Katastrophe voraus?

Ölmarkt am Wendepunkt: Experten warnen vor Verschärfung der Krise in wenigen Wochen

24.05.26 16:22 Uhr

Nur noch Wochen? Experten warnen vor drohender Öl-Katastrophe | finanzen.net

Die internationalen Energiemärkte könnten nach Einschätzung von Experten auf eine entscheidende Zuspitzung der Ölkrise zusteuern.

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• Globale Ölvorräte schrumpfen in rasantem Tempo
• IEA-Direktor warnt: Reserven reichen noch für "mehrere Wochen", aber nicht endlos
• Analysten warnen vor kritischer Phase ab Juni

Der Krieg zwischen den USA und dem Iran schwelt trotz eines Waffenstillstands weiter und die Ölpreise bewegen sich angesichts der anhaltenden Blockade der Straße von Hormus weiterhin auf einem erhöhten Niveau. Der anhaltende Versorgungsengpass mit Rohöl entwickelt sich somit immer mehr zu einer globalen Angebotskrise mit potenziell weitreichenden wirtschaftlichen Folgen. Analysten und Institutionen wie die Internationale Energieagentur (IEA) warnen inzwischen vor einer Dynamik, in der die weltweiten Ölvorräte schneller schrumpfen und bald aufgebraucht sein könnten.

Warnung vor nur noch wenige Wochen reichendem Puffer

Laut dem aktuellen "Oil Market Report" der IEA für Mai 2026 hat sich das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage inzwischen deutlich verschlechtert: "Mehr als zehn Wochen nach Beginn des Krieges im Nahen Osten zehren die zunehmenden Ausfälle bei den Öllieferungen aus der Straße von Hormus die weltweiten Ölbestände in Rekordtempo auf", heißt es in dem Bericht. Konkret fielen derzeit "mehr als 14 Millionen Barrel [Rohöl] pro Tag" aus, was laut IEA einen beispiellosen Angebotsschock darstelle. Allerdings falle die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage kleiner aus, da der Markt "zu Beginn der Krise einen Angebotsüberschuss aufwies" und sich außerdem zunehmend auf die aktuelle Situation einstelle.

Für das zweite Quartal erwartet die Internationale Energieagentur einen Nachfrageeinbruch, prognostiziert gleichzeitig aber auch eine strukturelle Unterversorgung des Marktes im Jahresverlauf. Bereits zuvor hatte die IEA ihre Einschätzung laut "Reuters" drastisch revidiert und vorhergesagt, dass die weltweite Ölversorgung in diesem Jahr infolge des Krieges insgesamt um rund 3,9 Millionen Barrel pro Tag zurückgehen werde. Zuvor hatte sie nur einen Rückgang um 1,5 Millionen Barrel pro Tag prognostiziert.

Besondere Aufmerksamkeit erhielten jüngst auch Aussagen von IEA-Vorsitzendem Fatih Birol, der vor einem rasanten Rückgang der kommerziellen Ölbestände warnte. Die gewerblichen Lagerbestände würden zwar momentan noch "mehrere Wochen" reichen, doch "wir sollten uns der Tatsache bewusst sein, dass sie rapide zurückgehen", so Birol laut "Reuters". Es seien zwar bereits Millionen Barrel aus strategischen Reserven freigegeben worden, diese Reserven seien jedoch ebenfalls "nicht endlos".

Von der Entspannung zur strukturellen Krise - Analysten mit düsteren Prognosen

Noch zu Jahresbeginn galt der Ölmarkt als vergleichsweise gut versorgt. Doch die anhaltende geopolitische Unsicherheit im Nahen Osten, die Störungen wichtiger Transportrouten sowie reduzierte Liefermengen aus Förderregionen haben den globalen Ölfluss erheblich beeinträchtigt. Die Folge: Die weltweiten Lagerbestände sind nach übereinstimmender Einschätzung von Analysten auf den niedrigsten Stand seit Jahren gefallen. In einzelnen Szenarien wird bereits offen über mögliche Preisspitzen diskutiert, die weit über frühere Hochphasen hinausreichen könnten, sollte es zu weiteren Lieferausfällen kommen.

Denn die weltweiten Ölmärkte bewegen sich nach Einschätzung zahlreicher Analysten in Richtung einer kritischen Belastungsgrenze. Zwar hätten die hohen Reserven zu Jahresbeginn laut "MarketWatch" zunächst "ein Polster für die schwerwiegenden Produktionsausfälle gebildet", doch diese Phase könnte sich nun ihrem Ende nähern. Immer mehr Marktexperten warnen daher vor einer sich beschleunigenden Verknappung.

Jaime Brito, Executive Director für Raffinerien und Ölprodukte bei Dow Jones Energy, beschreibt die Lage gegenüber "MarketWatch" als dynamischen Prozess ohne kurzfristige Entspannung. So könne die aktuelle Pattsituation zwischen den USA und dem Iran noch Wochen andauern, was fatal für die Energiemärkte wäre. "Aus energiewirtschaftlicher Sicht handelt es sich hierbei um einen [lawinenartigen] Schneeball - und mit jeder Woche, die vergeht, werden die Märkte enger", so Brito.

Auch die Experten von JPMorgan warnten laut der Nachrichtenseite davor, dass die kommerziellen Rohölbestände der Industrieländer bis Anfang Juni nahe an operativ kritische Niveaus heranrücken könnten. "Eine zentrale Annahme unseres Rahmenwerks besteht darin, dass das sich beschleunigende Tempo des Abbaus der Ölvorräte letztlich die Wiedereröffnung der Straße von Hormus erzwingen wird - auf die eine oder andere Weise", so die Analysten der US-Investmentbank.

Bei Morgan Stanley gilt der Juni ebenfalls als kritischer Zeitpunkt, an dem sich die Zukunft der Ölmärkte entscheiden werde. Derzeit würden sich diese in einem "Wettlauf gegen die Zeit" befinden, schrieben die Experten laut "MarketWatch" und warnten davor, dass die Kombination der Faktoren, die bislang Preisschwankungen bei Öl abgefedert habe, zerfallen werde, wenn die wichtige Meerenge bis einschließlich Juni geschlossen bleibe. Doch auch bei einer Öffnung der Straße von Hormus sehen sie noch keine Entspannung: Selbst dann würde es noch Wochen dauern, "bis die Lieferströme wieder anliefen - und die Märkte würden voraussichtlich weiterhin das Risiko potenzieller weiterer Störungen einpreisen", heißt es bei "MarketWatch" weiter.

Die kommenden Wochen als kritische Phase

Die kommenden Wochen gelten unter Experten also als potenziell entscheidend für die weitere Entwicklung der Krise am Ölmarkt. Sollte sich die Angebotslage nicht stabilisieren, könnte der Markt laut IEA und internationalen Analysten in eine Phase eintreten, in der strukturelle Engpässe noch stärker in Lieferketten und Preisen spürbar werden.

Damit steht der globale Ölmarkt kurz vor einem Wendepunkt: Zwischen temporärer Stabilisierung durch Reserven und der Gefahr eines tiefgreifenden Versorgungsschocks, der weit über den Energiesektor hinaus Wirkung entfalten könnte.

Carolin Ludwig, Redaktion finanzen.net

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