Börsen-Comeback in Griechenland: Der Athex hängt den DAX mit 215 Prozent Plus ab. Was dahintersteckt und was Anleger wissen sollten.
von Jens Jüttner
Veröffentlicht am
Im Februar 2010 zeigte ein deutsches Nachrichtenmagazin auf seinem Titel die Venus von Milo mit ausgestrecktem Mittelfinger. Wenige Wochen später rieten Politiker von CDU und FDP der Regierung in Athen, unbewohnte Inseln zu verkaufen, um Schulden abzubauen, und das Wort „Pleite-Griechen“ schaffte es in die Schlagzeilen. Zwei Jahre später erfanden Ökonomen eigens einen Begriff für den möglichen Euro-Austritt des Landes: Grexit. Griechenland galt als das Land, das die Währungsunion sprengen könnte. Nun feiert Hellas ein Börsen-Comeback.
Es hat gedauert, 16 Jahre, um genau zu sein. Doch das Blatt hat sich gewendet. Seit dem 21. September 2026 führen die Indexanbieter FTSE Russell, S&P Dow Jones Indices und Stoxx Griechenland wieder als entwickelten Markt, also in der Liga der Industrieländer statt der Schwellenländer. Der Leitindex der Athener Börse hat sich in fünf Jahren mehr als verdreifacht. Und der griechische Finanzminister Kyriakos Pierrakakis, inzwischen Präsident der Euro-Gruppe, sprach vor seinem Treffen mit Bundesfinanzminister Lars Klingbeil im Handelsblatt darüber, was Deutschland aus den griechischen Reformen mitnehmen könnte.
Die Börse spiegelt eine Volkswirtschaft, die sich in mehreren Punkten gedreht hat. Nach Eurostat-Daten, die das Statistische Bundesamt aufbereitet, wuchs die griechische Wirtschaft 2025 um 2,1 Prozent, die deutsche um 0,2 Prozent, die EU insgesamt um 1,4 Prozent. Der griechische Staat nahm 2025 mehr ein, als er ausgab: Der Haushalt schloss mit einem Überschuss von 1,7 Prozent der Wirtschaftsleistung, Deutschland mit einem Defizit von 2,7 Prozent. Die Schuldenquote, also die Staatsschulden im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung, ist mit 146 Prozent zwar noch immer die höchste der EU, lag 2020 aber noch höher als 200 Prozent.
Diese Entwicklung haben die Ratingagenturen honoriert. Sie bewerten griechische Staatsanleihen wieder als Investment Grade, also als Anlage mit guter Bonität, die viele große Fonds und Versicherer überhaupt erst kaufen dürfen. Die Analysten von Scope machten im August 2023 den Anfang, S&P folgte im Oktober 2023, als Letzter der großen Anbieter zog Moody’s im März 2025 nach. Hinzu kommt der Umbau der Börse selbst: Die Kapitalverkehrskontrollen aus der Krise sind abgeschafft, und seit Ende 2025 hält der europäische Börsenbetreiber Euronext die Mehrheit an der Athener Börse, die heute Euronext Athens heißt. Übrigens Staatsanleihen im Allgemeinen und griechische Staatsanleihen im Speziellen findest du hier:
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Auch das Kapital aus dem Ausland fließt. Die ausländischen Direktinvestitionen, also Geld, das ausländische Unternehmen in Firmen und Standorte im Land stecken, stiegen laut UNCTAD von 3,2 Milliarden US-Dollar 2020 auf 12,9 Milliarden Dollar 2025. Allerdings gingen von 2015 bis 2025 rund 73 Prozent davon in Dienstleistungen und Immobilien. Ein Gesetzentwurf der Regierung soll das ändern und Neuansiedlungen in Industrie, Forschung, Künstlicher Intelligenz, Biotechnologie sowie Rüstung und Luftfahrt mit bis zu 20 Millionen Euro je Projekt fördern.

Die Schwächen sind damit nicht verschwunden. Die Investitionsquote lag 2025 mit 16,9 Prozent mehr als fünf Prozentpunkte unter dem EU-Schnitt, die Erwerbslosenquote mit 8,8 Prozent mehr als doppelt so hoch wie in Deutschland. Und hinter den Erfolgszahlen steht ein Jahrzehnt harter Sparprogramme, dessen Kosten vor allem die griechische Bevölkerung getragen hat.
Dass nun der griechische Finanzminister Kyriakos Pierrakakis seinen deutschen Kollegen Lars Klingbeil inspirieren möchte, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Dem Handelsblatt sagte er: „Reformen sind anfangs vielleicht schmerzhaft, aber sie zahlen sich politisch und wirtschaftlich aus.“ Seine konkrete Anregung zielt auf grenzüberschreitende Zusammenschlüsse, wie Griechenland sie vorgemacht habe: Die italienische Unicredit ist bei der Alpha Bank eingestiegen, Euronext hat die Athener Börse übernommen. Zur Commerzbank, bei der sich die Bundesregierung lange gegen eine Übernahme durch Unicredit gestemmt hat, äußerte er sich nicht direkt. Europa brauche aber möglichst viele europäische Champions.
Der Athex Composite, der breite Leitindex der Athener Börse, stieg in den zurückliegenden fünf Jahren von 860 auf 2.708 Punkte, ein Plus von knapp 215 Prozent. Der DAX kam im selben Zeitraum von 15.249 auf 25.374 Punkte und damit auf gut 66 Prozent. Der Abstand ist sogar noch etwas größer, als die Zahlen zeigen: Der DAX ist ein Performanceindex, in den ausgeschüttete Dividenden rechnerisch wieder einfließen. Der Athex Composite ist ein reiner Kursindex, der Dividenden nicht enthält.

Durchgehend vorn lag Athen allerdings nicht. 2024 schnitt der DAX besser ab. Und trotz der Rally ist das Comeback nicht abgeschlossen: Sein Krisentief markierte der Athex Composite am 11. Februar 2016 bei 441 Punkten, seitdem hat er sich mehr als versechsfacht. Vom Vorkrisenhoch bei 5.335 Punkten im Oktober 2007 liegt er aber noch immer rund 49 Prozent entfernt.
| Zeitraum | Athex Composite | DAX | Vorsprung Athex |
|---|---|---|---|
| 2022 | +4,1 % | −12,3 % | +16,4 Prozentpunkte |
| 2023 | +39,1 % | +20,3 % | +18,8 Prozentpunkte |
| 2024 | +13,7 % | +18,8 % | −5,1 Prozentpunkte |
| 2025 | +44,3 % | +23,0 % | +21,3 Prozentpunkte |
| 2026 bis 28.09. | +27,7 % | +3,6 % | +24,1 Prozentpunkte |
| Fünf Jahre (28.09.2021 bis 28.09.2026) | +214,9 % | +66,4 % | +148,5 Prozentpunkte |
Quelle: finanzen.net, Schlusskurse, Stand 28.09.2026. Athex Composite als Kursindex, DAX als Performanceindex.
Gemessen am Börsenwert sind die drei größten griechischen Unternehmen zwei Banken und ein Energieversorger. Die Banken profitieren direkt von der Erholung der Wirtschaft: Sie vergeben mehr Kredite und verdienen deutlich mehr an Gebühren. Alle drei Aktien haben im vergangenen Jahr laut finanzen.net mehr als 40 Prozent zugelegt.
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Kurzfristig bringt die Hochstufung vor allem Nachfrage von Fonds, die gar keine Wahl haben. Passive Fonds und ETFs, die einen Index eins zu eins nachbilden, müssen griechische Aktien kaufen, sobald diese in ihren Index aufrücken. Zum 21. September kamen neun griechische Werte in die Indizes von Stoxx und 62 in die von FTSE Russell. Für die Aufnahme in den Stoxx Europe 600 und den Euro Stoxx hatte JPMorgan schon im Januar passive Zuflüsse von knapp einer Milliarde Dollar errechnet, den Großteil davon für die vier großen Banken. Bei FTSE Russell gleichen sich Käufe und Verkäufe nach Rechnung der US-Bank dagegen weitgehend aus, weil Schwellenländerfonds dort ihre griechischen Aktien abgeben. Bis MSCI im Mai 2027 nachzieht, stecken griechische Titel zugleich in Industrie- und Schwellenländerindizes.
Im Depot der meisten Anleger kommt davon wenig an. Nach Berechnungen von MSCI wird Griechenland im Europa-Index des Anbieters mit sieben Aktien nur auf rund 0,4 Prozent Gewicht kommen, ähnlich wie Österreich oder Portugal. Wer einen Europa-ETF besitzt, hält griechische Aktien also künftig automatisch, allerdings in homöopathischer Dosis. Wer gezielt in Griechenland investiert, setzt dagegen vor allem auf Banken: Finanzwerte stellen laut MSCI rund 59 Prozent des griechischen Aktienmarkts, fast dreimal so viel wie im europäischen Durchschnitt mit 22 Prozent.
Griechische Aktien werden an deutschen Börsen oft nur in geringem Umfang gehandelt. Anleger sollten deshalb mit Limit ordern, also einen Höchstpreis beim Kauf und einen Mindestpreis beim Verkauf festlegen. Sonst droht ein Kauf oder Verkauf zu einem deutlich ungünstigeren Kurs als erwartet.
Offen ist, wie der MSCI-Wechsel im Mai 2027 ausgeht. Dann trennen sich Schwellenländerfonds von griechischen Aktien, während Fonds für Industrieländer sie kaufen. Die Prognosen gehen auseinander: JPMorgan erwartet unterm Strich Abflüsse von rund 500 Millionen Dollar, Morgan Stanley ein leichtes Plus von rund 300 Millionen Dollar. Spielraum gibt es: Laut Morgan Stanley hält bislang nur etwa jeder achte auf Industrieländer ausgerichtete Aktienfonds überhaupt griechische Titel. Zugleich dürfte ein Teil der erwarteten Zuflüsse schon in den Kursen stecken.
Wer nicht auf einzelne Aktien setzen will, hat derzeit nicht viel Auswahl. Für ETF-Fans ist die einzige Option der Amundi MSCI Greece UCITS ETF (ISIN FR0010405431). Er bildet einen Index griechischer Aktien ab, der zusätzlich den Getränkeabfüller Coca-Cola HBC enthält. Größte Position von insgesamt lediglich 27 ist die National Bank of Greece mit rund 16 Prozent.
Das Comeback der Athener Börse ist mehr als eine Momentaufnahme. Wachstum, Haushaltsüberschuss, gute Bonität und ein modernisierter Handelsplatz geben ihm ein Fundament, das 2010 niemand für möglich gehalten hätte. Der leichteste Teil der Rally, das Abschmelzen des Krisenabschlags, dürfte aber hinter den Anlegern liegen. Momentan bestimmen hauptsächlich griechische Banken die Entwicklung im Index. Interessierte Anleger müssen zudem mit Schwankungen rund um den MSCI-Termin im Mai 2027 rechnen. Für Anleger mit breit gestreutem Depot eignet sich Griechenland deshalb als kleine Beimischung, nicht als Ersatz für Streuung. Und die Pointe bleibt: Das Land, über das deutsche Stammtische einst spotteten, hat den DAX über fünf Jahre deutlich hinter sich gelassen.
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