21.12.2009 06:00
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Serge Abou: "Wir sind erst am Beginn des Aufstiegs Chinas"

Kopf der Woche: Serge Abou: "Wir sind erst am Beginn des Aufstiegs Chinas" | Nachricht | finanzen.net
EU-Botschafter Serge Abou
Kopf der Woche
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Auf den krassen Exporteinbruch als Folge der globalen Krise war China nicht vorbereitet. Nun wird die Regierung die Wirtschaft umbauen, um die eigene Nachfrage zu stärken, glaubt EU-Botschafter Serge Abou.
€uro am Sonntag
von Daniela Meyer, Beijing

Krisengewinner in China werden die großen Staatskonzerne sein, sagt Serge Abou, Botschafter der Europäischen Union in Beijing. Im Interview mit €uro am Sonntag spricht er über Preisdumping und Außenhandel und erklärt, warum wir endlich aufhören müssen, uns vor China zu fürchten.

€uro am Sonntag: Herr Abou, Sie leben seit fünf Jahren in China. Reicht das, um die Kultur zu verstehen?
Serge Abou: Es ist ein Anfang. Ich verstehe nun besser, wie die Chinesen denken. Das ist wichtig, um mit ihnen zu arbeiten. Ich würde mir wünschen, dass wir ebenso viel Zeit damit verbringen würden, China zu begreifen, wie die Chinesen damit verbringen, uns zu verstehen. Sie haben noch diese Neugier, etwas zu lernen und weiterzukommen, die wir vielleicht schon verloren haben.

Sie haben die Finanzkrise aus chinesischer Sicht erlebt. Ist das Land wirklich nicht so stark betroffen wie der Westen?
Die Banken sind nicht betroffen, da das Regulierungssystem sie abgehalten hat, im internationalen Finanzmarkt tätig zu werden. Die Realwirtschaft hat jedoch gelitten. China musste Exporteinbrüche von teils 25 Prozent hinnehmen. Dank der schnellen Reaktion der Regierung wird die Wirtschaft 2009 aber um etwa acht Prozent wachsen.

Die Maßnahmen der Regierung konnten nicht alle Probleme lösen. Wo sehen Sie noch den größten Handlungsbedarf?
Ganz dringend muss der nationale Konsum gestärkt werden. Dazu gehört ein funktionierendes soziales Netzwerk, da die hohe Sparquote in China auf das schlechte Sozialversicherungssystem zurückzuführen ist. Zudem muss das mangelhafte Finanz- und Kreditsystem verbessert werden. Sorgen macht auch die Schwerindustrie. Hier gibt es massive Überkapazitäten. Während die EU und die USA zu Beginn der Krise ihre Produktion der geringeren Nachfrage angepasst haben, ist das in China nicht geschehen.

Wie wirkt sich das jetzt aus?
Bei Stahl gab es schon vor der Krise eine Überkapazität von 100 Millionen Tonnen pro Jahr. Als Folge von Hilfspaketen wie leichtere Kreditvergabe oder Steuervorteile hat die Branche noch mehr produziert. Zu den 100 Millionen Tonnen sind so nochmals 50 Millionen hinzugekommen. Das gleiche Problem besteht in der Zement- und Chemieindustrie.

Was tut die chinesische Regierung dagegen?
Sie hat das Problem erkannt und gerade einen Maßnahmenplan beschlossen, um Überkapazität zu reduzieren. Es dürfte aber schwierig sein, allen gerecht zu werden, da natürlich Jobs gefährdet sind, wenn die Produktion heruntergefahren wird. Und Massenarbeitslosigkeit soll um jeden Preis vermieden werden.

Was wären Konsequenzen für die EU, wenn die Überproduktion weitergeht?
Die größte Sorge der EU ist Preisdumping in europäischen und amerikanischen Märkten. Es gibt bereits einige Fälle in der Stahl- und Chemieindustrie, die wir untersuchen und wo wir auch entsprechende Maßnahmen ergreifen. Im Einzelfall können wir natürlich reagieren. Wir können der chinesischen Regierung aber nicht vorschreiben, wie sie ihre Wirtschaftspolitik zu gestalten hat.

Jede Krise hat ihre Gewinner und Verlierer?
Insgesamt wird China schneller und besser aus der Krise kommen als die anderen großen Wirtschaftsmächte. Die Krisengewinner werden die großen Staatsunternehmen sein, die freien Zugang zu Krediten und Subventionen haben. Die Verlierer sind vor allem die exportorientierten Unternehmen und die privaten Firmen. Staatsunternehmen werden Marktanteile gewinnen – zum Nachteil des privaten Sektors.

Sie haben den krassen Exporteinbruch, unter dem das Land derzeit noch leidet, erwähnt. Warum hat China sich so sehr vom Westen abhängig gemacht?
Mit Export kann man mehr verdienen als mit der Produktion für den lokalen Markt. Zudem sind Kredite für das Exportgeschäft leichter zu bekommen. Firmen, die für den Export produzieren, müssen nicht in den Ausbau von Vertriebswegen und in Werbung investieren. Das wird alles von den Importeuren im Westen erledigt – wie Wal-Mart, Zara oder H & M. Die Schwierigkeit wird nun sein, ein System für den nationalen Markt zu entwickeln. Auf lange Sicht ist das aber möglich.

Wann wird das Exportgeschäft wieder anziehen?
Im Bekleidungssektor sehen wir bereits einen leichten Anstieg. Das liegt daran, dass europäische Konsumenten in Krisenzeiten auf teure Produkte verzichten und lieber Made in China kaufen. Im September war Chinas Exportgeschäft nur noch um 15 Prozent rückläufig.

Ausländische Firmen klagen oft über das Ungleichgewicht zwischen Import und Export. Ist das tatsächlich ein Prob­lem?
In den letzten fünf Jahren hat sich das Verhältnis verbessert. Waren im Wert von 78,4 Milliarden Euro wurden 2008 nach China exportiert. In der gleichen Zeit importierte China Waren im Wert von 247,6 Milliarden Euro in die EU. Wir glauben, dass die EU noch mehr nach China exportieren könnte, wenn es weniger Barrieren gäbe. Mit dem Rest der Welt haben wir einen klaren Außenhandelsüberschuss. Es ist also ein chinaspezifisches Problem.

Was sind das für Barrieren?
Eine sind die Steuern. In manchen Bereichen sind sie unverhältnismäßig hoch. Um etwa ein Auto nach China zu exportieren, muss man 25 Prozent des Kaufpreises zahlen. Dafür gibt es keinen Grund mehr. Der chinesische Automarkt ist voll entwickelt, die lokalen Firmen sind konkurrenzfähig. Zudem sind die Autos, die nach China exportiert werden, Pkw der Luxusklasse und daher nicht einmal Konkurrenzprodukte für lokale Autobauer.

Ist es für ausländische Firmen sinnvoll, ihre Produktion nach China zu verlagern?
Nur wenn man für den lokalen Markt produziert. In den wenigsten Fällen spart man Geld, wenn man etwas in China produziert und es zurück nach Europa bringt.

Während wir uns mehr auf China konzentrieren, richtet China seinen Fokus verstärkt auf Investitionen in Afrika und Australien – Länder, die Rohstoffe haben. Wird die EU immer unwichtiger? Abou: Ich mache mir keine Sorgen. China verkauft immerhin 20 Prozent aller Exportgüter nach Europa. Es ist aber sehr schlau von den Chinesen, auch in andere Märkte zu investieren. Sie brauchen die Diversifikation für ihr weiteres Wachstum.

Worauf müssen wir uns im Umgang mit China einstellen?
Wir sind erst am Beginn des Aufstiegs Chinas. Das Land repräsentiert 20 Prozent der Weltbevölkerung, aber erst sieben Prozent des BIP. China wird aufholen. Das müssen wir endlich akzeptieren. Für unsere Firmen gibt es enorme Chancen in der Volksrepublik, aber wir sollten uns auch darauf vorbereiten, dass es immer mehr chinesische Investitionen in Europa geben wird. Wir müssen aufhören, uns vor China zu fürchten. Europa wird noch sehr lange die größte Wirtschaftsmacht und der größte Exporteur weltweit sein. Wir haben einen großen technologischen Vorsprung und eine gut funktionierende Finanzindustrie. Wir können die Herausforderung meistern, wir dürfen nur nicht länger untätig bleiben.

Wie müssen China und die EU in der Zukunft zusammenarbeiten?
Wir müssen jeweils ein besseres Wissen über den anderen erlangen. Wir sind zu ungeduldig und behandeln China als ein bereits voll entwickeltes Land. Gleichzeitig reagiert China manchmal über – etwa wenn die EU auf die Einhaltung von Menschenrechten als universellem Wert besteht. Generell sollten wir uns stets erinnern, dass wir unsere Verbindungen ausbauen und stärken müssen, auch wenn wir gelegentlich unterschiedlicher Meinung sind.

Vita EU-Botschafter Serge Abou

Der Vater von drei Kindern wurde 1949 in Algerien geboren, ist aber französischer Staatsbürger. Bei der EU-Kommission (früher EC) ist er seit 1974 beschäftigt, in China seit fünf Jahren.

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