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Jetzt neu: Ökonomenbarometer im Oktober
Ökonomen-Barometer stürzt ab
16.10.2008 10:15:00

Deutschland droht nach Einschätzung führender Volkswirte ein schwerer Konjunktureinbruch. Das geht aus dem aktuellen Ökonomen-Barometer von €uro am Sonntag und dem Nachrichtensender n-tv hervor.

von Thomas Schmidtutz

Demnach ist die Erwartung für die wirtschaftliche Entwicklung auf Sicht von zwölf Monaten im Oktober um 29 Prozent auf nur noch 24,4 Punkte abgestürzt. Das ist der bislang stärkste Rückgang seit Einführung des Ökonomen-Barometers im Dezember 2006 und zugleich ein neuer Tiefstand. Auch die Einschätzung der aktuellen Lage hat sich zuletzt erheblich verschlechtert. Mit einem Minus von fünf Punkten auf einen Indexstand von 38,2 notiert der Wert ebenfalls auf dem niedrigsten Stand seit Dezember 2006.

Hauptgrund für den stark gestiegenen Pessimismus ist die dramatische Ausweitung der Finanzkrise. Zuletzt hatte die Angst vor einer Kernschmelze des Finanzsystems sowie die grassierende Rezessionsfurcht weltweit zu einem Ausverkauf an den Aktienmärkten geführt.

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Kurzfristig ist nach Einschätzung der Mehrheit der Ökonomen keine Beruhigung in Sicht. So erklärten 70 Prozent der befragten Volkswirte, bis Januar werde die Lage an den Finanzmärkten angespannt bleiben. Auf Sicht von sechs Monaten hellt sich das Stimmungsbild jedoch auf. Danach erwarten 61 Prozent der Experten, dass sich die Situation an den Finanzmärkten bis zum April entspannen wird. Immerhin 35 Prozent glauben dagegen, dass die Situation bis zum Frühjahr gespannt bleiben wird. „In einem halben Jahr stehen die Jahresabschlüsse 2008. Die Bilanzen sollten dann bereinigt sein und die Lage nach außen transparent“, erklärte Boris Augurzky vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI).

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Allerdings warnten zahlreiche Volkswirte vor allzu großen Erwartungen. „Das Vertrauen der Anleger ist derart zerstört, dass es zunächst eines konjunkturellen Aufschwungs der Realwirtschaft bedarf, um die Anleger wieder Mut fassen zu lassen“, sagte Professor Thomas Straubhaar vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI). „Wir erwarten einen langsamen Aufschwung ab dem Sommer 2009. Erst danach wird sich der Finanzmarkt entspannen.“

Das Rettungspaket für die Banken trifft auf geteilte Ansicht. Vier von fünf befragten Volkswirten begrüßten etwa die staatliche Garantie für Sparer. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte zur Beruhigung der Märkte die auf 20.000 Euro begrenzte Einlagensicherung auf sämtliche Spar- und Termineinlagen sowie Giro­konten ausgeweitet. Dies soll verhindern, dass verängstigte Sparer die Banken stürmen, ihre Einlagen abziehen und die Krise damit erheblich verschärfen. „Der Vertrauensverlust gegenüber den Banken ist enorm und wird durch die Medien verstärkt“, erklärte Dirk Althoff von CortalConsors. „Nur durch diese Maßnahme (die Garantie, Anmerk. d. Red.) wird die Stabilität des Finanzsystems gewährleistet.“ Ähnlich sieht dies auch Professor Klaus Röder von der Uni Regensburg: „Es gab keine Alternative“, sagt er.

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Dagegen ist die Meinung zur geplanten Änderung der Bilanzierungsregeln geteilt. Nach den Plänen der EU dürfen bestimmte Wertpapiere künftig im Anlagevermögen gebucht werden. Dort sind Abschreibungen nur fällig, wenn es Anzeichen dafür gibt, dass der Schuldner ausfällt. Bislang müssen die Wertpapiere im Handelsbestand zu Marktpreisen gebucht werden. Da der Markt für viele Papiere praktisch vollständig eingetrocknet ist, lassen sich jedoch keine Preise mehr er­mitteln.

Daher drohten vielen Banken massive Abschreibungen, die dann bei anderen Kreditinstituten weitere Wertberichtigungen nach sich gezogen hätten. Dem tritt die EU nun entgegen. 40 Prozent der Volkswirte halten ein solches Vorgehen für richtig, 44 Prozent lehnen eine Änderung der Bilanzierungsregeln indes ab. „Die Bewertung zu Marktpreisen wirkt prozyklisch und verstärkt damit die Krise“, so der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer. Allerdings dürfe die neue Lösung nur für eine Übergangszeit in Kraft sein, mahnen viele Fachleute: „Danach müssen schnell wieder schärfere Vor­schriften gelten“, fordert der Chefvolks­wirt der DZ Bank, Hans Jäckel.

Angesichts des absehbaren Konjunkturabschwungs plädiert mit 63,2 Prozent die Mehrheit der Volkswirte für eine Zinssenkung durch die Europäische Zentralbank. „Da die Kapazitätsauslastung kräftiger sinken wird als bisher angenommen und der Inflationsdruck nachlässt, hat die EZB inzwischen Spielraum für Zinssenkungen“, erklärte der Präsident des RWI, Professor Christoph Schmidt. Ähnlich argumentieren auch andere Volkswirte. Die EZB solle den Leitzins zügig auf 3,0 Prozent senken, fordert etwa Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Bank of Amerika. Derzeit notiert er bei 3,75 Prozent.

Für das Ökonomen-Barometer wurden vom 7. bis zum 15. Oktober über 300 Volkswirte in Banken, Forschungsinstituten, Universitäten und führenden Wirtschaftsverbänden befragt.

Klicken Sie hier, um die ausführlichen Antworten der Volkswirte einzusehen. (pdf-Datei)

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Oskar

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