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28.09.2015 03:00
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Salzgitter-Chef: "Am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen"

Euro am Sonntag-Interview: Salzgitter-Chef: "Am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen" | Nachricht | finanzen.net
Euro am Sonntag-Interview
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Heinz Jörg Fuhrmann, der Chef von Salzgitter, über den Sparkurs des Konzerns, seine Wachstumspläne und die Faszination von Stahl.
€uro am Sonntag
von Oliver Ristau, Euro am Sonntag

Mehr Old Economy als Stahlerzeugung geht kaum. Trotz aller Krise ist sie ein fester Bestandteil des Industriestandortes Deutschland. So wie im niedersächsischen Salzgitter, Sitz von Deutschlands zweitgrößtem Stahlerzeuger. Neben dem Motorenwerk von VW raucht und faucht ein Hochofen. Wenige hundert Meter entfernt erhebt sich die Firmenzentrale der Salzgitter AG - ein wuchtiger Klinkerbau aus den 1930er Jahren. Im zweiten Stock bittet Prof. Fuhrmann zum Gespräch, hinter sich ein Ölgemälde an der Wand, das eine Schmiede mit einem glühenden Stahlstrang zeigt. Doch für den gebürtigen Duisburger ist das Metall kein Relikt aus alter Zeit. Stahl bleibe auch im 21. Jahrhundert ein Zukunftsprodukt - auch für Anleger.

Euro am Sonntag: Sie mussten in den letzten Jahren dem globalen Wettbewerb und dem Verfall der Stahlpreise Tribut zollen und einen harten Sanierungskurs fahren. Ist die Restrukturierung bei Salzgitter jetzt abgeschlossen?
Heinz Jörg Fuhrmann: Wenn sich die konjunkturellen Gegebenheiten in den für uns relevanten Märkten nicht negativ verändern, wird es nach dem Strukturprogramm, das 2016 ausläuft, kein neues geben.

Dennoch gibt es bei mancher Tochter Probleme. Müssen Sie nicht noch weitere Anpassungen vornehmen?
Wenn man ein solches Strukturprogramm durchzieht wie wir, ist es nicht so, dass dann für die nächsten Jahre automatisch Ruhe herrscht. Es könnte auch künftig Fälle geben, in denen eine Bereinigung notwendig ist. Wichtig ist nur, dass der Umfang solcher Strukturanpassungen begrenzt bleibt. Die ganz großen Themen sollten bis zum Jahresende erledigt sein.

Eine Reduzierung der weltweiten Produktionskapazitäten würde dem Stahlmarkt helfen. Sehen Sie, dass in China angesichts der wirtschaftlichen Eintrübung Fabriken verschwinden?
Dass die Kapazität in China sinkt, wird in den nächsten drei bis vier Jahren nicht eintreten; wahrscheinlich wird die Kapazität weniger stark steigen als in der Vergangenheit. Der Druck, der aus China kommt, wird also anhalten.

Wie hoch sind die Überkapazitäten in Europa?
Ich möchte lieber von ungenutzten Kapazitäten sprechen. Die liegen etwa bei 30 Millionen Tonnen pro Jahr in Europa. Kehren wir allerdings zu einem Stahlverbrauch zurück, wie wir ihn vor der Finanzmarktkrise 2008/2009 hatten, so würden wir den Großteil davon auch künftig benötigen. Der aktuell niedrige Level der Industrieproduktion in Europa kann nicht von Dauer sein. Wenn die Wirtschaft in Europa insgesamt stärker Fahrt aufnimmt, werden diese Kapazitäten wieder gebraucht.

Das Problem könnte sich aber verschärfen, wenn auch Russland wegen der schwachen Inlandsnachfrage als Exporteur in Europa auftritt.
Das könnte in der Tat passieren, auch wenn ich nicht glaube, dass das allzu lange anhalten würde, weil Russlands Wirtschaft wieder Tritt fassen wird und den Stahl selbst benötigt. Das berührt aber eine grundsätzliche Frage. Jegliches Material drängt als erstes in die Märkte, die offen sind. Die EU ist die einzige Region mit nennenswertem Stahlverbrauch, die keinen wirksamen Außenschutz gegen Importe besitzt wie das in den USA und China der Fall ist.

Aber es gibt doch Strafzölle gegen Stahl aus China.
Die betreffen nur einzelne Produkte. Die EU prüft gerade zwar weitere Strafzölle, doch sie ist anders als die USA in solchen Fragen weder rigide noch schnell. Deshalb laufen die Importe weiter in unseren Markt.

Um wie viel billiger bieten chinesische Wettbewerber in Europa an?
Die Preise liegen etwa um zehn bis 15 Prozent darunter - für untere Güteklassen wohlgemerkt. Keiner unserer Kunden würde an uns 15 Prozent mehr bezahlen, wenn der Stahl absolut vergleichbar wäre. Wir bieten eine bessere Qualität und zuverlässige Lieferzeiten.

Sehen Sie trotzdem Chancen für wieder steigende Stahlpreise?
Kurzfristig nicht auf breiter Front. Aber innerhalb der letzten Quartale sind die wichtigsten Rohstoffe Eisenerz und Kokskohle günstiger geworden. Zugleich ist es gelungen, die Stahlpreise einigermaßen stabil zu halten. Das ist ein Erfolg.

Inwiefern hat die Margenverbesserung, die Sie beschreiben, geholfen, den Turnaround zu schaffen?
Von der Verbesserung, die wir im ersten Halbjahr 2015 gegenüber 2014 erzielt haben, stammt etwa 70 Prozent aus der Restrukturierung und nur rund 30 Prozent aus der Marge. Wir haben uns also vor allem am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen.

EuramS: Wollen Sie die Dividende wieder steigern? Für 2011 lag sie mit 0,45 Euro mehr als doppelt so hoch wie 2014 mit 0,20 Euro.

Selbstverständlich. Es ist das Ziel, Ergebnisse zu erwirtschaften, die höhere Dividenden zulassen. In der aktuellen Situation lässt sich das aber nicht planen.

Wäre es angesichts des harten Wettbewerbs nicht sinnvoll, wenn Sie sich mit Stahlerzeugern wie ThyssenKrupp zu einer Deutsche Stahl AG zusammenschlössen?
Davon halte ich nichts. Ich bin überzeugt, dass die negativen Einflüsse auf die Standorte, auf die Motivation der Mitarbeiter stärker wären als vermeintliche Synergien. Neue Koordinierungsebenen müssten eingezogen werden. Das ist zusätzliche Bürokratie. Außerdem würde man unsere mittelständischen Strukturen aufgeben, die gerade in Deutschland für viele Kunden wichtig sind.

ArcelorMittal ist durch Fusion zum größten Stahlkonzern der Welt aufgestiegen.
Ich habe großen Respekt davor, was Mittal in den letzten Jahren geschafft hat. Es gibt aber nicht nur einen Weg zum Erfolg. Unser Vorstand und unser Aufsichtsrat sind klar gegen eine Deutsche Stahl AG. Wir wollen eigenständig bleiben.

Sie haben mit der Aurubis eine Beteiligung, die nicht direkt zu einem Stahlunternehmen passt. Wäre es nicht sinnvoll, diese zu verkaufen?
Nein, die Aurubis hat sich als hervorragendes Investment erwiesen. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass sich diese Rentabilität nicht fortsetzen sollte. Ich kann mir gut vorstellen, dass eines Tages aus Aurubis und Salzgitter ein Konzern wird. Dafür gibt es eine wirtschaftliche Logik, etwa die künftige gemeinsame Entwicklung von industriellen Prozessen. Wir wären übrigens nicht die Erfinder einer solchen Struktur. Es gab schon zuvor Bespiele für solche "Multi-Metal-Companies".

Zum Konzern zählen auch Getränkemaschinenhersteller und Produzenten von Kunststoffspritzgussanlagen. Das hat mit Salzgitter-Stahl wenig zu tun. Soll das verkauft werden?
Nein. Im Gegenteil. Anders als viele Analysten halten wir eine Diversifikation für richtig, da sie den Konzern in einer zyklischen Branche stabilisiert. Nur zyklische Geschäftsfelder im Portfolio zu haben ist nicht gut. Bei Getränkemaschinen zählen wir zur weltweiten Top 3. Weil im Stahl das Wachstum sehr begrenzt ist, wollen wir in solchen Feldern expandieren. Nach Abschluss der Restrukturierung werden wir unseren Fokus darauf richten.

Das Unternehmen

Endlich ein Lichtblick
Nach drei Jahren in den roten Zahlen stellt der Stahlkonzern für 2015 wieder Gewinne in Aussicht. Zwar belastet die Schließung der Spundwandtochter HSP den MDAX-Konzern mit Kosten im mittleren zweistelligen Millionenbereich. Im ersten Halbjahr wurden jedoch operativ 80 Millionen Euro verdient. Die Jahresprognose - ein stabiler Umsatz im Vergleich zu den neun Milliarden Euro im Vorjahr sowie ein Vorsteuer­gewinn im mittleren bis zweistelligen Millionenbereich - wurde bestätigt. 2016 und 2017 werden deutliche Gewinnzuwächse erwartet. Die Aktie ist günstig bewertet.

Kurzvita

Stahl- und Zahlenfan
Heinz Jörg Fuhrmann (58) ist der Stahlindustrie mit Leib und Seele verbunden. Seit dem Studium der Eisenhüttenkunde in Aachen widmet sich der gebürtige Duisburger dem Metall, arbeitet später für Klöckner und die ehemalige Preussag Stahl, die als Salzgitter AG 1998 an die Börse ging. Im Vorstand ist er seit 1996, ab 2001 zuständig für das Ressort Finanzen, ab 2011 als dessen Vorsitzender. Gerade ist sein Vertrag um fünf Jahre verlängert worden.
Seine Leidenschaft für Stahl gibt er seit 2008 als Honorarprofessor auch an Studenten weiter. Wenig Zeit bleibt für private Dinge. Fuhrmann spielt zum Ausgleich Tennis, besucht klassische Konzerte und das Theater. Manchmal geht es ihm aber auch wie Millionen anderer Deutscher, die sich am Freitagabend nach einer anstrengenden Arbeitswoche zu Hause einfach nur einen TV-Krimi ansehen wollen.

Bildquellen: Frank Bierstedt/Salzgitter AG, Salzgitter AG
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