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07.03.2010 15:00
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Bestseller-Autor Magnusson: „Wer nicht mitmacht, ist der Dumme“

Kopf der Woche: Bestseller-Autor Magnusson: „Wer nicht mitmacht, ist der Dumme“ | Nachricht | finanzen.net
Kristof Magnusson, Autor
Kopf der Woche
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Sorglosigkeit und Selbstüberschätzung sind die Zutaten der Finanzkrise – und des Romans „Das war ich nicht“. Autor Kristof Magnusson im Interview.
von Martin Blümel, Euro am Sonntag

Aktienhändler Jasper ruiniert mit waghalsigen Spekulatio­nen auf den Kurs einer US-Hypothekenbank seinen Arbeitgeber und sorgt für einen veritablen Finanzskandal. Zur selben Zeit vertraut ihm der alternde Schriftsteller Henry sorglos, weil heillos verliebt in ihn, sein Vermögen an und muss damit rechnen, dass Jasper auch das verpulvert. Dazu gesellt sich Henrys abgebrannte Übersetzerin Meike, die dem schreibmüden Autor Beine machen will und dabei immer wieder auf Jasper trifft, obwohl sie Banker auf den Tod nicht ausstehen kann.Kristof Magnusson hat mit „Das war ich nicht“ einen leichtfüßigen, humorvollen Roman geschrieben, in dem drei durchs Leben schlingernde Charaktere trotz oder gerade dank der Finanzkrise zueinanderfinden.

€uro am Sonntag: Einer Ihrer Hel­den, der Schriftsteller Henry, sagt: „Eine Bank ist ein rätselhafter Ort, voller leise ausgeführter, obskurer Handlungen, wo es den ganzen Tag Kaffee gibt.“ War das auch Ihre Erfahrung mit der Finanzwelt, bevor Sie den Roman geschrieben haben?
Kristof Magnusson: Ich bin kein Banker, aber mich hat das Metier schon immer interessiert. Meine eigene Wahrnehmung ist aber ambivalent. Ich beschäftige mich gern mit Geld, eine Bank hatte für mich schon als Kind eine gewisse Magie. Es ist aber auch der Ort, wo man mir schon Sachen andrehen wollte, wo klar war, dass die riskant sind. Bei Zertifikaten wird nie auch nur mit einem Wort gesagt, dass das Geld weg ist, wenn die Bank pleite ist. Auch nach der Finanzkrise nicht. Ich habe das schon in der Warteschlange erlebt, wie 70-jähri­gen Rentnerinnen, die mit ihrem Sparbuch ankamen, was aufgeschwatzt wurde. Daher meine Ambivalenz. Einerseits bin ich fasziniert, andererseits weiß ich, dass in Banken eine Menge Mist gemacht wird.

In Ihrem Roman geht eine Bank pleite, weil ein einziger Händler, Jasper, Riesenverluste auftürmt und man ihm erst auf die Schliche kommt, als es schon zu spät ist. Haben Sie sich da von dem Banker Jerome Kerviel inspirieren lassen, der im Januar 2008 zig Milliarden verspielte?
Es gab mehrere Inspirationen. Sachen aus den 80ern, „Liar’s Poker“ etwa von Michael ­Lewis. Dann die ganzen Geschichten über Nick Leeson, der Barings’s ruinierte. Nicht nur sein eigenes Buch, sondern auch ein Werk von Leesons damaliger Kollegin Judith Rawnsley. Und dann natürlich Kerviel.

War Kerviel der Anlass für Ihr Buch?
Ich habe mit dem Buch schon etwas früher angefangen, Ende 2007. Kerviel war dann sozusagen ein großer, passender Zufall.

2007 schien die Finanzwelt ja noch in Ordnung.
Ja. Ich habe auch nicht vorhergesehen, dass sich alles zu einer so großen Sache auswächst. Ich fing mit der Geschichte an, weil mir schon immer dieses Missverhältniss aufgefallen ist, dass Geld in der Literatur eine geringere Rolle spielt als im echten Leben. Ein, zwei Tage nachdem der Fall Kerviel publik wurde, habe ich mich mit dem Roman­entwurf um ein Arbeitsstipendium an den deutschen Literaturfonds beworben. Ich konnte Kerviel also noch einfließen lassen.

Beim Lesen des Buchs war ich oft erinnert an die Yuppiezeit der 1980er. An Filme wie „Wallstreet“ oder „Secret Of My Success“ mit Michael J. Fox.
Ich kenne beide Filme. Das hat mich sicher auch beeinflusst. Die 80er waren ja auch so was wie die erste große Zeit der Derivate. Atmosphärisch musste ich mich aber von Vorbildern wie „Wallstreet“ eher lösen. Bei mir gibt es keinen lauten Parketthandel, in meinem Buch geht es im Händlersaal extrem leise und konzentriert zu, da wird nicht gebrüllt und gefuchtelt, was in der ­Realität ja auch so ist.

Es gibt ja Leute, die behaupten, Sie hätten das Buch nach der Krise geschrieben.
Als Laie darf man so eine Vermutung ja gern äußern. Aber dass sich der Kritiker der „Zeit“ da­rauf eingeschossen hat, hat mich dann doch verwundert. Ich kann das Buch ja nicht in drei Monaten schreiben. Das Gerüst stand Anfang 2008, abgegeben habe ich das Manuskript vor einem Jahr, dann kam das Lektorat, ein Leseexemplar, eine Vorabtour durch die Buchläden ... So was dauert ein gutes Jahr.

Also haben Sie doch seherische Qualitäten?
I wo. Sprachlich war das aber schon witzig, wie die Terminologie nach und nach ausgeweitet wurde: Hypothekenkrise, Immobi­lienkrise, Bankenkrise, Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Weltwirtschaftskrise. Die „FAZ“ hat mal versucht dagegenzuhalten mit „Flaute“, hat das aber dann doch schnell wieder aufgegeben. Aber ich bin kein Prophet, da war einfach das Interesse für das Thema. Mich faszinieren auch seit ­jeher Spielernaturen, vielleicht weil ich früher selbst Schach als Leistungssport gespielt habe.

Ich dachte, Sie hätten eine Bankervergangenheit. Selten wurde ein „Long Straddle“ so gut beschrieben wie bei Ihnen.
Nein, nein, ich habe noch nie in einer Bank gearbeitet. Das kam erst mit der Recherche. Da habe ich mir das Innenleben einiger Frankfurter Banken angesehen und mich auch bei der Frankfurt School of Finance kundig gemacht. Die haben auch meine Fahnen Korrektur gelesen. Da war ich mächtig nervös.

Wurde viel bemängelt?
Ein, zwei Sachen wurden angemerkt. Es war mir schon ein großes Anliegen, dass trotz einiger dramaturgischer Straffungen das Fachliche stimmt. Ich bin da sozusagen traumatisiert. Einige meiner Freunde sind Ärzte. Mit denen kann ein TV-Ärzteserien-Abend besonders spaßig sein. Oder eben gar nicht, je nachdem, wie zynisch man ist.

Um die Schönrechnerei der Hypothekenbanken zu beschreiben, kommen Sie dem Leser mit Entenhausen. Wo haben Sie denn das ausgegraben?
Darauf bin ich stolz. Das ist eine frühkindliche Leseerfahrung. Tick, Trick und Track bieten auf einem Flohmarkt Limonade an. Tick hat einen Taler, kauft ein Glas, trinkt es. Zahlt den Taler an Trick. Der kauft damit ein Glas, trinkt es, zahlt an Track. Auch der kauft ein Glas und zahlt mit dem Taler. So verkaufen die drei sich reihum mit demselben Taler immer wieder neue Limonade. Als alle Flaschen leer sind, glauben sie, dass sie viel Geld verdient haben. Dass in der Kasse nur ein Taler liegt, ist dann ein Schock. Ich habe als Kind tagelang gegrübelt, wie das sein kann.

Ein Luftgeschäft, dieser Limohandel. Man sieht bei Ihnen auch, wie die Finanzwelt massenpsychologisch tickt. „Die größte Angst des Traders ist nicht die vor dem Verlust, sondern damit allein zu sein“, schreiben Sie.
Ja, Blasenbildung! Die Leute sagen dann: Natürlich wussten wir, dass alles auf tönernen Füßen steht, aber wir wären ja blöd gewesen, nicht mitzumachen, wenn alle anderen Geld verdienten. Das ist Herdentrieb. Das rückt die Wirtschaft näher an die Literatur. Es gibt Experimente, die man gut für Romane verwenden kann, etwa dass Leute unproduktiver werden, wenn man mehr Lohn zahlt. Oder Angestellte, die sich zurückgesetzt fühlen, wenn das neue Büro kleiner ist als das alte.

Dazu fällt mir der Wissenschaftler Didier Sornette ein, der versucht, Blasen zu identifizieren. Drei hat er ausgemacht und will im Mai darüber berichten.
Anleihen, Gold …

Ja, gut möglich. Chinesische Immobilien, vielleicht Kupfer. Ihre Charaktere schlittern ja seltsam passiv in ihr Unglück. Der alternde Schriftsteller Henry etwa gibt dem Banker Jasper eine allumfassende Vollmacht, weil der „professionell und sympathisch“ erscheint.
Diese Leichtgläubigkeit ist ein wichtiger Aspekt.

Haben Sie den Wedel-Film „Gier“ gesehen, der stark an die Geschichte des Betrügers Jürgen Harksen angelehnt ist?
Ich habe davon gehört. Der Harksen-Fall war in Hamburg eine große Sache. Ein gutes Beispiel für die Blauäugigkeit beim Geld­anlegen. Die Leute wälzen tagelang Prospekte, bevor sie in Urlaub fahren oder ein Auto kaufen. Und beim Geldanlegen machen sie alles, was der Bankberater sagt. Geld ist einfach so ein Thema, mit dem man sich nicht beschäftigen will. In meinem Roman ist Geld eine Metapher für Leute, die sich insgesamt nicht um sich selbst kümmern, für Leute, die es sich gemütlich gemacht haben mit ihren Selbstbetrugsmechanismen.

Vita Kristof Magnusson, Schriftsteller
1976 in Hamburg geboren. Ausbildung zum Kirchenmusiker, Studium am Dt. Literaturinstitut Leipzig und in Reykjavik. Er ist Autor des Theaterstücks „Männerhort“ sowie der Romane „Zuhause“ und „Das war ich nicht“ (Verlag Antje Kunstmann).

Bildquellen: Thomas Dashuber
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