Entnahmeplan-Rechner
Jahrzehntelang haben viele Anleger Vermögen aufgebaut. Mit dem Renteneintritt stellt sich eine neue Frage: Wie lässt sich das angesparte Kapital in regelmäßiges Einkommen umwandeln, ohne dass es zu früh aufgebraucht wird? Die meisten Privatanleger kennen sich gut mit Sparraten und Fondskäufen aus, doch die systematische Entnahme von Kapital ist ein weitgehend unbekanntes Terrain. Dabei entscheidet gerade diese Phase darüber, ob das Vermögen den gewünschten Lebensstandard dauerhaft absichert.
Ein strukturierter Entnahmeplan verwandelt angespartes Kapital in eine verlässliche Zusatzrente und ermöglicht dabei deutlich mehr Flexibilität als klassische Versicherungslösungen. Historisch betrachtet konnten breit gestreute Aktienportfolios mit einer jährlichen Entnahmerate von 4 Prozent des Startkapitals über mindestens 30 Jahre aufrechterhalten werden, selbst wenn die Entnahme während schwieriger Börsenphasen wie den Jahren 2000 oder 2008 begann. Die zentrale Herausforderung besteht darin, Entnahmen so zu gestalten, dass sie weder übermäßig konservativ ausfallen und unnötigen Verzicht bedeuten, noch zu aggressiv sind und das Kapital vorzeitig gefährden.
Das Wichtigste in Kürze
- Ein Entnahmeplan funktioniert wie ein umgekehrter Sparplan und wandelt angespartes Vermögen in regelmäßige Auszahlungen um, wobei du die vollständige Kontrolle über dein Kapital behältst.
- Du wählst zwischen zwei grundlegenden Strategien: Beim Kapitalverzehr wird das gesamte Vermögen über einen definierten Zeitraum aufgebraucht, beim Kapitalerhalt werden nur die Erträge entnommen.
- Die 4-Prozent-Regel nach William Bengen gilt seit 1994 als bewährter Orientierungswert, viele Finanzexperten empfehlen jedoch aktuell eher eine Entnahmerate von 3,5 Prozent, um eine Portfoliolaufzeit von über 30 Jahren mit höherer Wahrscheinlichkeit zu erreichen.
- ETF-Entnahmepläne bieten maximale Flexibilität bei niedrigen Kosten, während Tagesgeld und Festgeld als Liquiditätspuffer für die ersten Jahre dienen und Dividendenstrategien einen natürlichen Cashflow ohne Anteilsverkauf ermöglichen.
- Das Sequence-of-Returns-Risiko bezeichnet die Gefahr, dass Kursverluste zu Beginn der Entnahmephase die verfügbare Laufzeit des Portfolios erheblich verkürzen, weshalb ein Liquiditätspuffer von drei bis fünf Jahresentnahmen entscheidend ist.
Von der Anspar- zur Entnahmephase: Die unterschätzte Herausforderung
Über Jahrzehnte zahlen Anleger regelmäßig in ihr Portfolio ein. Der monatliche Sparplan läuft automatisch, Kursschwankungen werden durch den Cost-Average-Effekt ausgeglichen, und das Vermögen wächst kontinuierlich. Mit dem Renteneintritt ändert sich die Situation grundlegend. Plötzlich soll das Depot nicht mehr wachsen, sondern regelmäßiges Einkommen liefern.
Viele Anleger stehen zu diesem Zeitpunkt vor einer Situation, auf die sie sich nie konkret vorbereitet haben. Die zentrale Frage lautet: Wie viel Geld lässt sich monatlich entnehmen, ohne dass das Kapital vorzeitig erschöpft ist? Spontane Entnahmen nach Bedarf bergen erhebliche Risiken. In Marktphasen mit fallenden Kursen verkaufen Anleger möglicherweise zu ungünstigen Zeitpunkten mehr Anteile als nötig. Diese Anteile fehlen später, wenn sich die Märkte erholen.
Ein Entnahmeplan systematisiert diesen Prozess. Statt situativ zu entscheiden, legst du im Voraus fest, welcher Betrag monatlich oder quartalsweise ausgezahlt werden soll. Diese Struktur bietet mehrere Vorteile. Sie schützt vor emotionalen Fehlentscheidungen in volatilen Marktphasen, schafft planbare Liquidität für den Lebensunterhalt und ermöglicht eine langfristige Strategie, die auf die individuellen Bedürfnisse abgestimmt ist. Im Gegensatz zu einer klassischen Leibrente bei einer Versicherung behältst du die vollständige Kontrolle über dein Vermögen. Das Kapital bleibt in deinem eigenen Depot, kann für größere Ausgaben genutzt werden und lässt sich im Erbfall an die nächste Generation weitergeben.
Besonders für Menschen, die durch einen Immobilienverkauf, eine Erbschaft oder eine Abfindung zu größeren Summen gekommen sind, bietet der Entnahmeplan eine sinnvolle Alternative zur gesetzlichen Rente. Das Kapital arbeitet weiter und partizipiert an den langfristigen Renditen der Kapitalmärkte, während gleichzeitig regelmäßige Auszahlungen den Lebensunterhalt sichern. Frührentner profitieren ebenfalls von dieser Flexibilität, weil sie die Jahre bis zum regulären Renteneintritt überbrücken können, ohne das gesamte Kapital in eine unflexible Versicherungslösung zu überführen.
Kapitalverzehr oder Kapitalerhalt: Die grundlegende strategische Entscheidung
Bevor die konkrete Entnahmerate festgelegt wird, muss eine grundsätzliche Weichenstellung erfolgen.
Entnahme mit Kapitalverzehr: Höhere Auszahlungen über einen definierten Zeitraum
Beim Kapitalverzehr planst du, das gesamte Vermögen bis zum Ende eines festgelegten Zeitraums aufzubrauchen. Wenn du mit 65 Jahren in Rente gehst und von einer Lebenserwartung bis zum Alter von 95 Jahren ausgehst, legst du einen Entnahmezeitraum von 30 Jahren fest. Das Kapital wird vollständig für die Auszahlungen verwendet, sodass am Ende des Zeitraums kein Vermögen mehr vorhanden ist.
Der entscheidende Vorteil liegt in den höheren monatlichen Auszahlungen. Da nicht nur die Erträge, sondern auch das Stammkapital verwendet werden, stehen deutlich mehr Mittel zur Verfügung. Ein Rechenbeispiel verdeutlicht den Unterschied. Bei einem Startkapital von 500.000 Euro und einer durchschnittlichen jährlichen Rendite von 5 Prozent lassen sich bei einem 30-jährigen Kapitalverzehr monatlich etwa 2.700 Euro entnehmen. Nach 30 Jahren ist das Kapital vollständig aufgebraucht. Diese Strategie eignet sich für Anleger, die ihren Lebensstandard maximieren wollen und keine Absicht haben, Vermögen zu vererben.
Das zentrale Risiko dieser Strategie liegt im sogenannten Langlebigkeitsrisiko. Die Lebenserwartung ist eine statistische Größe, die individuell erheblich variiert. Wer deutlich älter wird als ursprünglich geplant, hat sein Kapital bereits aufgebraucht und ist dann vollständig auf die gesetzliche Rente angewiesen. Aus diesem Grund rechnen vorsichtige Anleger mit längeren Zeiträumen von 35 oder 40 Jahren statt nur 30 Jahren. Diese Vorsichtsmaßnahme reduziert zwar die monatliche Entnahme, schafft aber einen Sicherheitspuffer gegen das Risiko der Überschreitung der geplanten Laufzeit.
Entnahme mit Kapitalerhalt: Das Stammkapital bleibt unangetastet
Die zweite grundlegende Strategie besteht darin, ausschließlich die erwirtschafteten Erträge zu entnehmen und das Stammkapital zu erhalten. Du lebst von den Zinsen, Dividenden und realisierten Kursgewinnen, ohne die Substanz anzugreifen. Das Kapital bleibt konstant und steht für die Vererbung zur Verfügung.
Bei einem Startkapital von 500.000 Euro und einer erwarteten jährlichen Rendite von 5 Prozent ergeben sich jährliche Erträge von 25.000 Euro. Das entspricht etwa 2.080 Euro pro Monat. Im Vergleich zur Kapitalverzehr-Strategie liegt die Entnahme damit um etwa 600 Euro niedriger. Der Ausgleich besteht darin, dass das Kapital dauerhaft erhalten bleibt und an die nächste Generation weitergegeben werden kann.
Diese Strategie bietet zusätzlichen Schutz gegen das Langlebigkeitsrisiko. Unabhängig vom tatsächlichen Lebensalter bleibt das Kapital vorhanden und generiert weiterhin Erträge. Selbst bei deutlich höherer Lebenserwartung als ursprünglich angenommen bleibt die finanzielle Grundlage erhalten. Allerdings erfordert diese Strategie ein entsprechend größeres Startvermögen, wenn ähnliche Entnahmebeträge wie beim Kapitalverzehr erreicht werden sollen. Für viele Anleger überwiegt dennoch der Vorteil der Sicherheit und Flexibilität, weshalb sie diese Variante bevorzugen.
Das Kapitalerhalt-Modell funktioniert nur dann dauerhaft, wenn die reale Rendite nach Abzug der Inflation die Entnahmerate übersteigt. Bei einer Inflationsrate von 2 Prozent und einer Nominalrendite von 5 Prozent verbleiben real nur 3 Prozent, die maximal entnommen werden können, ohne das Kapital real zu verringern.
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Die 4-Prozent-Regel und ihre moderne Interpretation
Die Frage nach der optimalen Entnahmehöhe beschäftigt Finanzplaner seit Jahrzehnten.
Die sogenannte 4-Prozent-Regel wurde 1994 vom US-amerikanischen Finanzplaner William Bengen entwickelt und basiert auf einer umfangreichen Analyse historischer Marktdaten. Bengen untersuchte verschiedene Startzeitpunkte für Entnahmepläne zwischen 1926 und 1992 und prüfte, welche Entnahmerate ein Portfolio über mindestens 30 Jahre aufrechterhalten konnte. Seine Erkenntnis: Ein Anleger, der zu Beginn der Rentenphase 4 Prozent des Startkapitals entnimmt und diesen Betrag jährlich an die Inflationsrate anpasst, konnte mit hoher Wahrscheinlichkeit mindestens 30 Jahre von seinem Vermögen leben. Diese Regel galt selbst für ungünstige Startzeitpunkte wie das Jahr 1929 mit dem nachfolgenden Börsencrash oder die Stagflationsphase der 1970er Jahre.
Die Methode funktioniert folgendermaßen: Bei einem Startkapital von 500.000 Euro beträgt die erste Entnahme 20.000 Euro. Im zweiten Jahr wird dieser Betrag um die Inflationsrate erhöht. Bei einer Inflation von 2 Prozent ergibt sich eine Entnahme von 20.400 Euro. Im dritten Jahr folgt eine weitere Anpassung auf 20.808 Euro. Diese Vorgehensweise stellt sicher, dass die Kaufkraft der Entnahmen über die gesamte Laufzeit erhalten bleibt. Bengen ging in seiner Analyse von einem Portfolio mit 50 Prozent Aktien und 50 Prozent Anleihen aus. Der Aktienanteil sollte langfristiges Wachstum liefern, während die Anleihen in Krisenzeiten Stabilität bieten.
In den vergangenen Jahren mehren sich allerdings kritische Stimmen zur unreflektierten Anwendung der 4-Prozent-Regel. Die Ausgangsbedingungen haben sich verändert. Die Zinsen für Anleihen lagen in den 2010er Jahren deutlich unter ihren historischen Durchschnittswerten, was die Renditeerwartungen für den Anleihenanteil reduzierte. Zusätzlich argumentieren einige Analysten, dass die Bewertungen am Aktienmarkt höher liegen als in früheren Jahrzehnten, was möglicherweise niedrigere zukünftige Renditen zur Folge haben könnte. Aus diesen Gründen empfehlen viele Finanzexperten aktuell konservativere Entnahmeraten zwischen 3 und 3,5 Prozent, um die Wahrscheinlichkeit eines erfolgreichen Entnahmeplans über 30 Jahre auf über 95 Prozent zu erhöhen.
Dynamische Entnahme: Anpassung an die Marktentwicklung
Eine Alternative zur fixen 4-Prozent-Regel besteht in der dynamischen Anpassung der Entnahmen an die aktuelle Portfoliogröße. Statt jedes Jahr einen festen inflationsbereinigten Betrag zu entnehmen, berechnest du jährlich neu einen Prozentsatz des aktuellen Portfoliowerts. Diese Methode reagiert automatisch auf Marktentwicklungen.
Ein Beispiel veranschaulicht den Unterschied. Bei einem Startkapital von 500.000 Euro und einer Entnahmerate von 4 Prozent beträgt die erste Entnahme 20.000 Euro. Im zweiten Jahr wird nicht dieser Betrag inflationsbereinigt, sondern es werden erneut 4 Prozent des aktuellen Portfoliowerts entnommen. Ist das Portfolio auf 520.000 Euro gewachsen, erhöht sich die Entnahme auf 20.800 Euro. Ist es auf 480.000 Euro gesunken, reduziert sich die Entnahme auf 19.200 Euro.
Der Vorteil dieser Methode liegt in der automatischen Portfolioschonung während schwieriger Marktphasen. Wenn die Kurse fallen, sinken die Entnahmen und das Portfolio wird weniger belastet. Gleichzeitig steigen die Entnahmen in guten Jahren, was den Lebensstandard erhöht. Studien zeigen, dass dynamische Entnahmestrategien die Wahrscheinlichkeit deutlich erhöhen, dass das Portfolio auch bei sehr langen Zeiträumen von 40 oder mehr Jahren nicht erschöpft wird.
Der Nachteil besteht in der schwankenden monatlichen Liquidität. Du musst bereit sein, in schwierigen Jahren mit geringeren Beträgen auszukommen. Für Menschen mit fixen Kosten kann dies eine Herausforderung darstellen. Viele Anleger kombinieren beide Ansätze, indem sie eine Untergrenze für die Entnahme definieren, die den Grundbedarf deckt, aber nach oben flexibel bleiben, wenn das Portfolio gut läuft.
Technische Umsetzung: ETFs, Zinsen und Dividenden als Bausteine
Nach der strategischen Entscheidung folgt die praktische Umsetzung. Drei Ansätze haben sich etabliert.
ETF-Entnahmepläne: Flexibilität bei niedrigen Kosten
Die meisten Online-Broker bieten automatisierte Entnahmepläne für ETFs an. Du legst einen monatlichen oder vierteljährlichen Betrag fest, den du entnehmen möchtest. Der Broker verkauft automatisch die entsprechende Anzahl Anteile und überweist den Erlös auf das Referenzkonto. Die Kosten beschränken sich in der Regel auf die üblichen Transaktionsgebühren von wenigen Euro pro Ausführung.
Der große Vorteil liegt in der Flexibilität. Du kannst die Entnahmerate jederzeit anpassen, Sonderentnahmen vornehmen oder den Plan temporär pausieren. Das Portfolio bleibt vollständig in deinem eigenen Besitz, und du entscheidest selbst über die Anlagestrategie. Breit gestreute Welt-ETFs wie der MSCI World oder FTSE All-World eignen sich besonders gut für Entnahmepläne, weil sie Schwankungen einzelner Länder oder Branchen ausgleichen und langfristig solide Renditen liefern. Historisch betrachtet erzielten diese Indizes durchschnittliche jährliche Renditen zwischen 7 und 9 Prozent, allerdings mit erheblichen Schwankungen in einzelnen Jahren.
Die Herausforderung bei ETF-Entnahmeplänen besteht im Umgang mit Volatilität. Wenn du zu Beginn der Entnahmephase einen Börsencrash erlebst, musst du Anteile zu niedrigen Kursen verkaufen. Diese verkauften Anteile fehlen später, wenn sich die Märkte erholen. Dieses sogenannte Sequence-of-Returns-Risiko lässt sich durch einen zusätzlichen Liquiditätspuffer in sicheren Anlagen abmildern.
Zinsbasierte Modelle: Stabilität für die ersten Jahre
Tagesgeld und Festgeld bieten eine sichere Ergänzung für die kurzfristige Liquiditätssicherung. Anfang 2026 liegen die Zinssätze bei deutschen Tagesgeldanbietern bei etwa 3 bis 3,2 Prozent, während Festgeld mit zwei oder drei Jahren Laufzeit Zinssätze von bis zu 3,5 Prozent bietet. Diese Renditen reichen zwar nicht aus, um dauerhaft allein vom Kapital zu leben, bieten aber einen stabilen Baustein für die ersten Jahre der Entnahmephase.
Viele Anleger nutzen eine Festgeldtreppe, um einen mehrjährigen Zeitraum abzusichern. Dabei wird ein Teil des Vermögens auf Festgeldkonten mit gestaffelten Laufzeiten verteilt. Jedes Jahr wird ein Festgeld fällig und steht für die Entnahmen zur Verfügung. Der Rest des Kapitals bleibt in ETFs investiert und kann von steigenden Kursen profitieren. Diese Strategie ermöglicht es, in Börsenkrisen keine Anteile verkaufen zu müssen, weil die nächsten Jahre bereits durch das Festgeld abgesichert sind.
Die Kombination aus einem mehrjährigen Festgeldpuffer und einem langfristig investierten ETF-Portfolio hat sich in der Praxis bewährt. Wenn du weißt, dass die nächsten drei bis fünf Jahre gesichert sind, kannst du Börsenschwankungen gelassener begegnen und abwarten, bis sich die Märkte erholt haben. Der Nachteil besteht darin, dass die Rendite von Festgeld langfristig niedriger ausfällt als die historische Rendite von Aktien. Für sicherheitsorientierte Anleger überwiegt jedoch der Vorteil der Planbarkeit.
Dividendenstrategie: Cashflow ohne Anteilsverkauf
Dividendenstarke Aktien oder ETFs schütten regelmäßig Erträge aus, ohne dass Anteile verkauft werden müssen. Global aufgestellte Dividenden-ETFs wie der SPDR S&P Global Dividend Aristocrats oder der Vanguard FTSE All-World High Dividend Yield erzielen Ausschüttungsrenditen zwischen 3 und 4 Prozent pro Jahr. Bei einem Kapital von 500.000 Euro würde dies einen jährlichen Cashflow von 15.000 bis 20.000 Euro bedeuten.
Der Vorteil dieser Strategie liegt darin, dass das Depot in seiner Substanz erhalten bleibt. Die Anzahl der Anteile verringert sich nicht, und das Portfolio kann weiter wachsen. Dividenden unterliegen zwar ebenso der Abgeltungsteuer wie Kursgewinne, bieten aber psychologisch den Vorteil, dass du das Gefühl hast, von den Erträgen zu leben, ohne das Kapital anzugreifen.
Allerdings schwanken auch Dividenden. In wirtschaftlich schwierigen Jahren kürzen Unternehmen ihre Ausschüttungen, sodass der Cashflow sinkt. Historisch betrachtet erholten sich Dividenden nach Krisen in der Regel innerhalb von zwei bis drei Jahren. Dennoch solltest du, wenn du ausschließlich auf Dividenden setzt, eine Reserve auf dem Tagesgeldkonto halten, um Schwankungen ausgleichen zu können. Die Kombination aus Dividendenstrategie und Liquiditätspuffer hat sich für viele Anleger als robustes Gesamtkonzept erwiesen.
| Strategie | Renditeerwartung p.a. | Flexibilität | Risiko |
|---|---|---|---|
| ETF-Entnahmeplan | 5-7 % | Sehr hoch | Mittel bis hoch |
| Tagesgeld/Festgeld | 3-3,5 % | Mittel | Sehr niedrig |
| Dividenden-ETF | 4-6 % | Hoch | Mittel |
Steuerliche Rahmenbedingungen im Jahr 2026
Jede Entnahme aus dem Depot hat steuerliche Konsequenzen, die bei der Planung berücksichtigt werden müssen.
Kapitalerträge unterliegen grundsätzlich der Abgeltungsteuer in Höhe von 25 Prozent zuzüglich Solidaritätszuschlag und gegebenenfalls Kirchensteuer. Für konfessionslose Anleger ergibt sich eine Gesamtbelastung von etwa 26,4 Prozent. Betroffen sind Zinsen, Dividenden und realisierte Kursgewinne. Bei einem ETF-Entnahmeplan wird mit jedem Verkauf ein Teil der Kursgewinne realisiert und unterliegt der Besteuerung. Wichtig ist: Besteuert wird nur der Gewinn, nicht der gesamte Verkaufserlös. Bei einem Verkauf von Anteilen im Wert von 10.000 Euro, die ursprünglich für 7.000 Euro gekauft wurden, unterliegen nur die 3.000 Euro Gewinn der Abgeltungsteuer.
Der Sparer-Pauschbetrag bietet einen jährlichen Freibetrag für Kapitalerträge. Für Alleinstehende beträgt dieser 1.000 Euro, für Verheiratete 2.000 Euro. Innerhalb dieses Betrags bleiben Kapitalerträge steuerfrei. Ein korrekt bei der Depotbank eingerichteter Freistellungsauftrag sorgt dafür, dass die Bank die Steuer erst ab Überschreitung des Freibetrags einbehält. Wenn du 1.000 Euro Dividenden erhältst oder durch Verkäufe 1.000 Euro Gewinn realisierst, zahlst du auf diesen Betrag keine Steuern.
Für Rentner mit geringem Gesamteinkommen existiert eine weitere steuerliche Möglichkeit: die Nichtveranlagungsbescheinigung. Wenn du als Alleinstehender unterhalb des Grundfreibetrags von 12.348 Euro im Jahr 2026 bleibst, kannst du beim Finanzamt eine NV-Bescheinigung beantragen. Diese führt dazu, dass Kapitalerträge von der Abgeltungsteuer befreit werden, weil das Gesamteinkommen unterhalb des steuerfreien Existenzminimums liegt. Die NV-Bescheinigung gilt nur für die Kapitalerträge selbst, nicht für das bereits versteuerte Kapital, das entnommen wird.
Ein Beispiel verdeutlicht die Systematik. Ein Rentner bezieht monatlich 800 Euro gesetzliche Rente und entnimmt zusätzlich 1.200 Euro aus seinem ETF-Depot. Die gesetzliche Rente wird zu 83,5 Prozent besteuert, was bei 9.600 Euro Jahresrente einem steuerpflichtigen Anteil von etwa 8.016 Euro entspricht. Hinzu kommen die realisierten Kursgewinne aus den ETF-Verkäufen. Solange die Summe aus steuerpflichtigem Rentenanteil und Kapitalerträgen unter dem Grundfreibetrag von 12.348 Euro liegt, fällt keine Einkommensteuer an. Mit einer NV-Bescheinigung entfällt zudem die Abgeltungsteuer auf die Kapitalerträge.
Bei ETF-Verkäufen wird nur der realisierte Gewinn besteuert, nicht der gesamte Verkaufserlös. Wenn du Anteile im Wert von 10.000 Euro verkaufst, die du ursprünglich für 7.000 Euro gekauft hast, unterliegen nur die 3.000 Euro Gewinn der Abgeltungsteuer. Die verbleibenden 7.000 Euro sind dein ursprünglich investiertes Kapital und bleiben steuerfrei.
Risikomanagement: Die drei kritischen Gefahren für Entnahmepläne
Selbst sorgfältig geplante Entnahmestrategien können durch bestimmte Risiken gefährdet werden.
Sequence-of-Returns-Risiko: Die Reihenfolge der Renditen entscheidet
Das Sequence-of-Returns-Risiko beschreibt eines der größten Gefahren für Entnahmepläne. Zwei Anleger mit identischem Portfolio und identischer durchschnittlicher Rendite über 30 Jahre können völlig unterschiedliche Ergebnisse erzielen, abhängig davon, in welcher Reihenfolge die jährlichen Renditen auftreten.
Ein Beispiel veranschaulicht das Problem. Anleger A startet seinen Entnahmeplan im Jahr 2008, als die globalen Aktienmärkte um etwa 40 Prozent einbrachen. Er entnimmt wie geplant 4 Prozent seines Startkapitals, muss dafür aber deutlich mehr Anteile verkaufen, weil die Kurse gefallen sind. Diese verkauften Anteile fehlen ihm in den Folgejahren, als sich die Märkte erholen. Anleger B startet seinen Plan im Jahr 2010, nachdem die Märkte bereits wieder gestiegen sind. Er verkauft für die gleiche Entnahmesumme weniger Anteile und profitiert stärker von der anschließenden mehrjährigen Aufwärtsphase.
Historische Analysen zeigen, dass Entnahmepläne, die während oder kurz nach einem Bärenmarkt beginnen, eine signifikant höhere Wahrscheinlichkeit aufweisen, vorzeitig erschöpft zu sein, als Pläne, die in Bullenmärkten starten. Die Lösung liegt in der Schaffung eines Liquiditätspuffers. Wenn du drei bis fünf Jahresentnahmen in sicheren Anlagen wie Tagesgeld oder kurzlaufenden Anleihen hältst, kannst du in Krisenzeiten auf diesen Puffer zurückgreifen und musst keine Anteile zu Tiefstpreisen verkaufen. Nach einer Erholung der Märkte wird der Puffer aus dem ETF-Portfolio wieder aufgefüllt.
Inflation: Der schleichende Kaufkraftverlust
Was heute nach ausreichend Liquidität aussieht, kann in zwei Jahrzehnten erheblich an Kaufkraft verloren haben. Bei einer durchschnittlichen Inflationsrate von 2,5 Prozent pro Jahr halbiert sich die Kaufkraft innerhalb von etwa 28 Jahren. Eine monatliche Entnahme von 2.000 Euro entspricht dann real nur noch etwa 1.000 Euro heutiger Kaufkraft.
Die klassische 4-Prozent-Regel nach Bengen berücksichtigt dieses Problem durch die jährliche Anpassung der Entnahmen an die Inflationsrate. Wenn du jedoch mit fixen nominalen Beträgen planst, verlierst du schleichend an Lebensstandard. Aktien bieten historisch betrachtet den besten Schutz gegen Inflation, weil Unternehmen in der Lage sind, ihre Preise zu erhöhen und damit ihre Gewinne real zu steigern. Studien zeigen, dass Aktienrenditen langfristig deutlich über der Inflationsrate liegen, während reine Zinsanlagen wie Tagesgeld oder Festgeld oft nicht ausreichen, um die Inflation vollständig auszugleichen.
Ein gemischtes Portfolio mit einem Aktienanteil von mindestens 50 bis 60 Prozent bleibt daher auch in der Entnahmephase sinnvoll. Wenn du ausschließlich auf sichere Zinsanlagen setzt, magst du kurzfristig ruhiger schlafen, verlierst aber langfristig real an Vermögen. Die Herausforderung besteht darin, eine Balance zwischen kurzfristiger Sicherheit durch den Liquiditätspuffer und langfristigem Inflationsschutz durch den Aktienanteil zu finden.
Langlebigkeitsrisiko: Wenn die Lebenserwartung unterschätzt wird
Die durchschnittliche Lebenserwartung steigt kontinuierlich. Ein heute 65-jähriger Mann hat statistisch noch etwa 18 Jahre vor sich, eine gleichaltrige Frau etwa 21 Jahre. Diese Zahlen sind jedoch Durchschnittswerte. Ein erheblicher Teil der Bevölkerung erreicht ein deutlich höheres Alter. Die Wahrscheinlichkeit, dass mindestens ein Partner eines 65-jährigen Ehepaars das 90. Lebensjahr erreicht, liegt bei über 50 Prozent.
Wenn du deinen Entnahmeplan auf exakt 30 Jahre auslegst, trägst du ein erhebliches Risiko. Jedes Jahr, das darüber hinaus gelebt wird, bedeutet finanziellen Bedarf ohne verfügbares Kapital. In dieser Situation besteht vollständige Abhängigkeit von der gesetzlichen Rente. Die konservative Lösung besteht darin, mit einer deutlich längeren Laufzeit zu rechnen. Eine Planung über 35 oder 40 Jahre reduziert zwar die monatliche Entnahme, schafft aber erheblich mehr Sicherheit gegen dieses Risiko.
Eine weitere Möglichkeit besteht in der Kombination aus Entnahmeplan und aufgeschobener Leibrente. Ein Teil des Vermögens wird in eine Leibrente investiert, die erst ab einem bestimmten Alter, beispielsweise 80 oder 85 Jahren, ausgezahlt wird. Diese aufgeschobenen Renten sind deutlich günstiger als sofort beginnende Renten, weil die Versicherung nur einen Teil der Versicherten tatsächlich auszahlen muss. Diese Kombination deckt das Langlebigkeitsrisiko ab, ohne dass das gesamte Kapital an eine Versicherung übertragen werden muss. Für die meisten Anleger bleibt jedoch der konservative Ansatz mit längerer Planungsdauer die bevorzugte Lösung.
Online-Rechner zur Lebenserwartung berücksichtigen neben dem Alter auch den Gesundheitszustand und die Familienanamnese. Die Deutsche Aktuarvereinigung bietet einen detaillierten Rechner, der eine individuellere Einschätzung ermöglicht als reine Durchschnittswerte.
Fazit: Die Entnahmephase als aktiver Gestaltungsprozess
Ein Entnahmeplan verwandelt angespartes Vermögen in regelmäßiges Einkommen und bietet dabei deutlich mehr Flexibilität als klassische Versicherungslösungen. Die zentrale Erkenntnis lautet: Es gibt keine universal gültige Lösung für alle Anleger. Die optimale Strategie hängt von deiner individuellen Risikotoleranz, deiner persönlichen Lebenserwartung, deiner Vererbungsabsicht und deiner Bereitschaft ab, Schwankungen in den Entnahmebeträgen zu akzeptieren.
Eine Kombination aus verschiedenen Bausteinen hat sich in der Praxis als robust erwiesen. Ein breit gestreutes ETF-Portfolio bildet die Basis für langfristiges Wachstum und Inflationsschutz. Ein Liquiditätspuffer von drei bis fünf Jahresentnahmen in Tagesgeld oder Festgeld schützt davor, in Krisenzeiten Anteile zu ungünstigen Kursen verkaufen zu müssen. Eine flexible Entnahmestrategie zwischen 3 und 4 Prozent jährlich, die an die individuelle Situation angepasst wird, bietet ausreichend Sicherheit bei gleichzeitig akzeptablen Entnahmebeträgen.
Die regelmäßige Überprüfung und Anpassung des Plans bleibt unverzichtbar. Einmal jährlich solltest du die aktuelle Portfoliogröße mit der ursprünglichen Planung abgleichen. Ist das Portfolio nach mehreren Jahren deutlich gewachsen, kannst du die Entnahmerate erhöhen. Ist es geschrumpft, solltest du die Rate reduzieren, um die langfristige Tragfähigkeit zu sichern. Diese Flexibilität unterscheidet den eigenverantwortlichen Entnahmeplan von starren Versicherungslösungen und ermöglicht es, auf veränderte Lebensumstände oder Marktbedingungen zu reagieren.
Checkliste: Die ersten Schritte zur Umsetzung
- Bestimme das verfügbare Kapital und ziehe davon eine Notreserve für unvorhergesehene Ausgaben ab, die nicht Teil des Entnahmeplans sein sollte.
- Entscheide zwischen Kapitalverzehr über einen definierten Zeitraum oder Kapitalerhalt mit dauerhafter Vererbungsmöglichkeit als grundlegende strategische Ausrichtung.
- Lege die Entnahmerate fest, wobei 3,5 Prozent jährlich als konservativer Richtwert für eine Laufzeit von mindestens 30 Jahren gilt.
- Baue einen Liquiditätspuffer von drei bis fünf Jahresentnahmen in Tagesgeld oder Festgeld auf, um das Sequence-of-Returns-Risiko zu reduzieren.
- Richte einen automatisierten Entnahmeplan bei deinem Online-Broker ein oder nutze eine Dividendenstrategie für regelmäßigen Cashflow ohne Anteilsverkauf.
- Überprüfe einmal jährlich die Portfoliogröße und passe die Entnahmerate bei signifikanten Abweichungen von der ursprünglichen Planung an.
Historische Analysen zeigen, dass die meisten großen Börsenkrisen der vergangenen 50 Jahre innerhalb von zwei bis vier Jahren zu einer Erholung auf das vorherige Kursniveau führten. Wenn du während der Finanzkrise 2008 investiert geblieben wärst, hättest du 2012 dein Kapital vollständig zurück gehabt und hättest anschließend von einer mehrjährigen Aufwärtsphase bis 2020 profitiert.