02.02.2015 03:00
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Reiner Calmund: "Red Bull ist erste Sahne!"

Euro am Sonntag-Interview: Reiner Calmund: "Red Bull ist erste Sahne!" | Nachricht | finanzen.net
Euro am Sonntag-Interview
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Der ehemalige Fußballmanager glaubt, dass Kapital- und Fan-Kultur in der Bundesliga zusammenpassen, und freut sich über Geldgeber wie SAP-Mitgründer Dietmar Hopp.
€uro am Sonntag
von Mario Müller-Dofel, Euro am Sonntag

Endlich! An dem Wochenende startete die Rückrunde der Fußball-Bundesliga. Dabei jubelten die Fans aber nicht nur, sondern pfiffen und pöbelten auch - vor allem gegen ­so­genannte Retortenklubs.
Darunter verstehen Fans traditioneller Fußballvereine Bundesligisten wie die TSG Hoffenheim, ein Investitionsobjekt von Milliardär Dietmar Hopp (74), und RB Leipzig, eine Spielwiese von Red-Bull-Eigner Dietrich Mateschitz (70). Auch der abstiegsbedrohte Hamburger SV kann sich auf eine neue Geldspritze freuen. Insgesamt 45 Millionen Euro haben Klaus-Michael Kühne (77), Milliardär, Unternehmer und Großaktionär des Logistikkonzerns Kühne + Nagel, sowie Alexander Otto (47), schwerreicher Unternehmer und jüngster Sohn des Versandhausgründers Werner Otto, dem HSV kürzlich versprochen. Natürlich werden die Pfiffe auch wieder den Geldsäcken des FC Bayern München gelten, an dem sich für viel Geld DAX-Konzerne beteiligt haben.

Voraussetzung für Geldspritzen von Milliardären und Konzernen ist, dass die Klubs ihre Profi-Abteilungen in Kapitalgesellschaften auslagern. Schon da scheiden sich die (Fan-)Geister: Ist die Bundesliga noch Fußball oder nur mehr Kommerz?
Reiner "Calli" Calmund (66), Ex-Manager des Werksklubs Bayer 04 Leverkusen, will im Interview keine Zweifel aufkommen lassen und spricht wie gewohnt Klartext.

€uro am Sonntag: Herr Calmund, es scheint, als könnten Fußballklubs nur dann noch erfolgreich sein, wenn ihre Profi-Abteilung eine Kapitalgesellschaft ist. Was ist der Vorteil?
Reiner Calmund:
Na ist doch klar: dass das Management Investoren aktiv beteiligen kann. Wer heute finanzstarke Partner will, muss ihnen Mitspracherechte geben. Je professioneller die Investoren sind, desto besser klappt die Partnerschaft. Außerdem bedeutet die Ausgliederung des Profifußballs aus dem Verein die Fokussierung auf das Profigeschäft und bilanzielle Transparenz.

Warum ist Transparenz wichtig?
Sie sorgt dafür, dass ein Profiklub als das geführt wird, was er ist: ein Unternehmen der Unterhaltungsbranche. Die Bundesligavereine machen heute pro Geschäftsjahr jeweils 40 bis - die Bayern zuletzt - 528 Millionen Euro Umsatz. Die kannst du doch nicht mehr führen wie einen gemeinnützigen Verein!

Bayern hat Adidas, Audi und die Allianz als Top-Sponsoren. Sind Investoren aus dem DAX erste Wahl?
Erste Sahne sind die! Es gibt nichts Besseres. Kein DAX-Konzern würde in eine marode Liga oder in einen schlecht geführten Klub investieren. Deshalb sind DAX-Konzerne ein Riesenkompliment für die Bundesliga.

Bis auf Schalke, Mainz, Freiburg, Paderborn und Stuttgart haben alle Klubs der 1. Bundesliga ihre Profibereiche in Kapitalgesellschaften umfirmiert. Findet da ein Wandel von der Vereins- zur Kapitalkultur statt?
Ach was! Aber es bleibt ein frommer Wunsch, dass man Weltklassefußball mit einigen der weltbesten Spieler in den modernsten Stadien der Welt allein mit Vereinsliebe finanzieren kann. Dazu braucht man Geld! Die Fußballunternehmen betonen doch geradezu die Tradition.

Sie fürchten nicht, dass Investoren zu viel reinreden? Bei Kapitalgesellschaften greift die 50+1-Regel. Die sichert dem Verein mindestens 51 Prozent der Stimmen, egal wie viel Geld Investoren in einen Klub buttern. Das hat sich bewährt und sollte so bleiben.

Zweitligist RB Leipzig wird ja wohl von Finanzier Mateschitz regiert.
RB Leipzig hat im Dezember seine Profiabteilung in eine Kapitalgesellschaft ausgegliedert. Der Klub spielt nach den Regeln des DFB, der deutschen und europäischen Gesetze und hat alles, was Profifußball braucht: Kapital, Kompetenz und Konzepte. Das 3-K-Modell, ab jetzt immer schön im Kopf behalten, ja?

Kritiker beklagen den Tod der Fankultur.
Na, so weit kütt et noch! RB Leipzig hält den Zuschauerrekord in der vierten Liga: 30.100 Zuschauer gegen die Sportfreunde Lotte. Gegen Lotte! Das ist ja nicht gerade ein Klassiker, oder? In der dritten Liga gingen bis 40.000 Zuschauer in das neue Red-Bull-Stadion. Der Mateschitz investiert nämlich auch in Steine und nicht nur in Beine.

Es geht um den Grund …
Nee, mein Lieber, lass mich mal reden jetzt. (Calli kommt jetzt richtig ins Rollen.) 40.000 Zuschauer sind viel mehr als Lokalrivale Lok Leipzig in seiner Bundesligasaison 1994 hatte! Da kamen selbst gegen Leverkusen mit den Stars Thom, Kirsten, Schuster und Sergio nur 5.100 Zuschauer ins Stadion. Die beiden Leipziger Vereine Lok und Sachsen hatten nach der Wende nie mehr Erfolg, weil sie falsch gemanagt wurden. Jetzt pilgern die Leute zu RB. Was ist daran "Tod der Fankultur"? Die wachsenden Zuschauerzahlen in der Bundesliga und die tolle Stimmung sprechen ganz klar für eine starke und beständige Fankultur.

Es geht um den Grund des Erfolgs - das Geld eines Milliardärs.
In Leipzig haben sie jahrelang nach Sponsoren gesucht, haben aber keine starken bekommen, weil Kompetenz und Konzepte fehlten! Angesichts dessen, dass sich am 20. November 1990 in Leipzig auch die Fußballverbände von Ost- und Westdeutschland, DFV und DFB, wiedervereint haben, ist das eine traurige Geschichte. Jetzt bringt Mateschitz mit RB Leipzig endlich alle drei Ks an diesen historischen Ort des deutschen Fußballs - und ein paar Leute meckern, was der dort will. Erst sind sie dafür, dass sie dagegen sind, und dann sind sie dagegen, dass sie für Red Bull sind. Das ist doch Quatsch. Und Red Bull ist erste Sahne!

Hoffenheim-Investor Hopp wird immer wieder von Fans anderer Mannschaften beschimpft.
Ich verstehe nicht, warum auch dieser Mann in Deutschland so kritisch gesehen wird. Das System von Hopp ist top! Der hat mit dem Softwarekonzern SAP eines der erfolgreichsten deutschen Unternehmen mitaufgebaut, Zigtausende Arbeitsplätze geschaffen, dreistellige Millionenbeträge aus seinem privaten Vermögen in Bildungs-, Forschungs- und soziale Einrichtungen gesteckt. Dann unterstützt er seinen Heimatverein mit privatem Kapital, weil er schon seit Kindheitstagen fußballverliebt ist und aus den größeren Städten nebenan keine Unterstützung erhielt. Na und? Jetzt spielen die vor fast 30.000 Zuschauern Bundesliga, wovon die ganze Region profitiert.

In der Wirtschaft benutzen Manager oft den Begriff Humankapital. Gibt es den auch im Fußball oder ist "Spielermaterial" noch im Trend?
Unterm Strich sind es etwa 500 Fußballer, die den Milliardenbetrieb Bundesliga am Laufen halten. Egal wie Sie die nennen: Kicken müssen die können. Kicken!

Sie meinen, das Humankapital muss kicken können.
Jetzt wollen Sie mich wohl reizen? Na gut: Ja, selbstverständlich, Human­kapital ist völlig okay. Das wird objektiv ausgerechnet. Und jetzt machen Sie mich wegen diesem Begriff bloß nicht schlecht.

Der größte Kostenpunkt für Fußballfirmen sind die extrem gestiegenen Spielergehälter. Doch während in Europa durchschnittlich nahezu zwei Drittel der Einnahmen an die Kicker fließen, ist es in der Bundesliga nicht mal die Hälfte …
Na also, ist doch wunderbar.

Muss die Personalaufwandsquote der Bundesliga steigen, damit sie auch künftig gegen hoch verschuldete Ligen wie in England, Spanien und Italien bestehen kann?
Ach was. Sollen Madrid, Barcelona, Chelsea, Monaco, St. Petersburg, Donezk und Co mal die Preise weiter hochtreiben: Solange sich drei, vier Bundesligaklubs regelmäßig ins Achtelfinale der Champions League ballern, zwei ins Viertelfinale kommen und einer ins Halbfinale, ist der deutsche Weg völlig in Ordnung.

Was ist der deutsche Weg?
Maßhalten, auf dem Teppich bleiben, richtig rechnen und die drei Ks: Kompetenz, Konzepte, Kapital. Ich sach et immer wieder! 

Meinungsstarkes
Schwergewicht

Reiner Calmund wurde am 23. November 1948 in Brühl am Rhein geboren. Der studierte Betriebswirt war bis 2004 Geschäftsführer der Bayer 04 Leverkusen Fußball GmbH. Seither ist er bei Europa- und Weltmeisterschaften unter anderem als Botschafter der Verbände UEFA und FIFA aktiv. Seine 2008 erschienene Autobiografie trägt den Titel "fußballbekloppt". Der vielbeschäftigte "Calli" ist seit elf Jahren in dritter Ehe verheiratet, hat fünf Kinder und drei Enkel.

Bildquellen: Axel Griesch für €uro
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