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Erleuchtung: Ist an Börsenweisheiten etwas dran? Bildquelle: Triff / Shutterstock
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Börsenweisheiten

Sell in May und Jahrensendrally: Was ist dran an den Börsenweisheiten?

Wir prüfen Börsenweisheiten wie Sell in May und die Jahresendrally mit harten Zahlen. Was die Daten über DAX und S&P 500 zeigen – und was nicht.

Das Wichtigste in Kürze

Keine Zeit den ganzen Artikel zu lesen? Hier sind die Kernpunkte für dich:

    • Statistisch belegt: Der Sell-in-May-Effekt ist über 323 Jahre und 37 Länder wissenschaftlich dokumentiert – Winterrenditen lagen im Schnitt 4,5 Prozentpunkte über den Sommerrenditen.
    • DAX-Saisonalität deutlich: Das Sommerhalbjahr (Mai bis Oktober) brachte zwischen 1960 und 2023 im Schnitt nur 0,7 % Rendite, das Winterhalbjahr rund 6 %.
    • Praxisvorteil schmilzt: Nach Transaktionskosten, Steuern und dem Risiko verpasster Erholungsrallys bleibt gegenüber Buy-and-Hold in den meisten Szenarien kein Renditevorsprung.
    • Jahresendrally mit 76 % Trefferquote: Der DAX schloss den Dezember seit 1988 in rund drei von vier Fällen im Plus, besonders das Weihnachts-Fenster (20. Dezember bis 5. Januar) sticht hervor.
    • Kein Autopilot: Saisonale Muster eignen sich fürs Risikomanagement – nicht als starre Kauf- und Verkaufsregel. Bleib am besten bei deiner Strategie als auf den saisonalen Effekt zu wetten.

Kaum blühen die ersten Tulpen, blüht auch eine alte Börsenweisheit wieder auf: „Sell in May and Go Away.“ Pünktlich wie die Spargelzeit taucht der Spruch in Börsenbriefen, Podcasts und Kommentarspalten auf. Im Dezember folgt dann das Gegenstück: die Jahresendrally, auf die Anleger so verlässlich hoffen wie auf den Weihnachtsbonus. Beide Weisheiten versprechen, dass der Kalender verrät, wann Anleger kaufen oder verkaufen sollten. Die Datenlage hinter den Anomalien ist tatsächlich überraschend solide. Doch zwischen statistischer Signifikanz und realer Portfolio-Performance klafft eine Lücke, die sich nicht mit Kalenderregeln schließen lässt.

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Was steckt hinter „Sell in May and Go Away“?

Die Börsenweisheit beschreibt die Kapitalmarktanomalie, dass Aktienrenditen im Winterhalbjahr von November bis April systematisch höher ausfallen als im Sommerhalbjahr von Mai bis Oktober. Der Effekt ist über Jahrhunderte und dutzende Länder hinweg wissenschaftlich nachweisbar und stellt die Markteffizienzhypothese infrage.

Der Ursprung liegt im Londoner Finanzviertel des 18. Jahrhunderts. In voller Länge lautete der Spruch „Sell in May and go away, come back on St. Leger’s Day“, wobei der St. Leger’s Day den letzten Tag der englischen Pferderennsaison im September markierte. Der Adel verkaufte vor der Sommerfrische seine Wertpapiere und entzog dem Markt Liquidität.

Die wissenschaftliche Fundierung lieferten Sven Bouman und Ben Jacobsen 2002 im American Economic Review. Sie fanden den Effekt in 36 von 37 untersuchten Ländern (1970 bis 1998), besonders ausgeprägt in Europa. Die Nachfolgestudie von Jacobsen und Zhang (2018) weitete die Datenbasis auf 62.962 Monatsbeobachtungen über 323 Jahre aus: Winterrenditen lagen im Schnitt 4,5 Prozentpunkte über den Sommerrenditen, der Effekt war im Out-of-Sample-Test weiterhin in allen 37 Ländern vorhanden.

Wie sehen die Renditen im Sommer- vs. Winterhalbjahr konkret aus?

Die durchschnittliche DAX-Rendite im Sommerhalbjahr (Mai bis Oktober) lag zwischen 1960 und 2023 bei lediglich 0,7 %, während das Winterhalbjahr (November bis April) rund 6 % erzielte. Für den S&P 500 zeigt sich ein ähnliches Muster, wobei Buy-and-Hold im Renditevergleich knapp vorne liegt.

Auf Monatsebene war laut Commerzbank-Daten der September mit –1,82 % Durchschnittsrendite der schwächste DAX-Monat, gefolgt von Juni und August. Die Monate Oktober bis April erzielten Durchschnittsrenditen zwischen 0,2 % und 1,57 %. Seit 2000 ist die durchschnittliche Mai-Rendite im DAX ins Minus gerutscht (–0,4 %), nur noch 48 % der Mai-Monate schlossen positiv ab.

Für den S&P 500 (2005 bis 2024) ergibt ein Backtest: Eine Seasonal-6-Monats-Strategie erzielte annualisiert etwa 8,2 % gegenüber 8,9 % bei Buy-and-Hold. Der Vorteil der saisonalen Strategie liegt im Risikoprofil: Maximum Drawdown von nur –29 % gegenüber –56 %, die Sharpe Ratio fiel leicht höher aus. Einzelne Jahre konterkarieren das Muster allerdings deutlich: Im Mai 2020 legte der DAX um 6,7 % zu, der S&P 500 verbuchte im Sommer 2023 durch die KI-Rally zweistellige Gewinne.

💡 Gut zu wissen

Ein DAX-Backtest (2004 bis 2023) ergab für die Sell-in-May-Strategie ein Endkapital von 49.027 Euro bei 10.000 Euro Start gegenüber 46.778 Euro bei Buy-and-Hold. Der knappe Vorsprung schmilzt nach Transaktionskosten und Steuern auf nahezu null.

Auch global bestätigt sich das Muster. Globale Aktien erzielten zwischen Ende 1998 und März 2026 in jedem einzelnen Monat von Oktober bis Mai eine positive Durchschnittsrendite, wie eine Betrachtung des VZ Vermögenszentrums ergeben hat. Die Sommermonate Juni bis September fielen dagegen eher schwächer aus, der September war im Schnitt sogar negativ. Über längere Zeiträume lieferte eine Sell-in-May-Strategie bei globalen Aktien häufig eine höhere Rendite bei gleichzeitig niedrigerem Risiko als reines Buy-and-Hold. Verlässlich ist das Muster aber nicht, denn auch hier schlug die Corona-Pandemie zu: 2020 brachen die Märkte im Februar und März ein, erholten sich dann im Sommer kräftig, nur um im Oktober erneut deutlich nachzugeben.

Sell in May? Eine saisonale Strategie machte in den seltensten Fällen Sinn. Nerven- und renditeschonender war eine klassiche Buy-and-Hold-Strategie. Quelle: VZ Vermögenszentrum

Warum funktioniert die Strategie in der Praxis schlechter als in der Theorie?

Nach Abzug von Transaktionskosten, Steuern und dem Risiko verpasster Erholungsrallys bleibt in den meisten Szenarien kein Renditevorsprung gegenüber Buy-and-Hold. Die Reibungsverluste der Umsetzung neutralisieren den theoretischen Vorteil.

Bei halbjährlichem Umschichten beziffern Dichtl und Drobetz den Kostennachteil auf bis zu 1,5 % pro Jahr. Jeder Verkauf im Mai realisiert zudem Kursgewinne und zerstört den Steuerstundungsvorteil von Buy-and-Hold, der sich über 20 bis 30 Jahre erheblich summiert.

Oft unterschätzt wird das Timing-Risiko. Viele der stärksten Einzeltage fallen in volatile Phasen, häufig im Sommer oder Oktober. Wer nur zehn der besten Handelstage in einem Jahrzehnt verpasst, halbiert die Gesamtrendite nahezu. Eine Commerzbank-Analyse beziffert den Vorteil eines durchgängig investierten Anlegers zwischen 1990 und 2025 auf über 237.000 Euro gegenüber der Sell-in-May-Strategie.

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Gibt es die Jahresendrally wirklich?

Die Jahresendrally ist ein statistisch belegbares Phänomen. Der DAX schloss den Dezember seit 1988 in rund 76 % der Fälle mit positiver Rendite ab. November und Dezember gemeinsam waren in mehr als der Hälfte der Jahre positiv, während nur in drei von 37 Jahren beide Monate im Minus lagen.

Im 20-Jahres-Durchschnitt erzielte der DAX in November und Dezember zusammen rund 2,08 % und übertraf damit Dow Jones (1,67 %) und Euro Stoxx 50 (0,87 %). Besonders das Weihnachts-Fenster zwischen dem 20. Dezember und dem 5. Januar sticht hervor: In 80 % der Fälle positiv, mit durchschnittlich über 2 % Zuwachs.

Allerdings schwächt sich der Effekt ab, je kürzer der betrachtete Zeitraum wird. Die letzten fünf Handelstage allein zeigen keinen besonderen Effekt mehr. Und in den letzten zehn Jahren fiel die Dezember-Performance gemischter aus: 2015, 2017, 2018 und 2022 verzeichnete der DAX im Dezember Verluste, die Quote sank auf 60 %.

Woher kommt die Jahresendrally?

Die Jahresendrally wird durch ein Zusammenspiel institutioneller Praktiken, steuerlicher Anreize und psychologischer Effekte getrieben. Kein einzelner Faktor erklärt das Phänomen vollständig, doch die Kombination macht die überdurchschnittliche Q4-Performance plausibel.

Window Dressing ist einer der wichtigsten Treiber: Fondsmanager kaufen gegen Jahresende gut gelaufene Aktien und stoßen Verlierer ab, um ihre Jahresberichte aufzuwerten. Das Tax-Loss-Selling ergänzt den Mechanismus, da Anleger Verlustpositionen vor dem Jahreswechsel realisieren. Die freiwerdenden Mittel fließen häufig Anfang Januar zurück.

Der Liquiditätseffekt durch Bonuszahlungen und Weihnachtsgeld verstärkt das Muster, während das dünne Handelsvolumen zwischen Weihnachten und Neujahr dazu führt, dass bereits kleine Kaufaufträge Kurse überproportional bewegen. Die optimistische Grundstimmung zum Jahreswechsel verleiht dem Effekt Züge einer selbsterfüllenden Prophezeiung.

⚠️ Wichtig

Die Jahresendrally ist eine statistische Tendenz, kein verlässliches Marktgesetz. Geopolitische Krisen, unerwartete Zinsentscheidungen oder Konjunktureinbrüche können den Effekt in jedem einzelnen Jahr aushebeln.

Welche Alternativen gibt es zur starren Kalenderlogik?

Statt im Mai komplett auszusteigen oder blind auf die Dezember-Rally zu setzen, lassen sich beide saisonalen Erkenntnisse in eine flexible Strategie integrieren.

  • Sektorrotation statt Komplettausstieg: Defensive Sektoren wie Versorger oder Gesundheit im Sommer übergewichten, zyklische Werte im vierten Quartal bevorzugen.
  • Technische Bestätigung als Filter: Den saisonalen Ausstieg nur umsetzen, wenn der Index unter seiner 200-Tage-Linie notiert.
  • Optionsstrategien zur Absicherung: Protective Puts oder Collar-Strategien als Downside-Hedge im Sommerhalbjahr einsetzen, statt vollständig zu verkaufen.
  • Sparplan-Disziplin: Regelmäßiges Investieren per Sparplan glättet saisonale Effekte automatisch, weil in schwachen Sommermonaten Anteile günstiger erworben werden.

Fazit

Beide Börsenweisheiten stehen auf einem soliden statistischen Fundament. Der Sell-in-May-Effekt ist über mehr als 300 Jahre und dutzende Märkte dokumentiert. Die Jahresendrally zeigt sich besonders im DAX mit einer Trefferquote von über 75 % im Dezember. Dennoch neutralisieren Transaktionskosten, Steuern und das Risiko verpasster Rallys den theoretischen Vorteil der Sommerverkäufe. Und eine 75-Prozent-Quote im Dezember bedeutet eben auch, dass der Effekt in jedem vierten Jahr ausbleibt.

Für erfahrene Anleger liegt der Wert saisonaler Muster nicht im Timing, sondern im Risikomanagement. Wer die statistische Sommerschwäche und die Dezember-Stärke kennt, kann sein Portfolio gezielt darauf einstellen, ohne den Markt komplett verlassen zu müssen. Saisonalität ist ein Werkzeug, kein Autopilot. Du willst mehr Börsentipps und Infos zu Strategien? Abonniere gleich hier unten unseren Ratgeber Newsletter.

 

 

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