Aus 10.000 Euro wurden 24.045 Euro – im DAX nur 16.466 Euro. Welcher Index den MSCI World und S&P 500 abhängt und welche Werte ihn antreiben.
von Jens Jüttner
Veröffentlicht am
Er hat nur 20 Mitglieder, kaum ein deutscher Anleger hat ihn im Depot – und trotzdem lässt er DAX, S&P 500 und MSCI World seit mehreren Jahren hinter sich. Der österreichische ATX ist der stille Gewinner der vergangenen drei Jahre. Was hinter der Rally steckt und welche Aktien sie tragen.
Wenn Anleger über starke Aktienmärkte sprechen, fallen die üblichen Namen: S&P 500, MSCI World und zuletzt auch wieder der DAX. Der Index, der sie alle hinter sich gelassen hat, kommt aber aus einem Land mit neun Millionen Einwohnern und einer Börse, die an guten Tagen weniger umsetzt als der DAX in einer Stunde.
Der ATX, Leitindex der Wiener Börse, hat 2025 inklusive Dividenden um 52,2 Prozent zugelegt – der stärkste Jahresgewinn seit 2005. Und auch 2026 knüpft der ATX an diese Entwicklung an: Im ersten Halbjahr kletterte der Index um 24,86 Prozent und markierte Mitte Juni mit 16.547,21 Punkten ein Allzeithoch, das er seither noch einmal übertroffen hat. Ende August standen 17.051 Punkte auf der Anzeigetafel. Die Aktienumsätze summierten sich bis Ende Juni auf 53,39 Milliarden Euro – das stärkste Halbjahr seit 2008.

Wie deutlich der Vorsprung ist, zeigt der Blick auf drei Jahre. Von September 2023 bis September 2026 kommt der ATX auf ein Plus von 140,5 Prozent. Dahinter folgen der Nikkei 225 mit 111,7 Prozent, der S&P 500 mit 76,5 Prozent, der MSCI World mit 72,8 Prozent und der DAX mit 64,7 Prozent. In allen Zahlen sind Dividenden enthalten – der Vergleich steht damit auf derselben Grundlage.
In Euro und Cent heißt das: Aus 10.000 Euro wurden im ATX rund 24.045 Euro. Dieselbe Summe im DAX kam auf 16.466 Euro, im MSCI World auf 17.277 Euro. Ein Anleger, der vor drei Jahren nach Wien statt nach Frankfurt gegangen wäre, hätte also gut 7.500 Euro mehr im Depot – bei einer Anlagesumme, die viele Sparpläne in dieser Zeit erreichen. Auf das Jahr gerechnet stehen 34,1 Prozent beim ATX gegen 18,2 Prozent beim DAX.

Bemerkenswert ist dabei, wie ruhig dieser Vorsprung entstanden ist. Der stärkste Rückschlag lag beim ATX bei 16,2 Prozent, gemessen vom jeweils vorherigen Höchststand. Beim DAX waren es 16,0 Prozent, beim S&P 500 18,7 Prozent und beim Nikkei 225 sogar 25,5 Prozent. Der ATX hat die höchste Rendite also nicht mit dem höchsten Risiko erkauft – ein Muster, das sich an den Kapitalmärkten selten so sauber zeigt.
Wer allerdings vor drei Jahren eingestiegen ist, hätte zwischenzeitlich Geduld gebraucht. Nach zwölf Monaten lag der ATX mit 20,3 Prozent nur auf Rang drei, hinter dem S&P 500 und dem MSCI World. Erst im Sommer 2025 setzte er sich an die Spitze und verteidigte sie seither – abgesehen von einigen Tagen, an denen der Nikkei kurz vorbeizog. Der Großteil der Outperformance ist damit ein Phänomen der vergangenen fünfzehn Monate, nicht des gesamten Zeitraums.
Eine Einschränkung bleibt: Alle Werte sind in Landeswährung gerechnet. Für deutsche Anleger fällt das beim ATX nicht ins Gewicht, weil Österreich zur Eurozone gehört. Beim Nikkei 225 und beim S&P 500 verschieben Yen und Dollar das Ergebnis dagegen spürbar – je nach Wechselkursentwicklung in beide Richtungen.
Der Austrian Traded Index (ATX) wurde am 13. Mai 1991 gestartet und enthält die 20 größten und liquidesten Aktien der Wiener Börse. Gewichtet wird nach der Marktkapitalisierung des Streubesitzes – also nach dem Wert der frei handelbaren Aktien, nicht nach der Unternehmensgröße insgesamt. Ein Indexkomitee überprüft die Zusammensetzung regelmäßig, die nächste Überprüfung steht im September 2026 an.
Wichtig für den Vergleich mit anderen Indizes: Wie fast jeden Index gibt es auch den ATX in zwei Varianten. Der klassische ATX ist ein Kursindex, Dividenden bleiben außen vor. Daneben berechnet die Wiener Börse den ATX Total Return, in den die Ausschüttungen einfließen.
Welche Variante in den Nachrichten auftaucht, ist eine Frage der Landessitte – und Deutschland ist dabei der Sonderfall. Der DAX, den Anleger aus der Tagesschau kennen, ist ein Performance-Index inklusive Dividenden. Fast überall sonst stehen Kursindizes auf den Kurstafeln: S&P 500, Nikkei 225, Euro Stoxx 50, FTSE 100 und eben auch der ATX. Einen DAX-Kursindex gibt es zwar, beachtet wird er kaum.

Das ist mehr als eine Randnotiz. Über drei Jahre trennen den S&P 500 als Kurs- und als Total-Return-Index knapp sieben Prozentpunkte, beim ATX waren es allein 2025 genauso viele. Wer den DAX-Stand aus den Abendnachrichten neben den S&P 500 legt, vergleicht Äpfel und Birnen. Der deutsche Index startet mit den Dividenden im Rücken – ein Vorsprung, der nichts mit der Kursentwicklung zu tun hat. Für die Zahlen in diesem Artikel und in den Grafiken gilt deshalb durchgängig die Total-Return-Rechnung: ATX Total Return, DAX Performance-Index, S&P 500 (TR), Nikkei 225 Total Return und MSCI World als Nettorendite in US-Dollar.
Neben der Rechenweise entscheidet vor allem die Zusammensetzung darüber, wie sich ein Index schlägt. Branchenseitig ist der ATX kein Abbild der Weltwirtschaft, sondern ein sehr spezifisches Portfolio: Banken, Versicherer, Energie- und Versorgungsunternehmen sowie klassische Industrie dominieren. Tech spielt traditionell kaum eine Rolle – was die Entwicklung des Jahres 2026 umso bemerkenswerter macht.
Ob ETF oder Einzelaktie : Der Weg an die Wiener Börse führt über ein Depot. Bei finanzen.net ZERO¹, dem Broker von finanzen.net, handelst du beim Kostensieger der Stiftung Warentest (12/2025). Starte hier mit wenigen Klicks.
Die spektakulärste Geschichte des Jahres schreibt ein Unternehmen, das vor zwei Jahren noch als Sanierungsfall galt.
AT&S legte im ersten Halbjahr 2026 um 555,28 Prozent zu – mit Abstand die stärkste Kursentwicklung im prime market. Der steirische Hersteller von Leiterplatten und IC-Substraten ist eines der wenigen europäischen Unternehmen, die unmittelbar am KI-Boom mitverdienen. IC-Substrate sind die Verbindungsschicht zwischen Halbleiter und Leiterplatte – ohne sie lässt sich kein Hochleistungschip für Rechenzentren fertigen. Nach der Ankündigung neuer Milliardeninvestitionen in Malaysia sprang die Aktie an einem einzigen Tag um mehr als 36 Prozent, der beste Handelstag der Firmengeschichte. Am 22. Juni stieg AT&S zudem in den Stoxx Europe 600 auf. Seit dem Rekordhoch von 239,50 Euro ging es allerdings deutlich zurück: Anfang September notierte die Aktie bei rund 149 Euro.
Getragen wird der Index aber nicht von einem einzelnen Ausreißer, sondern von den Banken. Raiffeisen Bank International, Erste Bank und BAWAG stellen zusammen einen erheblichen Teil der Indexgewichtung – und alle drei verdienen derzeit prächtig. Die RBI liegt 2026 rund 57 Prozent im Plus und ist damit der beste Wert im Euro Stoxx Banks.
Bei den Schwergewichten liefert die Industrie: Andritz meldete zum Halbjahr einen Rekord-Auftragsbestand von 12,6 Milliarden Euro, ein Plus von 20,5 Prozent gegenüber dem Jahresende 2025 – die Aktie sprang daraufhin um 9,43 Prozent.
| Unternehmen | Branche | ISIN | Warum die Aktie läuft |
|---|---|---|---|
| AT&S | Elektronik, Leiterplatten und IC-Substrate | AT0000969985 | Plus 555 Prozent im ersten Halbjahr, stärkster Wert im prime market. Milliardeninvestition in Malaysia, Aufstieg in den Stoxx Europe 600 im Juni. Verdient direkt an der KI-Infrastruktur: Ohne IC-Substrate lässt sich kein Rechenzentrumschip fertigen. |
| Raiffeisen Bank International | Bank, Schwerpunkt Zentral- und Osteuropa | AT0000606306 | Rund 57 Prozent Kursplus 2026 und damit bester Wert im Euro Stoxx Banks. Profitiert von steileren Zinskurven und dem Wachstum in der CEE-Region. |
| Erste Bank | Bank, Schwerpunkt Zentral- und Osteuropa | AT0000652011 | Nettogewinn im ersten Halbjahr knapp 2,0 Milliarden Euro, ein Plus von 18,6 Prozent. Der Zinsüberschuss stieg um 42,3 Prozent auf 5,4 Milliarden Euro. Größte Position im Index. |
| BAWAG Group | Bank, Schwerpunkt Österreich und Westeuropa | AT0000BAWAG2 | Im ersten Halbjahr mehr Erträge und mehr Gewinn als im Vorjahr. Die Zahlen lagen laut Analysten der Erste Bank über den Erwartungen. |
| Andritz | Maschinen- und Anlagenbau | AT0000730007 | Rekord-Auftragsbestand von 12,6 Milliarden Euro zum Halbjahr, ein Fünftel mehr als Ende 2025. Die Aktie sprang daraufhin um 9,4 Prozent. |
Obacht Klumpenrisiko: 20 Werte sind wenig. Der ATX ist deshalb stark von einzelnen Titeln abhängig – Banken und Energie machen einen Großteil der Indexgewichtung aus. Das hat die Rally beschleunigt, wirkt aber in beide Richtungen: Kippt die Stimmung bei den Finanzwerten oder korrigiert AT&S, zieht das den gesamten Index mit nach unten. Zum Vergleich: Der MSCI World enthält dagegen mehr als 1.300 Aktien aus 23 Ländern.
ETFs sind der einfachste Weg. Ein ATX-ETF bildet den Index samt Dividenden nach, kostet einen Bruchteil eines aktiven Fonds und lässt sich per Sparplan besparen. Wer den ATX als Beimischung nutzt, sollte sich bewusst sein, dass er damit stark auf Finanzwerte und Osteuropa setzt – als Basisinvestment eignet sich ein breiter Welt-ETF besser.
Einzelaktien geben mehr Kontrolle: Wer gezielt auf die Bankenstory oder auf AT&S setzen will, kauft die Titel direkt – mit dem entsprechend höheren Einzelwertrisiko.
Die Kurse sind der Wirtschaft davongelaufen. Das Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo meldete für das zweite Quartal 2026 eine Stagnation der österreichischen Wirtschaft. Gunter Deuber, Chefanalyst von Raiffeisen Research, rechnet für 2026 mit einem Wachstum von lediglich 0,3 bis 0,6 Prozent – und weist darauf hin, dass der ATX die eigenen Kursziele für März 2027 bereits überschritten hat. Seine Einschätzung: Die ATX-Rally läuft langsam aus, das Risiko erscheint aber begrenzt; für die Aktienmärkte insgesamt bleibt er bis Jahresende leicht positiv.
Der ATX ist der stille Outperformer der vergangenen Jahre – getragen von hochprofitablen Banken, dem Osteuropa-Geschäft, hohen Dividenden und zuletzt einer einzelnen Tech-Aktie mit Ausnahmelauf. Genau diese Mischung erklärt aber auch das Risiko: Ein Index aus 20 Werten mit klarem Finanz- und Industrieschwerpunkt schwankt stärker als ein global gestreutes Portfolio. Als Beimischung kann der ATX ein Depot sinnvoll ergänzen, als alleiniges Aktieninvestment ist er zu eng. Und wer jetzt einsteigt, tut das nahe dem Allzeithoch – nicht mehr im Schatten.
Die Key-Message: Der ATX hat zuletzt stark abgeschnitten, ist aber ein schmaler Index mit ausgeprägtem Branchenschwerpunkt – als Beimischung interessant, als Basisinvestment ungeeignet.
Schlussgedanke: Ein starkes Börsenjahr macht aus einem Zwanzig-Werte-Index kein Basisinvestment. Wer den ATX beimischt, sollte wissen, dass er dafür Konzentrationsrisiko in Kauf nimmt.
Beiträge und Empfehlungen zu Börse, Aktien und Krypto, die normalerweise hinter geschlossener Tür bleiben. 100 % kostenlos, direkt in Dein Postfach.
„Die besten Informationen waren schon immer denjenigen vorbehalten, die wussten, wo sie suchen müssen.“
Bereits 35.421 Abonnenten vertrauen unseren Inhalten.
Disclaimer: Die in diesem Artikel enthaltenen Inhalte dienen ausschließlich allgemeinen Informations-, Bildungs- und Marketingzwecken ohne Gewähr auf Vollständigkeit, Richtigkeit und Aktualität. Die Inhalte stellen keine Anlageberatung, Anlagestrategieempfehlung oder Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren oder sonstigen Finanzinstrumenten dar. Die Informationen berücksichtigen nicht die individuellen Anlageziele und finanzielle Situation des Lesers. Jede Anlageentscheidung sollte eigenverantwortlich getroffen und sorgfältig geprüft werden. Vor einer Anlageentscheidung sollte der Rat eines Anlage- und Steuerberaters eingeholt werden. Der Handel mit Wertpapieren oder sonstigen Finanzinstrumenten ist mit hohen Risiken verbunden, bis hin zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals. Die in der Vergangenheit erzielte Performance ist kein Indikator für zukünftige Wertentwicklungen. Aussagen über zukünftige wirtschaftliche Entwicklungen basieren grundsätzlich auf Annahmen und Einschätzungen, die sich im Zeitablauf als nicht zutreffend erweisen können. Wir übernehmen keine Haftung für Verluste, die durch die Umsetzung der in diesem Artikel genannten Informationen entstehen.
1Hinweis: finanzen.net zero ist ein Angebot der finanzen.net zero GmbH, einer Tochter der finanzen.net GmbH.