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12.10.2008 09:00
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Flotter Tanz auf dem Vulkan (EuramS)

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Nicht alle Banken verharren in Schockstarre. Einige Institute mit Reserven nutzen das Chaos und fleddern nach allen Regeln der Kunst die kollabierte Konkurrenz.

von Wolfgang Ehrensberger

Es gibt in diesen Tagen Banker, die können ihr Glück kaum fassen. Baudouin Prot, seit 2003 Chef der Pariser Großbank BNP Paribas, gehört zu ihnen. Der 57-jährige Franzose und Ritter der Ehrenlegion vermeldete Anfang der Woche seinen bislang wohl größten Coup. Für einen Schnäppchenpreis fiel Prot der gesunde Teil des in Schieflage geratenen belgisch-niederländischen Konkurrenten Fortis in die Hände. Gerade mal 14,7 Milliarden Euro musste BNP Paribas für einen Großteil der Bank- und Versicherungsaktivitäten von Fortis berappen. Für den Bankteil bezahlte BNP gar nur 70 Prozent des Buchwerts.

Mit einem Volumen von 586 Milliarden Euro sind die Franzosen jetzt nicht nur die Bank mit den größten Kundeneinlagen in Europa, sie besitzen damit auch ein wichtiges Sicherheitskriterium in der aktuellen Krise. "Es gibt derzeit nicht viele Banken, die so einen Deal stemmen können", lästerte Prot auch noch über die Konkurrenz. "57 Prozent unserer Einnahmen stammen künftig aus dem Filialgeschäft", freut sich der Franzose.

Zuvor schon hatte die nach wie vor zahlungskräftige spanische Großbank Santander ihre europäische Einkaufstour fortgesetzt und Teile des angeschlagenen britischen Finanzinstituts Bradford & Bingley (B & B) übernommen. "Die haben mit der Leichenfledderei nicht mal abgewartet, bis B & B den letzten Atemzug getan hat", beschreibt ein entsetzter Betroffener das Szenario. Belastete Teile von B & B wie etwa ein 52 Milliarden Euro schweres Risikokredit-paket überließen die Spanier großzügig der britischen Regierung.

Santander hat in der Vergangenheit bereits die britische Abbey National und die brasilianische Banco Real eingegliedert und ist in Deutschland als Interessent der zum Verkauf stehenden Postbank in Erscheinung getreten. Auf einen Bieterkampf mit der ebenfalls interessierten Deutschen Bank hat sich Santander allerdings nicht eingelassen.

Bisher sehe es in der Tat so aus, als ob BNP Paribas und Santander als Gewinner unter den europäischen Banken aus der Krise hervorgingen, meint Merck-Finck-Analyst Konrad Becker. "Man muss sich nur das Beispiel Fortis vergegenwärtigen. Noch vor einem Monat war dieses Institut einer der größten europäischen Finanzkonzerne. Nun sichert sich BNP Paribas die Filetstücke und rückt selbst an die europäische Spitze." In Deutschland sehe er solche "strahlenden Sieger" nicht, so Becker. "Verglichen mit dem Vorgehen von BNP oder Santander, sind der Commerzbank-Dresdner-Deal oder der Einstieg der Deutschen Bank bei der Postbank lediglich Teil der lange hinausgezögerten Konsolidierung des deutschen Bankensektors." Ähnlich bewertet es der Bankwissenschaftler Wolfgang Gerke. "BNP und Santander könnte man als relative Krisengewinner bezeichnen", erläutert er. Sie litten zwar auch unter den Turbulenzen, aber weit weniger als andere Banken. "So wächst der Abstand dieser Institute zur Konkurrenz dramatisch an."

Doch was haben die beiden aus der Reihe tanzenden Finanzinstitute anders gemacht? Merck-Finck-Analyst Becker hat dafür gleich ein ganzes Bündel an Erklärungen parat. "Diese Banken haben sich schon immer stark im nationalen Retail- und Privatkundengeschäft positioniert, das für stabile Erträge sorgt und gerade in der Krise Refinanzierungsspielräume erhält."

Zudem hätten sie sich im Investmentbanking relativ zurückgehalten. Beide hätten schon immer einen konsequenten Wachstumskurs durch Übernahmen gefahren. Santander habe sich so den süd- und mittelamerikanischen Markt und Teile der USA erschlossen. Bei Übernahmen hätten sie ein glückliches Händchen bewiesen und keine Hypothekenbanken angerührt, sondern vergleichsweise stabile Geschäftsbanken. Santander habe es außerdem verstanden, die speziellen Immobilienrisiken am spanischen Markt geschickt zu umschiffen. "Und schließlich hat auch die Finanzaufsicht dazu beigetragen, indem sie die Institute dazu angehalten hat, auch in Zeiten des Booms Reserven anzulegen, von denen sie jetzt profitieren."

Die unkontrollierte und teilweise rabiate Art und Weise, in der die Neuordnung der europäischen Bankenlandschaft inzwischen abläuft, ruft aber auch kritische Stimmen auf den Plan. "Wenn Santander zum Schnäppchenpreis von 670 Millionen Euro Vermögenswerte von B & B von 20 Milliarden Pfund samt 200 Zweigstellen einkauft, dann ist das ein Offenbarungseid für die europäische Wettbewerbspolitik", formuliert es ein Kritiker. "All diese Verschiebungen laufen doch komplett an Brüssel vorbei. Wirtschaftlich gesund ist das alles nicht, denn mit den neuen Strukturen, die derzeit so ­chaotisch wie bei einem Vulkanausbruch entstehen, werden wir nach dem Erkalten der Krise jahre-, wenn nicht sogar jahrzehntelang leben müssen."

Das hat sich mittlerweile bis nach Fernost herumgesprochen. Im allgemeinen Durcheinander rühren inzwischen auch japanische Banken kräftig mit und stecken ihre Claims in Europa ab. So gelang es dem japanischen Brokerhaus Nomura, das Europa-Geschäft der insolventen US-Investmentbank Lehman Brothers zu übernehmen. Für zwei Dollar bekamen die Japaner alle 2500 Mitarbeiter der Bank und konnten so ihr Engagement auf dem Alten Kontinent deutlich ausbauen. "Das ist eine Gelegenheit, die sich in einer Generation nur einmal bietet", feierte Nomura-Chef Kenichi Watanabe das Geschäft.

Ähnliche Schnäppchen machte auch Japans größte Bank Mitsubishi UFJ. Der Vorstoß der Japaner ist umso bemerkenswerter, als die japanischen Institute in den 80er- und 90er-Jahren selbst tief in der Krise steckten. Das nährt die Hoffnung, dass der Bereinigungsprozess zwar harte Opfer abverlangt, aber am Ende auch wieder Chancen bietet. "Diejenigen, die durchkommen, werden künftig auf Märkten operieren, auf denen richtig gutes Geld zu verdienen ist", glaubt Bankenexperte Gerke. Gewinner sieht er dabei auch jenseits des Atlantiks, selbst unter den Gestrauchelten in Gestalt der Exinvestmentbank Goldman Sachs. Die hat es nach dem Zusammenbruch des Konkurrenten Lehman Brothers verstanden, durch Umwandlung in eine "normale" Geschäftsbank gerade noch mal die Kurve zu kriegen.

Derweil eröffnete BNP-Paribas-Chef Prot am Abend der Verkündung des Fortis-Deals in Paris eine Pastellmalerei-Ausstellung seiner Bank mit dem Titel "Das Geheimnis und der Glanz". Der ansonsten steif und langweilig daherkommende Prot wandelte entspannt durch die Räume, schüttelte jede Hand, die er greifen konnte, und gönnte sich beim Cocktailempfang zur Feier des Tages zufrieden ein Gläschen Champagner. Draußen brachen die Finanzmärkte weiter ein.

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