19.10.2011 10:45 | Aktuell

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STAATSVERSCHULDUNG

„Deshalb habe ich dem Staat mein Geld geschenkt“

Der renommierte Literaturprofessor Jochen Hörisch will Staatsschulden mit privatem Geld tilgen. Ein Gespräch über Verwunderung, Verantwortung, Ideologien und Irrtümer

Das Interview führte €uro-Redakteur Mario Müller-Dofel

€uro: Herr Hörisch, Deutschland hat zwei Billionen Euro Staatsschulden - und Sie plädieren allen Ernstes dafür, dass wir Bürger diese gigantische Summe mit privaten Mitteln tilgen. Wie kommen Sie auf so etwas?
Jochen Hörisch:
Ich befasse mich seit 30 Jahren mit der Rolle des Geldes in der Literatur und habe dadurch einiges über Ökonomie lernen dürfen. Die auslösende Lektüre war für mich jedoch der Roman „Königliche Hoheit“ von Thomas Mann. Der ist zwar schon 1909 erschienen, aber wegen der Schuldenkrise in den Industrieländern hochaktuell.

Und welchen Gegenwartsbezug hat dieser über 100 Jahre alte Roman?
Hörisch:
In dem Roman geht ein deutscher Kleinstaat pleite. Doch dann kommt ein Retter in Gestalt des reichen Geschäftsmanns Samuel Spoelmann, der privates Vermögen in diesen Staat investiert. Letztlich verdienen alle – und eben auch Spoelmann selbst – prächtig daran, weil die Wirtschaft wieder prosperiert.

Aber das Buch ist Fiktion – und Ihr Plädoyer realitätsfern.
Hörisch:
Wenn Sie meinen, dass eine Staatschuldentilgung durch die Bürger nur eine spinnerte Idee eines Literaturwissenschaftlers ist, sage ich: Das ist die beste Idee zur friedlichen Lösung der Schuldenkrise, zumal sie schmerzarm ist im Vergleich zu den Alternativen.

Die da wären?
Hörisch:
Hohe Inflationsraten zum Beispiel, um die Schulden zu entwerten. Dabei würde allerdings viel Vermögen vernichtet. Oder der Staat senkt seine Ausgaben radikal. Dadurch würde die Wirtschaft geschwächt und viele Menschen verarmen. Dem wiederum würden soziale Verwerfungen folgen. Die Warnungen weitsichtiger Soziologen, die auch die deutsche Demokratie in Gefahr sehen, werden zu recht lauter. Oder es gibt einen radikalen Schuldenschnitt mit einem Kollaps des Finanzsektors.

Können Sie uns Ihr Tilgungsmodell einmal vorrechnen?
Hörisch:
Ganz grob: Hierzulande gibt es an die zehn Billionen Euro liquides Vermögen. Da sind Immobilien, Kunstsammlungen oder Autos nicht einbezogen, sondern nur Kontoguthaben, Sichteinlagen, Bundesschatzbriefe und Aktien. Unsere zwei Billionen Euro Staatsschulden entsprechen also rund 20 Prozent des liquiden Privatvermögens. Überwiesen die Bürger zur Tilgung 20 Prozent ihres liquiden Vermögens, wäre der Staat entschuldet. Allein der Bund könnte dann 50 Milliarden Euro an jährlichen Zinszahlungen sparen, dieses Geld in Wirtschaft und Soziales investieren sowie die Steuern senken. Das wäre ein gutes Geschäft für alle.

Einfach 20 Prozent des privaten Vermögens abgeben? Das kann auch wehtun.
Hörisch:
Leider wird gemeinhin ignoriert, dass Schulden der öffentlichen Hand immer auch Guthaben in privater Hand sind. Aber um Ihnen die Überwindung zu erleichtern: Man könnte die Staatsschuldentilgung beispielsweise auch über zehn Jahre strecken. Das hieße, wer ein 100000-Euro-Depot hat, würde monatlich 166 Euro abzahlen. Das wäre für die meisten Menschen hier und in anderen Wohlstandsländern finanziell überhaupt kein Problem.

Auf der nächsten Seite lesen Sie, wie viel Geld Jochen Hörisch an das Finanzministerium zur Staatsschuldentilgung überwiesen hat und wie die Tilgung funktioniert, fall Sie es ihm nachtun wollen.

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