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28.04.2018 15:00
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"Ihr habt das nicht aufgebaut"

Euro am Sonntag-Meinung: "Ihr habt das nicht aufgebaut" | Nachricht | finanzen.net
Karl Happe
Euro am Sonntag-Meinung
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Technologieunternehmen, deren Geschäftsmodell auf öffentlich bereitgestellter Infrastruktur beruht, sollten über die bloße Zahlung normaler Steuern hinaus zur Aufrechterhaltung der Infrastruktur beitragen.
€uro am Sonntag
von Karl Happe, Gastautor für €uro am Sonntag

"Ihr habt das nicht aufgebaut." Mit diesem Satz löste der damalige US-Präsident Barack Obama 2012 eine heftige Debatte aus. Einige US-Unternehmer fühlten sich in ihrer Ehre gekränkt. Im Kontext gelesen wird aber klar, was Obama meinte: Unternehmenserfolg ist ohne öffentliche Infrastruktur kaum vorstellbar - vom Straßensystem bis zur Rechtsstaatlichkeit.


Im weiteren Verlauf seiner Rede ging er speziell auf das Internet als öffentlich finanziertes Gemeingut ein. Während gute Ideen notwendig seien, um auf Basis dieser Infrastruktur erfolgreich Geschäfte zu betreiben, wären die Ideen allein kaum etwas wert. Man stelle sich Facebook auf einer einsamen Insel ohne Verbindung zum Rest der Welt vor - kein überzeugendes Geschäftsmodell.


Die Eine-Million-Euro-Frage ist nun: Welcher Teil eines Unternehmenswerts steht den Investoren und welcher der Gesellschaft zu, die die Infrastruktur bereitstellt und aufrechterhält?

Internetgeschäftsmodelle
profitieren von der Infrastruktur

Ökonomisch gesprochen geht es in diesem Zusammenhang um externe Effekte. Das klassische Beispiel für einen negativen externen Effekt ist die Umweltverschmutzung. Deren Kosten werden oftmals nicht vom Verursacher, sondern von der Gemeinschaft getragen. Ein Beispiel für eine positive Externa­lität ist dagegen die Impfung. Wer sich impft, schützt nicht nur sich, sondern auch andere gegen die Übertragung von Krankheiten, selbst wenn diese sich nicht impfen.


Internetbasierte Geschäftsmodelle profitieren immens von positiven Externalitäten. Denn während bei klassischen Gütern der Nutzen für den einzelnen Konsumenten mit steigender Nutzerzahl abnimmt, steigt er in Netzwerken: je mehr Mitglieder oder User, desto besser. Firmen wie Google (Internet­suche), Ebay und Amazon (Marktplätze) oder Facebook (Kommunikation/Veröffentlichung) sind daher riesige Profiteure positiver Netzwerk-Externalitäten. Dies ist einer der Gründe für den starken Anstieg ihrer Marktkapitalisierung in den vergangenen Jahren.

Gleichzeitig beteiligen sie sich aber praktisch nicht an der Finanzierung des Gemeinguts Internet. Da ihr primäres Vermögen auf Software und Algorithmen beruht, können sie einen großen Teil ihrer Gewinne weit weg von ihren Kunden in Steueroasen konzentrieren. Sie leisten daher vielfach keinen ihrer Größe angemessenen Beitrag zur Finanzierung der Staaten, in denen sie aktiv sind. Ganz zu schweigen von den gesellschaftlich-sozialen Kosten ihres Disruptionspotenzials: Aushöhlung der traditionellen Einzelhandelsbasis, Umwälzungen in der Medien- und Telekommunikationslandschaft, Verlagerung der Wertschöpfungsketten in den Bereichen Werbung und Marketing.

Einige der externen Gewinne werden mit Aktionären geteilt, ein großer Teil bleibt aber in den Händen der Gründer und Risikokapitalgeber, die die frühen Phasen der Unternehmensentwicklung finanziert haben. Dies hat zu einer ex­tremen Aufspreizung der Vermögen ­geführt, was wiederum einer der entscheidenden Gründe für die aktuellen Ermüdungserscheinungen in den politischen Systemen ist.

Gewinne aus Internetnutzung
vor Ort mit Steuer belegen

Es ist daher von entscheidender Bedeutung, die Erträge besser zu verteilen. Hierzu ist zweierlei vonnöten. Als Erstes die Einsicht, dass die Gewinne aus internetbasierten Geschäften mehr aus den Netzwerk-Externalitäten der Internetnutzung denn aus den Algorithmen der jeweiligen Unternehmen resultieren. Dies führt zu der logischen Konsequenz, dass die erwirtschafteten Gewinne entsprechend in dem Land besteuert werden müssen, in dem die Transaktion stattfindet. In den meisten Fällen ist dies dort, wo der Endkunde lebt. Facebook hat unlängst angekündigt, dieses Prinzip stärker zu beherzigen. Ob und inwieweit dies umgesetzt wird, bleibt zwar abzuwarten, die Intention ist aber begrüßenswert.

Zweitens müssen Technologieunternehmen, deren Geschäftsmodell auf öffentlich bereitgestellter (und finanzierter) Infrastruktur beruht, über die bloße Zahlung normaler Steuern hinaus zur Aufrechterhaltung der Infrastruktur beitragen. Praktisch umgesetzt werden könnte dies etwa durch eine jähr­liche Auktion für Internet-Bandbreitenzugang.

Die Erlöse hieraus müssten dann sowohl zur Aufrechterhaltung des Netzwerks selbst als auch zur Finanzierung der allgemeinen gesellschaftlichen In­frastruktur verwendet werden, die von den Unternehmen ebenfalls genutzt wird: physische Infrastruktur wie Straßen, Kosten der Rechtspflege, Verbraucherschutzregelungen usw. Eine Versteigerung würde darüber hinaus sicherstellen, dass in ansonsten natürlichen Monopolen zumindest die Chance eines Wettbewerbs bestünde.

Gesellschaft verliert die Geduld
mit den Technologie-Giganten

Auf lange Sicht ist es im Interesse der Technologie-Giganten (und ihrer Investoren!) selbst, einen "fairen" Anteil an der Staatsfinanzierung zu leisten. Bereits heute stehen sie unter zunehmendem Druck nationaler und supranationaler Institutionen, sei es wegen der ­unbeabsichtigten Verbreitung von Fake News in Wahlkämpfen (Beispiel USA), sei es wegen Steuervermeidungsstrategien in Europa (Beispiele Apple in Irland oder Amazon in Luxemburg).

Es mehren sich die Anzeichen, dass viele Gesellschaften die Geduld mit den Disruptoren verlieren und deren Marktdominanz einschränken möchten. Da die Unternehmen bisher ihrer staatsbürgerlichen Verantwortung wenig nachgekommen sind, ist ihre Verhandlungsposition derzeit eher schlecht. Dies könnte sich allerdings ändern, wenn sie - ähnlich wie anscheinend ­Facebook - von sich aus mehr für das Gemeinwohl tun. Wenn langfristig die Wahl zwischen Steuer-Fairplay und Unternehmensaufspaltung liegt, kann die kooperative Lösung für diese Unternehmen durchaus die nachhaltige sein.

Kurzvita

Karl Happe
CIO Insurance Related Strategies bei Allianz Global Investors
Happe studierte an der Princeton University sowie als Fulbright- Stipendiat an der ­Universität Stuttgart, machte den MBA an der Insead.
Seit 2013 ist er Chef-Anlagestratege für Versicherungsportfolios bei Allianz Global Investors. Das von ihm geleitete Team managt mehr als 135 Milliarden Euro an Aktien- und Rentenanlagen für die Allianz und andere Versicherer.



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Bildquellen: Allianz Global Investors GmbH, violetkaipa / Shutterstock.com, shutter_m / istockphoto

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