22.04.2008 | Euro Archivbericht | Ausgabe 05/08

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Fondsdamental-Teilchen

Das Angebot an kostengünstigen Indexfonds wächst ständig. Man muß sie nur zusammenstellen zu wissen. Vier Vorschläge von Experten

Ums Motiv geht es gar nicht. Ob Eiffelturm, Brandenburger Tor oder eine Herde Mustangs in der Prärie – der Beginn jedes Puzzle-Spiels ist ein großer Berg aus Einzelteilen. Genau 313 sind es derzeit, die deutsche Indexfonds-Anleger zu einem Gesamtbild zusammensetzen können. 313 Exchange Traded Funds (ETFs), die, an der Börse gekauft, die Wertentwicklung eines festgelegten Index verfolgen und vielleicht ein schönes Depot ergeben.

Offenbar macht das Spaß. Und der ist nicht einmal teuer. So tragen die von der Redaktion für die vier Depots auf den folgenden Seiten ausgewählten ETFs eine Kostenpauschale pro Jahr zwischen 0,1 und 0,85 Prozent. Zum Vergleich: Aktive Aktienfonds verlangen teilweise mehr als zwei Prozent. Aber nicht allein deshalb hat die Zahl der Puzzle-Spieler in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen. „Es gibt einfach sehr wenige aktive Fondsmanager, die langfristig besser abschneiden als der Index“, erklärt Jörg Bohn, Geschäftsführer und Anlagestratege der Artus Direct Invest, den neuen Spieltrieb. Deshalb setzt die Vermögensverwaltung, die im vergangenen Jahr den Depot-Contest dieses Magazins gewonnen hat, fast ausschließlich ETFs ein.

In der Tat schneidet die Masse der aktiven Fonds im Vergleich eher mies ab. Zwischen 1984 und 2006 gab es nur vier Jahre, in denen mehr als die Hälfte der aktiven Manager besser war als der US-Leitindex S&P 500. Und Manager, die gleich mehrere Jahre hintereinander besser abschneiden als der Vergleichs­index, sind rarer als Torjäger bei Arminia Bielefeld.

Also puzzeln

Doch zu welchem Gesamtbild sich ein ETF-Depot zusammenfügt wird, muss der Anleger selbst bestimmen. Vorsichtig sein sollte er allemal. Ein China-ETF schwächt nicht die Kursstürze an der Hongkonger Börse ab, das ist auch nicht seine Aufgabe. Ebenso wenig schichtet der Geldmarkt-ETF Kapital in den Aktienmarkt um, wenn dort die Kurse wieder in die Höhe schießen. Indexfonds sind schlicht Werkzeuge, die ihre Aufgabe erfüllen.

Ganz grundsätzlich kommen vier Depots infrage: Ziel eines Sicherheits-Depots wäre der reine Kapitalerhalt. Das Bärendepot würde sogar von sinkenden Aktienkursen profitieren. Dagegen ist das Bullendepot voll auf einen neuerlichen Aufschwung ausgerichtet. Das Trenddepot wiederum profitiert vor allem von langfristigen Anlagethemen. Markus Kaiser, Fondsmanager des ersten ETF-Dachfonds, zeigt, dass Indexinvestments auch in einem Bärenmarkt funktionieren. Auf Basis seines Trendfolgemodells verzeichnet er in diesem Jahr ein Minus von nur 3,7 Prozent. Aktuell agiert er sehr vorsichtig. „Die größte Position im Fonds stellt derzeit ein Geldmarkt-ETF“, sagt Experte Kaiser.

Mit dem Lyxor-ETF, der die Performance des europäischen Geldmarktsatzes EONIA liefert, befindet sich auch ein Geldmarktprodukt im Sicherheits-Depot. Der EONIA ist ein Durchschnittswert für die Zinsrate, die europäische Banken für kurzfristige Kredite untereinander bezahlen. Er schwankt derzeit zwischen 4,0 und 4,2 Prozent. Wobei die Rate in den vergangenen Monaten immer dann anstieg, wenn schlechte Nachrichten aus dem Finanzsektor für Angst vor einer Verschärfung der Kreditkrise sorgten.

Von einer ganz anderen Angst profitiert der db x-trackers ETF Global Inflation Linked Bonds: der Furcht vor steigenden Preisen. Der ETF bildet die Wertentwicklung eines weltweiten Korbes von inflationsgeschützten Staatspapieren ab. Diese tragen einen relativ niedrigen Zinskupon, der um die offizielle Inflationsrate aufgestockt wird. Derzeit spricht vieles für weitere Steigerungen bei dieser Kennzahl. Denn starke Zinssenkungen der US-Notenbank haben den Druck auf die europäische Zentralbank erhöht. Sollte der Dollar weiter gegenüber dem Euro fallen und konjunkturelle Bremsspuren in der Eurozone nach sich ziehen, kommen die Zentralbanker in Frankfurt wohl kaum um eine ž ž Zinssenkung herum. Die Weiterführung der Politik des billigen Geldes aber dürfte die Inflationsängste weiter schüren.Pfandbriefe wirken dagegen fasr langweilig. Die meist von Banken begebenen Anleihen sind zu 100 Prozent mit den Immobilien der emittierenden Bank besichert – evaluiert mit nur 60 Prozent des Marktwertes. Wegen dieser extrem konservativen Bewertung haben deutsche Pfandbriefe schon viele Krisen unbeschadet überstanden.

Bärige Fonds

Dass die aktuelle Krise noch lange nicht ausgestanden ist, lassen auch Anleihenkurse erkennen. Schon in der Vergangenheit waren sie ein guter Indikator für mittel- und langfristige Trends. Seit dem Jahreswechsel haben die Kurse von Anleihen mit schlechtem Rating stark nachgegeben. Auf dem aktuellen Niveau deuten sie darauf hin, dass die Zahl der Unternehmenspleiten in nächster Zeit deutlich höher liegen wird als in den vergangenen Jahren. Wer deshalb mit weiter fallenden Aktienkursen in den kommenden Monaten rechnet, findet im Haufen der ETF-Puzzles interessante Fonds-Stücke, die fallende Kurse in positive Performance verwandeln könnten. Die Short-ETFs im Bärendepot auf den DAX und den S&P 500 spiegeln die Entwicklung der Leitindizes mit einem negativen Vorzeichen wieder. Ein Tagesverlust von einem Prozent beim DAX lässt den ETF um ein Prozent steigen.

Für mutige Anleger hat db x-trackers vor Kurzem mehrere Short-ETFs auf einzelne Branchen des europäischen Index DJ Stoxx herausgebracht. Der Bankensektor hat zwar in den vergangenen neun Monaten arge Kursverluste hinnehmen müssen. Aber die große Unsicherheit der Investoren über weitere Abschreibungen und die Auswirkungen der Kreditkrise auf das Geschäft der Banken ist kaum ein Argument für eine Trendwende. Alle Short-ETFs bieten Anlegern neben der negativen Performance des jeweiligen Index zusätzlich eine jährliche Verzinsung in Höhe des doppelten Geldmarktsatzes EONIA.

Deshalb kommen die Short-Varianten auch bei den ETF-Fondsmanagern gut an. Sowohl Markus Kaiser als auch Jörg Bohn setzen diese Fonds taktisch ein, sollten ihre Trendfolgemodelle eine Verlängerung des Bärenmarkts signalisieren. Auch bei den Auswahlkriterien für die ETFs sind sich beide einig. Sie achten vor allem auf das Handelsvolumen der Fonds. Je größer der Umsatz, desto niedriger ist gemeinhin der Unterschied zwischen An- und Verkaufskurs, der sogenannte Spread. Zwar fallen bei ETFs keine Ausgabeaufschläge an. Beim Kauf über die Börse kommen Investoren aber nicht um den Spread herum. Deswegen setzen Bohn und Kaiser fast ausschließlich auf ETFs der drei größten Anbieter in Deutschland: iShares, Lyxor und db x-trackers, die 2007 auch mit den meisten neuen Fonds auf den Markt kamen.

Das Bullendepot

Die breite Palette an Sektor-ETFs der drei Gesellschaften hat Kaiser in diesem Jahr bereits genutzt, um kurzfristig auf Trends zu reagieren: mit einem Engagement in europäische Immobilienaktien und börsennotierte Immobilien-Holdings (Reits). Diese Branche wurde als Erste von der steigenden Risikoaversion auf den Aktienmärkten erfasst. Seit Anfang 2007 befinden sich Immobilienwerte weltweit im Sinkflug. Doch mittlerweile sind die Bewertungen vieler europäischer Unternehmen auf einem Niveau, dass gegen weitere Kursrückschläge absichern sollte. Teilweise notieren die Aktien 15 bis 20 Prozent unter dem Wert der Immobilien, die die Unternehmen halten. Mit -3,1 Prozent im Jahr 2008 ist der DJ Stoxx Index für Immobilienaktien einer der besten Teilindizes des Stoxx 600 (-12,4 Prozent). Sollte sich die Stimmung an der Börse drehen, werden niedrige Bewertungsniveaus die Anleger anziehen. Optimisten finden im Bullen-Depot aber noch weitere günstige Bewertungen.

Anders als bei den Banken wird das operative Geschäft der Assekuranz von der Finanzkrise kaum in Mitleidenschaft gezogen. Zu groß ist der Impuls, sich auch weiterhin gegen Risiken abzusichern. Dennoch sind die Kurse vieler Versicherer in der Sippenhaft der Finanzbranche stark gefallen und deshalb jetzt auf einem attraktiven Niveau. So weist das französische Schwergewicht AXA eine Dividendenrendite von 5,3 Prozent auf. Bei einem Trendwechsel an der Börse werden solche Kennzahlen für Investoren wichtig. Mutigere Anleger schauen auf der Suche nach den Chancen des Börseneinbruchs über den Tellerrand Europas hi­naus. Der iShares DJ China Offshore 50 etwa spiegelt die Wertentwicklung der größten chinesischen Unternehmen, die in Hongkong oder den USA notiert sind. Damit setzen Anleger auf Gesellschaften, deren Standards in der Rechnungslegung verlässlicher sind als bei ausschließlich in Shanghai gelisteten Unternehmen.

Der China-ETF ist fraglos eine Wette auf eine baldige Erholung der Kurse in Fernost. Zwar konnten sich auch die Schwellenländer den Turbulenzen an den etablierten Märkten seit Ende 2007 nicht entziehen. Doch die Volkswirtschaft Chinas ist wohl robust genug, um einem ernsten Abschwung in den USA widerstehen zu können. Die Wachstums­prognosen sind weiter sehr gut, Investitionen in Infrastruktur und der anziehende Konsum können eine Verringerung der Exporte in die USA bisher auffangen. In diesem Wachstumsszenario scheinen die Bewertungen nach dem Kurseinbruch weiterhin attraktiv.

Folge den Trends

Unabhängig vom kurzfristigen Börsenszenario, das ohnehin viel von der Stimmung und wenig von fundamentalen Zahlen beeinflusst wird, spielen ETFs vor allem im langfristigen Vermögensaufbau ihren Kostenvorteil gegenüber aktiven Fonds aus. Bei den gängigen Leitindizes der etablierten Märkte liegen die jährlichen Gebühren bei maximal 0,7 Prozent. Mit sehr breit gestreuten Indizes wie dem MSCI World können Anleger an der langfristigen Steigerung der weltweiten Marktkapitalisierung teilnehmen. Wer die hohe Quote an US-Aktien im MSCI World von rund 50 Prozent vermeiden möchte, kann sein Puzzle mit Teilen aus USA (MSCI USA), Europa (DJ Stoxx 600) und Japan (Topix) mit den passenden ETFs zusammensetzen. Neben den Basis­investments in die großen Weltindizes bieten sich für langfristig orientierte Anleger die Trendthemen Schwellenländer, Rohstoffe und Umweltschutz/Erneuerbare Energien an.

Beim Schwellenländer-Indexfonds MSCI Emerging Markets kommen die größten Unternehmen aus Brasilien (17 Prozent), Südkorea (17 Prozent), Taiwan (13 Prozent), Russland (12 Prozent), China (11 Prozent) und Indien (9 Prozent). Für 0,7 Prozent erhalten Anleger das gesamte Schwellenland-Universum in einem Fonds, der die Erträge wieder anlegt. Die Lyxor-Fonds bilden die Wertentwicklung der weltweit größten Erzeuger Erneuerbarer Energien beziehungsweise Wasserversorger/-aufbereiter ab. Die beiden Rohstoff-ETFs unterscheiden sich in der Gewichtung von Öl, Metallen und Agrarrohstoffen. Im Gegensatz zum harmlosen Puzzlespiel ist allerdings ein ETF-Depot niemals fertig. Die Zahl der Indexfonds am Markt erhöht sich im Wochentakt, der Berg der Einzelteile wird ständig aufgefüllt. Der Gewinner der Vielfalt ist der Investor.


„Das größte Hindernis ist der Provisionsvertrieb“

Deborah Fuhr beobachtet für die Investmentbank Morgan Stanley den globalen ETF-Markt. Im Interview mit €uro verrät sie, wie professionelle Investoren ETFs einsetzen, welche neuen Produkte kommen und wie sie selbst investiert

€uro: Die Anzahl der angebotenen ETFs wächst rasant. Welche neuen Produkte sind in der Planung?
Fuhr: Die Anbieter planen mehr Produkte zu den Themen Schwellenländer, Themenindizes, Rohstoffe und strukturierte Fonds mit Hebel oder Short-Variante. Einige wollen sogar aktiv gemanagte ETFs starten.

€uro: Warum legen institutionelle Investoren immer mehr Geld in börsennotierte Indexfonds an?
Fuhr: Dafür gibt es einige gute Gründe. Zum einen ist es sehr schwierig, Fonds-manager zu finden, die konstant besser sind als der Vergleichsindex. Zum anderen suchen immer mehr Investoren eine günstige Methode, die Entwicklung eines Marktindex abzubilden, um damit die taktische Vermögensverteilung, die Sektor-Rotation oder andere Strategien umzusetzen. Außerdem finden institutionelle Investoren die geringen Stückgrößen und niedrige Mindesteinlagen attraktiv.


Deborah Fuhr

€uro: Können Kleinanleger die Strategien der Großanleger nachbilden?
Fuhr: Wir sehen, dass Privatinvestoren mit einem großen Vermögen und der nötigen Expertise bereits ETFs für Strategien nutzen, die ursprünglich aus dem institutionellen Bereich kommen.

€uro: Trotzdem ist der Betrag, den deutsche Privatanleger in Indexfonds investiert haben, immer noch gering, verglichen mit dem Betrag, der in aktiven Fonds steckt. Woran liegt das?
Bender: Zum einen sind sich viele Kleinanleger nicht bewusst, dass es mittlerweile ein so großes Angebot gibt. Das größte Hindernis aber ist die Anreizstruktur im Vertrieb. Bei herkömmlichen Fonds verdient der Vermittler sehr gut an der Einmalzahlung beim Kauf und jährlichen Gebühren. Bei ETFs fällt nur die Börsengebühr an, wie beim Kauf von Aktien.

€uro: Auf was sollten Privatinvestoren bei der Auswahl eines ETFs achten?
Fuhr: Sie sollten sich den Index, in den sie investieren, genau ansehen und, wie bei jedem Investment, den Prospekt des ETFs lesen, bevor sie kaufen.

€uro: Morgan Stanley bietet auch aktive Fonds an. Wie passt das zu Ihrer Philosophie der Markteffizienz und der Tatsache, dass so wenige Manager den Markt schlagen?
Fuhr: Diese Frage stellen Sie am besten den Kollegen von Morgan Stanley Investment Management.

€uro: Wie investieren Sie privat?
Fuhr: Hauptsächlich über ETFs und einige Einzeltitel. Die Aktie von Morgan Stanley zum Beispiel.


Lucas Vogel

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