22.04.2008 | Euro Archivbericht | Ausgabe 05/08

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„Wir wollen in die Luftfahrt“

Trotz Preisdruck im Automobilsektor: Der im MDAX notierte Kabelsystemzulieferer Leoni wächst kräftig. Vorstandschef Klaus Probst, 54, über seine Zukunftspläne

€uro: Herr Probst, Leoni hat die Umsätze und Gewinne von 1996 bis 2007 im Schnitt um 21 und 27 Prozent per annum gesteigert. Wie wird 2008?
Klaus Probst: Wir haben zu Jahresbeginn die Bordnetzsparte unseres französischen Wettbewerbers Valeo übernommen und damit die nächsten 25 Prozent Umsatzwachstum auf drei Milliarden Euro sicher.

€uro: Und beim Gewinn?
Probst: Wir erwarten beim Gewinn vor Zinsen und Steuern im Vergleich zu 2007 ein Plus von etwa acht Prozent auf 140 Millionen Euro. Er wächst dieses Jahr unterproportional, weil Integrationskosten und Kaufpreisabschreibungen für die Übernahme anfallen, so dass sie noch keinen Gewinnbeitrag liefert.

€uro: Wie lief das erste Quartal?
Probst: Super, besser als geplant. Die Zahlen veröffentlichen wir am 7. Mai.


Leoni-Chef Klaus Probst

€uro: Wie geht es mittelfristig weiter?
Probst: 2009 sollte der Umsatz um zehn Prozent auf 3,3 Milliarden zulegen, eventuelle Zukäufe nicht eingerechnet. Für 2010 legen wir uns noch nicht fest. Auch beim Ergebnis wachsen wir weiter und rechnen für 2010/11 mit deutlich überproportionalen Wachstumsschüben. Dann wird sich der eben angesprochene Zukauf rentieren. Zudem zahlen sich Großprojekte mit der Autoindustrie aus, für die wir seit zwei Jahren Entwicklungsvorleistungen erbringen.

€uro: Worum geht es da?
Probst: Im Wesentlichen um die Verkabelung neuer Daimler-, BMW- und Opel-Modelle. Bordnetze moderner Autos bestehen heutzutage aus zwei, drei Kilometer Kabel. Wir liefern meist die kompletten Netze, teils mit elektronischen Komponenten.

€uro: Nochmals zur Akquisition der Bordnetzaktivitäten von Valeo: Die Integration wollen Sie bis zum Jahresende erledigt haben. Wie läuft es bislang?
Probst: Die neuen Mitarbeiter ziehen mit, die Stimmung ist gut, wir sind im Plan. Das Schöne ist, dass wir eigentlich nur die Marke Leoni auf die neuen Aktivitäten übertragen und Synergien realisieren müssen, da wir bei Kunden und Produktionskapazitäten kaum Überlappungen haben.

€uro: Das heißt?
Probst: Unsere alten und neuen Bordnetzaktivitäten ergänzen sich ideal. Beispielsweise belieferten wir vor der Akquisition kaum französische Autohersteller. Jetzt sind wir bei Renault und der PSA-Gruppe gut im Geschäft. Und während Leoni bislang hauptsächlich in osteuropäischen Niedriglohnländern produzierte, bringt Valeo Fertigungskapazitäten in Nordafrika ein.

€uro: Wo gibt es Einsparpotenzial?
Probst: Hauptsächlich im Einkauf. Wir können größere Mengen bestellen, dadurch günstigere Stückpreise verhandeln und voraussichtlich ab 2010 etwa acht Millionen Euro pro Jahr einsparen.

€uro: Der Weltmarktanteil von Leoni bei Bordnetzen ist mit dem Valeo-Zukauf von sechs auf neun Prozent gestiegen. Sie sind jetzt die Nummer vier. War es das zunächst?
Probst: Für uns ist vor allem der europäische Markt relevant – und da sind wir mit 32 Prozent Marktanteil die klare Nummer eins. Wir konzentrieren uns nun darauf, das Marktwachstum zu übertreffen. Was Zukäufe angeht: Wir schauen uns weiterhin vor allem in Europa um, allerdings nach kleineren Firmen.

€uro: Nicht in Asien? Dort ist das höchste Wachstum zu erwarten und die Region steuert erst acht Prozent zum Konzernumsatz von Leoni bei.
Probst: Deshalb liegt dort unser größter Fokus außerhalb Europas. In unserem Werk in Shanghai haben wir kürzlich die Kapazitäten verdoppelt, uns aber auch zu 50 Prozent an einem südkoreanischen Autozulieferer beteiligt. In den nächsten drei, vier Jahren sollten unsere Umsätze in Asien im zweistelligen Prozentbereich zulegen – mehr als in den anderen Regionen. Folglich wird auch der Umsatzanteil steigen.

€uro: Leoni wird in diesem Jahr 72 Prozent des Gesamtumsatzes mit der Autoindustrie erwirtschaften. Wollten Sie dieses Übergewicht nicht reduzieren?
Probst: Wir wollen wieder unter 70 Prozent kommen und dafür auch außerhalb der Autoindustrie weiter wachsen –organisch und über Akquisitionen.

€uro: Allerdings ist Ihre Verschuldung inzwischen recht hoch. Müssen die Aktionäre in den nächsten zwei Jahren mit einer Kapitalerhöhung rechnen?
Probst: Das schließen wir aus. Wir werden unsere Schulden sogar reduzieren. Trotz hoher Investitionen generieren wir einen ordentlichen Cash-Flow, mit dem sich weitere Zukäufe finanzieren lassen. Außerdem könnten wir Bankkredite nutzen. Insgesamt stehen uns derzeit rund 200 Millionen Euro für Akquisitionen zur Verfügung.

€uro: Sie verhandeln mit einem Luftfahrtkonzern über einen Großauftrag. Worum geht es konkret und bis wann erwarten Sie ein Ergebnis?
Probst: Wir hoffen, in zwei, drei Monaten den Zuschlag für die Verkabelung eines großen Flugzeugmodells zu bekommen. Namen darf ich noch nicht nennen. Es geht um bis zu 20 Millionen Euro Jahresumsatz. Das klingt zwar wenig im Vergleich zu unseren Aufträgen aus der Automobilindustrie, würde uns aber die Türen zur europäischen Luftfahrtindustrie öffnen. Langfristig wäre das hochinteressant.

€uro: Ist dort mehr Gewinn zu holen als bei Daimler, BMW, Opel und Co, die ständig auf Kosten der Zulieferer zu sparen versuchen?
Probst: Preisdruck herrscht überall. Unsere Margen im Autosektor ähneln denen in anderen Branchen. Wir haben bereits vor Jahren das Langfristziel formuliert, den Konzerngewinn vor Zinsen und Steuern auf sieben Prozent vom Umsatz zu heben. 2006 waren wir nah dran. 2007 haben wir das wegen hoher Vorlaufkosten und dem stark gestiegenen Kupferpreis nicht geschafft. Aber spätestens 2010 dürfte es soweit sein.

€uro: Können Sie sich vorstellen, bei Leoni ein völlig neues Standbein aufzubauen?
Probst: Zurzeit gibt es keine konkreten Pläne, da wir in den bestehenden Geschäften genügend Wachstumspotenzial sehen. Langfristig würde ich aber nichts ausschließen.

€uro: Vielen Dank für das Gespräch.


Das Gespräch führte €uro-Redakteur Mario Müller-Dofel.

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