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14.12.2008 09:00
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Auf den Straßen des Wachstums (EuramS)

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Brasilien, Russland, Indien und China gelten als Hoffnungsträger der Weltwirtschaft 2009. Üppige Nachfrageprogramme sollen die Wachstumsregionen auf Kurs halten.

von Oliver Ristau

Von Finanzkrise keine Spur. Auf der Millionärsmesse in Moskau Anfang des Monats protzten Russlands Reiche wie eh und je. Jachten in Monaco, Traum­immobilien in Dubai – das Interesse an Luxusgütern ist im ehemaligen Zarenreich ungebrochen. Nach einer Studie der US-Unternehmensberatung Bain & Company wird sich der Markt für Luxusgüter trotz der aktuellen Wirtschaftskrise mit plus 20 bis 35 Prozent in den kommenden fünf Jahren neben Russland nirgendwo so stark entwickeln wie in den drei Schwellenländern Brasilien, Indien und China. Nicht nur bei Edeluhren und teurem Schmuck sind die Konsumenten in den sogenannten BRIC-Staaten dabei, den USA den Rang abzulaufen. "Die BRIC-Gruppe verfügt bereits über einen größeren Markt für Autos, PCs und Mobiltelefone als die USA", stellt die US-Bank Morgan Stanley in einem Bericht von Anfang Dezember fest. 2009 werde der Warenimport der vier Länder erstmals den der USA überholen. "Für das Schicksal der Weltökonomie ist das Verhalten der Konsumenten in den BRIC-Staaten mittlerweile wichtiger als das der US-Verbraucher", zieht die Bank ein Resümee.

In der Tat war der Konsumhunger etwa der Chinesen bis zuletzt enorm. So legte der private Verbrauch noch im August im Vergleich zum Vorjahr um 23 Prozent zu. "Solch hohe Ziffern werden wir allerdings so schnell nicht mehr sehen", schätzt Alexander Banik, China-Experte der Deutsche-Bank-Investmenttochter DWS. Viele Chinesen sind schon mit Konsumgütern wie Mobiltelefonen ausgestattet. Für höherwertige Artikel wie etwa PC fehlt das Geld. "Die Sparquote in China ist sehr hoch", bestätigt Investmentmanager und Asien-Spezialist Michiel Boots­ma von der niederländischen ING. Das Fehlen sozialer Sicherungssysteme und die Notwendigkeit, für Bildung, Gesundheit und Rente selbst zu zahlen, sorgt bei Chinas Konsumenten in der aktuellen Situation dafür, zunächst den Sparstrumpf zu füllen und dann erst zu shoppen.

Denn dass der Boom in Chinas Wirtschaft nachlässt, sagen selbst die zumeist optimistischen staatlichen Quellen. So erwartet das chinesische State Information Center im letzten Quartal des Jahres wegen einer Abkühlung der Industrieproduktion nur noch ein BIP-Wachstum von acht nach neun Prozent im dritten Quartal. Für 2009 rechnen internationale Beobachter mit einer weiteren Tempodrosselung. Die ING sieht das Wachstum gar auf sechs bis sieben Prozent fallen. Denn die Wirtschaft leidet nach Ansicht von Bootsma ­unter dem "drastischen Abkühlen" der Exportwirtschaft und der heimischen Immobilienbranche, den beiden "zent­ralen Sektoren der chinesischen Wirtschaft". Im November gingen die chinesischen Exporte erstmals seit sieben Jahren zurück.

Wohl wissend, dass Exportmärkte kaum mit direkten Staatshilfen wieder in Gang zu bringen sind, setzt China zur Abwehr der internationalen Krise auf die Ankurbelung der Binnenwirtschaft. Von dem Anfang November angekündigten Konjunkturprogramm von mehr als vier Billionen Yuan (rund 400 Milliarden Euro) pumpt Peking mit 180 Milliarden Euro knapp die Hälfte in den Ausbau der Infrastruktur wie Schienen- und Autobahnnetz, Flughäfen, Häfen und Stromleitungen. Ein weiteres Viertel soll dem Wiederaufbau der von den Erdbeben im Mai betroffenen Regionen zugute kommen. 35 Milliarden Euro gibt China für Umweltprojekte zur Verbesserung der Wasser- und Luftqualität sowie zur Müllentsorgung aus.

Mit 65 Milliarden Euro, die in den sozialen Wohnungsbau und die lokalen Infrastrukturen fließen, sollen außerdem die oft noch rückständigen Lebensbedingungen vieler Chinesen auf dem Land verbessert werden. Oberstes Ziel dieses Gesamtpakets ist es, die Basis der eigenen Wirtschaft zu stärken, um für den nächsten Aufschwung gerüstet zu sein. Weitere Hilfen werden folgen, zeigt sich Bootsma überzeugt. Denn dank der seit Jahren zweistellig wachsenden Exporte hat das Land enorme Devisenreserven aufgebaut, mit denen sich Staatsprogramme spielend finanzieren lassen. Gelder aus einem neuen Programm sollten stärker als bisher den Einkommen und damit dem privaten Konsum zugute kommen, forderten zuletzt chinesische Ökonomen.

Dass China als zusätzliches Inst­rument seine Währung abwerten lassen könnte, um der heimischen Exportwirtschaft unter die Arme zu greifen, glauben die Experten nicht. "Es geht darum, gegenüber den USA Stärke zu zeigen", sagt DWS-Manager Banik. Dass die Währung just kurz vor dem Besuch von US-Finanzminister Henry Paulsen so stark wie noch nie seit Ende des festen Wechselkurssystems absackte, interpretieren Beobachter als politischen Wink an die USA, nicht zu viel Yuan-Aufwertung zu verlangen. Die USA fordern seit Jahren eine stärkere Anhebung des Wechselkurses.

Die Kostenvorteile, die die heimische Wirtschaft aus den gesunkenen Öl- und Rohstoffpreisen ziehen, übersteigen derzeit ohnehin etwaige Abwertungseffekte. Das gilt auch für Indien, das noch stärker als der östliche Nachbar von Energieimporten abhängt. Umgekehrt hat die Exportwirtschaft mit rund 20 Prozent Anteil an der Gesamtwirtschaft weitaus weniger Gewicht als in den anderen BRIC-Staaten. Deshalb läuft die Binnenkonjunktur auf dem Subkontinent noch rund. Dazu kommt, dass die Regierung auch vor dem Hintergrund bevorstehender Wahlen alles tut, um die konsumierende Mittelschicht bei Laune zu halten. Dazu soll das am vergangenen Wochenende beschlossene Konjunkturpaket beitragen, das unter anderem Steuersenkungen auf breiter Front und Hilfen für kleine Unternehmen verspricht. Das Gros des bis zu acht Milliarden Dollar schweren Pakets soll der Infrastruktur zugute kommen.

Brasilien konsumiert auch ohne Konjunkturprogramm so viel wie nie zuvor. "Die Regierung sieht wegen der guten Rahmendaten keinen Anlass für ein Konjunkturpaket", sagt Heinz Mewes, ehemaliger Chefvolkswirt der früheren Dresdner Bank ­Lateinamerika. Die Exportwirtschaft arbeitet trotz gesunkener Preise profitabel und lässt die Devisenreserven auf neue Rekordstände steigen.
"Russland ist unter den vier BRIC-Staaten der größte Problemfall", sagt Fondsexperte Thomas Vester Nielsen von der dänischen Bank­invest. Denn keines der Vergleichsländer sei so abhängig vom Ölpreis. Mehr als ein Drittel der Staatseinnahmen stammt aus dem Öl- und Gassektor. Stürzt der Ölpreis weiter ab, ist auch der Haushalt 2009 Makulatur, der mit 55 Dollar je Barrel kalkuliert ist. Dann müsste Moskau seine ohnehin schon strapazierten Reserven angreifen. Noch reichen die Mittel, um die Löhne für Staatsbedienstete um 30 Prozent anzuheben und in die Modernisierung der Infrastruktur zu investieren. Die allseits gefürchtete Gefahr ist dabei ein weiterer Wertverlust des Rubels wie schon einmal vor zehn Jahren. Dass die BRIC-Staaten trotz Krise dabei sind, von der Schwelle ins zent­rale Licht der Weltwirtschaft zu rücken, davon sind die Experten überzeugt. Für die ING steht fest, "dass sie aus der "aktuellen Krise gestärkt hervorgehen werden". Langfristig sehen Bootsma und Banik insbesondere China und Indien vorn. "China ist auf Sicht der nächsten zehn Jahre der Gewinner der Weltwirtschaft", schätzt auch Nielsen. Im Fall einer globalen konjunkturellen Erholung werden asiatische Konsumgüteranbieter und Zulieferer zu den ersten Profiteuren zählen. Und der Millionärsnachwuchs ist gesichert.

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