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15.11.2018 08:36
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Experten sehen in Digitalisierung keinen Jobkiller

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- von Holger Hansen

Berlin (Reuters) - Etwa jeder vierte Beschäftigte in Deutschland könnte weitgehend durch Computer oder computergesteuerte Maschinen ersetzt werden.

Trotz dieses Befundes des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) bewerten Experten die Digitalisierung insgesamt nicht als Jobkiller. Zwar könnten in einer bis 2035 voll digitalisierten deutschen Arbeitswelt fast 1,5 Millionen Jobs verlorengehen. Ähnlich viele Arbeitsplätze könnten aber neu entstehen. "Nach heutigem Stand könnte Deutschland in der Summe vielleicht sogar leicht profitieren durch die Digitalisierung", sagte Björn Christensen vom Kieler Kompetenzzentrum für Fachkräftesicherung und Weiterbildung am Mittwoch zu Reuters: "Voraussetzung ist aber, dass wir in der Wettbewerbsfähigkeit nicht zurückfallen."

Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und der Bundesverband der Industrie (BDI) haben wiederholt Studien zurückgewiesen, die massive Jobverluste voraussagen. Christensen hat sich verschiedene Studien vorgenommen, die Arbeitsplatzverluste durch die Digitalisierung thematisiert haben. Häufig werde nicht gegengerechnet, wie viele neue Jobs entstehen könnten. Zudem werde vernachlässigt, dass vieles zwar technisch möglich sei, wegen der Kosten oder mangelnder Akzeptanz aber nicht umgesetzt werde. "Es ist vorstellbar, dass mir beim Bäcker ein Automat das Brot herausgibt", sagt Christensen: "Wir bevorzugen dennoch die Verkäuferin."

FACHKRÄFTEMONITOR - BIS 2035 FALLEN VIER MILLIONEN JOBS WEG

"Allein in den kommenden sieben Jahren werden im Vergleich zu heute 1,3 Millionen Arbeitsplätze wegfallen und 2,1 Millionen neue Arbeitsplätze entstehen", erklärte Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) in einem Beitrag für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Diese Einschätzung bis 2025 bezog sich aber nicht nur auf die Digitalisierung. Heil berief sich auf den "Fachkräftemonitor" seines Ministeriums. Demnach ist die Digitalisierung einer der wichtigsten Einflüsse auf die Arbeitswelt. Aber auch Veränderungen wie der wachsende Anteil Älterer prägen den Strukturwandel. "Rund vier Millionen Arbeitsplätze von heute werden in 2035 nicht mehr existieren", heißt es im "Fachkräftemonitor". Es werde aber auch fast 3,3 Millionen neue Jobs geben.

Der Wegfall von Jobs in der langen Perspektive sorgt nicht automatisch für höhere Arbeitslosigkeit. Das liegt daran, dass 2035 auch weniger Menschen auf den Arbeitsmarkt drängen. Die Experten des "Fachkräftemonitors" erwarten, dass die Zahl der Erwerbspersonen, die rechnerisch dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, im Jahr 2035 mit 45,5 Millionen um gut eine Million geringer sein wird als zehn Jahre davor.

ARBEITSPLATZVERLUST VOR ALLEM FÜR HELFER

Die Digitalisierung bedroht vor allem Helferberufe. Dort hätten 2016 im Durchschnitt 58 Prozent aller Tätigkeiten durch eine Computerisierung verrichtet werden können, stellte das IAB-Forschungsinstitut der Bundesagentur für Arbeit (BA) fest. In Expertenberufen mit mindestens vierjährigem Studium seien es nur 24 Prozent. Auch die Wirtschaftsbereiche unterscheiden sich stark: Am höchsten ist der Anteil der von Computern zu erledigenden Tätigkeiten in den Fertigungs- (83 Prozent) und Fertigungstechnischen Berufen (70 Prozent).

Auch die Bundesländer sind unterschiedlich aufgestellt. Im Bundesdurchschnitt arbeiten 25 Prozent aller Beschäftigten in Jobs, die zu mehr als 70 Prozent durch Computer oder computergesteuerte Maschinen übernommen werden könnten. Das Saarland (30 Prozent) und Thüringen (29 Prozent) liegen laut IAB-Studie aber deutlich darüber. Das liegt unter anderem daran, dass dort das Verarbeitende Gewerbe einen stärkeren Anteil an der Wirtschaftsstruktur hat. Hinzu kommt, dass im Saarland die Industrie maßgeblich von der Fertigung geprägt ist, wo etwa Roboter eingesetzt werden können. In anderen Ländern haben Forschung und Entwicklung größeres Gewicht.

FORSCHER: STRUKTURWANDEL STÄRKER BEGLEITEN

"Es wird einen Strukturwandel auf dem Arbeitsmarkt geben, bei dem vor allem Routine- und Helfertätigkeiten bedroht sind", sagte Christensen. Daher sei es wichtig, die Aus- und Weiterbildung zu stärken. In dieses Horn stößt auch Heil. Bei der am Mittwoch in Potsdam vorgestellten Strategie der Bundesregierung zur Künstlichen Intelligenz (KI) pocht er darauf, dass sich diese am Nutzen für den Menschen und die Arbeitswelt orientieren müsse. Der Chef des weltgrößten Personaldienstleisters Adecco, Alain Dehaze, sagte in einem Reuters-Interview, lebenslange Jobs seien ein Auslaufmodell: "Die Leute verlieren alle vier Jahre 30 Prozent ihrer technischen Fertigkeiten, weil sich die Umwelt verändert und neue Kompetenzen gebraucht werden."

Heil will in einem "Qualifizierungschancengesetz" die Weiterbildungsförderung mit Geldern der Bundesagentur für Arbeit erleichtern. Vor allem Arbeitnehmer, "die berufliche Tätigkeiten ausüben, die durch Technologien ersetzt werden können", sollen leichter Zugang zu einer Qualifizierung bekommen. Dagegen sperren sich noch die Arbeitgeber, die Beiträge an die BA abführen und zudem die Weiterbildung kofinanzieren müssten. Das Gesetz soll Ende November vom Bundestag verabschiedet werden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mahnte am Dienstagabend, man müsse den Menschen ehrlich sagen, dass die Politik noch nicht alle technologischen Details kennen könne und man deshalb Gesetze immer wieder anpassen müsse: "Wir werden immer wieder Schritte vorwärts und rückwärts machen müssen."

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