22.04.2008 | Euro Archivbericht | Ausgabe 05/08

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Großes Mädchen

Es geht um Mord und Totschlag. Und den Überlebenskampf in der Games-Branche. Strahlende Heldin ist eine Frau, die alles andere als Gewaltfantasien auslöst

Schwarzblaue Haare, Rehaugen, schmales Gesicht und die strahlendsten Zähne seit Tom Cruise – Jade Raymond wäre ein perfekter Cast für das nächste Bond-Girl. Auch ihr Lächeln passt nach Hollywood: etwas zu breit und ein wenig zu künstlich. Ihr Beruf und ihre Leidenschaft aber gehören eher in unaufgeräumte Hinterzimmer, die Kaliforniens Sonne niemals sehen. Sie sei ein „Geek“, sagt sie. Eine Computerbesessene. Die 33-jährige Kanadierin entwickelt Videospiele. Große Sachen. Für ihr jüngstes Projekt, „Assassin’s Creed“, kommandierte sie 300 Angestellte des weltweit drittgrößten Games-Herstellers Ubisoft . Das Spiel, in dem man einen Untergrundkämpfer der ismailitischen Assassinen-Sekte durch den Nahen Osten zur Zeit der Kreuzritter steuert, ist eines der aufwendigsten der letzten Jahre. Soeben ist es endlich für den PC erschienen – in einer Fassung, die fast doppelt so lang ist wie die für Xbox und PS3. Zeitgleich kommt eine Version für die Minikonsole Nintendo DS auf den Markt. „Assassin’s Creed“ ist in diesen Tagen das ganz heiße Thema der Szene.


Jade Raymond

Normalerweise werden die Gamer vorab mit Stills im Internet auf ein neues Spiel neugierig gemacht. Diesmal war das anders. Diesmal wurde die Stimmung mit Bildern der Entwicklerin hochgekocht. Auf Youtube kursieren über 200 Videos der schönen Jade, Fans haben Seiten über sie eingerichtet. Und der Tenor überall: Endlich hat die Spielewelt einen richtigen Star.

Das wird auch Zeit. Immerhin könnte die Branche bald den klassischen Kinofilm an die Wand spielen. 2007 erzielte sie in Deutschland 21 Prozent mehr Umsatz als im Vorjahr. Genauer: 1,3 Milliarden Euro für 50 Millionen verkaufte Spiele. Die annähernd ausschließlich von Männern entwickelt und gespielt werden. „Alle fragen mich, wie es ist in der Szene als Frau“, berichtet Raymond. „Das nervt.“ Eines schätzt sie aber doch: „Zu mir kommen oft Mädchen, denen es Mut macht, dass es mich gibt.“ Sie ist eine, die schon im zarten Alter von acht Roboter programmierte. Als das Mädchen aus Montreal von einem Cousin den legendären Heimcomputer Apple II geschenkt bekam, war es endgültig um sie geschehen. „Ich wurde ein Computerfreak.“ Später studierte sie trockenes Code-Schreiben in C++ und Java. Entwickelte kleine Spiele für Sony, unter anderem eine Adaption der Gameshow „Jeopardy“. Und stieg zur Managerin auf. Vor fünf Jahren ging sie nach Kalifornien zu Electronic Arts und Will Wright, dem Erfinder der „Sims“. Große Projekte, und doch reizlos für die Hardcore-Spielerin: „Ich wollte Action.“ Die kam erst mit „Assassin’s Creed“. Ubisoft holte sie als Producerin an die Spitze seines besten Teams – ein Traumjob. Aber einer, der dringend ein Erfolg werden musste.

Zwei Jahre lang kursierte das Gerücht, Ubisoft stehe kurz vor der Übernahme durch den Branchengoliath Electronic Arts. Das ist jetzt vom Tisch – so sehr hat sich der französische Konzern dank „Assassin’s Creed“ erholt. Schon die Konsolen-Versionen verkauften sich über sechs Millionen Mal. Ubisoft kündigte für das dritte Quartal des laufenden Geschäftsjahrs einen Umsatz von 450 Millionen Euro an, 44 Prozent mehr als im Vorjahr. Electronic Arts (EA) versucht sein Glück derweil anderweitig: Ubisofts schwer angeschlagener US-Rivale Take Two soll jetzt übernommen werden.

Ohnehin wird die Games-Branche derzeit kräftig durcheinandergewirbelt. EA ist nach dem Zusammenschluss von Activision und Vivendi im Dezember nicht mehr die Nummer 1 der Spielewelt. Selbst Experten grübeln, was das bedeutet. Sicher ist, dass nur große Erfolge den Branchenteilnehmern das Überleben sichern. Wie „Assassin’s Creed“.

Anders als die Filmstudios Hollywoods machen die Konzerne der Games-Branche ein großes Geheimnis um ihre Budgets. Für „Assassin’s Creed“ schätzen es Insider auf mindestens 13 Millionen Euro. Raymond hat mit drei Jahren für die Entwicklung ungewöhnlich lang gebraucht und dabei den Etat wohl noch mal um die Hälfte überzogen. Trotzdem dürfte das Spiel schon jetzt mindestens das Fünffache an Umsatz erwirtschaftet haben.


Jade Raymond mit Entwicklungsteam

Dabei mangelt es in der Szene nicht an Kritik an dem Topseller. Es wiederhole sich zu viel, wird genörgelt, und das Spiel verlasse sich zu sehr auf seine Grafik. Die allerdings, muss man entgegenhalten, ist einzigartig. In drei historisch nachempfundenen Städten, darunter Jerusalem, ist der Spieler von Passanten und Bewohnern umgeben, deren Gespräche er im Vorbeigehen aufschnappt. Das gibt ein neues virtuelles Weltgefühl, das „Assassin’s Creed“ zum Hit macht.

Raymond aber gibt sich immun gegen Ruhm. Es gehe ihr um Logik und Aufbau, sagt sie: „Die Mechanik eines Spiels muss funktionieren. Egal ob bei einem Videospiel oder dem Brettspiel ,Die Siedler von Catan‘.“

Ganz so harmlos ist ihr Game nicht. Wie die Hauptfigur einem Unschuldigen den Dolch in den Rücken sticht, ist kein schöner Anblick, aber eine der allerersten Szenen. Wie passt es da, dass sich Raymond – weil „jeder auch ehrenamtlich arbeiten sollte“ – für eine kanadische Organisation namens L.O.V.E. engagiert, die Kinder vor Gewalt in Medien schützen möchte? „Das eine hat mit dem anderen gar nichts zu tun“, wird Raymond auf einmal überraschend schroff. „In Videospielen gibt es nicht mehr Gewalt als in irgendwelchen anderen Medien.“

Lieber redet sie über ihre Truppe: „Ein großartiges Spiel schafft man nur, wenn sich jeder als wichtiger Part fühlt.“ Wie das Teambuilding bei Jade läuft, dürfte Gewerkschaftern die Tränen in die Augen treiben: Jeder Einfall, egal von wem, ist willkommen. Und so bleibt öfter ein Level Designer, ein Autor oder ein Programmierer über Nacht und probiert eine eigene Idee aus. Überzeugt sie, wird sie eingebaut. Jade entscheidet.

„Es ist großartig und richtig, eine attraktive und fähige Person so in den Vordergrund zu stellen“, erklärt Thomas Friedmann vom deutschen Entwicklerstudio Funatics („Die Siedler“). „Anders kommen wir nie von dem Image los, dass nur heranwachsende Männer spielen.“ Und auch Tom Putzki, Mitgründer von Phenomedia („Moorhuhn“) und eine der wichtigsten Integrationsfiguren der deutschen Games-Szene, ist glücklich: „Unsere Industrie hat leider keine Stars. Leute wie Jade sollten so bekannt werden wie ein guter Kinoregisseur.“ Der Vergleich kommt nicht von ungefähr: „Schließlich erreichen wir mit Games nicht viel weniger Menschen als die.“


Karriere mit Konsole

Jade Raymond wurde 1974 im kanadischen Montreal geboren und lernte schon in der Schule programmieren. Sie studierte Informatik, ging dann nach New York und San Francisco als Videospieleproduzentin – erst für Sony, dann für Electronic Arts. Seit 2004 arbeitete sie für Ubisoft in Montreal an „Assassin‘s Creed“. Raymond moderiert auch eine Spielesendung auf dem US-Satellitensender G4.


Mariella Bauer

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