22.04.2008 | Euro Archivbericht | Ausgabe 05/08

Senden

Das große Schweigen

Der Stadtstaat wirbt mit dem angeblich strengsten Bankgeheimnis der Welt. Deutsche Anleger lassen sich immer öfter locken

Die asiatische Sauber-Metropole gibt sich in diesen Tagen betont entspannt. Zwar drohen beim achtlosen Wegwerfen von Zigarettenkippen, Bonbonpapier oder Papiertaschentüchern weiterhin Bußgelder zwischen 250 und 500 Euro. Doch das legendäre Kaugummi-Verbot – noch bis Mitte 2006 mit bis zu 500 Euro bestraft – ist passé. Auch sonst will der als Spaßbremse verrufene Stadtstaat Singapur lockerer werden – zumindest in puncto Freizeitvergnügen.

Denn wer um die Mittagszeit – und zwölf Stunden später noch einmal – über den Raffles Place schreitet und am nahe gelegenen Boat Quai den Singapur River entlang flaniert, gewinnt den Eindruck: Die Banker der Löwenstadt schlafen nie. Hell erleuchtet präsentiert sich nachts die Armee von Wolkenkratzern rund um den Park, der nach dem Gründer der Stadt, Thomas Stamford Raffles, benannt ist. „In der Singapurer Bankenbranche wird immer gearbeitet“, bestätigt Tom Häusler, Rechtsanwalt in Singapur. „Ob Filialgeschäft, Investment- oder Private Banking – die nationalen und internationalen Banken bieten jeden Service. Rund um die Uhr, in allen wichtigen Sprachen.“ Private Geldanlagen in Singapur lassen sich mittlerweile von Deutschland aus verwalten wie bei der Sparkasse um die Ecke.

Die neue Lockerheit der politisch Verantwortlichen stößt an ihre Grenzen, sobald Singapur in der öffentlichen Diskussion als „Steueroase mit dem strengsten Bankgeheimnis weltweit“ subsumiert wird. „Unsere Republik ist keine Fluchtburg für Kapital“, knurrte kürzlich Singapurs Außenminister George Yeo, 53, beim Besuch seines deutschen Amtskollegen Frank-Walter Steinmeier, 52, SPD, „sondern ein Niedrigsteuerland“.

Moderner Moneten-Magnet

Dass Yeo sein Land zurzeit wie ein Löwe verteidigt, hat Gründe: Singapur ist als begehrter außereuropäischer Finanzplatz Nutznießer der Steuerskandale von Liechtenstein. Der prominenteste ertappte Steuersünder, Klaus Zumwinkel, hatte nach Erkenntnissen der Fahnder wohl selbst geplant, einen Teil seiner Gelder in den Stadtstaat zu verlagern. Auch ohne den geschassten Post-Chef als Neukunden laufen die Geschäfte glänzend für die Banken der 4,5 Millionen-City.

Einen Bargeld-Ansturm deutscher Bankkunden wird es jedoch nicht geben. Wer mit umgerechnet mehr als 30 000 Singapur-Dollar einreist, muss bereits im Flugzeug einen sogenannten „Physical Currency and Bearer Negotiable Instruments Report“ ausfüllen und die mitgeführten Gelder offiziell deklarieren. Die internationalen Geldwäsche-Bestimmungen werden von Singapur strikt eingehalten. Die Banken prüfen penibel, aus welchen Quellen das Bargeld eines Klienten stammt. Für größere Summen kommt daher nur der Überweisungsweg infrage, der in der Bundesrepublik eine Papier-Spur hinterlassen würde. Gelder deutscher Bankkunden kommen deshalb meist über Schweizer Konten ins Land.


Singapurs Regierungschef Lee Hsien Loong

Wer sein Konto einmal in Singapur eingerichtet und sein Vermögen transferiert hat, schneidet den deutschen Fiskus von Informationen ab. Ein Datenaustausch zwischen Europa und dem Stadtstaat findet nicht statt. Auch die vor Ort präsenten deutschen Institute machen beim „großem Schweigen“ keine Ausnahme. Auf Anfrage von €uro war keiner der neun Niederlassungsleiter bereit, öffentlich Auskünfte über seine Dienstleistungen in Sachen Vermögensverwaltung zu geben.

Das Bankensystem Singapurs ist nicht von ungefähr eine Spur „Swiss made“: Der amtierende Premierminister Lee Hsien Loong stand von 1998 bis 2004 der Singapurer Monetary Authority vor – der Aufsichts- und Regulierungsbehörde für den Finanzdienstleistungssektor.

Unter seiner Führung wurden Arbeitsgruppen gebildet, die engen Kontakt zu eidgenössischen Instituten unterhielten. So entstand ein banken- und investorenfreundliches Finanzsystem – inklusive eines gesetzlich verankerten Bankgeheimnisses, das strenger ist als der Kundendatenschutz in der Schweiz. Seit 2001 umfasst die Geheimhaltungspflicht sämtliche Informationen, die ein Bankangestellter im Zuge seiner beruflichen Tätigkeit erhält – in erster Linie die Namen der Bankkunden.

Das Strafmaß für einen Verstoß ist hoch: „Fängt ein Banker das Singen an, muss er mit einer Geldstrafe bis zu 125000 Singapur-Dollar (knapp 58000 Euro) oder mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren rechnen“ sagt Singapur-Experte Joerg Hansen. Und wer von den Haftbedingungen in Singapurs berüchtigter Justizvollzugsanstalt im Stadtteil „Changi“ nur die leiseste Ahnung hat, wird sich hier wohlweislich an Recht und Gesetz halten. Der Nimbus des „strengsten Bankgeheimnisses der Welt“ ist dennoch keine Garantie, dass es in Singapur nicht doch zu einem Datenklau nach liechtensteinischem Muster kommen könnte – falls ein Bankangestellter dem Lockruf des Geldes erliegt.

„Die örtlichen Finanzbeamten vermuten aber hinter einem ausländischen Konto grundsätzlich keinen potenziellen Steuerhinterzieher“, sagt Singapur-Experte Häusler. Der Clou: Ein Schwarzgeldkonto in der Schweiz oder Liechtenstein ist in Singapur völlig legal, weil nur vor Ort erwirtschaftete Einkünfte steuerpflichtig sind. Ausländische Quellen sind den Finanzbehörden hier egal. Daher ist es für sie kaum möglich, Kunden herauszufischen, die Steuern aus ausländischen Quellen hinterziehen. Das liberale Steuersystem macht Singapur als Wohnsitz für Millionäre und Milliardäre immer attraktiver. Eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten Ausländer, die mindestens fünf Millionen Singapur-Dollar (etwa 2,3 Millionen Euro) anlegen und über ein Gesamtvermögen von 20 Millionen Singapur-Dollar verfügen (knapp 9,3 Millionen Euro).

Umzugs-Service für Superreiche

Die Formalitäten übernehmen die Banken, die den Behörden auch das notwendige Vermögen nachweisen. Die Umzugshilfe wird dankend angenommen: Nach Erhebungen des Capgemini World Wealth Report stieg die Zahl der Millionäre und Milliardäre in Singapur vergangenes Jahr um 21,2 Prozent – geschätzte 67000 Superreiche sind inzwischen als Einwohner gemeldet.Wie viele schwarze Schafe darunter sind, weiß niemand: Eine Durchbrechung des Singapurer Bankgeheimnisses wegen des Verdachts auf Steuerbetrug im Ausland hat es bislang noch nie gegeben. Die zuständigen Behörden in Singapur ermitteln und leisten Rechtshilfe in der Regel nur, wenn die einem Rechtshilfeersuchen zugrunde liegende Steuerstraftat auch eine Umgehung singapurischer Abgabenpflichten einschließt. Da ausländische Geldanleger in Singapur aber keiner Steuerpflicht unterliegen, ist die Aufdeckung von Schwarzgeldkonten faktisch ausgeschlossen.

Der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ist dieser Zirkelschluss schon seit mehr als sechs Jahren ein Dorn im Auge. Mithilfe eines Musterübereinkommens über einen effektiven Austausch von Informationen in Steuersachen („agreement for effective exchange of information in tax matters“) versucht die OECD seit 2002, „steuerneutrale“ Finanzplätze wie die Schweiz, Liechtenstein und Luxemburg zu mehr Auskunft zu bewegen – meist vergeblich.

Mit der asiatischen Metropole probiert sie es erst gar nicht. „Singapur ist kein OECD-Mitglied und daher entsprechend resistent gegen die Bemühungen der Organisation, den internationalen Steuertourismus zu unterbinden“, sagt Bernhard Weber von der Anwaltskanzlei International Legal Consultants. Damit nicht genug: Der Stadtstaat wird in den kommenden Jahren stark von den schlechter werdenden Rahmenbedingungen der europäischen Finanzplätze profitieren. Nicht nur, weil es in Singapur keine 35-prozentige EU-Pauschalsteuer gibt, die Auslandsanleger in Europa ab 2011 auf Zinserträge entrichten müssen. Spätestens dann könnte – mangels internationalen Konkurrenzdrucks – auch im Bankenviertel die neue Lockerheit Einzug halten, die auf den Boulevards Singapurs schon spürbar ist.


Auch Landesbanken machen Geschäfte im Stadtstaat

Neue Niederlassungen
Deutsche Institute wollen davon profitieren, dass der Finanzplatz Singapur in der Steuerdebatte Europas der lachende Dritte sein könnte. Mit neuen Niederlassungen im asiatischen Stadtstaat versuchen sie, am Boom der Vermögensverwaltung teilzuhaben. Singapurs Regierungschef Lee Hsien Loong muss sich auf wachsenden Druck aus der EU gefasst machen, wird aber sein Bankgeheimnis hartnäckig zu verteidigen wissen.

Begehrte Banker
Der Boom des Finanzplatzes sorgt auch für Mangel: „Der Markt für qualifiziertes Bankenpersonal ist leer gefegt“, sagt Singapur-Experte Joerg Hansen. Die eidgenössischen und deutschen Institute suchen zurzeit händeringend qualifizierte Mitarbeiter für ihre Singapur-Niederlassungen – nicht zuletzt, um die zu erwartenden Vermögensverlagerungen im Zuge der „neuen deutschen Steuerfahndungs-Welle“ in den Griff zu bekommen.

Verschwiegene Institute
Angesichts der schwelenden politischen Diskussion zu den Themen Steuerehrlichkeit und Bankgeheimnis sind deutsche Institute nicht sonderlich erpicht darauf, ihre Singapur-Dienstleistungen in der Öffentlichkeit breitzutreten. Potenzielle Interessenten werden von Bankern allenfalls im persönlichen Beratungsgespräch auf die Möglichkeit und die Vorteile einer Vermögensverlagerung in den Stadtstaat hingewiesen. €uro recherchierte bei den Finanzbehörden vor Ort und fand im Register der „Monetary Authority of Singapore“ die komplette Liste deutscher Banken (siehe Tabelle) und der vollständigen Adressenliste.


Anton-Rudolf Götzenberger

Online Brokerage über finanzen.net

Das Beste aus zwei Welten: Handeln Sie für nur 5 Euro Orderprovision* pro Trade unmittelbar aus der Informationswelt von finanzen.net!
Zur klassischen Ansicht wechseln
Kontakt - Impressum - Werben - Pressemehr anzeigen
Top News
Beliebte Suchen
DAX 30
Öl
Euro US-Dollar
Bitcoin
Goldpreis
Meistgesucht
Apple Inc.865985
Netflix Inc.552484
TeslaA1CX3T
Facebook Inc.A1JWVX
Alphabet A (ex Google)A14Y6F
Intel Corp.855681
TwitterA1W6XZ
GoProA1XE7G
Steinhoff International N.V.A14XB9
Deutsche Bank AG514000
Daimler AG710000
EVOTEC AG566480
Volkswagen (VW) AG Vz.766403
Amazon906866
Allianz840400