€uro am Sonntag Spezial

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Neu: Ökonomenbarometer
Volkswirte sehen keine Entwarnung
14.03.2008 12:30:43

Das Ökonomenbarometer von €uro am Sonntag hat den im Sommer 2007 eingeleiteten Abwärtstrend im neunten Monat in Folge fortgesetzt, allerdings in abgeschwächter Form.

von Wolfgang Ehrensberger

Der Index für die Beurteilung der aktuellen Entwicklung ist um 1,5 Punkte auf 55,9 (Februar: 57,4) Punkte zurückgegangen. Die Erwartungen an die kommenden zwölf Monate reduzierten sich um knapp einen Punkt auf 46,7 (Februar: 47,6). Das ergab die Befragung der führenden Volkswirte in Deutschland für den März. Beobachter halten es für verfrüht, aus dem moderate-ren Rückgang schon auf eine baldige Trendwende zu schließen.

Das gilt im Übrigen auch für den in der vergangenen Woche veröffentlichten Konjunkturindikator des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim. Der ZEW-Indikator reflektiert ebenfalls die Erwartungen der kommenden Monate und hat sich im März zum zweiten Mal in Folge verbessert.
Marktbeobachter wollen aber selbst darin noch keine Trendwende erkennen, allenfalls eine Art „Bodenbildung“. Eine solche Interpretation lässt auch das Konjunkturbarometer des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zu, das für das erste Quartal ein relativ robustes Wirtschaftswachstum von 0,5 Prozent signalisiert. Die Deutsche Bundesbank sieht die deutsche Wirtschaft grundsätzlich in ziemlich solider Verfassung, weist aber auf zunehmende Konjunkturrisiken als Folge der Finanzkrise hin.

Ziemlich eindeutig beurteilen die Ökonomen die Frage, welche Folgen eine Zusammenarbeit der SPD mit der Partei Die Linke für den Wirtschaftsstandort Deutschland hätte: Über 80 Prozent der Befragten befürchten Verschlechterungen in den Bereichen Investitionen, Wachstum und Steuern, aber auch bei der Beschäftigung. Dabei werden die Effekte einer Zusammenarbeit auf Bundesebene wesentlich gravierender eingestuft als auf Landesebene wie etwa in Hessen. „Die Linke bringt die alten Exzesse der Umverteilungsgesellschaft zurück in eine Welt, in der die unteren Lohngruppen Deutschlands mit China und Indien konkurrieren und Deutschland zugleich Schwierigkeiten hat, gut ausgebildete Arbeitskräfte im internationalen Wettbewerb im Land zu halten“, sagt beispielsweise Professor Jürgen von Hagen von der Uni Bonn. Die linken Forderungen nach einem umfassenden Mindestlohn und einer Rücknahme der Hartz-Reformen würden die Beschäftigungsgewinne der letzten beiden Jahre wieder zunichte machen, sagt Professor Lutz Arnold von der Universität Regensburg.

Friedrich Heinemann vom ZEW glaubt, dass auch eine Links-Regierung durch die Realitäten zu Abstrichen von ihrer Ideologie gezwungen wäre und „am Ende grandios schei-tert.“ Auf dem Weg dorthin verliere Deutschland jedoch wertvolle Jahre, die angesichts des demografi­schen Wandels nicht verloren gehen dürften. Bei den Stromversorgern halten die Ökonomen die Ausgliederung der Netze in eine privatwirtschaftlich organisierte Netz-AG grundsätzlich für sinnvoll. Einen entsprechenden Vorschlag hatte der Versorger E.on vor einigen Tagen gemacht. Im Schnitt rechnen die Ökonomen dabei mit Preissenkungen von etwa sieben Prozent. Allerdings hänge der Effekt vor allem von der Durchsetzungs­fähigkeit der Bundesnetzagentur und dem Marktzugang weiterer Wettbewerber ab. Andere Ökonomen rechnen unabhängig von einer solchen Entflechtung grundsätzlich mit steigenden Energiepreisen.

Dass die Bundesregierung auf ­einen möglichen Abschwung fiskalpolitisch reagieren sollte, lehnen die meisten Ökonomen zumindest kurzfristig ab. „Aktionismus bringt nichts, weder in die eine noch in die andere Richtung“, sagt Professor Ulrich van Suntum von der Uni Münster und rät: „Am Konsolidierungskurs festhalten.“ Citigroup-Chefvolks­wirt Jürgen Michels warnt davor, „das fiskalische Füllhorn auszuschütten“. Stattdessen sollte „lieber an einer effizienteren Ausgabenpolitik gearbeitet werden, die auf Investitionen in Bildung setzt“. Antizyklische Fiskalpolitik sei nicht angesagt, so Professor Wolf Schäfer von der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg. „Aber eine Steuersenkung ist ohnehin angebracht, um die Staatsquote via Ausgabensenkung zu reduzieren.“ Dies, so ergänzt Bank-of-America-Chefvolkswirt Holger Schmieding, sei auch das einzige Konjunkturprogramm, das langfristig die Standortqualität und damit die Wachstumsaussichten stärke.

Für das Ökonomen-Barometer wurden vom 5. bis 13. März über 300 Volkswirte in Banken, Forschungsinstituten, Universitäten und Wirtschaftsverbänden befragt. Die Umfrage ist damit der größte Stimmungsindikator der Branche.

Die Fragen an die Experten lauteten diesmal:

FRAGE 1

Beobachter halten eine Annäherung der SPD an die Partei die Linke nicht nur ni Hessen, sondern auch auf Bundesebene für möglich. Welche Folgen hätte eine solche Zusammenarbeit auf Regierungsebene für den Wirtschaftsstandort Deutschland hinsichtlich Investitionsbereitschaft, Beschäftigung, Wirtschaftswachstum (BIP) und Steuerbelastung?

FRAGE 2

E.ON hat vor wenigen Tagen seine Hochspannungsnetze zum Verkauf gestellt und plant inzwischen offenbar auch die Gründung einer privatwirtschaftlich organisierten Netz AG, in die andere Versorger ihre Netze einbringen können und die auch weiteren Investoren offenstehen soll. Welche Folgen hätte eine solche Trennung für den Strompreis, sofern sich auch andere große Anbieter diesem Beispiel anschließen würden?

Klicken Sie hier, um die ausführlichen Antworten der Volkswirte einzusehen.

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Oskar

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