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17.10.2016 03:00
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Wirtschaftsnobelpreis: Warum sie ihn verdient haben

Euro am Sonntag-Spezial: Wirtschaftsnobelpreis: Warum sie ihn verdient haben | Nachricht | finanzen.net
Euro am Sonntag-Spezial
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Wie muss ein Vertrag ausgestaltet sein, damit er funktioniert? Die Forscher Bengt Holmström und Oliver Hart haben für ihre Antworten auf diese Frage den Nobelpreis erhalten.
€uro am Sonntag
von Birgit Haas, Euro am Sonntag

Wir verlassen uns darauf, dass unser Gehalt überwiesen wird, die Versicherungen bei einem Unfall für Schäden haften und das Licht angeht, wenn wir auf den Schalter drücken. Die Grundlage für das Funktionieren unseres Alltags sind Verträge. Der "Papierkram" schafft Vertrauen zwischen Unbekannten, egal ob es sich um Unternehmen, Staaten oder Privatpersonen handelt. Moderne Volkswirtschaften werden durch unzählige Kontrakte zusammengehalten. Wie aber muss das Kleingedruckte formuliert und gestaltet sein, damit die Beteiligten möglichst wenig Risiken auf sich nehmen müssen?


Die beiden Wirtschaftswissenschaftler Bengt Holmström und Oliver Hart gehen dieser Frage bereits seit den späten 70er-Jahren nach und sind für ihre Erkenntnisse mit dem Nobelpreis für Wirtschaft ausgezeichnet worden. "Die Beiträge der Preisträger haben uns dabei geholfen, viele Verträge zu verstehen, an die wir uns im echten Leben halten", begründete die Königlich Schwedische Wissenschaftsakademie ihre Entscheidung. Holmström und Hart haben nicht immer im Team gearbeitet. Aber durch ihre Erkenntnisse über die faire Vergütung von Managern, die Gestaltung von Kfz-Versicherungen und die Fallstricke bei Privatisierungen gelten beide gemeinsam als "Väter der Vertragstheorie".


Den Grundstock für die nach wie vor lebendige Vertragsforschung legte der in der finnischen Hauptstadt Helsinki geborene Holmström mit einem Aufsatz über die leistungsabhängige Bezahlung von Managern, den er 1979 mit seinem Kollegen Steven Shavell verfasste. Der heutige Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT) bewies, dass es keine gute Idee ist, Bonuszahlungen nur an den Aktienpreis zu koppeln, wie es auch noch heute in vielen Unternehmen üblich ist. Vielmehr müsse der Aktienkurs im Verhältnis zu vergleichbaren Unternehmen gesetzt werden, da sonst der Erfolg des Managers mit von Zufall und Glück abhänge. Steigt etwa der Ölpreis, steigen auch die Aktienkurse von Ölfirmen. "Das haben die Führungskräfte der Unternehmen aber nicht zu verantworten, deshalb sollten sie dafür auch nicht belohnt werden", sagt Zacharias Sautner, Professor an der Frankfurt School of Finance & Management.

Genauso wenig dürften Banker bestraft werden, weil durch die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank die Erträge wegbrächen. Die Vergütungsformel Holmströms lautet: Je schwerer die Leistung von Managern oder Angestellten nachzuweisen ist, desto geringere Boni solle man zahlen.


1982 belegte er am Beispiel von Lehrern, dass der richtige Anreiz von Boni entscheidend ist: Wurden die Lehrer für gute Noten ihrer Schüler belohnt, konzentrierten sie sich zwar auf deren kurzfristige Leistung, vernachlässigten jedoch Bereiche wie Kreativität und eigenständiges Denken. Obwohl Holmström die Studie bereits 1982 veröffentlichte, ist die Einsicht brisant wie nie. "Es macht Sinn, beispielsweise in der Pharma- oder Technologiebranche Innovationen zu belohnen", sagt Sautner.

In der Finanzbranche habe es aber dazu geführt, dass Händler kurzfristig hohe Risiken eingegangen seien, um höhere Boni zu kassieren, und so den Geldhäusern geschadet hätten. Nicht nur in der von Rechtsstreitigkeiten und Kapitaldiskussionen gebeutelten Deutschen Bank findet erst seit Kurzem ein Umdenken statt.

Dass der aktuelle Deutsche-Bank-Chef John Cryan mit 3,8 Millionen Euro ein höheres Fixgehalt als sein Vorgänger Anshu Jain mit 2,3 Millionen Euro erhält, sein Bonus aber geringer ausfallen dürfte, folgt Holmströms Theorie: Je riskanter das berufliche Umfeld ist, desto höher sollte der feste Lohn sein. In stabilen Branchen fördern Leistungsanreize die Produktivität.

Verträge mindern Risiken

An diesem Punkt hakt Oliver Harts Forschung ein: Mitte der 80er-Jahre stellte der gebürtige Brite fest, dass ungenaue Messbarkeit nicht das einzige Pro­blem von Verträgen ist. Ein Vertrag könne nie alle zukünftigen Risiken ausschließen, da man sie zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht beurteilen kann. Deshalb solle in Verträgen festgeschrieben werden, wer in künftigen offenen Fragen entscheidet und die Verantwortung trägt. Da Verantwortung auch ein Anreiz sei, könnten dadurch Boni ersetzt werden.

Dieses Modell gilt nicht nur in der Arbeitswelt, sondern auch für Versicherungen: "Die Gestaltung vieler Versicherungsverträge geht auf die Analysen der beiden Nobelpreisgewinner zurück", sagte Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Hart und Holmström warnten etwa davor, dass ein voller Versicherungsschutz zu sorglosem Verhalten führe.

Bei Autoversicherungen hat sich deshalb Teilkasko als Standardmodell durchgesetzt. Haftet der Versicherungsnehmer ebenfalls für den Schaden, trägt er mehr Verantwortung, fährt vorsichtig und erfüllt so seinen Teil des Vertrags. In seiner Karriere blieb der 68-jährige Har­vard-Professor genauso nah an der Wirtschaft wie sein langjähriger Weggefährte Holmström, der von 1999 bis 2012 im Aufsichtsrat von Nokia saß.

Hart, Spross einer einflussreichen Banker- und Politikerfamilie namens Montagu, setzte sich vornehmlich mit Verträgen in der Geschäfts- und Finanzwelt auseinander. Etwa, welchen Anreiz Investoren brauchen, um in junge Firmen, sogenannte Start-ups, einzusteigen. Und wie können ihm künftige Auszahlungen zugesichert werden?

Die Lösung: Maschinen, Patente und Vertrieb sollten bei den Entrepreneuren bleiben, dem Investor sollte jedoch das Recht zugestanden werden, die Firma und ihre Vermögensgegenstände zu verkaufen, wenn die Gründer scheitern. Damit steigt die Motivation der Jung­unternehmer, ihr Projekt zum Erfolg zu führen. Nach diesem Prinzip funktionieren auch die meisten Bankdarlehen seit Jahrhunderten - die nobelpreisprämierte Theorie von Hart und Holmström liefert lediglich den empirischen Beweis.

Gleiches gilt für die Abwägung, wann es sinnvoll ist, ein Unternehmen zu privatisieren. 1997 griff Hart dazu eine bedenkliche Entwicklung in den USA auf: Als die US-Regierungen Gefängnisse zusehends an private Betreiber verkauften, verschlechterte sich die Versorgung der Insassen dramatisch.

Hart stellte damals mit seinen Co-Autoren Andrei Shleifer und Robert Vishny fest, dass ein öffentlicher Betreiber zwar für eine kontrollierte Qualität in der Versorgung stehe, aber die Kosten nicht immer im Blick habe. Gehe die Institution in private Hände, seien die Anreize zur Kostenreduktion allerdings zu hoch - die Qualität müsse vertraglich stärker verankert werden. Mittlerweile rudern tatsächlich einige US-Behörden zurück und stellen die Zusammenarbeit mit privaten Betreibern ein. Ein weiteres Beispiel, wie die Wissenschaft das "echte Leben" beeinflussen kann.

Die Arbeit von Holmström und Hart beeinflusst jedoch auch junge Forscher wie Sautner von der Frankfurt School of Finance & Management: Zusammen mit einem Kollegen hat Sautner erst im Sommer eine Studie veröffentlicht, in der er Zuliefererverträge eines großen Konzerns analysiert hat. Sein Fazit: "Verträge sind zunächst unvollständig, sodass manche unvorhersehbare Situationen nicht von Beginn an in Verträgen adressiert werden. Aber wenn sich die Vertragspartner länger kennen, werden diese Unvollständigkeiten nach und nach durch zusätzliche Klauseln geschlossen." Die Formel für den perfekten Vertrag ist also noch längst nicht gefunden.

Oliver Hart

Ökonom in Harvard
Oliver Hart hat sich nicht nur als Ökonom in seiner Zunft einen großen Namen gemacht. Berühmt ist Hart auch dafür, dass er die Tischtennisplatten der US-Eliteuniversität Harvard und früher auch in Princeton für seine Spiele blockiert. Der 1948 in London geborene Hart, seit 1984 US-Staatsbürger, war nach dem Studium von Mathematik und Wirtschaftswissenschaften bis 1993 am Massachusetts Institute of Technology (MIT) tätig und wechselte anschließend nach Harvard. Für seine theoretischen Beiträge über Verträge in der Finanz- und Geschäftswelt erhielt er in diesem Jahr den Wirtschaftsnobelpreis.

Bengt Holmström

Professor am MIT
Der zweite Nobelpreisträger, Bengt Holmström, ist gut mit Hart befreundet - auch wenn sie nicht zusammen Tischtennis spielen. Gemeinsam haben sie zahlreiche Aufsätze heraus­gebracht. Der 1949 in der fin­nischen Hauptstadt Helsinki geborene Holmström startete als Statistiker in den frühen 70er-Jahren beim Mischkonzern Ahlstrom. Doch die Arbeit fand er sinnlos, er kündigte und studierte Ökonomie in Stanford. Seither widmet er sich der Frage, was Menschen zu wirtschaftlichem Handeln bewegt. Seit 1997 ist er Professor am MIT. Von 1999 bis 2012 saß er im Aufsichtsrat von Nokia, da er den Kontakt zur Wirtschaft nicht verlieren wollte.
Bildquellen: Ill. N. Elmehed/Nobel Media AB 2016, Bryce Vickmark/MIT, Jon Chase/Harvard University

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