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13.06.2020 11:22

Chefvolkswirt Heise: "Das mindert den Spielraum für Lohnerhöhungen"

Euro am Sonntag-Interview: Chefvolkswirt Heise: "Das mindert den Spielraum für Lohnerhöhungen" | Nachricht | finanzen.net
Michael Heise
Euro am Sonntag-Interview
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Michael Heise » Der langjährige Chefvolkswirt der Allianz-Versicherung spricht im Interview über ­konjunkturelle Strohfeuer, hohe Erwartungen an Europa, Eurobonds und steigende Steuern.
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€uro am Sonntag

von Christoph Platt, €uro am Sonntag

Chefvolkswirt bei mehreren Banken sowie Deutschlands größter Versicherung, Autor, Lehrbeauftragter - den Ruhestand hätte sich Michael Heise im Oktober 2019 nach 17 Jahren beim Allianz-Konzern verdient gehabt. Doch stattdessen hat der 63-Jährige seit Anfang April einen neuen Job und berät das milliardenschwere Multi-Family-Office HQ Trust in volkswirtschaftlichen und strategischen Fragen. €uro am Sonntag hat mit dem Ökonomen über staatliche Hilfsmaßnahmen, die Zeit nach dem Lockdown sowie Solidarität in Europa gesprochen.

€uro am Sonntag: Reagiert die deutsche Politik angemessen auf die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise?
Michael Heise: Es ist richtig, dass der Staat der Krise mit einem groß dimensionierten Kompensationsprogramm begegnet. Die Ausfälle, die Unternehmen und Selbstständige erlitten haben, basieren auf den behördlichen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie. Es ist also konsequent, dass der Staat einen Ausgleich für die Einbußen liefert. Ansonsten hätte es zusätzlich zur gesundheitlichen Krise eine wirtschaftliche Vertrauenskrise gegeben. Dann wäre aus dem kurzfristigen Einbruch womöglich eine langfristige Stagnation geworden. Daher war es sinnvoll, dass der Staat sehr große Beträge in die Hand nimmt.

Manchen gehen die Hilfsmaßnahmen trotzdem nicht weit genug.
Ja, solche Rufe gibt es. Täglich prasseln neue Forderungen auf die Bundesregierung ein. Teilweise tauchen Forderungen auf, die schon lange geltend gemacht werden. Der Staat darf nicht auf alle eingehen, er kann nicht alle Folgen der Corona-Krise ausgleichen. Die Liquidität der Unternehmen wird sinken, die Bürger müssen einen Einkommensverzicht hinnehmen - das wird sich nicht vermeiden lassen.

Ist an den bisher beschlossenen Hilfen nichts auszusetzen?
Es ist sinnvoll, dass die Politik an einigen Stellen nachbessert. Zum Beispiel, indem zuletzt für Künstler, Kulturschaffende und die Veranstaltungsbranche Hilfen ergänzt wurden, weil sie von der Krise wirklich extrem betroffen sind. Was wir aber nicht brauchen, ist ein allgemeines Konjunkturprogramm, etwa Konsumgutscheine oder Kaufprämien.

Warum nicht?
In den meisten Branchen wird die Nachfrage auch ohne Unterstützung wieder anziehen, sobald die Beschränkungen nachlassen. Menschen, die beispielsweise ein Auto kaufen wollten und nun drei Monate gewartet haben, werden den Kauf nicht dauerhaft zurückstellen. Was versäumt wurde, wird in vielen Bereichen nachgeholt werden.

Wären Konjunkturhilfen nicht trotzdem ein schönes Extra?
Nein. Sie führen zum einen dazu, dass die Staatsschulden noch weiter explodieren. Außerdem sind sie nur Strohfeuer: Kurzfristig gäbe es Mitnahme­effekte, und nach dem Auslaufen der Prämien oder der Gutscheine wäre eine schwächere Nachfrage die Folge.

Wird die Rezession so schlimm wie ­befürchtet?
In der Diskussion über die Krise fehlt es nicht an Superlativen. Mir geht die Metaphorik zu weit. Die aktuellen Daten sind dramatisch, keine Frage. Doch man darf die Ursache nicht außer Acht lassen. Der wirtschaftliche Einbruch wurde durch den Lockdown verursacht - und der ist zeitlich begrenzt.

Sie erwarten also eine schnelle wirtschaftliche Erholung?
Die Frage ist nicht, ob wir eine Erholung sehen werden, sondern wie stark sie sein wird. Es ist möglich, dass die gesamtwirtschaftliche Produktion erst 2021 wieder das alte Niveau erreicht. Doch die monatlichen Zuwachsraten werden mit Sicherheit einem V ähneln. Es wird nicht lange dauern, bis von erstaunlichen Verbesserungen der Konjunkturindikatoren gesprochen werden wird. Nach einem so raschen Einbruch ist das normal.

Wer wird für die Kosten der Hilfspakete aufkommen?
Sowohl die Sozialversicherungsbeiträge, als auch die Steuern werden in nicht allzu ferner Zukunft erhöht werden. Zurzeit liegt der Anteil der Sozialversicherungsbeiträge an der Lohnsumme bei knapp 40 Prozent - trotz langer Hochkonjunktur. Er wird durch die vielfältigen coronabedingten Ausgaben deutlich ansteigen, möglicherweise auf Höchstwerte wie zur Jahrtausendwende. Das mindert den Spielraum für Lohnerhöhungen. Möglicherweise werden auch "Solidaritätszuschläge" für Wohlhabende eingeführt. Alles in allem keine guten Aussichten für die Kaufkraft der Arbeitnehmer.

Emmanuel Macron und Angela Merkel haben einen 500-Milliarden-Euro-Plan vorgelegt, der Zuschüsse für Länder vorsieht, die besonders von der Pandemie betroffen sind. Einige Staaten wollen stattdessen lieber Kredite vergeben, die zurückgezahlt werden müssen. Wie beurteilen Sie die Vorschläge?
Dem Vorschlag, Zuschüsse zu vergeben, kann ich durchaus etwas abgewinnen. Es handelt sich um eine Solidarleistung gegenüber Ländern, die durch die Pandemie sehr stark geschwächt wurden. Von einem Wiederaufbauplan zu sprechen, ist aber etwas irreführend, denn der Kapitalstock ist durch das Virus nicht zerstört worden. Das macht es umso wichtiger, genau festzulegen, wofür das Geld gegeben wird und wie die Verteilungsschlüssel aussehen. Dass die Länder einfach so Zuschüsse erhalten zur freien Verwendung, etwa für Steuersenkungen oder zur Konsumfinanzierung, wird niemals durchgehen.

Kommen vielleicht doch noch ­Euro-Bonds durch die Hintertür?
Nein, das werden Deutschland und andere Staaten verhindern, solange wir keine echte Fiskalunion haben. Der Merkel-Macron-Plan sieht vor, dass die EU Anleihen ausgibt und es gerade nicht zu einer gesamtschuldnerischen Haftung kommt. Stattdessen würde jedes Land nach seinem Anteil haften, Deutschland also für 27 Prozent der Schulden.

Wird die EU durch die Diskussionen Schaden nehmen oder gestärkt aus ­ihnen hervorgehen?
Eine Einigung über Solidarleistungen kann durchaus eine gute Entwicklung in der EU auslösen. Die Erwartungen an eine Gemeinschaft sind, dass sie gemeinsam Herausforderungen bewältigt. Und das wäre so etwas, wenn die Mittel richtig eingesetzt werden. Zusammen mit dem bereits existierenden Europäischen Stabilitätsmechanismus ESM stünde eine wirklich große Summe zur wirtschaftlichen Stärkung des Kontinents zur Verfügung. Das wäre ein wichtiges Signal für die Kapitalmärkte weltweit und würde höhere Erwartungen an Europa rechtfertigen.

Kurzvita

Gefragter Sachverstand
Michael Heise war 17 Jahre lang Chefvolkswirt der Allianz, seit zwei Monaten arbeitet er als Chefökonom für HQ Trust, das Multi-­Family-Office der Familie Harald Quandt. Vor seinem Eintritt in die Allianz-­Gruppe war Heise Generalsekretär des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung sowie oberster Volkswirt der DG Bank und der DZ Bank.








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Bildquellen: Michael Fahrig

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