finanzen.net

22.01.2008 | Euro Archivbericht | Ausgabe 02/08

Senden

„Wie haben Sie den Abstieg verkraftet, Herr Wolfgruber?“

Altana | In einem der ungewöhnlichsten Deals der deutschen Wirtschaftsgeschichte trennte sich der Dax-Konzern im Mai 2007 von seiner Pharmasparte und rutschte ab in den MDax. Vorstandschef Matthias Wolfgruber über die neue Altana, Übernahmeziele und sein Verhältnis zu Heuschrecken

€uro: Herr Wolfgruber, durch die Zerschlagung der alten Altana sind Sie zum Vorstandschef aufgestiegen. Was war sonst noch?
Matthias Wolfgruber: In der Führung hat sich nicht viel geändert. Ich leite nach wie vor das Chemiegeschäft. Was wir hier tun, ist nicht anders geworden. Aber Altana hat sich massiv verändert. Es ist schon ungewöhnlich, wenn man den größeren Teil eines Unternehmens verkauft und den kleineren fortführt. Am 4. Mai 2007 haben wir alles radikal umgestellt. Auf einen Schlag wurden wir zum reinen Chemieunternehmen.

€uro: Wie haben die Investoren reagiert?
Wolfgruber: Viele unserer Anleger waren Index-, Large Cap- oder Pharma-Anleger. Sie sind ausgestiegen, als wir in den MDax kamen. Heute haben wir vor allem institutionelle Investoren, die an der Chemie Interesse haben. Die identifizierten zwei Drittel der Anteile, des Free-Floats, werden von institutionellen Anlegern gehalten, die je zu einem Viertel in den USA, Großbritannien, Deutschland und dem restlichen Europa liegen. Insgesamt 25 Investoren einschließlich Frau Klatten halten 75 Prozent des Unternehmens. Diese überwiegend wachstumsorientierten institutionellen Investoren halten jeweils zwischen 0,3 und drei Prozent. Das ist eine stabile Basis.

€uro: Interessieren sich die Investoren noch?
Wolfgruber: Die Index- und Large Cap-Investoren sind natürlich ausgestiegen. Es gibt aber viele Midcap-, Smallcap- und wachstumsorientierte Anleger, die großes Interesse an uns haben. Wir werden von 20 Analysten beobachtet – das ist sehr viel für ein Unternehmen unserer Größenordnung.



"Die Analysten sagen uns nicht, was wir machen müssen."


€uro: Welche Ziele haben Sie für 2008?
Wolfgruber: Wir wollen weiter zweistellig wachsen, ohne unser Ergebnis zu verwässern. Alle vier Teilkonzerne werden in diesem Jahr ihre Kapitalkosten verdienen und zusätzlich eine Prämie erzielen. Das war 2007 bei drei von vier Feldern der Fall.

€uro: Kurz vor dem Verkauf sagte ihr Vorgänger Nikolaus Schweickart: „Wer denkt, ein Altana-Manager verfolge eine Strategie, weil er den heißen Atem der Analysten im Nacken spürt, der irrt.“ Gilt das noch?
Wolfgruber: Das gilt nach wie vor! Wir verfolgen eine Strategie, die langfristig für das Unternehmen richtig ist und versuchen dafür die Unterstützung der Investoren zu gewinnen. Wenn Sie eine gute Strategie verfolgen, können Sie die Kapitalmarktteilnehmer sehr wohl überzeugen.

€uro: Keine Klagen über das Kurzfristdenken des Marktes?
Wolfgruber: Überhaupt nicht. Natürlich haben Analysten immer Zeiträume für die sie Ihre Vorhersagen treffen. Wichtig ist aber vor allem, dass sie den Geschäftsverlauf genau vorhersagen können. Die Analysten sagen uns nicht, was wir machen müssen.

€uro: Verbraucher kennen Altana kaum. Man kann Ihre Produkte nicht im Supermarkt kaufen. Wo haben Sie Ihre Chemie versteckt?
Wolfgruber: Sie sind täglich in Kontakt mit unseren Produkten, können sie sehen und spüren. Wir geben Artikeln, die Sie kaufen, eine bestimmte Optik oder Funktion. Auf diesem Tisch hier stellen unsere Additive sicher, dass der Lack glatt ist, keine Blasen wirft und glänzt. Die Kronkorken auf den Wasserflaschen haben Dichtungen, für die wir Weltmarktführer sind. Wenn Sie ein silbernes Druckerzeugnis wie das €uro-Heft (Ausgabe 1/2008) sehen, dann können Sie davon ausgehen, dass unsere Pigmente enthalten sind.

€uro: Wurde das Heft mit Ihren Zusatzstoffen gedruckt?
Wolfgruber: Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, denn wir sind in dem Bereich Weltmarktführer, wie auch bei Metallic-Lacken für Autos. Etwa 40 Prozent aller in Deutschland produzierten Autos sind silberfarben, mehr als die Hälfte Metallic lackiert. Sie enthalten unsere Pigmente, speziell präparierte kleine Metallblättchen

€uro: Es wäre also schlecht für Sie, wenn weiße Autos in Mode kämen.
Wolfgruber: Auch in weißen Lacke stecken unsere Zusatzstoffe. Wir rechnen damit, dass sich in Deutschland der Trend zu silberfarbigen Autos etwas abschwächt. Das ist aber kein Problem: In Asien wird die Nachfrage wachsen – und wir sind weltweit vertreten. Wenn sich Märkte verschieben, beispielsweise von den USA nach China, dann verlieren wir das Geschäft am einen Ende und empfangen es am anderen wieder.

€uro: Wie konjunkturabhängig sind Sie?
Wolfgruber: Wir sind natürlich nicht unabhängig. Aber wir sind wenig abhängig von einzelnen Branchen oder Regionen. Wir arbeiten für alle herstellenden Industrien, vor allem für Bau, Automobil, Elektronik und Druck. Wir sind auch nicht so stark von Währungsräumen abhängig, weil wir in allen Regionen lokal produzieren. Wenn sich der Dollarkurs um zehn Cent im Verhältnis zum Euro ändert, dann hat das bei uns Auswirkungen von 30 Millionen Euro auf den Umsatz und 5 Millionen Euro auf das Ergebnis. Das ist wenig spürbar. Im Bereich Lack-Zusatzstoffe wachsen wir seit Jahren zweistellig, obwohl die Absatzmengen der Lackindustrie deutlich geringer wachsen. Die Hersteller setzen mehr unserer Zusatzstoffe ein. Denn die Zusätze machen nur einen kleinen Teil der Kosten aus, verbessern aber die Eigenschaften des Produkts.

€uro: Damit können sie den Lack teurer verkaufen?
Wolfgruber: So ist es. Beispielsweise zahlt ein Autokäufer für ein Auto, das Metallic-lackiert ist, 1000 bis 2000 Euro mehr. Der Autohersteller zahlt dem Lackhersteller 200 Euro mehr als für normalen Lack. Der Lackhersteller zahlt uns 20 bis 30 Euro zusätzlich für die Metall-Pigmente. Das ist ein Bomben-Geschäft für den Autohersteller, den Lackhersteller und für uns. Auch der Autokunde fühlt sich gut dabei, denn er bekommt ein schönes Auto für sein Geld.

"Wir profitieren vom Trend zu umweltfreundlicheren Systemen."

€uro: Noch mehr Beispiele für Bomben-Geschäfte?
Wolfgruber: Wir profitieren vom Trend zu umweltfreundlicheren Systemen. Die Lackindustrie verwendet weniger Lösungsmittel und braucht mehr Additive, um die gleichen Eigenschaften zu erzielen. In der Elektronikindustrie sind unsere Harze zum Isolieren von Magnetdrähten unverzichtbar für Elektromotoren. Überall, wo Sie einen Elektromotor sehen, sind mit großer Wahrscheinlichkeit unsere Produkte enthalten. Auch in dem Bereich sind wir Weltmarktführer.

€uro: Was bedeutet Weltmarktführer?
Wolfgruber: Bei Isolierharzen sind wir weltweit in jedem wichtigen regionalen Markt führend. Diese Marktstellung haben wir uns durch viele Akquisitionen über Jahre erarbeitet.

€uro: Sind sie überall Weltmarktführer?
Wolfgruber: Unsere Tochter Actega Coatings und Sealants ist es noch nicht. Aber sie soll es werden. Unsere Philosophie ist simpel: Wir wollen überall Weltmarktführer sein. Allerdings nicht nur, weil das gut klingt, sondern weil wir in dieser Position unser Wissen am besten nutzen können. Wenn Sie sich hier umsehen, sieht es nicht aus wie in einer Chemiefabrik. Unsere Stärke sind nicht Anlagen, sondern Wissen. Deswegen spezialisieren wir uns so stark. In den letzten drei Jahren haben wir beispielsweise bei Actega 40 Prozent des Umsatzes ausgetauscht – also Bereiche verkauft und zugekauft. Bei Überzugslacken für Druckprodukte sind wir nun sehr nahe an der führenden Position.

€uro: Sie haben schon 2005 angekündigt, die Ausgaben für Forschung und Entwicklung von fünf auf sechs Prozent des Umsatzes zu steigern. Wann passiert das endlich?
Wolfgruber: Wir haben in unserer Planung vorgesehen, dass Sie Ende 2008 bei sechs Prozent liegen. Damit sind wir am oberen Ende im Branchenvergleich.

€uro: Und haben eine Milliarde Euro für Zukäufe. Gibt es konkrete Übernahmepläne?
Wolfgruber: Ich kann nicht über laufende Projekte sprechen. Aber wir wollen weiter zweistellig wachsen. Davon planen wir sechs Prozent organisches Wachstum, den Rest kaufen wir dazu. Jedes Geschäftsfeld soll so verstärkt werden. In 2007 haben wir nur zwei kleinere Übernahmen realisiert, weil die Neustrukturierung Kräfte gebunden hat. Wir ziehen die Übernahmen mit unseren eigenen Leuten durch. Von den 25 Akquisitionen in den letzten 15 Jahren haben wir uns bei keiner einzigen von einer Investmentbank beraten lassen.

€uro: Schade für die Banken!
Wolfgruber: Wir sahen darin in diesen Fällen keinen Mehrwert. Die erforderlichen Kompetenzen konnten wir selbst gut abdecken.

€uro: Wie viele Übernahmen werden es 2008?
Wolfgruber: Gerne mehr als 2007, aber wie viele, kann ich nicht sagen. Denn wenn nicht alle unsere Kriterien erfüllt sind, treten wir auch kurz vor der Unterschrift noch zurück.


"Private Equity hat aber eine sehr positive Funktion in der chemischen Industrie."

€uro: Sie würden gerne ein fünftes Geschäftsfeld kaufen?
Wolfgruber: Absolut.

€uro: Ihre bisher größte Übernahme war die in der Nähe von Nürnberg beheimatete Firma Eckart für 630 Millionen Euro. Könnte wieder etwas in dieser Größe kommen?
Wolfgruber: Es wird wieder etwas in dieser Größe kommen, aber man weiß nie, wie schnell es geht. Wir haben an Eckart drei Jahre gearbeitet. Im Chemiemarkt gibt es eine ganze Reihe von Zielen, die unseren Kriterien entsprechen. Es muss nur der Verkäufer bereit sein, sein Unternehmen zu einem akzeptablen Preis abzugeben.

€uro: Welcher Preis ist denn akzeptabel?
Wolfgruber: Meistens haben wir es mit Privateigentümern zu tun, da ist jeder Fall anders. Wir haben sehr viele kleine Unternehmen übernommen und waren wenig abhängig von den allgemeinen Marktentwicklungen. Die Bewertungen bei unseren Übernahmen sind über die Jahre etwa gleich geblieben, denn sie waren weniger umkämpft als die größeren Deals. Eine Firma wie Wolstenholme, die wir 2007 gekauft haben, kann nur ein strategischer Investor übernehmen.

€uro: Private Equity Fonds machen Ihnen keine Konkurrenz?
Wolfgruber: Nein. Aber wir scheuen nicht den Wettbewerb mit ihnen. In der aktuellen Situation am Kreditmarkt sind Fonds ohnehin kein großer Konkurrent für strategische Käufer wie uns. Private Equity hat aber eine sehr positive Funktion in der chemischen Industrie. Es katalysiert die Umstrukturierung der Branche. Beispielsweise kaufen die Fonds Teile aus Unternehmen heraus, verbinden sie neu und verkaufen sie weiter. Sie erfüllen eine wichtige Rolle, die Strategen oft nicht erfüllen könnten. Ich würde auch vorbehaltlos mit Private Equity Investoren zusammen arbeiten.

€uro: Altana könnte selbst zum Übernahmeziel werden. Schlafen Sie ruhig, weil Sie wissen, dass Großaktionärin Susanne Klatten nicht verkauft?
Wolfgruber: Ich schlafe sehr ruhig. Frau Klatten ist ein langfristiger Shareholder. Sie wäre aber schlecht beraten, wenn sie eine Situation, die nachhaltig bessere Möglichkeiten für die Aktionäre bietet, nicht wahrnehmen würde. Mein Job ist es nicht, eine Struktur zu verteidigen, sondern den Wert für Aktionäre und Mitarbeiter zu verbessern. Wer unser Unternehmen übernimmt, dürfte kaum zusätzliche Synergien erwirtschaften oder neue Werte heben können. Der Andrang hält sich daher in Grenzen. Wenn aber ein Verkauf den Aktionären mehr bringen würde, würden wir uns der Diskussion nicht verschließen. Ich bin ja auch Aktionär und würde dann profitieren.

€uro: Frau Klatten hat ihre Verkaufsbereitschaft an der Pharmasparte bewiesen.
Wolfgruber: Das war eine andere Situation! In den letzten zehn Jahren sind kleine und mittlere Pharmaunternehmen durch die verschärften Zulassungsbedingungen stärker unter Druck geraten. Unsere Forschungs-Pipeline war früher prall gefüllt. Damals war die Hoffnung berechtigt, dass neue Präparate uns auffangen, wenn der Hauptumsatzträger den Patentschutz verliert. Dann hat sich die Pipeline jedoch geleert.

€uro: Nach dem Verkaufsschlager Pantoprazol ging es für Altana Pharma nicht weiter.
Wolfgruber: Wir haben alle Möglichkeiten geprüft. Radikaler Strategiewechsel, Joint-Venture oder Verkauf. Aus heutiger Sicht war der Verkauf – auch für die Pharma-Mitarbeiter – die beste Lösung. Dass die Folgen schmerzhaft sind, ist eine Folge der Pipeline-Entwicklung. Das ist das Risiko forschender Pharma-Unternehmen.

€uro: Ist mit der Trennung der Beweis erbracht, dass Chemie und Pharma nicht unter ein Konzerndach passen?
Wolfgruber: Das ist nicht bewiesen! Der Grund für den Verkauf war nicht, dass Chemie und Pharma nicht zusammenpassen. Altana saß nach dem Verkauf der Milupa 1995 immer auf Cash. Chemie- und Pharma-Sparte haben sich in ihrer Entwicklung deswegen gegenseitig nie behindert. Hätte die Pharmasparte nun aber eine große Akquisition getätigt, dann wäre es möglicherweise zu einem Engpass für die Chemie gekommen.

€uro: Hilft es Ihnen, dass Sie Chemiker sind?
Wolfgruber: Wichtig für mich als Vorstandsvorsitzender ist, dass ich Chancen auf den Märkten und die Fähigkeiten des Unternehmens richtig einschätzen kann. Die ursprüngliche Ausbildung halte ich für weniger wichtig.

€uro: Wollen Sie auch 17 Jahre lang Altana-Chef bleiben, wie Nikolaus Schweickart?
Wolfgruber: Das weiß ich nicht. Ich bin seit über fünf Jahren Leiter des Chemieunternehmens Altana. Das macht mir sehr viel Freude. So lange ich einen Beitrag dazu leisten kann, dass sich das Unternehmen gut entwickelt, will ich gerne weiter machen. Aber letztlich muss darüber der Aufsichtsrat entscheiden. Irgendwann ist es auch für jedes Unternehmen gut, wenn es mal eine andere Perspektive an der Spitze gibt.

€uro: Bringt der Umzug nach Wesel mehr Distanz zur Familie Quandt?
Wolfgruber: Nein. Frau Klatten nimmt nach wie vor ihre Aufgabe als stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende wahr.

€uro: Überlassen Sie das gesellschaftliche Engagement von Altana jetzt der Quandt-Stiftung?
Wolfgruber: Wir sehen unsere gesellschaftliche Verpflichtung als Unternehmen unverändert. Aber der Schwerpunkt liegt nicht mehr in der Kulturförderung wie früher, sondern bei Bildung und Wissenschaft. Das ist angemessen für ein wissensgetriebenes Geschäft.

€uro: Herr Wolfgruber, vielen Dank für das Gespräch.


VITA

Matthias Wolfgruber, wurde am 24. Januar 1954 in Anger/ Bayern geboren. Er studierte Chemie und promovierte 1983 an der TU München. Danach forschte er an der Universität Berkley/ Kalifornien. Ab 1985 arbeitete Wolfgruber bei Wacker Chemie, Burghausen, davon acht Jahre bei der Tochterfirma in den USA, die er zuletzt leitete. Im Jahr 2002 wechselte er in den Vorstand von Altana und wurde Chef der Chemiesparte. Seit 2007 ist er Konzernchef. Wolfgruber lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Burghausen und besucht gelegentlich Heimspiele des Fußballvereins Wacker Burghausen.


Das Gespräch führte €uro-Redakteur Daniel Zwick.
finanzen.net Brokerage

Online Brokerage über finanzen.net

Das Beste aus zwei Welten: Handeln Sie für nur 5 Euro Orderprovision* pro Trade unmittelbar aus der Informationswelt von finanzen.net!
Zur klassischen Ansicht wechseln
Kontakt - Impressum - Werben - Pressemehr anzeigen
Top News
Beliebte Suchen
DAX 30
Öl
Euro US-Dollar
Bitcoin
Goldpreis
Meistgesucht
Deutsche Bank AG514000
Daimler AG710000
Wirecard AG747206
Aurora Cannabis IncA12GS7
Amazon906866
CommerzbankCBK100
BASFBASF11
Netflix Inc.552484
Apple Inc.865985
SteinhoffA14XB9
Allianz840400
TeslaA1CX3T
Siemens AG723610
BayerBAY001
Deutsche Telekom AG555750