aktualisiert: 07.11.2012 20:05
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Wohlstandskrankheit Diabetes: Welche Firmen profitieren

Zuckerkrankheit: Wohlstandskrankheit Diabetes: Welche Firmen profitieren | Nachricht | finanzen.net
100 ml Cola enthalten durchschnittlich 10,6 g Zucker
Zuckerkrankheit
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Fettes Essen und wenig Bewegung - weltweit nimmt die Zahl der Zuckerkranken in rasendem Tempo zu. Immer mehr Firmen profitieren von dem globalen Wachstumsmarkt.
€uro am Sonntag
von Julia Gross, Euro am Sonntag

Der „vierfache Bypass-Burger“ hat es in sich: 900 Gramm Rinderhack, vier Scheiben Käse, viel fetttriefender Speck, und als i-Tüpfelchen schmieren die Köche im Heart­attack-Grill die Brötchenhälften mit purem Schweineschmalz ein. Wer die 9982-Kalorien-Bombe schafft, wird von den Kellnerinnen im knappen Krankenschwester-Outfit im Rollstuhl zum Auto gebracht.

Das Restaurant in Las Vegas hat sich ganz und gar dem Marketing­thema „ungesunde Ernährung“ verschrieben. Was hier im Scherz zelebriert wird — dass man bei allzu fett- und zuckerreicher Kost irgendwann im Krankenhaus landet —, ist allerdings nicht übertrieben. Unausgewogene Ernährung und Bewegungsmangel lassen die Zahl der Übergewichtigen weltweit steigen. Bereits 1,4 Milliarden Menschen haben nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation deutlich zu viel auf den Rippen. Und mit dem Übergewicht kommen Arterienverkalkung, Ar­thritis, Bluthochdruck — und vor allem Diabetes.

Enorme Kosten
Die chronische Zuckerstoffwechselstörung hat sich zur Volkskrankheit entwickelt. Weltweit waren im vergangenen Jahr 366 Millionen Menschen betroffen, 2030 werden es laut World Diabetes Foundation schon 552 Millionen sein. Zu rund 90  Prozent leiden die Betroffenen an Typ-2-Diabetes. Diese Krankheit — früher Altersdiabetes genannt — tritt heute quer durch alle Altersgruppen auf, bei mehr als 80 Prozent der Patienten ist Fettleibigkeit die Hauptursache der Erkrankung.

Pharmaunternehmen profitieren vom ungezügelten Hunger. Die weltweiten Behandlungskosten bei Diabetes betragen aktuell mindestens 462 Milliarden Dollar, das entspricht etwa elf Prozent aller Gesundheitsausgaben. Innerhalb der kommenden 18 Jahre sollen die Ausgaben auf 600 Milliarden Dollar steigen.

Auch in den Schwellenländern wird immer häufiger Diabetes dia­gnos­tiziert. „Mit der zunehmenden Verbreitung des westlichen Lebensstils geraten immer mehr Menschen in den hässlichen Teufelskreis von Fettleibigkeit und Diabetes“, sagt Dallas Webb, Analyst bei der Beteiligungsgesellschaft BB Biotech. „Alle im Dia­betesmarkt aktiven Unternehmen expandieren in diesen Regionen.“

Pharma- und Medizintechnikkonzerne haben mittlerweile eine Vielzahl von Produkten entwickelt, um die Zuckerkrankheit auf ganz verschiedenen Ebenen zu bekämpfen. Viele Innovationen erlangen jetzt Marktreife.

Einen großen Teil des Diabetesmarkts machen Insulin und Insulin-Analoga aus. Das körpereigene Hormon sorgt normalerweise dafür, dass Zucker aus der Nahrung in die Körperzellen aufgenommen und dort verstoffwechselt oder gespeichert wird. Typ-1-Diabetiker bilden kaum oder kein Insulin mehr, weil die produzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse zerstört sind. Sie müssen das Hormon von außen zuführen, um ihren Blutzuckerspiegel unter Kontrolle zu halten.

Bei Typ-2-Diabetes dagegen ist der Körper resistent gegen körpereigenes Insulin. Die Bauchspeicheldrüse versucht dies durch erhöhte Produktion auszugleichen, erschöpft sich dabei zusehends und stellt schließlich kaum noch welches her. Daher benötigen auch viele Typ-2-Diabetiker nach längerer Erkrankung Insulin.

Die USA sind mit einem Jahresumsatz von 7,5 Milliarden Dollar bei Weitem der größte Absatzmarkt für Insulin, den vor allem der französische Pharmakonzern Sanofi, der dänische Diabetesspezialist Novo Nordisk und die US-Firma Eli Lilly unter sich aufteilen. China, wo zurzeit nur etwa 500 Millionen Dollar mit Insulin umgesetzt werden, holt allerdings auf: Analysten der Ratingagentur Standard & Poor’s schätzen, dass dort 2030 über zwölf Milliarden Dollar für Insulin ausgegeben werden.

Pharmainnovationen
Neben Insulin-Analoga haben Pharmafirmen gerade in den vergangenen Jahren Medikamente entwickelt, die an anderer Stelle in den Zuckerstoffwechsel eingreifen. Die Arzneimittel verzögern beispielsweise die Verdauung von zuckerreicher Nahrung oder regen Körperzellen dazu an, wieder besser auf Insulin zu reagieren. Eine relativ neue Entwicklung sind die sogenannten GLP-1-Analoga. Ihr großer Vorteil: Sie bewirken neben Veränderungen des Blutzuckerspiegels oft auch eine Gewichtsabnahme. 2018 soll der Umsatz mit GLP-1-Medikamenten weltweit bereits sieben Milliarden Dollar erreichen.

Auch für die Medizintechnik­branche ist Diabetes ein Milliardenmarkt. Die kleinen Messstreifen für Blutzuckermessgeräte sind Massenprodukte mit hohen Margen für R­oche, Bayer und Co. Der DAX-Konzern Fresenius Medical Care gilt als führender Dialyseartikel- und Dia­lyseklinikanbieter. Diabetes ist der häufigste Grund für Nierenversagen, das Patienten an die maschinelle Blutwäsche bindet.

Interessante Neuentwicklungen gab es zuletzt im Bereich der Insulinpumpen, die ständig getragen werden. Sogenannte Patch- oder Klebepumpen kommen völlig ohne Schlauch und Katheter aus, der ­Patient klebt sich einfach eine Einwegpumpe auf die Haut. Die Steuereinheit, etwa so groß wie ein Handy, arbeitet drahtlos.

Seit 2010 ist die erste Patchpumpe von Insulet in Deutschland zugelassen, sie wird vom Schweizer Injek­tionssystemspezialisten Ypsomed vertrieben. Die Einführung der zweiten Generation steht unmittelbar bevor. „Momentan haben Insulet und Ypsomed hier ein Monopol“, sagt John Manieri von Adamant Biomedical Investments, dem Portfoliomanager des Lacuna-Global-Medtech-Fonds. Das Insulinpumpengeschäft hält er langfristig für äußerst attraktiv, weil die Pumpen den Blutzuckerspiegel im besten Fall nahezu optimal kontrollieren. Das reduziert häufige Diabetesspätfolgen wie Herzinfarkt, Nierenversagen oder Amputationen und hilft auf diese Weise Kosten zu sparen.

Angesichts der rasanten Ausbreitung der Krankheit Diabetes vergeht vielleicht aber auch den Amerikanern allmählich der Appetit auf Extrem-Burger. Die beiden Filialen des Heartattack-Restaurants in Arizona und Texas zumindest mussten bereits schließen.

Investor-Info

Novo Nordisk
Die dänische Firma ist der Spezialist schlechthin für Diabetes und damit das Diabetesinvestment. Vorstandschef Lars Sörensen hat die Prognose für 2012 soeben angehoben, allein der Umsatz des neuen GLP-1-Medikaments Victoza stieg im dritten Quartal um 62 Prozent. Achtung: Am 8. November berät die US-Zulassungsbehörde über das neue Insulin Tresiba, Kursrückschläge sind möglich. 
ISIN: DK0060102614

Fresenius Medical Care
Heftige vier Prozent verlor der DAX-Wert am vergangenen Mittwoch nach Vorlage der Quartalszahlen: Der leichte Gewinnrückgang und der vorsichtige Ausblick des Dialysemarktführers war für viele Investoren eine große Enttäuschung. Grundsätzlich ist das Wachstum von FMC intakt, vor allem Währungseffekte machten dem in Dollar bilanzierenden Konzern in den vergangenen drei Monaten zu schaffen. Derzeit nur eine Halteposition. 
ISIN: DE0005785802

Zertifikat
Solactive Diabetes TR
Es läuft und läuft: Das Solactive-Diabetes-Index­zertifikat (ISIN: DE000HV54ES7) der HypoVereinsbank/Unicredit enthält Firmen, die mehr als 50 Prozent ihrer Umsätze im Bereich Diabetes erzielen oder Produkte in der Pipeline haben, die in Zukunft für einen signifikanten Umsatzbeitrag in diesem Bereich sorgen werden. Zurzeit setzt das Zertifikat auf Novo Nordisk, Insulet, Ypsomed, Mannkind und Bioton, gewichtet nach Marktkapitalisierung.

Bildquellen: Patryk Kosmider / Shutterstock.com
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