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14.12.2005 | Euro Archivbericht | Ausgabe 01/06

„Verabschiedet sich die Allianz aus Deutschland, Herr Achleitner?“

Richtige Unternehmensführung, Standort Deutschland und die neue Ertragsstärke der Allianz: Finanzvorstand Paul Achleiter stellt sich den Fragen von €uro.
Euro: Herr Achleitner, die Allianz hat den Corporate Governance Quality Award 2005 von €uro gewonnen. Wie wichtig ist denn aus Ihrer Perspektive, der eines ehemaligen Investment-Bankers, das Thema gute Unternehmensführung für Investoren?
Paul Achleitner: Wenn Sie bedenken, daß Investoren neben der Branchen- vor allem die Managementauswahl beschäftigt, ist die richtige Unternehmensführung entscheidend. Es gibt heute in Deutschland kaum ein Mitglied eines Aufsichtsrats oder Vorstands, das sich nicht intensiv mit dem Thema beschäftigt.

Euro: Die USA haben ihre Gesetze drastisch verschärft. Machen wir genug?
Achleitner: Die USA haben eine andere Rechtskultur und andere Probleme. Unsere Spielregeln sind sehr gut. An einigen Stellen – und nach viel Widerstand – haben wir weitere Verbesserungen vorgenommen. Unser Defizit besteht in erster Linie darin, unser System noch nicht genügend mit Leben gefüllt zu haben. Die Praxis des zweistufigen Systems, also die Teilung der Unternehmensführung in Aufsichtsrat und Vorstand, wird aber heute besser vorgelebt.


"Wir werden weniger deutsch und mehr europäisch sein."

Paul Achleitner

Euro: Müssen wir, wie es viele Ausländer fordern, auch an die Mitbestimmung ran?
Achleitner: Unser Hauptproblem ist nicht das rechtliche Konstrukt, sondern die gelebte Praxis des zweistufigen Board-Systems. Wir haben zu große Gremien, und das geht zu Lasten der Effizienz und der Vertraulichkeit zwischen Vorstand und Aufsichtsrat. Deshalb wird der Aufsichtsrat immer so spät in Entscheidungen einbezogen. Aber was ist im Rahmen einer Reform der Mitbestimmung erreichbar? Eine Drittelparität? Das ist eine Scheinlösung. Es geht ja nicht darum, daß Entscheidungen blockiert werden, sondern darum, daß die Gremien zu groß sind.

Euro: Sind die Probleme auch für den Umbau der Allianz zur Europa-AG ursächlich?
Achleitner: Der Grund dafür, daß wir jetzt an einer Umwandlung in eine Europa-AG arbeiten, ist, daß wir beabsichtigen, die italienische RAS mit der Allianz zu fusionieren. Die europäische Unternehmensverfassung ermöglicht diese grenzüberschreitende Übernahme, bei der die RAS-Aktionäre ein Angebot zum Verkauf ihrer Anteile erhalten.

Euro: Wie ist der aktuelle Stand bei dem Fusions-Vorhaben?
Achleitner: Nach Abschluß des freiwilligen Barangebots wird die Allianz ungefähr 76 Prozent der RAS-Stammaktien und rund 71 Prozent der RAS-Vorzugsaktien halten. Das zeigt sehr deutlich, daß die RAS-Aktionäre vom Wachstumspotential der Allianz überzeugt sind.

Euro: Fürchten Sie keine Diskussion, weil die Allianz aus Deutschland weggeht?
Achleitner: Wir werden weniger deutsch und mehr europäisch sein, ja. Aber das ist doch ein gutes kulturelles Signal. Und die Corporate-Governance-Effekte sind auch gut: Die Gremien werden kleiner und internationaler, auch auf Seite der Arbeitnehmer. Zudem bleibt unser Sitz ja in München.

Euro: Auf Ihrer Hauptversammlung lag die Präsenz bei 34 Prozent. Beunruhigt Sie das?
Achleitner: Wir sind ein breitgestreuter Titel, der zu 100 Prozent im freien Publikumsbesitz ist; da ist es schwieriger, große Präsenzen zu organisieren. Trotzdem sind sinkende Präsenzen nicht in unserem Interesse. Wir müssen gegen die irrige Annahme angehen, daß die Anmeldung bei der Hauptversammlung den Handel der Aktie unmöglich mache. Wir sollten auch über bessere Vertretungsmöglichkeiten für institutionelle Investoren nachdenken. Und ich bin auch der Meinung, daß wir über Anreize wie einen Dividendenbonus nachdenken sollten. Im Zweifel müssen wir gesetzlich nachhelfen.

Euro: Wie groß ist denn Ihre Sorge, daß sich ein unangenehmer Hedgefonds mit einem großen Paket melden könnte?
Achleitner: Wir haben seit langem Hedgefonds unter den Investoren und pflegen den Kontakt. Es gibt weder Berührungsängste noch Sorgen. Nur eines ist zu tun: Die Hedgefonds kommen mit Anliegen, und die müssen wir mit den Strategien des Managements für alle anderen Aktionäre abgleichen.

Euro: Helfen schärfere Meldepflichten?
Achleitner: Wir sind für mehr Transparenz. Meldepflichten können dazu ein Ansatzpunkt sein.

Euro: Würden Sie es merken, wenn jemand sagen wir mal drei Prozent zusammenkauft?
Achleitner: Jein. Wir haben zwar vinkulierte Namensaktien, unsere Aktionäre sind im Aktienregister eingetragen. Allerdings erkennen wir nicht immer an den Institutionen und Verwahrern, ob dahinter Pakete geschnürt werden, weil Aktionäre bei ausländischen Verwahrbanken oft nicht namentlich in Erscheinung treten.

Euro: Sie haben gemeldet, daß Sie Ihre alternativen Investments zusammenfassen wollen. Was steckt dahinter?
Achleitner: Wir bündeln unser direktes Private Equity, das sind also direkte vorbörsliche Beteiligungen, sodann das indirekte Private Equity, also die Investments in entsprechende Fonds, ferner Aktieninvestments im Small- und Mid-Cap-Bereich mit einem langfristigen Anlagehorizont und viertens Immobilien. Wir glauben, daß die Beschäftigung mit diesen Assetklassen sich gegenseitig befruchtet. Wir nehmen die Umstrukturierungen vor, weil wir in dem Bereich Raum für Wachstum innerhalb der Gruppe sehen.

Euro: Wieviel Geld steckt in diesem Bereich?
Achleitner: Die Anlagesummen bewegen sich zwischen 25 und 30 Milliarden Euro. Aber wir haben kein Volumen vorgegeben. Statt dessen müssen die Manager uns mit ihren Investitionsvorschlägen überzeugen. Dieser Ansatz unterscheidet sich von dem anderer Private-Equity-Investoren. Die meisten betreiben das Geschäft eher als Vermögensverwalter denn als Investor. Investor zu sein ist aber die Kernkompetenz der alternativen Investments. Unsere Mitarbeiter sollen kein Marketing betreiben oder Gebühren maximieren, sondern sich darauf konzentrieren, aus Investments Erträge zu erwirtschaften.

Euro: Wie lange ist denn die durchschnittliche Kapitalbindung in dem Bereich? Achleitner: Das ist ein Punkt, bei dem wir glauben, Vorteile zu haben. Wer einen Fonds betreibt, muß investieren und verkaufen. Wir als Versicherer und integrierter Finanzdienstleister sind diesem Rhythmus so nicht unterworfen. Wenn wir gute Investmentvorschläge haben, verfügen wir auch über die Geduld, längere Zeit investiert zu bleiben.

Euro: Die Allianz hatte 2005 ein gutes Jahr, obwohl es rekordverdächtig viele Umweltkatastrophen gab. 2002, im Jahr des Jahrhunderthochwassers, sah das anders aus. Was hat sich geändert?
Achleitner: Wir haben unser Geschäftsmodell angepaßt. Damals wurden wir von einem Katastrophenjahr mitten im Umbau erwischt. Heute sieht man aber den Nutzen. Wir sind jetzt in der Lage, selbst im schwierigen Marktumfeld eine ordentliche Rendite zu verdienen. Ein wesentlicher Grund: Lange Jahre wurde die reine Versicherungstechnik vernachlässigt, und man hat sich zu sehr auf Kapitalerträge verlassen. Jetzt verdienen wir auf der Investment- und auf der Versicherungsseite.

Euro: Haben Sie nicht einfach die Prämien angehoben?
Achleitner: Nein, es geht mehr um Risikoselektion und eine effizientere Schadensabwicklung, von der auch die Kunden ihren Nutzen haben. Wer weiß, wie er Schäden reguliert, der spart. Über unser Sustainability-Programm tauschen wir untereinander Erfahrungen aus, und zwar systematisch. Wir stellen also fest, welches Verfahren sich in welcher Situation als der effizienteste Weg zum Ziel bewährt hat, und diese Methode wird dann gruppenweit eingeführt.


"Wir haben nicht die Illusion, Warren Buffett zu sein."

Paul Achleitner

Euro: Welche Rolle spielen Derivate dabei?
Achleitner: Derivate sind Bestandteile des modernen Risikomanagements.

Euro: Der amerikanische Investor Warren Buffett hat Derivate im Versicherungsgeschäft als das Kapitalmarkt-Äquivalent von Massenvernichtungswaffen bezeichnet. Er fürchtet, daß sich Erfüllungsrisiken unkontrollierbar summieren. Wie sehen Sie das?
Achleitner: Wir haben nicht die Illusion, Warren Buffett zu sein. Unser Ausgangspunkt ist, die richtige Vermögens-Schuldner-Struktur zu finden. Als Versicherer und integrierter Finanzdienstleister verwalten wir Gelder und tragen zeitlich nachgelagerte Auszahlungsverpflichtungen. Um diese Struktur zu optimieren, setzen wir selektiv auch Derivate ein.

Euro: Die Bundesregierung plant eine Veräußerungsgewinn-Besteuerung. Was halten Sie davon?
Achleitner: Diese Diskussionen kann man nicht isoliert führen. Wenn eine solche Steuer im Zusammenhang mit einer Abgeltungssteuer kommt, die das System vereinfachen würde und mehr Effizienz schafft, dann bin ich dafür. Wenn im Rahmen einer Abgeltungssteuer ein moderater Satz von höchstens 20 Prozent gefunden wird, müssen auch Veräußerungsgewinne besteuert werden; das ist dann akzeptabel.

Euro: Es ist aber laut jüngsten Koalitionsvereinbarungen kein integrales Steuersystem in Sicht.
Achleitner: Ich möchte kein sogenannter Monday Morning Quarterback sein, der am Montag weiß, was er im Spiel am Sonntag hätte besser machen müssen. Ohne an der Verhandlungsfront gewesen zu sein, will ich die Koalitionsvereinbarungen nicht wirklich bewerten.

Das Gespräch führten Elmar Peine und Holger Wiedemann .


VITA
Paul Achleitner (49): Der gebürtige Linzer ist seit 2000 Mitglied des Vorstands der Allianz und verantwortet dort das Finanzressort. Vor seinem Wechsel in die Münchner Königinstraße war der promovierte Wirtschafts-, Rechts- und Sozialwissenschaftler zwölf Jahre bei der US-Investmentbank Goldman Sachs, für die er ab 1994 als Leiter des Deutschland-Geschäfts auch Partnerstatus innehatte. Seinen beruflichen Einstieg hatte der dreifache Familienvater bei der amerikanischen Unternehmensberatung Bain & Co. in Boston. Neben Aufsichtsratsämtern hat Achleitner auch einen Lehrauftrag der WHU in Koblenz.

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