finanzen.net

16.10.2007 | Euro Archivbericht | Ausgabe 11/07

Aufladen mit Kuhfladen

Erneuerbare Energien erleben einen weltweiten Boom. An den Aktien der Biogas-Branche ging das rasante Branchenwachstum indes vorüber. Dabei bieten die Werte längst mehr als nur einen Beitrag zum Klimaschutz.

Eine Kuh ist irgendwie ein geschlossenes System. Sie frisst Gras und was sie davon ausscheidet, sorgt dafür, dass auch künftig Gras in ausreichender Menge wachsen kann. Doch Kühe können noch mehr. Ihre Gülle produziert Methangas, ein Rohstoff, mit dem Kraftwerke betrieben werden können, der Wärme liefert und auch Autos auf den Straßen bewegt. Die Biogas-Branche hat den Braten gerochen und macht sich auf, den Zusatznutzen zu kommerzialisieren. Dabei nimmt Deutschland weltweit unangefochten die Spitzenposition ein.

Nach Angaben des Fachverbandes Biogas waren hierzulande Ende 2006 weit mehr als 3500 Anlagen installiert, die zusammen fünf Milliarden Kilowattstunden Strom erzeugten. Ende 2007 wird die Stromleistung schon doppelt so hoch sein. In Deutschland sind rund 70 Prozent der weltweit vorhandenen Kapazitäten installiert. Eigentlich keine schlechten Aussichten für die vier börsennotierten Anbieter von Anlagen und Dienstleistungen. Die Kursentwicklung der Aktien der Branchenvertreter signalisiert jedoch das Gegenteil. Alle Werte haben in den vergangenen Monaten zum Teil kräftig eingebüßt. Eine Einstiegschance?

Dass Biogas in Deutschland ein Erfolgsmodell werden konnte, liegt vor allem am Willen der Politik, regenerative Energien zu fördern. Im Rahmen des Gesetzes für den Vorrang Erneuerbarer Energien (EEG) wurden Netzbetreiber verpflichtet, Strom aus Biogas in die Netze einzuspeisen. Analog zur Förderung bei Windkraft und Solar erhalten auch die Betreiber der mit Biogas betriebenen Blockkraftwerke eine feste Vergütung für den produzierten Strom. Dabei sind die erzielbaren Erlöse abhängig von der Größe der Anlage und den verwendeten Grundstoffen sowie den technischen Fähigkeiten. Für die gängigste Größe, das sind 500-kW-Anlagen, können Betreiber im Idealfall bis zu 20 Cent pro Kilowattstunde erhalten. Das reicht, um die Anlage profitabel zu betreiben.

Ökonomie und Ökologie stimmt

Der Nutzen dieser Anlagen ist unumstritten. Gegenüber der Wind- und Solarenergie hat Biogas sogar den großen Vorteil, das es gespeichert werden kann. Deshalb eignen sich die Anlagen für die Grundauslastung, aber auch für die Versorgung zu Spitzenzeiten. Die Verwendung von nachwachsenden Rohstoffen und organischen Abfällen bei der Erzeugung von Energie sichert nicht nur die lokale Rohstoffbasis, sondern gewährleistet auch eine Reduzierung von Kohlendioxid bei der Energieerzeugung. Die Abfallstoffe können zudem weiter genutzt werden, im Fall der Gülle als Dünger. „Wir können unsere eigenen Gasfelder aufbauen“, gibt Ulrich Schmack, Gründer und Vorstandschef von Schmack Biogas, die Dimension der Branche vor. „Theoretisch könnte sich Deutschland so von der Abhängigkeit von Gasimporten komplett lösen.“


"Die Nachfrage wird zunehmend von Versorgern, aber auch von institutionellen Investoren kommen"

Kunibert Ruhe,
Vorstand Envitec

Die Realität hingegen sieht ein bisschen anders aus. Die Branche, die nicht mal zehn Jahre existiert, steht bereits vor ihrer ersten großen Umbruchphase. Bisher waren es vor allem Landwirte, die mit den Anlagen ihren Verdienst aufbessern konnten. Doch den Kleinst-Betrieben bläst der Wind kräftig ins Gesicht. Die Preise für Substrate vor allem für Maispflanzen haben sich kräftig verteuert. Dadurch können auf den Anlagen, die vorwiegend Mais verwenden, nicht mehr dieselben Renditen erzielt werden wie bisher. Im EEG ist zudem vorgesehen, die Einspeisevergütung jährlich zu reduzieren.

An sich ein sinnvoller Schritt, der Innovation fördern soll. Schließlich muss die Anlage der nächsten Generation idealerweise auch einmal ohne Zuschüsse wirtschaftlich arbeiten können. Doch Verbandsgeschäftsführer Claudius da Costa Gomez glaubt, dass deshalb „bei den Landwirten die Nachfrage in den kommenden Jahren deutlich nachgeben wird“, Schon für 2007 rechnet er mit einem Rückgang von 50 Prozent und fordert, die gestiegenen Substratkosten bei der Bemessung der Vergütung zu berücksichtigen.

Das erinnert an die Entwicklung in der Solarindustrie. Gepusht durch das Dächer-Programm in den 90er-Jahren, erlebte die Branche ihren ersten Boom. Doch der flachte schnell ab, die Firmen rutschten in die Verlustzone. Erst das EEG erlaubte der Branche das Comeback, allerdings in erster Linie bei größeren Anlagen. Diesen Weg der Industrialisierung nimmt nun auch die Biogas-Branche. „Die Nachfrage wird zunehmend von Versorgern, aber auch von institutionellen Investoren kommen“, sagt Kunibert Ruhe, Vorstand bei EnviTec, dem Marktführer in Europa. Zahlreiche Projekte von Stadtwerken, aber auch der großen Versorger wie beispielsweise E.on, machen die Umsatzeinbußen der Anlagenhersteller bei den Landwirten wett.

Vor diesem Hintergrund sind die Aussichten der börsennotierten Gesellschaften nicht so schlecht, wie die Börsenkurse suggerieren. Allerdings verlangen die sich ändernden Marktbedingungen auch eine zunehmende Professionalisierung in der Branche. „Die Zeit der Pioniergewinne ist wohl vorbei“, sagt Kai Roth, Finanzchef des Bielefelder Anbieters Biogas Nord. Im Moment tummeln sich rund 350 Anbieter von Biogas-Anlagen im Markt. Nur wenige Firmen erreichen einen Gesamtumsatz in zweistelliger Millionenhöhe. Doch nur ab einer gewissen Größe kann es gelingen, langfristig das notwendige Know-how auch auf- und auszubauen.

Will beispielsweise ein institutioneller Investor – typischerweise über Geschlossene Fonds – eine Anlage erwerben, zählen nur die Renditeaussichten. Dafür übernimmt der Anlagenbauer den Komplettservice: von der Projektierung über den Bau bis hin zum Betrieb und der Wartung der Anlage. Gleichzeitig muss er sich auch um die Rohstoffversorgung kümmern. Das bringt höhere Margen und sorgt auch durch das stetig wachsende Dienstleistungsgeschäft für laufende Erträge. Am weitesten dürfte wohl Schmack Biogas integriert sein. Das hat allerdings im Moment noch seinen Preis. Das Unternehmen gab trotz wachsender Erlöse für 2007 eine dicke Gewinnwarnung ab. Im kommenden Jahr wollen die Bayern allerdings wieder schwarze Zahlen schreiben.

Exportschlager

Die führende Marktposition, die Deutschland in der Biogasbranche erreicht hat, bietet enorme Exportmöglichkeiten. Länder wie beispielsweise Polen, aber auch Frankreich, haben große landwirtschaftliche Flächen oder Zuchtbetriebe, für die sich Biogas lohnt. Und die Regierungen bieten zunehmend Förderprogramme. „Teilweise sind die Bedingungen sogar attraktiver als in Deutschland“, sagt Ruhe. Während hierzulande etwa Lebensmittelabfälle keine Förderung erhalten, kennen viele ausländische Programme gar keine Unterschiede zwischen einzelnen Rohstoffen. Das verringert die Abhängigkeit von Preissteigerungen. Kein Wunder, dass die Branchengrößen bereits im Ausland aktiv wurden. EnviTec beispielsweise hat heute schon zehn Niederlassungen außerhalb von Deutschland.

Als großer Hebel für die Branche könnte auch ein Gaseinspeise-Gesetz dienen. Derzeit gibt es für die Versorger und Pipelinebetreiber keine Verpflichtung, Biogas in ihre Netze einzuspeisen. Hier wartet die Branche eigentlich nur auf grünes Licht aus der Politik. „Es ist technisch kein Problem, Biogas zu Erdgasqualität aufzubereiten und ins Netz einzuspeisen“, sagt Ruhe. Auch die Kosten sind nicht mehr meilenweit von den Marktpreisen für Erdgas entfernt. Steigen die Kosten für Öl und Gas in dem Umfang der vergangenen Jahre weiter, wird Biogas auch ökonomisch schnell zu einer wirtschaftlichen Alternative.

Das sehen auch die großen Versorger so. E.on Bayern, der süddeutsche Ableger des Düsseldorfer Konzerns, baut zusammen mit Ruhrgas und Schmack Biogas eine Anlage mit zehn MW Leistung. Die Silos sind schon gefüllt und das Gas soll spätestens Anfang 2008 ins Netz eingespeist werden. Noch mehr Arbeit für die Kühe.


Biogas-Unternehmen im Überblick

Biogas als Exportschlager

EnviTec sieht sich als Nummer 1 in Europa. 2007 soll der Umsatz um 60 Prozent auf 160 Millionen, der Vorsteuergewinn auf 27,5 Millionen Euro steigen. Das Unternehmen deckt die komplette Wertschöpfungskette von Projektierung über Anlagenbau bis hin zur Betriebsführung ab. In die Rolle des Betreibers will die im niedersächsischen Lohne beheimatete Firma vor allem im Ausland schlüpfen. Die Mittel aus dem Börsengang im Juli – immerhin rund 140 Millionen Euro – sollen für die dortige Expansion verwendet werden. Schon heute ist das Unternehmen in zehn Ländern mit eigenen Büros vertreten.
€uro-Fazit: Die größte Substanz, Marktführerschaft und Exportfantasie sprechen klar für die Aktie von EnviTec. Gemessen an der Bewertung ist die Aktie kein Schnäppchen. Wächst die Firma aber weiter so stark, hat der Wert Potenzial.

Eigenes Gasfeld

Schmack Biogas ist, gemessen am Umsatz, ganz dicht am Marktführer EnviTec. 2007 sollen sich die Erlöse auf mehr als 140 Millionen Euro belaufen. Das Unternehmen ist über die ganze Wertschöpfungskette am breitesten aufgestellt. Zudem will Schmack über eigene Labors auch die biologischen Aspekte des Prozesses optimieren. Als Langfristperspektive se­hen sich die Franken in der Rolle des Versorgers, vor allem bei der Einspeisung von Erdgas. Dafür hat die Firma viel investiert. Neben diesen Vorlaufkosten hat der Nachfrageeinbruch bei Landwirten Schmack belastet. 2007 wird das Unternehmen deshalb mit einem operativen Verlust abschließen.
€uro-Fazit: Die Aktie ist gemessen am Umsatzpotenzial nicht hoch bewertet und bietet auf dem aktuellen Niveau Potenzial. Sie eignet sich aber nicht für Anleger mit schwachen Nerven, weil die Gewinne nach wie vor unter Druck sind.

Sauberer Strategieschwenk

BKN Biokraftstoff Nord hat zwei Standbeine. Beim Börsengang war das Unternehmen ein reiner Biokraftstoff-Hersteller. Durch die Akquisitionen von Biostrom nimmt der Biogas-Bereich nun weit mehr als 90 Prozent der Gesamtleistung ein. BKN entwickelt keine eigenen Anlagen, sondern kauft die nötigen Kapazitäten ein. Kunden sind Regionalversorger oder Investoren. Ziel ist es vor allem auch, ein großes Portfolio für Betriebsdienstleistungen aufzubauen. Im kommenden Jahr rechnet BKN mit rund100 Millionen Euro Umsatz und einer deutlichen Steigerung des Gewinns.
€uro-Fazit:: Die Akquisition von Biostrom wird im laufenden Geschäftsjahr nur zu einem Viertel konsolidiert. Dadurch hat das Unternehmen im kommenden Jahr einen hohen Hebel bei Umsatz und Gewinn. Erreicht das Unternehmen seine Ziele, ist die Aktie preiswert.

Der Kleine der Großen

Biogas Nord Das Unternehmen aus Bielefeld ist mit einem Börsenwert von 30 Millionen Euro das kleinste im Quartett. Im laufenden Jahr werden die Westfalen wohl einen Umsatz von 40 Millionen Euro erzielen. Wegen der hohen Vorlaufkosten für die Auslandsexpansion kommt dabei wohl nur ein kleiner Gewinn heraus. Allerdings sind auch für 2008 deutlich zweistellige Umsatzzuwächse vorgesehen. Die Gewinne dürften überproportional zulegen, weil Vorlaufkosten wegfallen. Zudem werden im kommenden Abrechnungszyklus zwei Anlagen in Indien verbucht, die 2007 nicht mehr abgerechnet werden können.
€uro-Fazit: Ein solider Small-Cap mit Potenzial für deutlich zweistellige Umsatz- und Ertragszuwächse. Gemessen daran ist die Aktie günstig. Allerdings ist der Börsenumsatz eher spärlich. Ein Wert für Spezialisten.


Jörg Lang

Online Brokerage über finanzen.net

finanzen.net Brokerage
Handeln Sie für nur 5 Euro Orderprovision* pro Trade aus der Informationswelt von finanzen.net!

ETF-Sparplan

Oskar ist der einfache und intelligente ETF-Sparplan. Er übernimmt die ETF-Auswahl, ist steuersmart, transparent und kostengünstig.
Zur klassischen Ansicht wechseln
Kontakt - Impressum - Werben - Pressemehr anzeigen
Top News
Beliebte Suchen
DAX 30
Öl
Euro US-Dollar
Bitcoin
Goldpreis
Meistgesucht
Microsoft Corp.870747
Amazon906866
Shell (Royal Dutch Shell) (A)A0D94M
Lufthansa AG823212
Wirecard AG747206
Daimler AG710000
Infineon AG623100
Deutsche Bank AG514000
Allianz840400
TeslaA1CX3T
Apple Inc.865985
BASFBASF11
Volkswagen (VW) AG Vz.766403
Scout24 AGA12DM8
BayerBAY001