Gewinnmargen

Greedflation - Nutzen Konzerne die Inflation als Vorwand für überhöhte Preise?

19.04.26 16:33 Uhr

Stichwort "Greedflation": Inflation oder Abzocke? Was hinter steigenden Preisen steckt | finanzen.net

Greedflation bedeutet, dass Konzerne bei hoher Inflation ihre Margen durch übergroße Preiserhöhungen ausweiten. Eurozone-Daten weisen darauf hin, doch die Evidenz bleibt umstritten.

Werte in diesem Artikel
Aktien

70,24 EUR 0,02 EUR 0,03%

51,96 EUR -0,10 EUR -0,19%

• Hinweise auf Greedflation finden sich vor allem dort, wo Unternehmen über Marktmacht verfügen
• Studien zeigen entsprechende Effekte
• Ob es sich tatsächlich um opportunistische Preispolitik handelt, ist umstritten

Greedflation: Was steckt hinter dem Begriff?

Greedflation - im Deutschen manchmal als Gierflation oder Gewinninflation bezeichnet - beschreibt einen Mechanismus, bei dem Unternehmen Preissteigerungen nicht nur zur Deckung gestiegener Kosten nutzen, sondern darüber hinaus ihre Gewinnmargen ausweiten. Der Begriff steht damit nicht für normales unternehmerisches Handeln in einem Umfeld steigender Inputpreise, sondern eine opportunistische Preispolitik: Preise werden stärker angehoben, als Kostensteigerungen es erfordern - und sinken auch dann nicht, wenn die Kosten wieder fallen. Von kostengetriebener Inflation, also Cost-Push-Inflation, unterscheidet sich das Konzept darin, dass der Inflationsimpuls nicht extern durch Energie- oder Rohstoffschocks ausgelöst wird, sondern intern durch die Entscheidung von Unternehmen, Spielräume auszunutzen.

Die Debatte gewann um diese Art von Preiserhöhungen gewann von einiger Zeit wieder an Fahrt, als EZB-Präsidentin Christine Lagarde im Frühjahr 2023 öffentlich vor einer "Tit-for-tat"-Dynamik warnte, bei der sich steigende Unternehmensmargen und Lohnforderungen gegenseitig befeuern könnten. Kurz darauf hielt EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel fest, dass in einigen Sektoren Unternehmen ihre Gewinnmargen auf dem Rücken der durch hohe und volatile Inflation erzeugten Unsicherheit ausgeweitet hätten.

Was die Daten zeigen: Margen auf Kosten der Verbraucher

Auf gesamtwirtschaftlicher Ebene gibt es deutliche Hinweise darauf, dass steigende Unternehmensgewinne zur Inflation beigetragen haben. Eine vom SUERF-Institut veröffentlichte Analyse zeigt, dass Stückgewinne in der Eurozone 2022 und 2023 erheblich zur Erhöhung des BIP-Deflators - einem Maß für binnenwirtschaftlich erzeugte Inflation - beigetragen haben, wobei deutliche Unterschiede zwischen einzelnen Ländern bestehen. Die ABN Amro Research-Abteilung kommt in einer Analyse aus dem Jahr 2023 zu einem ähnlichen Befund: Unternehmensgewinne wurden ab der zweiten Hälfte 2022 zu einem größeren Inflationstreiber als Löhne. Für Deutschland zeigt eine Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung, dass stark gestiegene Unternehmensgewinne in bestimmten Branchen erheblich zur Teuerung beigetragen haben. Besonders auffällig waren die nominalen Stückgewinne im Bau, im Handel, im Verkehrs- und Gastgewerbe sowie in Teilen des verarbeitenden Gewerbes. Am Ende des zweiten Quartals 2023 lagen die gesamtwirtschaftlichen nominalen Stückgewinne rund 25 Prozent über dem Niveau von 2019. Mit dem EZB-Inflationsziel vereinbar wäre laut IMK in diesem Zeitraum ein Anstieg von weniger als acht Prozent gewesen.

Auch auf Unternehmensebene verdichten sich die Befunde in einzelnen Branchen. Eine Analyse des Handelsblatt Research Institute zu sechs großen Markenartikelherstellern ergab, dass der Gewinn von Mondelez zwischen 2021 und 2024 um knapp 25 Prozent stieg. Beiersdorf steigerte seinen Gewinn im Konsumgütergeschäft um fast 48 Prozent - beides in einem Zeitraum, in dem die Rohstoffpreise nach ihrem Hochpunkt 2022 wieder sanken.

Rohstoffpreise sinken - Preise nicht

Der Kern der Greedflation-These liegt dabei nicht im Anstieg der von den Unternehmen aufgerufenen Preisen während eines Kostenschocks, sondern in dem, was danach passiert. Eine im Februar 2025 in Economics Letters veröffentlichte Studie belegt, dass Gewinnmargen weiter ausgeweitet wurden, obwohl die Rohstoffpreise bereits wieder sanken. Das deutet darauf hin, dass Preisanpassungen nach oben schneller erfolgen als Preisanpassungen nach unten - ein Phänomen, das in der Wirtschaftsforschung als asymmetrische Preissetzung bekannt ist.

Die EZB hat diesen Mechanismus in ihrer Datenlage offen benannt: Der jährliche Anstieg der Stückgewinne erreichte im vierten Quartal 2022 mit 9,4 Prozent seinen Höhepunkt und sank dann schrittweise auf 2,5 Prozent im vierten Quartal 2023. Die EZB prognostizierte in ihren März-2024-Projektionen, dass das Stückgewinnwachstum 2024 ins Negative drehen und damit steigende Lohnkosten teilweise puffern würde. Das impliziert eine verzögerte, aber letztlich einsetzende Normalisierung - nicht jedoch, dass die Margenausweitung während des Kostenschocks ausgeblieben wäre.

Das theoretische Fundament für diese Dynamik hat der Ökonom Paul Scanlon in einem 2024 in Economics Letters erschienenen Modell beschrieben. Sein Argument: In Zeiten hoher Preisunsicherheit fällt es Verbrauchern schwerer zu beurteilen, ob ein Preisanstieg einem einzelnen Gut gilt oder dem allgemeinen Preisniveau. Diese Unsicherheit erhöht die Marktmacht von Unternehmen und gibt ihnen Spielraum für höhere Aufschläge - ein Effekt, der durch die Inflation selbst verstärkt wird.

Greedflation-Kritik

Die empirische Evidenz für eine flächendeckende Greedflation ist trotz dieser Befunde umstritten. Lea Bernhardt und Tomaso Duso vom DIW Berlin schrieben in einem Kommentar im DIW Wochenbericht von Juni 2023, dass sowohl die theoretische Begründung als auch die empirische Evidenz für die These schwach seien. Kostensteigerungen würden in der Regel sofort weitergegeben. Wenn die Kosten danach sinken, hätten Unternehmen mit Marktmacht keinen Anreiz, diese Rückgänge schnell und vollständig weiterzugeben. Kurzfristig entstünden so höhere Gewinne, längerfristig würden sich die Margen aber wieder normalisieren.

Zudem hinterfragen Bernhardt und Duso die Aussagekraft aggregierter Gewinndaten: Sie seien ungeeignet, kausale Zusammenhänge zu belegen. Der Gewinnanteil an der Wertschöpfung könne auch dann steigen, wenn Aufschläge konstant blieben - je nachdem, wie austauschbar Produktionsfaktoren seien und wie Vorleistungspreise und Lohnkosten sich entwickeln würden. Eine Studie der Banca d'Italia hatte 2023 etwa gezeigt, dass in Deutschland konstante Aufschläge in der Industrie und im verarbeitenden Gewerbe zu verzeichnen waren, während der Gewinnanteil trotzdem stieg.

Hinzu kommt die Frage nach der richtigen Vergleichsgröße. Steigende Lohnkosten, die zeitversetzt auf Preissteigerungen wirken, könnten einen Teil der scheinbar überschießenden Margen erklären - damit würde es sich nicht um Opportunismus handeln, sondern vorausschauende Kalkulation. Das legt auch eine Analyse aus den USA nahe, die keine signifikante Korrelation zwischen Aufschlagsveränderungen auf Unternehmensebene und Preisveränderungen auf Branchenebene feststellte.

Wo die Margen besonders stark stiegen

Greedflation ist zudem kein branchenübergreifendes Phänomen gleicher Intensität. Sowohl das IMK als auch die SUERF-Analyse zeigen erhebliche Unterschiede zwischen Sektoren und Ländern. Am auffälligsten sind die Befunde im Lebensmittel- und Konsumgüterbereich sowie in Teilen der Energiewirtschaft, wo marktmächtige Unternehmen einen breiteren Spielraum für Preissetzung haben als in wettbewerbsintensiveren Märkten. Im Lebensmitteleinzelhandel hat die Konzentration auf Herstellerseite die Verhandlungsposition gegenüber Handelspartnern und Verbrauchern verändert. Marken wie Milka (Mondelez) oder Nivea (Beiersdorf) konnten Preiserhöhungen durchsetzen, die die Kostenentwicklung überstiegen - gleichzeitig stiegen ihre Gewinne deutlich stärker als die Inputkosten. Dieser Befund passt zur These, dass Marktmacht und Markenvertrauen Unternehmen einen Puffer verschaffen, den sie in einem Umfeld kollektiv steigender Preise leichter ausschöpfen können, ohne auf Nachfragewiderstand zu stoßen.

Politische Reaktionen

Aus der Greedflation-Debatte entstehen schnell politische Forderung nach Preiskontrollen. Das DIW Berlin hält diese jedoch für kaum praktikabel. Es fehle an der Möglichkeit, evidenzbasiert und zeitnah zu entscheiden, wo welche Kontrolle eingesetzt werden soll und wie hoch regulierte Preise sein sollen. Dass die deutschen Energiepreisbremsen 2023 als Erfolgsmodell für Preiskontrollen gehandelt wurden, weisen Bernhardt und Duso zurück: Es handele sich um eine Subvention für 80 Prozent des bisherigen Verbrauchs - nicht um eine Preiskontrolle. Verbraucher zahlten weiterhin Marktpreise, der Staat leiste lediglich einen Zuschuss.

Auch die EZB sieht die Lösung nicht in staatlichen Eingriffen in die Preissetzung, sondern in einer Normalisierung der Gewinnentwicklung über den Marktprozess. Ihre Projektionen gingen davon aus, dass Unternehmen steigende Lohnkosten ab 2024 über sinkende Margen abfedern würden - eine Anpassungsbewegung, die die EZB als Teil des Desinflationspfads einkalkulierte. Für Wettbewerbsbehörden gilt hingegen breiter Konsens: In Phasen hoher Inflation sollten sie die Preissetzung marktmächtiger Unternehmen stärker beobachten, auch wenn die Inflation selbst kein primäres Wettbewerbsproblem darstellt.

Paul Schütte, Redaktion finanzen.net

In eigener Sache

Übrigens: Mondelez und andere US-Aktien sind bei finanzen.net ZERO sogar bis 23 Uhr handelbar (ohne Ordergebühren, zzgl. Spreads). Jetzt kostenlos Depot eröffnen und Neukunden-Bonus sichern!

Bildquellen: Claudio Divizia / Shutterstock.com, MichaelJayBerlin / Shutterstock.com

Nachrichten zu Beiersdorf AG

Analysen zu Beiersdorf AG

DatumRatingAnalyst
13.05.2026Beiersdorf NeutralJP Morgan Chase & Co.
24.04.2026Beiersdorf HoldJefferies & Company Inc.
22.04.2026Beiersdorf HoldDeutsche Bank AG
22.04.2026Beiersdorf OutperformBernstein Research
22.04.2026Beiersdorf NeutralUBS AG
DatumRatingAnalyst
22.04.2026Beiersdorf OutperformBernstein Research
22.04.2026Beiersdorf OverweightBarclays Capital
21.04.2026Beiersdorf OverweightBarclays Capital
21.04.2026Beiersdorf OutperformBernstein Research
14.04.2026Beiersdorf OverweightBarclays Capital
DatumRatingAnalyst
13.05.2026Beiersdorf NeutralJP Morgan Chase & Co.
24.04.2026Beiersdorf HoldJefferies & Company Inc.
22.04.2026Beiersdorf HoldDeutsche Bank AG
22.04.2026Beiersdorf NeutralUBS AG
22.04.2026Beiersdorf HoldJoh. Berenberg, Gossler & Co. KG (Berenberg Bank)
DatumRatingAnalyst
21.04.2026Beiersdorf UnderperformRBC Capital Markets
21.04.2026Beiersdorf UnderperformRBC Capital Markets
18.03.2026Beiersdorf UnderperformRBC Capital Markets
10.03.2026Beiersdorf UnderperformRBC Capital Markets
04.03.2026Beiersdorf SellUBS AG

Um die Übersicht zu verbessern, haben Sie die Möglichkeit, die Analysen für Beiersdorf AG nach folgenden Kriterien zu filtern.

Alle: Alle Empfehlungen

Buy: Kaufempfehlungen wie z.B. "kaufen" oder "buy"
Hold: Halten-Empfehlungen wie z.B. "halten" oder "neutral"
Sell: Verkaufsempfehlungn wie z.B. "verkaufen" oder "reduce"
mehr Analysen