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13.04.2016 14:26
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Bafin legt für deutsche Versicherer nur bis 2018 die Hand ins Feuer

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   Von Madeleine Nissen und Paul Davies

   FRANKFURT/LONDON (Dow Jones)-- Die deutschen Lebensversicherer sind gefangen in einem Dilemma, das einige die Existenz kosten kann. Die Aufseher zwingen die Versicherer, ihre Kapitaldecken zu stärken. Das geschieht in einer Zeit, in der sie angesichts niedriger Zinsen mit ihren Kapitalanlagen nur mit Müh' und Not Geld verdienen können. Jetzt stellt sich die Frage, wie lange das noch gut geht und wann dieser Weg für die Schwächsten in der Branche zu beschwerlich wird.

   Die Auswirkungen negativer Zinsen auf die Lebensversicherer versetzen die deutschen Aufseher so sehr in Sorge, dass sie den Sektor nur bis einschließlich 2018 als sicher ansehen. Bereits heute hätte die Hälfte der Branche ohne spezielle Maßnahmen zu wenig Kapital.

   Das Problem liegt in den Versprechen, die Versicherer ihren Kunden vor Jahren gemacht haben. Damals hatte noch niemand mit einer derart radikalen und langen Niedrigzinspolitik der Zentralbanken weltweit gerechnet. Die deutschen Lebensversicherer sind besonders hart getroffen. Denn die Renditezusagen, die sie ihren Kunden auf viele Jahre hin versprochen haben, erweisen sich jetzt viel zu hoch.

   Gewichtige europäische Versicherer wie Allianz, Axa, Generali und Munich Re haben alle ein großes Lebensversicherungsgeschäft in Deutschland. Doch nicht sie sind es, die den Regulieren Kopfschmerzen bereiten, sondern die kleinen Versicherer.

Bafin ist vorsichtig Die verdienten Bruttobeiträge in der Branche betrugen im Jahr 2014 rund 89,9 Milliarden Euro, wie die jüngste Statistik der Finanzaufsicht Bafin zeigt. Einige Versicherer müssen auf laufende Kapitalanlagen eine Rendite von mehr als fünf Prozent verdienen, um ihre Garantieversprechen einhalten zu können. Das geht aus einem Bericht der Bundesbank aus dem Jahr 2014 hervor. In einer Welt, in der zehnjährige deutsche Staatsanleihen mit weniger als 0,25 Prozent rentieren, ist das sehr schwierig.

   Während der Branchenverband GDV sich auf die Versicherungsaufsicht EIOPA beruft und damit rechnet, dass Lebensversicherer noch mindestens eine Dekade über ausreichende Eigenmittel verfügen, sieht das die Bafin inzwischen vorsichtiger. "Versicherer über einen Zeitraum von acht bis elf Jahren als sicher zu bezeichnen, halte ich für mutig", sagt Frank Grund, oberster Versicherungsaufseher der Bafin, im Interview mit dem Wall Street Journal. "Nach heutigen Erkenntnissen würde ich eine Gefahr für die deutschen Versicherer bis 2018 ausschließen", sagt Grund.

Von Bomhard: Viele Investoren fühlen sich gezwungen, höhere Risiken einzugehen Mit bald wieder steigenden Zinsen können Versicherer jedenfalls nicht rechnen. Die Europäische Zentralbank versucht immer noch, die Inflation auf den gewünschten Stand hochzukurbeln. Sinkende Zinsen gehören zu ihren wichtigsten Hebeln. Das stellt Versicherer vor die schwierige Aufgabe, für ihre Kapitalanlagen die richtige Balance von Rendite und Risiko zu finden.

   Die Munich Re, deren Tochter Ergo Leben mit verdienten Bruttobeiträgen in Höhe von 3,0 Milliarden Euro Platz sieben der Bafin-Statistik belegt, beobachtet die Zinspolitik mit großer Sorge. Der Ertrag vieler Investments spiegele nicht mehr das eingegangene Risiko wider, sagt Vorstandschef Nikolaus von Bomhard dem Wall Street Journal. Das sei "gefährlich". Von Bomhard: "Viele Investoren fühlen sich gezwungen, höhere Risiken einzugehen."

   Einige Versicherte bekommen bereits weniger Geld ausgezahlt als ihnen versprochen wurde, wie Vorstandssprecher Axel Kleinlein vom Bund der Versicherten (BdV) sagt. Die Bemühungen der Regulierer, die Bilanzen der Unternehmen und ihre Überlebenschancen zu verbessern, gingen teilweise auf Kosten der Versicherten, sagt er.

   Alle europäischen Versicherer stellen sich zudem auf das Regelwerk Solvenz II ein, das verschärfte Anforderungen an das Kapital stellt. Die deutschen Lebensversicherer haben 16 Jahre Zeit, die neuen Kapitalanforderungen unter europäischem Recht vollständig zu erfüllen. Ohne die stufenweise Einführung hätte die Hälfte der Versicherungsindustrie heute zu wenig Kapital, wie die Bafin in einer Umfrage im vergangenen Jahr herausfand.

   Die Bafin versucht die Versicherten langfristig zu schützen, indem sie die Lebensversicherer zwingt, die so genannte Zinszusatzreserve (ZZR) aufzubauen. Dieser Topf soll helfen, die garantierten Zusagen sicherzustellen.

   Als diese Reserve im Jahr 2011 eingeführt wurde, sollte sie eigentlich aus den üblichen Einnahmen aus Kapitalanlagen gefüllt werden. Doch als hier immer weniger heraussprang, waren die Unternehmen gezwungen, ältere Vermögenswerte zu verkaufen. Diesen waren inzwischen mehr Wert als die Versicherungen ursprünglich für sie gezahlt hatten. Den Gewinn aus diesen Verkäufen nutzen sie, um die ZZR aufzubauen.

   Das Tückische dieser Strategie ist: Die Versicherer müssen wieder in ähnliche Anlagen investieren, die aber inzwischen viel weniger Rendite abwerfen. Wenn die Versicherer mehr Rendite wollen, müssen sie mehr Risiken eingehen.

   Die Versicherer gehen beide Wege, aber im Schnitt sinkt ihre Rendite schneller als das ohne die Einzahlungen in den ZZR-Topf der Fall wäre. Das Bewusstsein für das Dilemma steigt, wie Versicherungsexperte Benjamin Serra von der Ratingagentur Moody's sagt.

   Die Zinszusatzreserve führe bereits zu niedrigeren Auszahlungen an die Versicherten, wie BdV-Vorstandssprecher Kleinlein sagt.

Bafin: Risiko für die Kapitalanlage wird teilweise auf den Verbraucher übertragen Zu kämpfen haben die Versicherer auch mit dem Verkauf neuer Versicherungen, die viel geringere Renditen garantieren als das früher der Fall war. Die französische Axa-Gruppe beispielsweise, verkaufte im vergangenen Jahr Policen mit nur einem Drittel der durchschnittlich in Deutschland auf bestehende Verträge gezahlten Rendite von 3,3 Prozent.

   "Das Risiko für die Kapitalanlage wird teilweise auf den Verbraucher übertragen", sagt Bafin-Direktor Grund. "Das ist ein Trend."

   Das führt möglicherweise zu einem sinkenden Interesse bei den Verbrauchern, da das Risiko für diese Policen steigt und die Erträge sinken. Doch ohne neue Verträge mit geringerer Verzinsung bleibt die durchschnittlich garantierte Rendite hartnäckig hoch, selbst wenn die Erträge aus Kapitalanlagen weiter fallen.

   "Die Frage ist, ob deutsche Kunden zufrieden damit sind, Produkte mit mehr Risiko als je zuvor zu kaufen", sagt Serra von Moody's. "Das funktionierte, als die Aktienmärkte sich gut entwickelten, aber was passiert bei höheren Kursschwankungen?"

Wenn ein Versicherer schwächelt, nimmt das die gesamte Branche mit Langfristig muss die Versicherungsbranche mehr Kapital aufnehmen. Aber viele der schwächeren Versicherer gehören den Versicherten und können nicht am Aktienmarkt Kapital erhöhen. Sie können Junioranleihen verkaufen, aber das kann ohne entsprechendes Programm teuer werden. Oder sie bekommen von Investoren mit hohem Risikoappetit privat Geld geliehen, was einige Versicherer bereits gerne annehmen.

   Wenn ein Versicherer schwächelt, nimmt das die gesamte Branche mit. Versicherer, die es nicht schaffen, müssten möglicherweise vom Sicherungsfonds Protektor gerettet werden. Der Fonds wird von gesunden Versicherungen gespeist und wurde gegründet, um die Mannheimer Versicherung im Jahr 2002 aus dem Sumpf zu ziehen.

   Im schlimmsten Fall könnte der Fonds laut Moody's von der Branche Einzahlungen von bis zu 8 Milliarden Euro erfordern. Allerdings gibt es Grenzen für die jährlichen Forderungen. Die größten Versicherer, die in Deutschland Geschäft machen, sind derzeit nicht wegen möglicherweise steigender Einzahlungen besorgt. Aber je länger die Zeit niedriger Zinsen anhält, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit des Kollaps einiger Versicherer.

   Kontakt zu den Autoren: madeleine.Nissen@wsj.com; paul.davies@wsj.com

   DJG/mln/mgo

   (END) Dow Jones Newswires

   April 13, 2016 08:09 ET (12:09 GMT)

   Copyright (c) 2016 Dow Jones & Company, Inc.- - 08 09 AM EDT 04-13-16

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