Inflationsausgleichsprämien schieben Tarifverdienste 2023 deutlich an

01.03.24 13:17 Uhr

Berlin (Reuters) - Die Verdienste der Millionen Beschäftigten mit Tarifvertrag sind im vergangenen Jahr dank Inflationsausgleichsprämien so stark gestiegen wie seit 2010 nicht mehr.

Die tariflichen Monatsverdienste samt Sonderzahlungen kletterten 2023 im Durchschnitt um 3,7 Prozent, wie das Statistische Bundesamt am Freitag mitteilte. Grund für den stärkeren Anstieg als in den Jahren davor seien die bis zu 3000 Euro steuerfreien Prämien von Arbeitgebern, um die Folgen der hohen Jahresteuerung abzufedern. Trotzdem konnte der Effekt der Inflation nicht ausgeglichen werden, die 2023 im Schnitt bei 5,9 Prozent lag. "Damit setzte sich der Trend aus den Jahren 2022 und 2021 fort, in denen die Verbraucherpreise ebenfalls stärker als die Tarifverdienste angestiegen waren", erklärte das Amt.

"Auch im vergangenen Jahr sind die Preise der Tariflohnentwicklung wieder davongelaufen", sagte Entgeltexperte Malte Lübker vom WSI-Institut der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. "Aus Beschäftigtensicht gibt es für die laufende Tarifrunde also erheblichen Aufholbedarf." Allerdings könnte sich der Trend in diesem Jahr wieder umkehren, erläuterte Lübker. "Gute Tarifabschlüsse dürften zusammen mit sinkenden Inflationsraten dazu führen, dass die Tariflöhne auch real wieder steigen."

Der Anstieg der Tarifverdienste um 3,7 Prozent war der höchste seit 2010, wie das Statistikamt erklärte. Wegen einer anderen Abgrenzung in der Daten-Erhebung seien Zahlen in den Jahren davor nicht vergleichbar, hieß es. Klammert man die Sonderzahlungen - und damit auch die Inflationsausgleichsprämien - aus, belief sich das Plus 2023 nur auf 2,4 Prozent. Einen solchen Anstieg gab es zuletzt im ersten Corona-Jahr 2020.

Die stärksten Zuwächse der Tarifverdienste mit Sonderzahlungen sind in den Bereichen sonstige wirtschaftliche Dienstleistungen (+7,8 Prozent), im Gastgewerbe (+7,1 Prozent) und im wirtschaftlich bedeutsamen Verarbeitenden Gewerbe (+5,4 Prozent) zu verzeichnen. Dagegen fielen die Erhöhungen im Handel mit 1,9 Prozent sowie im Bereich Erziehung und Unterricht mit 2,0 Prozent geringer aus. Ebenfalls unterdurchschnittlich entwickelten sich die tariflichen Verdienste in der Öffentlichen Verwaltung, Verteidigung und Sozialversicherung sowie im Bereich Kunst, Unterhaltung und Erholung (je 2,6 Prozent), im Grundstücks- und Wohnungswesen (+2,8 Prozent) sowie im Baugewerbe (+2,9 Prozent).

Inflationsausgleichsprämie und ein höherer Mindestlohn haben die Kaufkraft der deutschen Verbraucher im vorigen Jahr erstmals seit 2019 steigen lassen - allerdings nur minimal. Die Reallöhne wuchsen um durchschnittlich 0,1 Prozent gegenüber 2022, wie das Statistikamt am Donnerstag mitgeteilt hatte. Demnach legten die Löhne zwar mit 6,0 Prozent so stark zu wie seit 2008 nicht mehr. Doch blieb davon nach Abzug der Inflation kaum etwas übrig, weil die Verbraucherpreise mit 5,9 Prozent fast ebenso kräftig stiegen.

(Bericht von Klaus Lauer; redigiert von Sabine Ehrhardt - Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)