13.11.2007 | Euro Archivbericht | Ausgabe 12/07

„Nicht jeder soll sich unsere Anzüge leisten können“

Mit neuer Führungsriege treibt der italienische Edelschneider Brioni die internationale Expansion voran. €uro sprach mit Gründerenkel Andrea Perrone über Strategie und Erbe.

Andrea Perrone wirkt an diesem nebeligen Herbstabend im Münchner Gourmetrestaurant Käfer äußerst zufrieden. Dunkle Schatten unter den Augen zeigen, dass die vergangenen Wochen anstrengend waren. Der Chef und Mitinhaber des italienischen Edelschneiders Brioni pendelte ständig zwischen Europa und den USA, um gemeinsam mit Marketingdirektorin Antonella De Simone (Mitglied der zweiten Inhaberfamilie) die neue Strategie des Traditionshauses zu präsentieren. Weiterer Grund zur Freude: Das New Yorker Luxury Institute kürte Brioni zur „prestigeträchtigsten Herrenmodemarke in den USA 2007“.


Andrea Perrone

€uro: Herr Perrone, wie wichtig ist Ihnen diese Auszeichnung?
Andrea Perrone: Sehr. Wir sind mächtig stolz darauf. Denn die Auszeichnung zeigt, dass die Juroren nicht nur die Größe der Unternehmen beachtet haben. Die zweit- und drittplazierten Armani und Ermenegildo Zegna machen ja mindestens das Vier- bis Fünffache unseres Umsatzes, der 2007 um die 200 Millionen Euro betragen wird. Wir glauben, dass vielmehr die Qualität der Verarbeitung honoriert wurde. Wir nähen ausschließlich in Italien, haben in unserer Manufaktur im Abruzzenort Penne 1200 festangestellte Schneider und Näher. Wir produzieren nur 350 Anzüge pro Tag, im gesamten Jahr also rund 70 000.

€uro: Als Familienunternehmen müssen Sie keine Bilanz veröffentlichen. Warum haben Sie es im vergangenen Jahr erstmals doch getan?
Perrone: Der Wechsel im Management hatte viele Spekulationen ausgelöst. Wir wollten Transparenz, auch was die Zahlen anbelangt. Schließlich waren die hervorragend: Wir haben das Ebitda, also den Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen, um über 43 Prozent auf 35,5 Millionen Euro steigern können.

€uro: Können Sie einen Brioni-Anzug mit verbundenen Augen erkennen?
Perrone: Nein, aber auf einen Meter Entfernung. Denn es ist nicht allein eine Frage der Haptik. Es geht um die Details.

€uro: Wie würden Sie das Image von Brioni beschreiben?
Perrone: Integrität, Exzellenz, Erbe. Das ist wie eine Rolls-Royce-Limited-Edition. Im vergangenen Jahr habe ich an einigen Veranstaltungen teilgenommen, die sich mit der Definition von Luxus beschäftigten. Meiner Meinung nach ist das etwas, was man sich nicht jeden Tag leisten kann. So hat es auch mein Großvater definiert.

€uro: Ihr Großvater Gaetano Savini war Mitbegründer von Brioni. Wie ist Ihre erste Erinnerung an das Unternehmen?
Perrone: Das Unternehmen wurde 1945 mit einem Geschäft in Rom gegründet. Bis heute ist das so etwas wie das Herz des Unternehmens. Ich war schon als kleiner Junge dort – meistens einen Monat in den großen Sommerferien. Ich machte kleine Dienstleistungen, nähte ein wenig, machte alles, was so anfiel. Ich mochte das sehr.

€uro: Sehen Sie sich in der Tradition Ihres Großvaters?
Perrone: Ich war 17 Jahre alt, als mein Großvater starb, 15 Jahre davon lebte ich in seinem Haus. Sein Einfluss war und ist sehr stark, bis auf den heutigen Tag Wir hatten eine sehr enge Beziehung. Er hat mich sehr verwöhnt, aber auch grundlegend beeinflusst – in meiner Art zu denken, in meinen Werten, sowohl was mein Privatleben als auch die Firma anbelangt. Er war aber eben auch sehr clever und smart, was das Business anbelangt.

"Die USA sind nach wie vor unser international wichtigster Markt."

€uro: Inwiefern?
Perrone: Schon in den ersten Jahren nach 1945, als Italien noch als Kriegsverlierer angesehen wurde und kein sehr gutes Image hatte, reiste er nach Amerika. Es gelang ihm, Brioni bekannt zu machen. Wenn Amerikaner in den 50er-Jahren nach Italien kamen, suchten sie nicht nur das Dolce Vita. Sie suchten Brioni. Ich denke, mein Großvater war für die damalige Zeit unglaublich tough. In den USA werden die Brioni-Anzüge heute „Power-Suits“ genannt, also Anzüge, die Mächtige noch stärker machen. Die USA sind nach wie vor unser international wichtigster Markt. Wir machen dort 30 Prozent des Umsatzes.

€uro: Und wo den Rest?
Perrone: Italien, Deutschland, Naher Osten und auch Asien und Russland. Wir haben in den vergangenen zwei Jahren Geschäfte in Russland, Dubai, Indien, Malaysia, Kasachstan, Aserbaidschan, Südkorea und Hongkong eröffnet. 2008 wollen wir nach Macao und Indonesien gehen.

€uro: Ist das Teil der angekündigten globalen Expansion?
Perrone: Ja, die Geschäftseröffnungen sind Teil unserer Wachstumsstrategie, Doch auch dabei bleiben wir exklusiv. Nehmen Sie China. Das ist für Luxusunternehmen der Boommarkt schlechthin. Und doch werden wir dort nur fünf Geschäfte eröffnen. Denn wenn man Brioni überall finden kann, wird die Exklusivität unserer Marke verloren gehen. Wir wollen die Marke in einer Nische halten, nicht den Massenmarkt bedienen. Nicht alle Menschen sollen sich Brioni leisten können.

€uro: Sie sprechen gern von einer globalen Elite, die bereit ist, Premiumpreise für Premiumprodukte zu bezahlen. Wo lebt diese Elite?
Perrone: Ich komme gerade aus den USA. Dort sind exklusive Labels nach wie vor sehr begehrt. Die neue globale Elite wird allerdings in Asien und Russland sein. Dort sind die Leute bereit, dafür zu zahlen, dass sie sich von der Masse abheben.

€uro: Wie lang wird es diese Elite geben?
Perrone: Ich klopfe auf Holz. Wir leben in einer Welt, in der es täglich mehr unvorstellbar reiche Menschen gibt. Ich glaube, der Trend wird sich mindestens noch zehn Jahre lang fortsetzen.


Aus der neuen Herbstkollektion

€uro: Was ist mit Indien?
Perrone: Bei meinem Besuch im Frühjahr dieses Jahres staunte ich, wie viele wohlhabende Menschen in Indien leben. Zuvor war mir schleierhaft, wie man hier Anzüge für 3000 Euro verkaufen soll. Doch man kann. Und besser als wir dachten. Unser Partner in Mumbai kam dieses Jahr gleich zweimal nach Italien, um neu zu ordern.

€uro: Wie sieht Ihre weitere Strategie aus?
Perrone: Wir wollen vermehrt auf Accessoires und Freizeitkleidung setzen. Wir machen seit zehn Jahren Sportswear. Die Anregung dazu kam übrigens auch aus Amerika. Heute bringt dieses Segment über 40 Prozent des gesamten Umsatzes.

€uro: Was ist mit der Damenkollektion?
Perrone: Nur wenige wissen, dass schon Schauspielerinnen wie Anna Magnani und Greta Garbo Brioni trugen. Doch die Erwartungen des früheren Brioni-Managements, dass die Frauenlinie sogar schneller wachsen könne als die Herrenmode, waren unrealistisch. Wir wollen die Damenlinie erhalten. Aber sie wird nie mehr als fünf oder zehn Prozent unseres Umsatzes ausmachen.

€uro: Könnten Sie sich unsere Kanzlerin Angela Merkel in Brioni vorstellen? Ihr Vorgänger Gerhard Schröder war schließlich bekennender Brioni-Träger.
Perrone: Mit Rücksicht auf ihre Privatsphäre äußern wir uns grundsätzlich nicht, wer unsere Kundinnen sind. Aber es sind auf jeden Fall anspruchsvolle Frauen mit Liebe für Details.

"Wir ziehen Könige, Premierminister, Vorstandsvorsitzende und berühmte Schauspieler an."

€uro: Könnten Sie uns dann wenigstens einen Menschen nennen, den Sie gern mal einkleiden würden?
Perrone: Oh Gott. Wir ziehen Könige, Premierminister, Vorstandsvorsitzende und berühmte Schauspieler an. Ich kann also nicht sagen, ich will Mr. White oder Mrs. Red einkleiden – vielleicht tragen die bereits Brioni. Manchmal begleite ich unseren Meisterschneider Angelo Petrucci bei Hausbesuchen. Und da entdeckt man schnell, dass auch die bedeutendsten Persönlichkeiten schlicht und ergreifend nur Menschen sind. Es ist sehr amüsant für mich zu sehen, wie sich Präsidenten oder Vorstandsvorsitzende angeregt mit unserem Schneider über alles Mögliche unterhalten.

€uro: Wo sehen Sie Brioni in zehn Jahren?
Perrone: Wir werden wohl unsere Expansion abgeschlossen haben. Zudem werden wir auch die eine oder andere Akquisition gemacht haben.

€uro: Das macht uns neugierig.
Perrone: Ich habe da nicht große Marken im Sinn, eher kleine italienische Hemden- oder Schuhhersteller, die hohe handwerkliche Perfektion besitzen. Die wollen wir dann unter der Dachmarke Brioni vereinen.

€uro: Was würde Ihr Großvater dazu sagen?
Perrone: Ich denke, dass er sehr stolz auf mich wäre, da bin ich mir sicher. Ich habe ein wunderschönes Foto meines Großvaters in meinem Büro stehen und ab und zu rede ich mit ihm, sage: „Nonno, schau, es läuft gut.“


Vita
Andrea Perrone, 38, begann direkt nach dem Jurastudium in dem 1945 von seinem Großvater Gaetano Savini zusammen mit Nazareno Fonticoli gegründeten Unternehmen zu arbeiten. Unter anderem verbrachte er sechs Monate in der Schneiderei im Abruzzenstädtchen Penne, in der die Brioni-Anzüge hergestellt werden. Seit 2003 ist der Vater dreier Kinder im Brioni-Vorstand.

Mariella Bauer
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