Milliarden-Schwenk

Bitcoin Mining und KI: Warum Miner ihre Bestände jetzt verkaufen

10.04.26 22:21 Uhr

Vom Miner zum KI-Host: Wie und warum sich die Krypto-Branche gerade wandelt | finanzen.net

Jahrelang galt bei börsennotierten Bitcoin-Minern eine eiserne Überzeugung: Mine Bitcoin, halte Bitcoin. Warum diese Treasury-Strategie gerade auf breiter Front zusammenbricht.

Werte in diesem Artikel

• Börsennotierte Bitcoin-Miner kontrollierten zuletzt mehr als 8 Milliarden US-Dollar in BTC-Beständen
• Der Hash-Preis ist unter 0,03 US-Dollar pro Terahash gefallen
• CoreWeave übernimmt Core Scientific in einer Aktientransaktion

Warum das Mining-Modell unter Druck geraten ist

Das Bitcoin-Halving im April 2024 halbierte die Blockbelohnung für Miner auf 3,125 BTC - ein algorithmisch festgelegter Einschnitt, der die Branche alle vier Jahre vor dieselbe Rentabilitätsfrage stellt. Diesmal fällt die Antwort anders aus als zuvor. Laut einer Bloomberg-Analyse vom März 2026 übersteigen die durchschnittlichen Förderkosten je Bitcoin inzwischen den Marktpreis, und der sogenannte Hash-Preis, also der Ertrag je Terahash Rechenleistung, ist unter die Schwelle von 0,03 US-Dollar gesunken.

Für Unternehmen, die ihre Betriebskosten in US-Dollar kalkulieren, ihre Einnahmen aber in einer volatilen Kryptowährung vereinnahmen, schrumpft der operative Spielraum mit jedem Quartal, in dem Kurs und Hash-Preis unter den Förderkosten bleiben. Hinzu kommen gestiegene Energiekosten, die besonders kapitalintensive Großbetreiber belasten.

Der KI-Pivot: Wie Miner ihre Infrastruktur umrüsten

Was Bitcoin-Mining und KI-Rechenzentren gemeinsam haben, ist der Kern ihres Betriebs: hohe Energiekapazitäten, spezialisierte Kühlsysteme und redundante Stromversorgung. Dieser infrastrukturelle Überlapp macht die Umrüstung für viele Betreiber wirtschaftlich attraktiver als einen Neuaufbau. Statt GPUs für Mining-ASICs einzusetzen, betreiben umgerüstete Anlagen NVIDIA-Chips für das Training und den Betrieb großer KI-Modelle. Der entscheidende wirtschaftliche Unterschied liegt in der Erlösstruktur. KI-Rechenkapazität wird in der Regel über langfristige, dollardenominierte Verträge an Technologieunternehmen und Hyperscaler vermietet, was den Betreibern planbare Cashflows sichert. Bloomberg berichtet, dass Analysteneinschätzungen zufolge ein Megawatt Strom, das für AI-Workloads eingesetzt wird, stabile Vertragserträge erzeugt, während dieselbe Energie im Mining Erlösen ausgesetzt bleibt, die von Bitcoinkurs, Netzwerkschwierigkeit und Halbierungszyklen abhängen.

BTC-Verkäufe im großen Stil

Bitdeer Technologies hat seine gesamten Bitcoin-Reserven vollständig liquidiert. Laut dem offiziellen Wochenbericht des Unternehmens vom 21. Februar 2026 fielen die eigengehaltenen BTC-Bestände per 20. Februar auf null: In der letzten Abbauwoche veräußerte Bitdeer 943,1 BTC aus dem verbleibenden Treasury sowie sämtliche 189,8 BTC der laufenden Mining-Produktion. CleanSpark verkaufte allein im Februar 2026 553 BTC für rund 36,6 Millionen US-Dollar. Core Scientific gab in seinem beim NASDAQ eingereichten Jahresbericht vom März 2026 an, im Januar über 1.900 BTC für rund 175 Millionen US-Dollar veräußert zu haben und plant, den Großteil seiner zum Jahresende 2025 gehaltenen 2.537 BTC im ersten Quartal 2026 zu monetarisieren, um Kapitalausgaben für den KI-Colocation-Ausbau zu finanzieren.

MARA Holdings , mit knapp 4 Milliarden US-Dollar in BTC-Reserven einer der größten Einzelhalter der Branche, hat ebenfalls Teile seiner Treasury verkauft. Laut Bloomberg kontrollieren die betroffenen Unternehmen zusammen mehr als 8 Milliarden US-Dollar in Bitcoin-Beständen. Das Ausmaß der Liquidierungen variiert, der Richtungswechsel ist dabei jedoch nicht auf Einzelfälle begrenzt.

Verträge in Milliardenhöhe

Das bisher prägnanteste Beispiel für diese Neuausrichtung liefert die Übernahme von Core Scientific durch CoreWeave . Am 7. Juli 2025 einigten sich beide Unternehmen auf eine Aktientransaktion mit einem implizierten Eigenkapitalwert von rund 9 Milliarden US-Dollar, wie CoreWeave auf seiner Investor-Relations-Seite mitteilte. Der Deal gibt CoreWeave Zugang zu rund 1,3 Gigawatt Bruttostromkapazität über Core Scientifics Rechenzentren in zehn US-Bundesstaaten, davon 840 Megawatt, die bereits für HPC-Verträge genutzt werden.

CoreWeave-CEO Michael Intrator erklärte, die Übernahme beschleunige die Strategie, KI- und HPC-Workloads im eigenen Infrastrukturbestand zu betreiben. Durch die vertikale Integration entfallen laut Unternehmen mehr als 10 Milliarden US-Dollar an kumulativen Mietkosten über die nächsten zwölf Jahre. Für Core Scientific bedeutet der Deal das Ende als eigenständiger börsennotierter Miner. Das Crypto-Mining-Geschäft soll laut CoreWeave mittelfristig entweder umgewidmet oder veräußert werden.

Risiken der Neuausrichtung

Der Wechsel zur KI-Infrastruktur ist kapitalintensiv und schafft neue strukturelle Risiken. Wer seine BTC-Reserven verkauft, um Umrüstungen zu finanzieren, gibt einen liquiden, selbst verwahrten Vermögenswert ab und tauscht ihn gegen Infrastrukturinvestitionen, die einen langen Rückverdienungszeitraum haben. Analysten, die Bloomberg zitiert, weisen darauf hin, dass Unternehmen mit Klumpenrisiken gegenüber einzelnen Hyperscalern als Hauptkunden konfrontiert sein könnten, wenn KI-Nachfrage oder Vertragskonditionen sich verschieben.

Hinzu kommt der Zeitdruck. Der Markt für KI-Rechenkapazität gilt zwar als wachstumsstark, ist aber nicht unbegrenzt. Viele Miner streben gleichzeitig denselben Wechsel an, was zu Kapazitätsüberhängen führen könnte. Die Analyseplattform AInvest warnt zudem vor Konsolidierungsdruck: Unternehmen, die weder im Mining noch in der KI-Infrastruktur eine kritische Größe erreichen, dürften mittelfristig zur Übernahme oder Aufgabe gezwungen sein.

Folgen für das Bitcoin-Netzwerk und den Markt

Wenn große Miner ihre Betriebe umrüsten, sinkt die Hashrate des Bitcoin-Netzwerks. BitGo hat laut AInvest darauf hingewiesen, dass ein Rückzug institutioneller Miner die verbleibende Rechenleistung auf weniger Akteure konzentriert, was die Dezentralisierung des Netzwerks schwächt. Weniger Miner mit höheren Einzelanteilen an der Hashrate erhöhen zumindest theoretisch das Risiko einer Manipulation des Validierungsprozesses.

Am Markt erzeugt der strukturelle Verkaufsdruck durch Miner kurzfristig zusätzliches Angebot. Laut AInvest wurden allein seit November 2025 mehr als 9,1 Milliarden US-Dollar durch ETF-Abflüsse aus dem Markt abgezogen, während gleichzeitig Unternehmenskäufer wie MicroStrategy im selben Zeitraum rund 3.015 BTC für 204 Millionen US-Dollar erworben haben. Der Nettoeffekt ist bisher kein Preiseinbruch, sondern eine Marktrotation, bei der institutionelle Akkumulation den Minerdruck abfedert. Ob dieses Gleichgewicht trägt, hängt davon ab, wie viele Miner ihren Bestand noch abbauen werden und in welchem Tempo.

Paul Schütte, Redaktion finanzen.net

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