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17.04.2019 14:22
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ABB zieht die Reißleine - Konzernchef Spiesshofer geht

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- von Oliver Hirt

Zürich (Reuters) - Mitten im größten Umbau der Firmengeschichte wechselt der Elektrotechnikkonzern ABB überraschend den Chef aus.

Ulrich Spiesshofer gibt seinen Posten mit sofortiger Wirkung ab und wird von Verwaltungsratspräsident Peter Voser beerbt, bis ein dauerhafter Nachfolger gefunden ist. ABB stellte den abrupten Abgang des deutsch-schweizerischen Doppelbürgers am Mittwoch als einvernehmlichen Entscheid dar. Doch Insidern zufolge scheiterte Spiesshofer letztlich am schwindenden Rückhalt bei den Großanlegern, denen wegen der über Jahre unbefriedigenden Aktienkursentwicklung der Geduldsfaden riss.

"Wenn wir unsere Performance über die vergangenen Jahre mit den Wettbewerbern vergleichen, sind wir nicht, wo wir gerne wären," erklärte Voser in einer Telefonkonferenz. Dies lässt sich auch an der Kursentwicklung ablesen. Während die ABB-Aktie seit Spiesshofers Amtsantritt 2013 an Boden verlor, legten die europäischen Industrietitel ingesamt deutlich zu. Dabei ist der schweizer Konzern auch ein Beispiel dafür, welche Skepsis breit aufgestellten Industriekonglomeraten an der Börse entgegenschlägt. Auf den Führungswechsel reagierte die ABB-Aktie mit einer Erholungs-Rally und gewann über fünf Prozent an Wert.

Die häufigen Chefwechsel bei ABB in den vergangenen 20 Jahren habe ABB gebremst, erklärten die JP Morgan-Analysten. Die Darstellung, dass ABB bestens aufgestellt sei, um von Megatrends wie Automatisierung und Digitalisierung zu profitieren, halte angesichts von rückläufigen operativen Ergebnissen einem Vergleich mit der Realität nicht stand.

"STELLHEBEL UMLEGEN"

Spiesshofer will erst einmal langsamer treten: "Ich werde nun eine Auszeit nehmen, bevor ich über das nächste Kapitel meines Berufslebens entscheide", erklärte der 55-Jährige, der 2018 ein Gehalt von 8,5 Millionen Franken bezog. Dabei hatte der frühere Unternehmensberater nichts unversucht gelassen, um ABB auf Kurs zu bringen: Er drückte ein milliardenschweres Sparprogramm durch, stemmte zwei größere Übernahmen und richtete die Firma stärker auf die Digitalisierung aus. Inzwischen produziert ABB etwa Ladestationen für Elektrofahrzeuge, Automationssoftware, Roboter und Antriebe.

Doch das Wachstum kam erst gegen Ende seiner Amtszeit in Gang - zu wenig und zu spät, wie sich jetzt zeigte. Im Geschäftsjahr 2018 schaffte ABB ein bereinigtes Umsatzwachstum von vier Prozent auf 27,7 Milliarden Dollar. Damit erreichte der Konzern erstmals seit 2013 das eigene Ziel eines Anstiegs von drei bis sechs Prozent. Im ersten Quartal 2019 hielt das Wachstumstempo an, allerdings sank der Gewinn um sechs Prozent auf 535 Millionen Dollar.

Vor allem aber gab Spiesshofer nach langem Widerstand dem Drängen des aktivistischen Investors Cevian nach und verkaufte im Dezember für 9,1 Milliarden Dollar die Stromnetzsparte an die japanische Hitachi. Gleichzeitig stieß er einen neuen Umbau an, mit der die komplizierte Organisationsstruktur vereinfacht werden soll. Doch es half alles nichts, der Aktienkurs hob nicht ab. "Das war ein Weckruf, den letzten verfügbaren Stellhebel umzulegen", erklärte eine mit der Situation vertraute Person. "Das war dann eben der CEO." Der Wechsel wurde auch vom größten ABB-Eigner, der schwedischen Wallenberg-Familie, getragen. "Jetzt ist die richtige Zeit für eine neue Person am Ruder, um die neue Strategie umzusetzen und die Finanzziele zu erreichen", hieß es in einer Stellungnahme ihrer Holdinggesellschaft Investor.

VOSER WILL DIVISIONEN AN DER LANGEN LEINE LASSEN

Im Zuge der Reorganisation sollen die einzelnen Division mehr Spielraum erhalten. Im Verwaltungsrat reifte offenbar die Erkenntnis, dass Spiesshofer nicht den richtigen Führungsstil hatte, um diesen Wandel zu vollziehen. So hatte er einem Insider zufolge die Neigung, zu stark ins Tagesgeschäft einzugreifen. Der 61-jährige Voser, der schon einmal ABB-Finanzchef und von 2009 bis 2013 Vorstandschef des Erdölkonzerns Shell war, will einen Kulturwandel herbeiführen, der Jahre dauern dürfte. "Wir suchen nach einer Führung, die fünf Jahre da ist", erklärte Voser. ABB habe die Suche erst eingeleitet und halte im Unternehmen und auch außerhalb Ausschau. Er selbst schloss aus, die Aufgabe dauerhaft zu übernehmen.

Wie gefährlich ein zu zögerliches Vorgehen beim Umbau von Industrieunternehmen sein kann, zeigt auch das Beispiel General Electric, wo Konzernchef John Flannery Anfang Oktober nach nur 14 Monaten vor die Tür gesetzt wurde. Besser geschlagen hat sich Siemens-Chef Joe Kaeser. Mit einer neuen Konzernstruktur will er auf die Abneigung der Kapitalmärkte gegen Konglomerate reagieren und gleichzeitig Umsatzwachstum und Rendite verbessern.

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