Risiko für den Markt?

ETF-Boom mit Nebenwirkungen: Wie passives Investieren den Markt anfälliger macht

25.04.26 22:17 Uhr

Die Schattenseiten der Index-Euphorie: Warum ETFs den Markt instabiler machen | finanzen.net

ETFs sind effizient, günstig, beliebt - doch ihr Boom verändert den Markt grundlegend. Mit wachsendem Passivanteil steigen die Risiken für Stabilität und Preisbildung.

ETF-Zuflüsse folgen keiner Fundamentalanalyse, sondern festen Regeln
• Marktkonzentration nimmt zu, wenige Schwergewichte dominieren
• Liquidität, Volatilität und Extrembewegungen verändern sich strukturell
Die Demokratisierung des Investierens hat ein Wort: ETFs. Wie kaum ein anderes Finanzinstrument sind sie besonders für Privatpersonen ein regelrechter Segen - und sie sind vor allem eines: breit gestreut, kosteneffizient und transparent.

Doch was passiert, wenn Kapital ungeachtet von Fundamentaldaten, Krisen oder Bewertungen in ETFs fließt? Ist der Segen für Anleger zugleich ein Fluch für den Markt?

Stabilisierung mit Nebenwirkungen

Die Privatbank Berenberg hat darauf eine differenzierte Antwort: ETFs stabilisieren zwar kurzfristig durch kontinuierliche Nachfrage, verzerren aber den Markt und machen ihn anfälliger für extreme Bewegungen.

In einem Beitrag unter dem Titel "Je passiver, desto problematischer?" kommentiert Ulrich Urbahn, Leiter Multi Asset Strategy und Portfoliomanagement bei Berenberg, warum der Markt durch einen höheren ETF-Anteil instabiler wird. Im Kern lassen sich drei zentrale Nebenwirkungen identifizieren: eine höhere Marktkonzentration, veränderte Liquidität und mehr Volatilität.

Marktkonzentration: Die Großen werden immer größer

Ein zentrales Problem liegt zunächst in der Mechanik von Indizes selbst. Kapital fließt nicht dorthin, wo Bewertungen attraktiv sind, sondern dorthin, wo Gewichtungen hoch sind. Große Unternehmen - insbesondere Tech-Schwergewichte - ziehen dadurch automatisch den Großteil der Zuflüsse an. Das führt zu einer zunehmenden Konzentration: Einige wenige Aktien dominieren die Indizes und damit auch die Kapitalströme. Die Folge: Der Markt wird anfälliger für Klumpenrisiken. Dreht die Stimmung bei diesen Schwergewichten, trifft es den gesamten Index - und damit auch jeden ETF-Anleger.

Liquidität: Trügerische Stabilität

Auf den ersten Blick erhöhen ETFs die Liquidität, weil sie den Handel bündeln. In Stressphasen zeigt sich jedoch eine andere Realität: Die tatsächliche Liquidität hängt weiterhin an den zugrunde liegenden Einzeltiteln.

Zudem zeigen Studien zum passiven Investieren, dass ein höherer ETF-Anteil mit steigenden Bid-Ask-Spreads, höherem Liquiditätsrisiko und stärkerer Abhängigkeit von marktweiten Schocks einhergeht.

Das bedeutet konkret: Wenn viele Marktteilnehmer gleichzeitig handeln wollen, kann Liquidität schneller austrocknen als erwartet. Besonders kritisch ist dabei, dass viele passive Strategien zum gleichen Zeitpunkt agieren - etwa zum Börsenschluss, um den Index exakt abzubilden.

Volatilität und Extrembewegungen nehmen zu

Am deutlichsten werden die Effekte jedoch bei der Volatilität. Passive Geldströme reagieren nicht auf Nachrichten oder Bewertungen, sondern folgen festen Regeln. In steigenden Märkten verstärken sie Trends, indem sie weiter Kapital in bereits gut gelaufene Aktien lenken. In fallenden Märkten fehlen dagegen häufig aktive Käufer, die stabilisierend wirken.

Empirische Studien zeigen, dass ein höherer Anteil passiver Investoren mit mehr kurzfristigen Kursumkehrungen, höherer idiosynkratischer Volatilität und einer steigenden Wahrscheinlichkeit extremer Kursbewegungen verbunden ist. Berenberg spricht in diesem Zusammenhang von häufigeren Extremereignissen und einer Marktstruktur, die längere Phasen relativer Ruhe mit abrupten Schocks kombiniert.

Je größer der Anteil, desto stärker sind strukturelle Risiken

ETFs haben das Investieren revolutioniert - aber sie verändern auch die Spielregeln an den Märkten. Solange die Zuflüsse anhalten, wirkt das System stabilisierend. Doch je größer der passive Anteil wird, desto stärker treten strukturelle Risiken hervor. Die entscheidende Frage ist daher nicht mehr, ob ETFs den Markt beeinflussen - sondern ab welchem Punkt sie ihn dominieren.

Benedict Kurschat, Redaktion finanzen.net

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