Nahost-Krise im Fokus - Muss man sich an Ölpreise von 100 Dollar gewöhnen?

Die Hoffnung auf eine Entspannung im Nahen Osten hat den Ölmarkt zuletzt nur kurz beruhigt. Experten warnen nun vor dauerhaft hohen Ölpreisen.
Werte in diesem Artikel
• Experten warnen vor einem dauerhaft höheren Ölpreisniveau
• Infrastruktur stark beschädigt
• Auch Transportwege gestört
Zwar sorgten Berichte über mögliche Fortschritte bei Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran zeitweise für sinkende Ölpreise, doch viele Analysten gehen inzwischen davon aus, dass sich der Markt dauerhaft auf deutlich höhere Preise einstellen muss.
Millionen Barrel fehlen am Markt
Infolge der Sperrung der Straße von Hormus - eine der empfindlichsten Punkte des globalen Energiesystems - geht dem Ölmarkt ein Angebot von 100 Millionen Barrel pro Woche verloren. Dies berichtet CNBC unter Berufung auf Aramco-CEO Amin Nasser. Insgesamt seien dem Markt bereits mehr als eine Milliarde Barrel entzogen worden.
Inzwischen stelle laut dem Manager aber nicht mehr nur das Angebot ein Problem dar, sondern die gesamte Logistik. Er wies darauf hin, dass sich viele Tanker inzwischen nicht mehr dort befinden, wo sie für eine reibungslose Versorgung gebraucht würden. Deshalb geht er davon aus, dass es bei einer Wiedereröffnung der Straße von Hormus Monate dauern würde, bis sich der Markt neu sortiert.
Förderung stark beeinträchtig
Mit langen Verzögerungen rechnen laut Barron’s auch verschiedene Analysten. "Die Auswirkungen auf den physischen Markt sind extrem, und die Folgen für den Ölmarkt werden sehr langanhaltend sein, unabhängig davon, wie schnell der Konflikt enden mag", wird Raymond-James-Analyst John Freeman zitiert. Auch Noah Barrett, leitender Analyst für Energie und Versorgungsunternehmen bei Janus Henderson, ist skeptisch: "Es herrscht heute ein gewisser Optimismus, dass wir dem Kriegsende näher sind", sagte er. "Ich glaube nicht, dass man einfach mit den Fingern schnippen kann und die Dinge sich auf magische Weise wieder normalisieren." Die Experten argumentieren, dass beschädigte Ölanlagen nicht kurzfristig wieder in Betrieb genommen werden könnten. Auch gedrosselte Anlagen lassen sich nicht einfach sofort wieder hochfahren.
Lagerbestände schrumpfen deutlich
Nach Angaben von Barron’s verschärft auch die Entwicklung der globalen Reserven die Lage. Die vorhandenen Ölbestände würden derzeit in außergewöhnlich hohem Tempo abgebaut. Das erhöhe die Gefahr, dass bereits kleinere weitere Störungen zu neuen Preissprüngen führen könnten.
Anhaltend hohe Ölpreise
Mehrere Analysten rechnen deshalb damit, dass Brent-Rohöl noch längere Zeit im Bereich von über 100 Dollar je Barrel gehandelt werden könnte.
Laut Barron’s rechnet Freeman mit Brent-Preisen von 110 US-Dollar im dritten Quartal und 100 US-Dollar im vierten Quartal. Die hohen Preise könnten bis ins Jahr 2027 anhalten, so der Experte.
Morgan Stanley sieht Brent im Extremfall sogar noch deutlich höher klettern. Sollten die Lagerbestände schneller sinken als sich die geopolitische Lage entspannt, könnte Brent in eine Spanne von 130 bis 150 US-Dollar steigen, warnt die US-Investmentbank laut einem Bericht von MarketWatch.
Was bedeutet das für Privatanleger?
Für Anleger bedeutet ein dauerhaft hoher Ölpreis vor allem eines: Energie bleibt ein zentraler Inflationstreiber. Das kann Auswirkungen auf Zinsen, Konsum und Unternehmensgewinne haben. Besonders energieintensive Branchen könnten unter Druck geraten, während Öl- und Energiekonzerne tendenziell profitieren.
Privatanleger sollten deshalb prüfen, wie stark ihr Depot von steigenden Energiepreisen betroffen ist. Wer breit investiert ist, sollte mögliche Risiken bei Industrie-, Transport- oder Chemiewerten im Blick behalten. Gleichzeitig können Energiewerte oder breit gestreute Rohstoff-ETFs als Stabilisierung im Portfolio dienen.
Wichtig bleibt jedoch: Die Lage ist stark von geopolitischen Entwicklungen abhängig. Kurzfristige Schwankungen dürften deshalb hoch bleiben.
Thomas Zoller, Redaktion finanzen.net
Dieser Text dient ausschließlich zu Informationszwecken und stellt keine Anlageempfehlung dar. Die finanzen.net GmbH schließt jegliche Regressansprüche aus.
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