Der S&P 500 gilt als unschlagbar – doch in drei entscheidenden Disziplinen verliert er klar gegen den Stoxx Europe 600. Was Anleger jetzt wissen sollten.
von Jens Jüttner
Veröffentlicht am
Wer hätte das gedacht: Europäische Banken haben in den vergangenen fünf Jahren die Magnificent Seven übertroffen. Während Nvidia, Apple, Microsoft & Co. die Schlagzeilen beherrschen, hat ein lange totgesagter Sektor der europäischen Realwirtschaft mehr Rendite abgeworfen als die sieben US-Tech-Giganten (siehe Grafik). Die Beobachtung passt zu einem größeren Bild, das Anfang Juni 2026 immer mehr zur neuen Realität wird: Was lange als struktureller Nachteil Europas galt – der geringe Anteil von Tech-Unternehmen in den Indizes – könnte sich aus Anlegersicht gerade jetzt zu einem großen Trumpf entwickeln.
Auf kompletter Indexebene ergibt sich zunächst ein diffuses Bild. Über zwölf Monate hat der US-Leitindex S&P 500 in Euro gerechnet 30,6 Prozent zugelegt, sein europäisches Pendant, der Stoxx Europe 600, „nur“ 19,0 Prozent. Über fünf Jahre liegt der US-Index bei einer durchschnittlichen Jahresrendite von 12,6 Prozent gegenüber 9,7 Prozent in Europa. Doch die Performance allein ist nicht entscheidend. Wieso lohnt Europa also überhaupt eines zweiten Blickes? Oder zugespitzter: Warum sollte der Stoxx Europe 600 sogar der bessere Index sein? Wir lassen die beiden Leitindizes in unterschiedlichen Disziplinen gegeneinander antreten. Dann ergibt sich das komplette Bild.

Quelle: J. P. Morgan Asset Management
Das gewichtigste Argument des Stoxx Europe 600 ist seine günstige Bewertung. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) des Stoxx Europe 600 liegt bei 14,9 – das des S&P 500 bei 22,4. Pro Euro erwarteter Gewinn zahlen Anleger in US-Aktien rund 50 Prozent mehr. Beim Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) geht die Schere ebenfalls extrem zugunsten des europäischen Aktienbarometers auseinander: 2,3 gegenüber 5,3. Die erwartete Dividendenrendite fällt in Europa mit 3,2 Prozent fast dreimal so hoch aus wie in den USA (1,1 Prozent). Dividendenfans werden in Europa also eher fündig.
Warum ist das so? Hören Anleger nicht überall, dass es in den USA die zuverlässigsten und spendabelsten Dividendenzahler gibt? Dass US-Unternehmen weniger ausschütten, hat mehrere Gründe: Big Tech (wie konkret die Mag 7) reinvestiert hohe Gewinne lieber ins Unternehmenswachstum – aktuell vor allem in KI-Infrastruktur – als sie an Aktionäre zurückzugeben. Statt Dividenden bevorzugen viele US-Konzerne Aktienrückkäufe, die in den USA steuerlich attraktiver sind. Im Stoxx 600 dominieren dagegen reife Branchen wie Banken, Pharma und Versorger, die traditionell hohe Ausschüttungsquoten haben. Hinzu kommt ein rein rechnerischer Effekt: Je höher der Aktienkurs, desto niedriger die Dividendenrendite (Dividende geteilt durch Kurs). Und speziell die Tech-Aktien legten in den vergangenen Jahren einen kometenhaften Aufstieg hin.
Die Entwicklung an den Aktienmärkten im Jahr 2025 lässt keinen Zweifel – Vermögenswerte werden in erheblichem Umfang weg von den USA umgeschichtet. Internationale Märkte außerhalb der USA werden stärker.
Das Kursfeuerwerk führt uns direkt zu den höheren US-Bewertungen. Denn diese sind teilweise gerechtfertigt – die Eigenkapitalrendite (Return on Equity, kurz ROE) liegt bei 24,4 Prozent gegenüber 18,5 Prozent in Europa. Die Kennzahl zeigt, wie viel Gewinn ein Unternehmen pro Euro Eigenkapital erwirtschaftet, und gilt als Gradmesser für Qualität und Effizienz. Skalierbare Software- und Plattformgeschäfte – das Spielfeld der Magnificent Seven – erzielen besonders hohe ROE-Werte, weil Wachstum kaum zusätzliches Kapital erfordert.
Für Anleger heißt das: Sie zahlen in den USA mehr, bekommen aber im Schnitt profitablere Unternehmen. Die Frage ist, wie viel Aufschlag gerechtfertigt ist. „Die Entwicklung an den Aktienmärkten im Jahr 2025 lässt keinen Zweifel: Vermögenswerte werden in erheblichem Umfang weg von den USA umgeschichtet. Internationale Märkte außerhalb der USA werden stärker, und der MSCI World ex US verzeichnet seine beste relative Performance gegenüber den USA seit 2009, während die Schwellenländer die Industrieländer übertroffen haben. Auch die Stärke des US-Dollars hat nachgelassen, und seine relative Stabilität während des Nahostkonflikts ist ein weiterer Hinweis auf seinen wahrscheinlichen Kursverlauf“, fasst Alessia Berardi, Chefvolkswirtin bei Amundi ihre Beobachtungen zusammen.
| Kennzahl (Stand 04/2026, in EUR) | Stoxx Europe 600 | S&P 500 |
|---|---|---|
| Kurs-Gewinn-Verhältnis 2026e (KGV) | 14,9 ✅ | 22,4 |
| Dividendenrendite 2026e | 3,2 % ✅ | 1,1 % |
| Eigenkapitalrendite (ROE) | 18,5 % | 24,4 % ✅ |
| Top-10-Konzentration | 19,2 % ✅ | 38,5 % |
| Volatilität 5J | 13,7 % ✅ | 16,2 % |
| Performance 1J (in EUR) | +19,0 % | +30,6 % ✅ |
Die Top 10 des S&P 500 stehen für 38,5 Prozent des Indexgewichts – Nvidia (7,9 %), Apple (6,5 %) und Microsoft (4,9 %) allein für rund 19 Prozent. Im Stoxx 600 verteilen sich die Top 10 auf nur 19,2 Prozent, angeführt von ASML (3,7 %), HSBC, AstraZeneca, Roche und Novartis. Wer einen S&P-500-ETF kauft, kauft de facto einen Tech-Korb: Technologie und Kommunikation machen zusammen über 45 Prozent aus. Im Stoxx 600 dominieren Finanzen, Industrie und Gesundheit – Tech kommt nur auf rund 8 Prozent. Hinzu kommt: Über 40 Prozent der S&P-500-Umsätze stammen aus dem Ausland – ein US-ETF ist in dieser Hinsicht ein verkappter Welt-Index. Bei den Tech-Werten ist der ausländische Umsatzanteil sogar noch höher. Laut Nasdaq.com beträgt der durchschnittliche internationale Umsatzanteil der Nasdaq-100-Unternehmen 50 Prozent. Nvidia erlöst 56 Prozent seiner Umsätze im Ausland, bei Apple sind es 58 Prozent und bei Meta sind es 63 Prozent.
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Gewinner im Konsumbereich. Die Konsumausgaben in Europa wirken auf den ersten Blick schwach, doch dank sinkender Zinsen und während der Pandemie aufgebauter Ersparnisse, die Eurozonen-Verbraucher anders als US-Haushalte kaum angerührt haben, könnte sich die Binnennachfrage erholen. Profitieren dürften die Banken. Jon Ingram, Portfoliomanager bei J. P. Morgan Asset Management für europäische Aktien hebt die irische AIB und die spanische Banco Santander mit attraktiven Bewertungen hervor, auch die Allianz im Versicherungssektor hält er für aussichtsreich.
Verborgene Schätze unter Mid- und Small-Caps. Die französische Asmodee Group, Brettspielhersteller hinter Titeln wie „Ticket to Ride“, profitiert vom Wunsch von Eltern, die Bildschirmzeit ihrer Kinder zu reduzieren. Der Energieversorger Engie bietet 7,5 Prozent Dividendenrendite und ist über seine flexible Erzeugungskapazität ein indirekter Profiteur des Rechenzentren-Booms.
Nutznießer der Konjunkturprogramme. Bilfinger profitiert von den deutschen Infrastrukturausgaben, der spanische Rüstungskonzern Indra Sistemas vom Aufholbedarf Spaniens bei NATO-Verpflichtungen, der französische Industriekonzern SPIE vom europäischen Elektrifizierungsthema. „Diese Ausgaben erstrecken sich über mehrere Jahre und erweitern die adressierbaren Märkte vieler europäischer Unternehmen“, sagt Ingram.
Der KI-Boom bleibt Haupttreiber der US-Outperformance, Halbleiter und Infrastruktur sind die größten Profiteure. Doch Europa ist mehr involviert, als der niedrige Tech-Sektoranteil vermuten lässt: ASML ist weltweit einziger Hersteller von EUV-Lithografie für moderne Chips, SAP integriert KI in Unternehmenssoftware, Siemens und Schneider Electric profitieren vom Ausbau der Rechenzentren über Elektrifizierung und Industrieautomation.
Das Amundi Investment Institute spricht im Mai 2026 von einem „Wendepunkt der globalen Diversifizierung“. Energiekrise, Zollkonflikte und der Ukraine-Krieg rücken Energiesicherheit, Verteidigung und Industriepolitik ins Zentrum. Der MSCI World ex US verzeichnet seine beste relative Performance gegenüber den USA seit 2009. Der Dollar hat an Stärke verloren – ein Effekt, der die Rendite unbesicherter S&P-500-ETFs in Euro dämpft. Europäische Verteidigungs- und Infrastrukturprogramme stützen heimische Industriewerte mittelfristig. „Strukturelle Markttreiber sind heute komplexer, daher müssen Investoren auch Währungen, Regionen, Sektoren und auch Faktoren wie Lieferketten und Energiesicherheit mit einbeziehen“, sagt Amundi Chef-Volkswirtin Alessia Berardi.
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Ein Anleger mit 60.000 Euro in einem MSCI-World-ETF hält rund 42.000 Euro in den USA, knapp 11.000 Euro allein in den Magnificent Seven – meist ohne sich dessen vollumfänglich bewusst zu sein. Ein 15-Prozent-Anteil Stoxx-Europe-600-ETF würde diese Konzentration spürbar reduzieren, das Bewertungsniveau senken und die Dividendenrendite anheben. Die 5-Jahres-Korrelation beider Indizes liegt bei „nur“ 0,68 – ein echter Diversifikationseffekt.
US-Aktien aufgeben, weil Europa „billiger“ ist, wäre eine schlechte Wette gegen Innovationsführer wie Nvidia, Microsoft und Alphabet. Daher sollten Indizes wie der MSCI World ex USA immer kritisch hinterfragt werden, auch wenn sie zuletzt gut gelaufen sind. Wer auf die USA in seinem Portfolio verzichtet, lässt eine Wirtschaftsnation außen vor, die für knapp 15 Prozent des globalen Bruttoinlandsproduktes (BIP) verantwortlich ist. Wer aber nur US-Werte hält, ignoriert zwei klare Argumente für Europa: die angesprochene günstigere Bewertung und das geringere Klumpenrisiko. Eine Beimischung von 10 bis 20 Prozent über einen breiten Stoxx-600-ETF verändert das Risikoprofil im Depot, ohne den US-Wachstumsmotor zu verlieren.
Das Wichtigste auf einen Blick: Europa-Aktien sind günstig bewertet, weniger konzentriert und bieten höhere Dividenden – kein Grund, US-Werte aufzugeben, aber ein klares Argument für eine smarte Beimischung.
Schlussgedanke: US-Aktien aufgeben wäre falsch – aber nur auf den S&P 500 zu setzen, bedeutet ein hohes Klumpenrisiko bei hoher Bewertung. Eine Beimischung europäischer Aktien verbessert die Diversifikation, ohne den Wachstumsmotor USA aufzugeben.
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Bild-Credit Alessia Berardi: Amundi / Delporte
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