22.04.2008 | Euro Archivbericht | Ausgabe 05/08

Senden

Meister Changs digitale Welt

Ob Notebook, Handy oder Digitalkamera: Rund um den Globus geht (fast) nichts ohne Chips von Taiwan Semiconductor Manufacturing

Am 20. September 1999 scheint der Untergang Taiwans nahe. Die Erde zittert in den Grundfesten. 7,4 Punkte erreicht das Erdbeben im Zentrum des Inselstaats auf der nach oben offenen Richterskala. Gebäude stürzen ein. 2161 Menschen finden den Tod, knapp 9000 werden verletzt. Auch zwei Fabriken des Halbleiterherstellers Taiwan Semiconductor Manufacturing Company (TSMC) werden beschädigt, nichts geht mehr. TSMC-Chef Morris Chang aber lässt sich nicht erschüttern. Es vergehen nur zehn Tage, dann läuft die Produktion wieder an.

Zwei Jahre später wird das Unternehmen erneut heftig gebeutelt. Dieses Mal bebt die Wirtschaft. Der Crash der Technologiebörsen rund um den Globus Anfang des Jahrtausends trifft den weltgrößten Auftragsfertiger von elektronischen Chips hart. Denn weil vor der Krise die Nachfrage kaum zu bändigen war, hatte TSMC eifrig neue Produktionskapazitäten geschaffen. Fabriken mit hohen Fixkosten, die unabhängig davon anfallen, wie viele Chips gefertigt werden. Sinkt die produzierte Stückzahl, steigen die Kosten pro Stück spiegelbildlich an – und der Ertrag geht in den Keller. Die Konsequenz: Der Gewinn von TSMC bricht im Jahr 2001 um drei Viertel ein.

Aber auch jetzt hat Chang ein Rezept. Weiter investieren und das Geschäft konsequent auf Neuerungen ausrichten. Denn der heute 76-jährige Firmengründer ahnt: Wenn es uns schlecht geht, wird die Lage bei anderen Chipherstellern noch viel schlimmer sein. In der Tat: Die Fertigung eigener Chips ist wegen der durch die Krise gesunkenen Stückzahlen für immer weniger Hersteller rentabel. Folge: Sie suchen nach Möglichkeiten, die Fertigung auszulagern. Selbst Branchenriesen wie Intel oder AMD fertigen nicht mehr alle ihre Chips im eigenen Unternehmen.

Von diesem Trend profitiert TSMC bis heute. Das Geschäftsmodell: Ein Kunde, etwa der weltweit führende Grafikkartenhersteller Nvidia, entwickelt einen Chip. Anhand dieses Designs fertigen die Taiwanesen das elektronische Bauteil, um dessen Vertrieb sich wiederum der Kunde kümmert. Pikant: Auch Nvidias bedeutendster Konkurrent ATI lässt bei TSMC fertigen. Damit stecken Changs Chips in fast allen PCs oder Notebooks. Und nicht nur da: Auch in Navigationsgeräten, Mobiltelefonen oder Digitalkameras kommen die bei TSMC gefertigten Produkte zum Einsatz.

Vor allem ein Segment brummt derzeit gewaltig: Flashspeicher. Diese Chips speichern digitale Fotos ebenso wie Musikdateien in MP3-Playern. Und sie stecken in USB-Sticks. Die Flash-Technologie könnte sich sogar zur „Killerapplikation“ entwickeln, die nach Ansicht mancher Experten womöglich das Ende der ehrwürdigen Festplatte einläutet. Gleich zwei neue Werke für solche Chips will TSMC bis 2010 in Nordtaiwan errichten. Das erfordert viel Geld, „rund 3,5 Milliarden US-Dollar pro Fabrik“, schätzt Experte Dan Nystedt vom Branchendienst IDG. TSMC aber kann sich das leisten. An der Börse hat die Firma einen Wert von 35 Milliarden Euro.

Taiwans Bill Gates. Schon vor gut 20 Jahren lag der Preis für eine Chipfabrik bei einer Milliarde Dollar. Viel zu viel für kleine innovative Firmen, die eher in der Entwicklung als in der Produktion ihre Stärken haben. Mit 30 Jahren Erfahrung in der Elektronikbranche im Rücken, gründete Chang 1987 die TSMC – und legte so das Fundament für den bis heute andauernden Ruf Taiwans als Hochtechnologiestandort. Für viele Taiwanesen ist er deshalb ein Held.

Chang krempelte aber nicht nur auf dem Inselstaat die Wirtschaft um, er hat auch die digitale Welt revolutioniert. „Vorher mussten kleine Chipproduzenten bei Intel oder anderen großen Herstellern fragen, ob sie ihre Produkte fertigen könnten“, erläutert Nystedt. Und Sonderpreise für die vermeintlichen Konkurrenten hat es dabei sicher nicht gegeben. Echter Wettbewerb? Erst mit Changs Auftragsfertigung gab es für die innovativen Chipdesigner plötzlich eine Alternative.

TSMC wurde innerhalb kurzer Zeit zum Erfolgsmodell. Das rief die Konkurrenz auf den Plan. Und weil Chang den Weg so schön freigemacht hatte, kommt auch sein hartnäckigster Konkurrent und weltweite Nummer 2 in der Chipauftragsfertigung aus Taiwan: United Microelectronics Corporation (UMC). Noch liegt TSMC unangefochten an der Spitze. Fast die Hälfte des Umsatzes der Branche wird in den sieben Fabriken erzielt. Doch nicht nur UMC, auch andere asiatische Auftragsfertiger stehen Gewehr bei Fuß: So hat Chartered Semiconductor Manufacturing aus Singapur eine schlagkräftige Allianz mit dem US-Technologiegiganten IBM und dem koreanischen Elektronikriesen Samsung geschmiedet. „Eine echte Herausforderung für uns“, zollt Chang Respekt.

Immer kleiner, immer schneller

„Unser Unternehmen basiert auf einem partnerschaftlichen Geschäftsmodell“, sagt Chang. Gerade erst konnte TSMC einen neuen renommierten Partner gewinnen: Der US-Computerriese Sun Microsystems lässt seine 45 Nanometer-Chips (also Chips mit einer Strukturbreite von 45 Milliardstel Meter) künftig bei TSMC fertigen. Bisher hatte sich Sun auf Branchenveteran Texas Instruments verlassen.

Um an solch lukrative Aufträge zu kommen, müssen die Taiwanesen technologisch immer eine Nasenlänge voraus sein. Minimierung lautet das Ziel des Wettlaufs. TSMC will im kommenden Jahr die Marke von 32 Nanometern erreichen. Vorteil der Winzlinge: Je kleiner die Chips, desto geringer ihr Strom- und Kühlungsbedarf. Ein wichtiges Kriterium, weil gerade die Akkuleistung vieler mobiler Geräte – etwa bei Notebooks – noch eine Achillesverse ist. Außerdem können die Entwickler mehr Chipfunktionen auf gleicher Fläche unterbringen oder einfach Platz sparen.

Die Jagd nach dem kleinsten Chip kostet viel Geld: Schon jetzt gibt TSMC rund ein Viertel seines Umsatzes für Innovationen aus. Doch das muss für die Unternehmensentwicklung kurzfristig nicht immer positiv sein. Denn allzu häufig ist TSMC schneller als der Markt – die Kunden halten sich bei den brandneuen Technologien erst einmal zurück. Das zeigte sich im vergangenen Jahr bei den 45-Nanometer-Chips: „TSMC merkte, dass es noch kaum Nachfrage nach der Technologie gab“, erinnert sich James Hines, Analyst des Branchendienstes Gartner. Dennoch: Mit der Zeit dürfte ein Großteil der Kunden auch die neuen Technologien ordern. So war es jedenfalls in der Vergangenheit. Machte der Halbleiterproduzent etwa mit 65-nm-Chips im ersten Quartal 2007 weniger als ein Prozent seines gesamten Umsatzes, so liegt der Anteil mittlerweile bei deutlich über acht Prozent.

Insgesamt setzte TSMC im Jahr 2007 knapp 323 Milliarden Taiwan Dollar (6,716 Milliarden Euro) um – das entspricht einem Plus von 1,6 Prozent gegenüber 2006. Allerdings sank die operative Marge im selben Zeitraum um 5,5 Prozentpunkte auf 34,6 Prozent. Für das erste Quartal 2008 rechnet das Unternehmen mit einer nochmals leicht niedrigeren Marge. Trotzdem prognostiziert die US-Investmentbank Bear Stearns für das laufende Jahr steigende Gewinne, weil die Investitionsausgaben mit 1,8 Milliarden Dollar wohl deutlich unter den Ausgaben des Vorjahres in Höhe von 2,6 Milliarden Dollar) liegen werden. Gleichzeitig rechnen Analysten mit leicht steigenden Umsätzen. Entsprechend wird sich nach Ansicht der Investmentbanker das Ergebnis pro Aktie in diesem Jahr auf 4,74 Taiwan Dollar erhöhen. Das entspräche einem Kurs/Gewinn-Verhältnis von 12,6. Damit wäre die Aktie – gemessen an dieser Kennzahl – auch im historischen Vergleich nicht zu teuer. Immer vorausgesetzt, die Taiwan Semiconductor Manufacturing Company bleibt von terrestrischen oder konjunkturellen Erdbeben verschont.


Matthias Fischer

Online Brokerage über finanzen.net

Das Beste aus zwei Welten: Handeln Sie für nur 5 Euro Orderprovision* pro Trade unmittelbar aus der Informationswelt von finanzen.net!
Zur klassischen Ansicht wechseln
Kontakt - Impressum - Werben - Pressemehr anzeigen
Top News
Beliebte Suchen
DAX 30
Öl
Euro US-Dollar
Bitcoin
Goldpreis
Meistgesucht
Netflix Inc.552484
Apple Inc.865985
TeslaA1CX3T
Alphabet A (ex Google)A14Y6F
Facebook Inc.A1JWVX
Steinhoff International N.V.A14XB9
TwitterA1W6XZ
Intel Corp.855681
Deutsche Bank AG514000
GoProA1XE7G
Amazon906866
Volkswagen (VW) AG Vz.766403
Daimler AG710000
EVOTEC AG566480
Siemens Healthineers AGSHL100