Der frühere Bundesfinanzminister Christian Lindner hat den typischen deutschen Anleger einmal als „Mann mit Gürtel und Hosenträger“ beschrieben – alles muss sicher sein, bloß kein Risiko. Deckt sich das mit Ihrer Erfahrung als Deutschlandchef von Amundi?
Teile dieser Beschreibung stimmen. Viele Sparer in Deutschland legen großen Wert auf Sicherheit und Kapitalschutz. Gleichzeitig sehen wir in unserer jährlichen Studie „Decoding Digital“ einen langsamen Wandel – vor allem bei Jüngeren und denjenigen, die die digitalen Angebote nutzen. Um den Wandel zu beschleunigen, ist Vertrauen entscheidend. Dafür braucht es einfache Produkte, transparente Kosten und verständliche Aufklärung.
Das Deutsche Aktieninstitut veröffentlichte zuletzt die Zahl von 14,1 Millionen Aktionären in Deutschland. Nach zwei Jahren des Rückgangs haben wir es mit einem neuen Rekordwert zu tun. Das müsste doch alle positive stimmen, wenn die Bundesbürger die Börse wiederentdecken?
Die Generation der 14-bis 39-jährigen hat mit 1,2 Millionen rund 60 Prozent des gesamten Anstiegs ausgemacht. Unsere jährliche Studie „Decoding Digital“ zeigt, dass die Mehrheit dieser Gruppe digitale Zugangswege zum Kapitalmarkt nutzt. Das Potenzial ist also weiterhin da. Gleichzeitig sehen wir aber auch, dass wir noch besser werden müssen: In der breiten Bevölkerung ist die Finanzbildung nach wie vor zu gering, und es fehlen weiterhin langfristige Anreize.
Sie betonen immer wieder, dass fehlendes Wissen einer der größten Hemmschuhe für private Altersvorsorge ist. Konkret: Wie will Amundi Menschen, die bislang kaum oder gar keinen Zugang zu Finanzwissen hatten, zu selbstbestimmten Anlegerinnen und Anlegern machen – ohne sie dabei zu überfordern oder in falsche Produkte zu drängen?
Wir setzen auf drei Hebel: erstens verständliche, standardisierte Produkte; zweitens gezielte Bildungsangebote — kurze Erklärvideos, Sparplanrechner; drittens digitale Tools, die Schritt für Schritt begleiten, etwa Sparsimulationen mit klaren Visualisierungen. Ziel ist nicht, jeden zum Experten zu machen, sondern zu Menschen zu befähigen, informierte Entscheidungen zu treffen, ohne zu überfordern.
Viele Anleger fragen sich: Lohnt sich das Altersvorsorgedepot für mich – und wenn ja, wie viel sollte ich einzahlen? Gibt es eine Faustregel, ab welchem Alter, welchem Einkommen und welchem Anlagehorizont das Depot wirklich Sinn ergibt?
Als Faustregel gilt: so früh wie möglich anfangen – Zeit am Markt ist der stärkste Hebel. In jedem Fall die staatliche Förderung voll nutzen. Eine Orientierung, die man zum Beispiel bei Stiftung Warentest findet, ist 10 bis 15 % des Bruttoeinkommens inklusive Arbeitgeber‑ und staatlicher Zulagen. Je später der Start, desto höher der notwendige Betrag, der gespart werden sollte. Aber auch kleine, regelmäßige Beiträge können über einen langen Anlagehorizont viel bewirken.
Wer sich für das frei besparbare Depot entscheidet, steht vor der Produktauswahl. Für viele ist das Neuland. Welche Kriterien sollte ein Anleger bei der Wahl des richtigen ETFs für die Altersvorsorge unbedingt im Blick haben – unabhängig davon, welchen Anbieter er am Ende wählt?
Welche ETFs für das eigene Portfolio in Frage kommen, hängt von einer Reihe an Faktoren ab: der persönlichen Risikobereitschaft und dem zur Verfügung stehenden Budget, dem Grundverständnis über die unterschiedlichen Asset Klassen und was es bedeutet, diversifiziert zu investieren. Bei der Auswahl der jeweiligen ETFs gelten dann drei zentrale Kriterien, die beachtet werden sollten. Erstens die Gesamtkosten – Total Expense Ratio (TER) und Nebenkosten schmälern langfristig am stärksten die Rendite. Zweitens Diversifikation und Replikationsprinzip – breite Abdeckung und vorzugsweise physische Replikation für Standardlösungen. Drittens Liquidität, Tracking‑Error und Anbieterreputation – ein niedriger Tracking‑Error und solide Anbieter sind wichtig.
Etwa 15 bis 16 Millionen Deutsche haben noch laufende Riester-Verträge – viele davon mit mäßiger Rendite und hohen Kosten. Was raten Sie? Kündigen, weiterlaufen lassen oder in das neue Depot überführen?
Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Zuerst sollte jeder eine Kosten‑Nutzen‑Analyse machen: Restlaufzeit, Zulagenanspruch, Rückkaufswerte und Wechseloptionen prüfen. Wenn das neue Depot einen wirtschaftlich sinnvollen Transfer erlaubt, kann eine Überführung sinnvoll sein. Vor einer Kündigung sollte man sich jedoch unbedingt beraten lassen.
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Der Bundestag hat Ende März das Gesetz für das Altersvorsorgedepot beschlossen, Start ist am 1. Januar 2027. Sie haben das Thema seit Jahren öffentlich begleitet. Ist das aus Ihrer Sicht wirklich der Systemwechsel, den Deutschland braucht – oder bleibt es ein Reförmchen?
Ich sehe das Altersvorsorgedepot als den richtigen und überfälligen Schritt in die Zukunft. Die Reform macht die private Vorsorge einfacher, flexibler und transparenter. Dass wir künftig auf starre Beitragsgarantien verzichten und dafür mehr Renditechancen schaffen, ist ein echter Fortschritt. Besonders die neuen, fairen Zulagen für Familien und Geringverdiener sind ein starkes Signal. Das ist die Antwort auf eine zeitgemäße, renditestarke Altersvorsorge.
Der Gesetzentwurf sieht ein Standarddepot mit zwei OGAW/UCITS-Fonds sowie ein frei besparbares Depot für Selbstentscheider vor. Jetzt hat das Parlament auch noch ein Standarddepot durch einen öffentlichen Träger hinzugefügt. Sie haben stets „mehr Flexibilität, mehr Vielfalt, mehr Renditechancen“ gefordert. Besteht nicht die Gefahr, dass diese Wahlmöglichkeiten den Normalbürger überfordern – und am Ende das Standardprodukt zum Massenprodukt wird, das kaum Rendite bringt?
Beim Thema öffentlicher Träger teilen wir die Meinung des BVI. Entscheidend ist, dass das Standarddepot eine einfache Einstiegslösung bleibt – und kein Zwangsprodukt wird. Mit zwei Risikoprofilen bietet es unterschiedliche Chancen – und damit auch unterschiedliche Renditechancen, je nach Marktentwicklung. Wer mehr Auswahl und mehr Chancen sucht, kann auf das Angebot privater Anbieter setzen.
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Jetzt kostenlos Depot eröffnenWas fehlt Ihnen konkret im aktuellen Altersvorsorgedepot-Entwurf?
Vom FDP-Entwurf bleibt vor allem die Grundidee: mehr kapitalgedeckte Vorsorge, mehr Eigenverantwortung und mehr Flexibilität für die Menschen. Der aktuelle Entwurf greift vieles auf. Kein Modell ist perfekt – und bei so einem komplexen Thema wäre das auch unrealistisch.
Aus Ihrer Praxis als Produktanbieter: Welche Kundengruppen werden Sie mit dem Altersvorsorgedepot gut erreichen – und bei welchen machen Sie sich Sorgen, dass sie trotz der neuen Förderung wieder durchs Raster fallen?
Wir sehen vor allem gute Chancen, Menschen mit normalem Einkommen, Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger und diejenigen zu erreichen, die bisher noch keinen Zugang zur kapitalgedeckten Vorsorge haben. Genau hier setzt die Förderstruktur einen starken Anreiz: Wer selbst 1.800 Euro einzahlt, bekommt 540 Euro zusätzlich obendrauf und kann das direkt anlegen. Das schafft einen echten Motivationsimpuls, überhaupt etwas zu tun. Schwieriger wird es bei Menschen mit sehr niedrigem Einkommen oder dauerhaft knappen Budgets – dort braucht es zusätzliche Aufklärung und besonders einfache Einstiege.
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Sie haben immer wieder betont, dass Deutschland beim Investieren anderen Ländern hinterherläuft. Schweden hat mit dem PPM-System eine Pflichtkomponente mit Kapitalmarktbeteiligung, Norwegen seinen Staatsfonds. Welches konkrete Element aus diesen Modellen hätten Sie am liebsten nach Deutschland importiert?
Deutschland und Schweden sind da nur bedingt vergleichbar. Schweden hat ein stark staatlich geprägtes System, während wir in Deutschland vor allem über die dritte Säule sprechen. Für mich ist deshalb nicht der 1:1-Import eines Modells entscheidend, sondern der Grundgedanke: mehr Kapitalmarktbeteiligung in der Vorsorge. Gleichzeitig müssen wir in Deutschland auch bei der ersten und zweiten Säule noch einiges tun. Da haben wir einen klaren Nachholbedarf.
Das amerikanische 401(k)-Modell gilt vielen als Blaupause für kapitalgedeckte Altersvorsorge: arbeitgeberfinanziert, steuerlich attraktiv, mit breiter Produktpalette. Gleichzeitig hinterlässt es viele Niedrigverdiener unversorgt. Was übernehmen wir aus den USA – und was sollten wir besser machen?
Von den USA können wir die starken Anreize und die Produktvielfalt lernen. Die eigentliche Lehre für Deutschland ist aber eine andere: Die zweite Säule muss einfacher und wirksamer werden. Die gesetzliche Rente allein wird künftig nicht reichen. In den Niederlanden ist es etwa über die betriebliche Altersvorsorge sehr erfolgreich gelungen, deutlich mehr Menschen an den Kapitalmarkt heranzuführen. Genau diesen Hebel sollten wir in Deutschland stärker nutzen, um Versorgungslücken zu schließen und die Altersvorsorge breiter aufzustellen.
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Das Gesetz sieht nun drei Varianten vor: kein Garantieprodukt, 80-Prozent-Garantie oder 100-Prozent-Garantie. Sie haben klar gesagt, dass langfristig angelegte Konzepte keine verpflichtenden Garantien brauchen. Trotzdem haben viele Deutsche nach den Erfahrungen mit Riester ein tiefes Misstrauen gegenüber risikobasierten Produkten. Wie überzeugen Sie diese Menschen?
Das Rendite-Dreieck des Deutschen Aktieninstituts zeigt sehr klar: Je länger der Anlagehorizont, desto stabiler und attraktiver sind die Ergebnisse am Kapitalmarkt. Genau deshalb braucht es bei langfristiger Altersvorsorge keine verpflichtenden Garantien. Und mehr noch, Garantien geben zwar auf den ersten Blick ein Gefühl von Sicherheit, sie kosten aber Rendite – und über lange Zeit werden sie vor allem zu einer Kostenkomponente. Deshalb ist es wichtig, dass wir Produkte schaffen, die verständlich sind, breit gestreut anlegen und den Menschen die Chancen des langen Anlagehorizonts erklären.
Das neue Depot folgt einem nachgelagerten Besteuerungsmodell: Einzahlungen werden gefördert, die Auszahlung im Rentenalter versteuert. Ist das fair – und wäre das in Schweden oder den USA übliche TEE-Modell, also steuerfreie Erträge und steuerfreie Auszahlung, nicht ehrlicher gewesen?
Wenn man bedenkt, dass die persönlichen Steuersätze während der Erwerbsphase regelmäßig höher sind als in der Ruhestandsphase, dann passt in Deutschland das etablierte EET-Modell grundsätzlich gut zur Altersvorsorge, weil es die steuerliche Belastung in die Auszahlungsphase verschiebt. TEE kann für Sparer auf den ersten Blick attraktiver wirken, würde den Staat aber vor allem in der Übergangsphase stärker fordern. Entscheidend ist am Ende Transparenz: Die Menschen müssen mit klaren Simulationen sehen können, was das für ihre persönliche Situation langfristig bedeutet.
Zum Abschluss: Stellen Sie sich vor, Sie könnten einem 25-Jährigen in Deutschland heute einen einzigen Satz zum Thema Altersvorsorge mitgeben. Was wäre das?
Beginne heute regelmäßig zu sparen, setze auf effiziente Produkte und Fonds und nutze jede Form von Arbeitgeber‑ oder staatlicher Förderung – Zeit am Markt ist dein stärkster Verbündeter.
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