22.04.2008 | Euro Archivbericht | Ausgabe 05/08

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"Können Sie unser Geld vor der Krise retten, Herr Weber?"

Aufregende Zeiten für den Chefbanker: Seit Beginn der Finanzkrise ist er im Dauereinsatz, die hohe Inflation macht ihm Sorgen, und außerdem steht ein Jubiläum vor der Tür

€uro: Herr Weber, täglich kommen neue Schreckensmeldungen aus der Finanzbranche. Nicht nur bei Banken, Hedgefonds und Anleiheversicherern gibt es Probleme, sondern sogar am soliden Pfandbriefmarkt. Erleben wir nur eine Finanzkrise oder den Anfang einer großen Wirtschaftskrise?
Axel Weber: Die Turbulenzen an den Finanzmärkten stellen eine ernste Belastungsprobe für das nationale und internationale Finanzsystem dar. Das globale Finanzsystem hat sich jedoch im Kern als widerstandsfähig gezeigt. Probleme für die Realwirtschaft kann es vor allem in den Ländern geben, in denen die Immobilienmärkte in den letzten Jahren geboomt haben, allen voran in den USA.

€uro: Und in Deutschland?
Weber: Mit Blick auf Deutschland bleibe ich zuversichtlich. Wir sind überraschend gut in das Jahr gestartet und ich sehe keine Veranlassung, maßgeblich von unserer Dezemberprojektion von 1,9 Prozent Wachstum (kalenderbereinigt 1,6 Prozent) nach unten abzuweichen. Der Aufschwung in Deutschland hält an, nur der Schwung lässt etwas nach.

€uro: Die Wirtschaft in Italien, Spanien, Griechenland und Irland spürt die Belastungen schon. Können sie sich noch verstärken?
Weber: Für einen Teil dieser Länder gilt, dass die nationalen Immobilienmärkte sich nach einer Boomphase abkühlen. Dies hat über die nachlassenden Bauaktivitäten Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft. Wir sollten aber nicht alles, was eventuell als Revisionsbedarf bei den Wachstumsprognosen entsteht, auf die Finanzmarktturbulenzen zurückführen. Denken Sie nur an die höheren Rohstoffpreise.


Axel Weber im Gespräch mit €uro-Redakteur Daniel Zwick


€uro: Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger hat gesagt: „Die kranken Banken werden rund um die Uhr von den staatlichen Notenbanken betreut, ähnlich wie die Patienten auf der Intensivstation. Die Eingriffe erfolgen so professionell, dass Anleger keine Angst um ihre Ersparnisse haben müssen.“ Können Sie unser Geld wirklich retten?
Weber: Die Guthaben bei Banken in Deutschland sind sicher. Wir haben sehr weitreichende Einlagensicherungssysteme. Für die Sparkassen und Genossenschaftsbanken greift das System der Institutssicherung, damit schützen sich diese Institute gegenseitig. Bei den Privatbanken besteht eine gesetzliche Mindestsicherung von bis zu 20 000 Euro je Anleger. Darüber hinaus sieht der Einlagensicherungsfonds der privaten Banken einen Schutz bis zur Höhe von 30 Prozent des maßgeblichen haftenden Eigenkapitals der jeweiligen Bank vor.

€uro: Und im Zweifelsfall gibt es noch die Zentralbank, die wie im Fall IKB und SachsenLB mit eingreift.
Weber: Die Bundesbank hat weder die IKB noch die SachsenLB finanziell unterstützt. Zu unseren Aufgaben als Zentralbank gehört es, die Banken durch kurzfristige Kredite gegen Sicherheiten mit der benötigten Liquidität zu versorgen. Der Zugang zu dieser Liquidität ist für die Banken in den letzten Monaten besonders wichtig gewesen, weil sie sich aus Mangel an gegenseitigem Vertrauen untereinander weniger Geld geliehen haben.

€uro: Viele Beobachter sagen, die Finanzmarktkrise hat damit zu tun, dass es zu viel Geld gab!
Weber: Es gab nicht zu viel Geld, sondern zu wenig Risikobewusstsein bei Banken und anderen Marktteilnehmern. Komplexe Finanzinstrumente und Verbriefungstechniken haben es den Banken ermöglicht, in steigendem Umfang Risiken aus den Bilanzen auszugliedern. Dies führte dazu, dass Kredite nicht immer mit hinreichender Risikoverantwortung ausgereicht wurden. Blindes Vertrauen in das Rating dieser Finanzprodukte sowie eine global zu beobachtende Jagd nach Rendite haben dieses Geschäftsgebaren zusätzlich verstärkt. Hinzu kam, dass langfristige Aktiva ohne entsprechendes Risikomanagement in kurzfristig refinanzierte Zweckgesellschaften ausgegliedert wurden.

€uro: Mit Liquidität hat das nichts zu tun?
Weber: Wir als Notenbank stellen Liquidität für den kurzfristigen Interbankenmarkt zur Verfügung. Dies ist generell die Grundlage für die Geschäfte der Banken. Die Kreditschöpfung der Banken vollzieht sich jedoch auf modernen Finanzmärkten in einem marktgetriebenen Prozess. So haben Banken ihre Anlagen über eine Vielzahl von Kreditmarktinstrumenten finanziert, teilweise mit einem hohen Anteil an Fremdkapital. Hier waren die Anreize oftmals falsch gesetzt und die Geschäftsmodelle vieler Finanzakteure nicht nachhaltig.

€uro: Wieso haben Sie nichts getan?
Weber: Solche Anreize sind mit dem üblichen Instrumentarium einer Notenbank nicht zu verhindern. Bei Finanzstabilitätsfragen hat die Bundesbank in den letzten Jahren regelmäßig die Gefahren einer zu starken Risikoneigung betont. Nehmen Sie den amerikanischen Subprime-Immobilienmarkt. Dort wurden die Risiken der Kreditvergabe an bonitätsschwache Kunden falsch eingeschätzt. Durch Kreditausfälle kam es zu Zwangsversteigerungen, die Häuserpreise tendierten weiter nach unten und es entwickelte sich eine negative Spirale...

€uro: ...die auf andere Märkte übergriff.
Weber: Mittlerweile sind etliche Segmente der strukturierten Finanzierungsmärkte betroffen. Das hat Schwachstellen im internationalen Finanzsystem offen gelegt, die lange Zeit durch die hohe Wachstumsdynamik dieser Märkte überdeckt wurden.

€uro: Haben Sie keine Angst, dass sich neue Blasen bilden, wenn die Zentralbank den Markt mit noch mehr Geld ruhig stellt?
Weber: Noch einmal: Die Liquiditätsoperationen der Notenbanken sind nicht Ursache einer Blasenbildung an den Finanzmärkten. Wir stellen kurzfristig Geld gegen sehr gute Sicherheiten zur Verfügung. Dies ist unser Beitrag, um die Geldmärkte im Euroraum funktionsfähig zu halten. Und noch eines: Wir haben den Bankensektor in den letzten Monaten per saldo nicht mit mehr Liquidität versorgt als in normaleren Zeiten. Wir haben diese Liquidität über die jeweiligen Mindestreserveperioden nur anders zeitlich verteilt: Mehr Liquidität zu Beginn und Entzug über Feinsteuerungsoperationen am Ende der Periode.

€uro: Das ändert sich aber! Die Euro-Zentralbanken bieten jetzt ein Refinanzierungsgeschäft über ein halbes Jahr an und die US-Notenbank Fed akzeptiert inzwischen wesentlich schwächere Sicherheiten als US-Staatsanleihen...
Weber: Wir haben in außergewöhnlichen Zeiten mit unseren gewöhnlichen bewährten Instrumenten den Geldmarkt flexibel gesteuert. Die Verspannungen im Fristenbereich des Geldmarkts haben ihre Ursachen in mangelndem Vertrauen. Daher versuchen wir mit unseren Refinanzierungsoperationen auch den längerfristigen Bereich zu bedienen, wie dies jetzt mit dem neuen 6-Monatsgeschäft geschieht. Das soll zur Marktberuhigung beitragen.

"Die Euro-Zentralbanken haben die Liquidität insgesamt nicht erhöht, sondern sie nur innerhalb der so genannten Mindestreserveperiode anders verteilt."

€uro: Es führt also nicht zu einer Ausweitung der Geldmenge?
Weber: Nein! Lassen Sie es mich noch einmal erklären, weil die Rede von Liquiditätsspritzen der Notenbanken in der Öffentlichkeit oft nicht verstanden wird: Die Euro-Zentralbanken haben die Liquidität insgesamt nicht erhöht, sondern sie nur innerhalb der so genannten Mindestreserveperiode anders verteilt. Was wir zu Beginn der monatlichen Periode mehr ausreichen, nehmen wir gegen Ende wieder aus den Märkten heraus. Das geänderte Zeitprofil gibt den Banken mehr Sicherheit, ihre Zahlungsverpflichtungen erfüllen zu können.

€uro: Uns verunsichern die Preise: Im März hatten wir 3,5 Prozent Inflation in der Eurozone und in Deutschland ist die Teuerung mit voraussichtlich 3,1 Prozent so hoch wie seit Jahren nicht mehr.
Weber: Die aktuellen Inflationsraten in Deutschland und im Euroraum sind besorgniserregend. Sie sind allerdings maßgeblich durch Energie- und Nahrungsmittelpreise getrieben. Für das Gesamtjahr 2008 ist abzusehen, dass die Inflation im Euroraum bei rund drei Prozent oder sogar darüber liegen wird. Dies ist deutlich über unserer Obergrenze für Preisstabilität von unter zwei Prozent. Das ist für eine stabilitätsorientierte Zentralbank ein sehr beunruhigendes Umfeld.

€uro: Was ist zu tun?
Weber: Wir glauben, dass unsere gegenwärtige geldpolitische Ausrichtung mit einem Leitzins von vier Prozent dazu beitragen wird, dass die mittel- bis langfristigen Inflationserwartungen stabilitätskonform verankert bleiben. Sollte es allerdings zu zusätzlichen Preisrisiken oder Zweitrundeneffekten kommen, müssen wir entschlossen gegensteuern.

€uro: Wollen Sie mit hohen Zinsen das Wirtschaftswachstum abwürgen?
Weber: Es ist unsere Aufgabe als Zentralbank, Preisstabilität zu gewährleisten, denn stabile Preise sind die beste Grundlage für ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum. Danach richten wir unsere Zinsentscheidungen. Die wirtschaftlichen Fundamentalfaktoren im Euroraum sind intakt, allerdings ist das Wachstumspotenzial zu niedrig. Gegen diese Schwäche helfen nicht zuletzt Strukturreformen. Solide Staatsfinanzen und niedrige Inflationsraten sind für nachhaltiges Wachstum eine notwendige, aber nicht hinreichende Voraussetzung. Die Politik muss auch ihren Beitrag leisten. Reformen können die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft steigern, die Arbeitsmärkte flexibilisieren, die Anreize für Investitionen und Erwerbstätigkeit erhöhen und letztlich längerfristiges Wachstum ermöglichen. Hier haben wir immer noch Handlungsbedarf.

€uro: Die Große Koalition bereitet sich indes eher auf den Wahlkampf vor, als weiter zu reformieren. Schmerzt Sie das?
Weber: Die Große Koalition sollte die Fortsetzung des eingeschlagenen Reformkurses nicht in Frage stellen. Mit Blick auf die Konsolidierung der Staatsfinanzen wurde schon einiges erreicht. Wir haben zum ersten Mal seit langem eine schwarze Null für den Gesamtstaat. Im Bund sind wir dagegen noch ein gutes Stück von einem ausgeglichenen Haushalt entfernt. Hier hat die Koalition zu Recht die Sanierung zu einem zentralen Ziel ihrer Arbeit gemacht. Wir bestärken sie darin, den steinigen Weg der Konsolidierung konsequent zu Ende zu gehen. Denn es gilt, die künftigen Generationen nicht übermäßig zu belasten. Es ist die Aufgabe von Bundesfinanzminister Steinbrück, den nicht gegenfinanzierten Ausgabenwünschen eine Absage zu erteilen. Aus meiner Sicht muss es die zentrale haushaltspolitische Aufgabe bleiben, bis 2011 einen ausgeglichenen Bundeshaushalt zu erreichen und die Solidität der Staatsfinanzen durch eine neue Haushaltsregel im Rahmen der Föderalismusreform abzusichern.



"Die bestehenden Haushaltsregeln haben sich als nicht genügend wirksam erwiesen."

€uro: Wieso sind Sie gegen ein Konjunkturprogramm in Deutschland?
Weber: Sowohl die derzeitige Lage als auch der Ausblick für Deutschland legen keinen expansiven fiskalpolitischen Impuls nahe. Sie nehmen doch auch keine Tabletten, wenn Sie keine Beschwerden haben! Der Staatshaushalt ist zudem durch die sinkenden Beitragssätze zur Arbeitslosenversicherung und die Unternehmenssteuerreform 2008 bereits expansiv ausgelegt und weist dadurch ein steigendes strukturelles Defizit auf. Strukturell ausgeglichene Staatsfinanzen sollten das Ziel bleiben, und gegebenenfalls sollten die finanzpolitischen automatischen Stabilisatoren wirken. Der Versuch einer aktiven staatlichen Konjunktursteuerung ist nicht zuletzt angesichts der in der Vergangenheit gemachten Erfahrungen wenig erfolgversprechend.

€uro: Was halten Sie vom Konzept einer gesetzlichen Schuldenbremse, das Finanzminister Steinbrück vorgeschlagen hat?
Weber: Wir unterstützen das Konzept grundsätzlich. Zur Absicherung der Haushaltskonsolidierung sind wirksame gesetzliche Regeln von entscheidender Bedeutung. Die bestehenden Haushaltsregeln haben sich als nicht genügend wirksam erwiesen. Entscheidend ist, dass wir eine effiziente strukturelle Schuldenbegrenzung bekommen, die eine gewisse Flexibilität insbesondere in Bezug auf das Wirken der automatischen Stabilisatoren zulässt.

"Die Wirtschaft im Euroraum ist nach wie vor robust, wächst zwar etwas weniger dynamisch als in den letzten Jahren"

€uro: Könnte die Bundesbank eine Rolle in einem Stabilitätsrat übernehmen?
Weber: Ich halte eine grundsätzliche Trennung von geld- und finanzpolitischer Verantwortung für sinnvoll. Daher sähe ich unseren Beitrag zu einem solchen Gremium eher darin, unsere Expertise einzubringen, wie wir dies etwa bei der Steuerschätzung machen. Die Bundesbank will in keine Schiedsrichterrolle für die Finanzpolitik gebracht werden. Wir beteiligen uns aber, wenn dies gewünscht wird, gerne auf Expertenebene.

€uro: Anders als die EZB versucht die US-Notenbank Fed die Wirtschaft durch niedrige Zinsen zu stimulieren. Ist es riskant, dass die beiden großen Zentralbanken derart auseinanderdriften?
Weber: Der Begriff des Auseinanderdriftens ist keine zutreffende Beschreibung der geldpolitischen Lage in den USA und Europa! Wir im Eurosystem und die Fed sehen uns unterschiedlichen ökonomischen Gegebenheiten gegenüber. Die Wirtschaft im Euroraum ist nach wie vor robust, wächst zwar etwas weniger dynamisch als in den letzten Jahren, aber immer noch in der Nähe des Wachstumspotenzials. In den USA könnte die Wirtschaft dagegen eine rezessive Phase durchmachen. Vor diesem Hintergrund muss jede Zentralbank das tun, was für ihren eigenen Währungsraum die angemessene Politik ist. Die unterschiedlichen geldpolitischen Entscheidungen sind durch die unterschiedlichen konjunkturellen Phasen bedingt, weniger durch eine unterschiedliche geldpolitische Grundorientierung.

€uro: Was mit den Wechselkursen passiert, ist für Sie nicht relevant?
Weber: Für uns Euro-Zentralbanken sind Wechselkurse keine Zielgröße, sondern eine wirtschaftliche Einflussgröße unter vielen für die Wirtschafts- und Inflationsdynamik. Bei unserem jüngsten Treffen der Finanzminister und Notebankchefs in Washington haben wir jedoch Besorgnis darüber zum Ausdruck gebracht, dass die jüngsten starken Schwankungen der Wechselkurse einen negativen Einfluss auf die wirtschaftliche und finanzielle Stabilität haben könnten.

€uro: Wenn die Preissteigerungsimpulse von außen kommen - welchen Einfluss hat dann die Zinspolitik noch auf die Inflation?
Weber: Mit der Frage verbunden ist die Einschätzung, dass die Geldpolitik nicht mehr so wirksam sein könnte, wie früher...

€uro: ...weil wir in einer globalisierten offenen Marktwirtschaft leben.
Weber: Sicherlich hat durch die Globalisierung der Wettbewerb zugenommen. Das hat aber nicht nur die Preise einiger Handelsgüter gedämpft, sondern auch zu einem sehr hohen Rohstoffpreisanstieg beigetragen. Die Nahrungsmittelpreise sind ebenfalls stark gestiegen. Man muss nicht nur auf die sinkenden Preise von Textilien und Elektrogeräten schauen, sondern auch auf die höheren Heizölrechnungen. Ich bin der festen Überzeugung, dass der globale Rückgang der Inflationsraten in den letzten zehn Jahren nicht der Globalisierung selbst geschuldet ist, sondern einer weltweit gestärkten Stabilitätsorientierung in der die Geldpolitik für stabiles Geld sorgt.

€uro: Als erste Opfer der Finanzkrise hat es ausgerechnet die deutsche IKB und die SachsenLB getroffen. Wieso hat die Bankaufsicht – auch die Bundesbank – diese Schieflagen nicht verhindern können?
Weber: Einige wenige deutsche Institute haben hohe Risiken in Verbriefungsgesellschaften gebündelt. Dabei sind insbesondere diejenigen Banken, die solche riskanten Strategien in erheblichem Maß in Relation zu ihrem Eigenkapital betrieben haben, in Schieflage geraten. Die Einführung der neuen Eigenkapitalvorschriften nach Basel II zu Beginn dieses Jahres hat den regulatorischen Rahmen deutlich verbessert. Und der aufsichtsrechtliche Rahmen ist enger geworden.

€uro: Können Sie mit den neuen Regeln ähnliche Probleme verhindern?
Weber: Mit den neuen Regeln sind die Anreizstrukturen für Banken anders gesetzt. Banken müssen nun ihre bilanziellen und außerbilanziellen Risiken bei der Bemessung ihrer Eigenkapitalausstattung und der Gesamtbank-Risikosteuerung genauer und angemessener berücksichtigen. Zum Beispiel mussten in Basel I Kreditzusagen, die zur Refinanzierung der Zweckgesellschaften gegeben wurden und Laufzeiten von unter einem Jahr hatten, nicht mit Eigenkapital unterlegt werden, in Basel II sind sie dagegen mit Kapital zu unterlegen.

€uro: Welche Schlussfolgerungen müssen aus der Krise für die Bankaufsicht und die Regulierung gezogen werden?
Weber: Einen großen Schritt haben wir schon mit dem Übergang zu Basel II vollzogen. Dennoch sollten wir überprüfen, ob hier eine Feinadjustierung notwendig ist, zum Beispiel im Bereich der bankaufsichtlichen Konsolidierung und der Behandlung von bislang nicht eigenkapitalunterlegungspflichtigen unverbindlichen Kreditzusagen. Es ist jetzt wichtig, dass Basel II weltweit, insbesondere auch in den USA, zeitnah angewandt wird. Für global agierende Banken, auch in Deutschland, ist es aus Wettbewerbs- und Stabilitätsgründen erstrebenswert, dass die neuen Regeln global symmetrisch angewandt werden. Es darf nicht zu Regulierungsarbitrage kommen. Über Basel II hinaus gibt es aber noch einige andere Baustellen, an denen Schwachstellen im globalen Finanzsystem offenkundig geworden sind. Wir haben hier auf der jüngsten Frühjahrstagung des IWF eine fruchtbare Diskussion gehabt. Auf der Basis eines Berichts des Financial Stability Forum haben wir eine ganze Reihe von Sofortmaßnahmen beschlossen. Insbesondere erscheinen mir Verbesserungen beim Liquiditätsmanagement der Banken, die Stärkung der Transparenz unter den Finanzmarktakteuren und die Anpassung der Anreizstrukturen im Verbriefungsgeschäft besonders wichtig.

€uro: Im Juni feiert das Eurosystem seinen zehnten Geburtstag, der Euro wird 2009 zehn Jahre alt. Zugleich entwickeln sich die Volkswirtschaften im Euroraum auseinander. Sehen Sie Gefahren für die Währungsunion?
Weber: Ich kann keine Gefahren erkennen. Unsere gemeinsame Währung ist eine stabile Währung geworden. Der Euro hat, sich in Europa fest etabliert und ist international neben dem Dollar zur wichtigsten Währung avanciert. Die Vision einer stabilen und anerkannten europäischen Währung ist Realität geworden! Die Inflationserwartungen sind trotz temporär erhöhter Preissteigerungsraten solide verankert. Dennoch gibt es gewisse Enttäuschungen für diejenigen, die wie ich und meine Kollegen im EZB-Rat, täglich für den Erfolg der Währungsunion arbeiten. Wir würden uns insbesondere wünschen, dass die Politik in allen Ländern des Euroraums gleichermaßen die Währungsunion unterstützt und durch eine stabilitätsorientiertere Fiskal- und Lohnpolitik flankiert.

€uro: Die Bundesbank verteidigt ihre Goldreserven eisern gegen politische Begehrlichkeiten. Besitzen Sie auch privat Gold?
Weber: Ich treffe aktiv keine Anlageentscheidungen, weil ich als Notenbanker über Insider-Informationen verfüge. Denn ich entscheide ja mit über das Zinsniveau. Meine Frau und ich haben ein Eigenheim, in das wir lange Zeit den größten Teil unserer Ersparnisse gesteckt haben. Gold besitzen wir nicht.

€uro: Herr Weber, vielen Dank für das Gespräch.


Das Gespräch führte €uro-Redakteur Daniel Zwick.


VITA Axel Weber wurde am 8. März 1957 im pfälzischen Kusel geboren. Er studierte Volkswirtschaft in Konstanz, promovierte und habilitierte sich an der Uni Siegen. Zwischen 1994 und 2004 lehrte er als Professor in Bonn, Frankfurt am Main und Köln. Im Jahr 2002 wurde er in den Sachverständigenrat der Bundesregierung berufen. Seit 2004 ist Axel Weber Präsident der Deutschen Bundesbank. Damit ist er der deutsche Vertreter im Rat der Europäischen Zentralbank (EZB), der über das Zinsniveau in der Eurozone entscheidet. Im Rat gilt er als Schwergewicht. Weber ist verheiratet und hat zwei Kinder

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