verhaltenswissenschaftliches Investieren, macht einen interessanten und praktischen Vorschlag: Anleger sollten den Anker-Effekt bereitwillig annehmen (da sie ihm sowieso ausgesetzt sind), sich aber an etwas Sinnvollem festhalten, das für eine Prognose aussagekräftig ist, und zwar an Dividenden.

Während Gewinne durch eine Vielzahl komplizierter Buchhaltungsvorgänge manipuliert werden können, ist das mit Dividenden nicht möglich. Sie dienen als präziser Indikator für die finanzielle Stabilität eines Unternehmens. Dividendenrenditen ermöglichen Investoren, den Preis im Verhältnis zum Wert zu verstehen. Eine Anlage in Dividendentitel wurde schon immer als attraktive Anlagemöglichkeit für geduldige Langzeit-Investoren angesehen. Auf Basis der neuesten verhaltenswissenschaftlichen Erkenntnisse sind Dividendenstrategien aber durchaus auch für diejenigen reizvoll, die typische psychologische Fallstricke bei der Geldanlage umgehen möchten.

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