ROUNDUP/Royal Mail in der Krise: Der Kampf um ein britisches Symbol

23.05.24 14:29 Uhr

LONDON (dpa-AFX) - Eine britische Institution kämpft um ihre Zukunft. Mehr als 500 Jahre ist die Royal Mail alt, und wenn es so läuft, wie es der Mutterkonzern IDS vorschlägt, gehört das Traditionsunternehmen demnächst einem Tschechen. Rund 3,5 Milliarden Pfund (4,1 Mrd Euro) bietet der Unternehmer Daniel Kretinsky mit seiner EP Group. Das ist ein kräftiges Plus im Vergleich zur ersten Offerte - und International Distributions Services (IDS) mit dem deutschen Chef Martin Seidenberg will den Aktionären das Angebot empfehlen. Unklar aber ist, wie viel Gestaltungsraum die britische Regierung Kretinsky zugestehen würde.

Wirtschaftsministerin Kemi Badenoch drohte bereits mit einem Veto, wenn Kernforderungen nicht zugesagt würden. Dazu zählt Medienberichten zufolge, das Unternehmen, das 2013 privatisiert wurde, nicht zu zerschlagen oder den Hauptsitz in Großbritannien zu halten. Die Royal Mail mit ihren charakteristischen roten Briefkästen gilt als eines der symbolträchtigsten Unternehmen des Vereinigten Königreichs. Gerade im Wahlkampf vor der Parlamentswahl am 4. Juli will die konservative Regierung, die in Umfragen deutlich im Rückstand liegt, nichts riskieren, was Wähler zusätzlich verärgern könnte, sind Kommentatoren in London überzeugt.

Finanzminister Jeremy Hunt betonte jüngst, er begrüße ausländische Investitionen. Sie dürften aber die Kerninfrastruktur des Landes nicht gefährden.

Von 20 Milliarden Briefen auf 7 Milliarden

Genau hier aber droht ein Konflikt, auch ohne tschechische Übernahme. Dabei geht es um den sogenannten Universaldienst, also, an allen Wochentagen im ganzen Land zuzustellen. Badenoch fordert, diese Pflicht dürfe nicht verwässert werden. Doch schon seit Langem wirbt die Royal Mail dafür, seltener Briefe ausliefern zu dürfen. Der Universaldienst sei "einfach nicht nachhaltig", kritisierte IDS-Chef Seidenberg zu Jahresbeginn. Um die Wende herbeizuführen, müssten die Preise erheblich erhöht werden, forderte er in der Vergangenheit, oder die Regierung müsse staatliche Subventionen zahlen.

Der Deutsche war zuletzt Vorstandsvorsitzender des Logistikunternehmens GLS Germany, das ebenfalls zu IDS gehört, und arbeitete früher lange für die Deutsche Post DHL.

Zustellung nur noch jeden zweiten Werktag?

Wie bei dem deutschen Post-Konzern hat auch bei der Royal Mail das Briefgeschäft erheblich an Bedeutung verloren. Von 20 Milliarden Briefen im Geschäftsjahr 2004/05 sackte die Zahl bis 2022/23 auf 7 Milliarden ab. In fünf Jahren, so die Erwartung, werden es noch vier Milliarden sein. Lieber würde sich die Royal Mail auf das lukrativere Paketgeschäft konzentrieren, wo private Anbieter immer mehr Marktanteile erobern.

In Deutschland sollen die Zustellungsfristen gesetzlich verlängert werden, um Einsparungen zu ermöglichen. Die Royal Mail will noch mehr. Im April beantragte das Unternehmen bei der Aufsichtsbehörde Ofcom, Standardbriefe der zweiten Klasse, des Normaltarifs, nur noch an jedem zweiten Wochentag und nicht mehr an Samstagen auszutragen. Massensendungen sollen innerhalb von drei statt bisher zwei Werktagen zugestellt werden. Dadurch sollen täglich 7000 bis 9000 Fahrten entfallen und 1000 Jobs wegfallen. Ofcom will im Sommer ein Update geben.

Rätsel um das Jahresergebnis

Klar ist: Dem Postdienstleister geht es finanziell schlecht. Für das erste Halbjahr (24. September) meldete Royal Mail einen Verlust von 319 Millionen Pfund. Das gute Weihnachtsgeschäft 2023 dürfte zur Erholung aber kaum reichen. Das Ergebnis für das Gesamtjahr war bis Donnerstagmittag aber unklar. Entgegen seiner Ankündigung legte das Unternehmen zunächst keine Jahreszahlen vor. Eine Erklärung gab es nicht. "Die Ergebnisse wurden noch nicht veröffentlicht, aber wir werden Sie informieren, sobald wir sie veröffentlichen", hieß es auf Anfrage.

Kretinsky und seine EP Group haben von IDS bis zum 29. Mai Zeit bekommen, ein bindendes Angebot abzugeben. Der Unternehmer, dessen Holding in Deutschland mit 20 Prozent an der Stahlsparte von thyssenkrupp beteiligt werden soll, ist mit 27 Prozent bereits größter IDS-Anteilseigner. In Großbritannien mischt Kretinsky auch beim Premier-League-Club West Ham United und bei der Supermarktkette Sainsbury (J Sainsbury)'s mit. Und womöglich bald bei einer weiteren Traditionsmarke./bvi/DP/ngu