10.08.2022 13:07

Neun-Euro-Ticket drückt Inflation - Kostenschub wohl im Herbst

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Berlin (Reuters) - Tankrabatt und Neun-Euro-Ticket haben die inflationsgeplagten deutschen Verbraucher im Juli erneut etwas entlastet.

Waren und Dienstleistungen kosteten im Schnitt 7,5 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch eine frühere Schätzung bestätigt. Im Mai war die Teuerungsrate mit 7,9 Prozent so hoch ausgefallen wie seit dem Winter 1973/74 nicht mehr, ehe sie wegen der staatlichen Entlastungen im Juni auf 7,6 Prozent fiel. Experten sprechen allerdings nur von einem Zwischentief. Sie warnen vor steigendem Inflationsdruck im Herbst, wenn nicht nur Tankrabatt und Neun-Euro-Ticket auslaufen, sondern ab Oktober zusätzlich die Gas-Umlage erhoben wird.

"Ab September ist wieder mit einer Beschleunigung der Inflation zu rechnen", sagte der wissenschaftliche Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Sebastian Dullien. "Das Auslaufen des Neun-Euro-Tickets und des Tankrabatts im September dürfte dann rechnerisch zu fast 1,5 Prozentpunkten zusätzlicher Inflation beitragen."

Dazu gesellt sich ab Oktober noch die Gas-Umlage. "Dies stellt für die Bürger einen massiven Kostenschub dar", sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Für einen Durchschnittshaushalt mit einem Jahresverbrauch von 20.000 Kilowattstunden seien Mehrkosten zwischen 300 und 1000 Euro pro Jahr zu erwarten. "Im Extremfall werden das Ende des Neun-Euro-Tickets und des Tankrabatts, die üblichen Gaspreiserhöhungen sowie die Gas-Umlage die deutsche Inflationsrate etwa drei Prozentpunkte nach oben treiben", sagte Krämer. "Die Inflationsrate wäre dann im vierten Quartal zweistellig."

Angesichts der anhaltend hohen Inflation will Bundesfinanzminister Christian Lindner drohende Steuererhöhungen im Volumen von zehn Milliarden Euro abwenden. "Hier geht es um den Verzicht auf Steuererhöhungen", sagte der FDP-Vorsitzende in Berlin. "Es profitieren 48 Millionen Menschen davon." Lindner will das Steuersystem für die Jahre 2023 und 2024 an die momentan sehr hohe Inflation anpassen. Außerdem soll das Kindergeld erhöht werden. Die Pläne sind allerdings nicht innerhalb der Ampel-Koalition abgestimmt - SPD und Grüne reagierten umgehend mit Kritik.

NAHRUNGSMITTEL DEUTLICH TEURER

Energie verteuerte sich im Juli wegen des russischen Kriegs gegen die Ukraine um 35,5 Prozent und bleibt damit Preistreiber Nummer eins. Allerdings war das Plus im Juni mit 38,0 Prozent noch höher ausgefallen. Die Preisaufschlag bei Strom betrug 18,1 Prozent und hat sich vor allem infolge der Abschaffung der EEG-Umlage abgeschwächt (Juni: +22,0 Prozent). Kraftstoffe verteuerten sich auch infolge des Tankrabatts nur noch um 23,0 Prozent (Juni: +33,2 Prozent, Mai: +41,0 Prozent). Die Preise für leichtes Heizöl haben sich binnen eines Jahres mehr als verdoppelt.

Die Preise sowohl für die Bahntickets im Nahverkehr (-43,9 Prozent) als auch für die kombinierten Tickets für Bahn, Bus und Ähnliches (-63,0 Prozent) gaben wegen des Neun-Euro-Tickets stark nach. Nahrungsmittel kosteten hingegen 14,8 Prozent mehr als im Juli 2021. "Damit hat sich der Preisauftrieb den fünften Monat in Folge verstärkt", betonten die Statistiker. Erheblich teurer wurden Speisefette und Speiseöle (+44,2 Prozent) sowie Molkereiprodukte und Eier (+24,2 Prozent). Fleisch und Fleischwaren kosteten 18,3 Prozent mehr.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat im Juli angesichts der rekordhohen Inflation in der Währungsunion erstmals seit 2011 ihren Leitzins angehoben und beabsichtigt, im September nachzulegen. Dadurch steigen die Kreditkosten für Verbraucher wie Unternehmen, worunter Konsum und Investitionen weiter leiden dürften. Das wiederum könnte der ohnehin schwächelnden Konjunktur zusetzen. "Die Europäische Zentralbank kann derzeit mit Zinserhöhungen wenig kurzfristig gegen die Inflation ausrichten, zumal diese vor allem aus Preissteigerungen in den Weltmärkten herrührt, auf die die EZB nur wenig Einfluss hat", sagte IMK-Direktor Dullien.

(Bericht von Rene Wagner, redigiert von Sabine Ehrhardt - Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)

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Oskar

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